Higgins Clark | Das Anastasia-Syndrom | E-Book | www.sack.de
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Higgins Clark Das Anastasia-Syndrom

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10046-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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Inspiriert von der wahren Geschichte der letzten Zarentochter, erzählt Mary Higgins Clark das unglaubliche Leben der Judith Chase, einer erfolgreichen Schriftstellerin, die mit dem britischen Premierminister verlobt ist. Als Judith sich von einem Psychiater mittels Hypnose in ihre Kindheit zurückversetzen lässt, taucht sie in ein Meer namenloser Schrecken ein. Die Dämonen ihrer Vergangenheit verfolgen sie von nun an erbarmungslos.

Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
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Am Montag fuhr Judith nach Worcester, wo 1651 die letzte große Auseinandersetzung des Bürgerkriegs stattgefunden hatte. Sie ging zuerst zur Kommandantur, dem Holzbau, der Karl II. als Hauptquartier gedient hatte. Von Grund auf restauriert, waren dort jetzt Uniformen, Helme und Musketen zu sehen — Anschauungsmaterial, das die Besucher zur Hand nehmen und studieren durften. Als sie eine Captain-Uniform der Cromwell-Armee näher betrachtete, empfand sie herzzerreißende Traurigkeit. In einer audiovisuellen Darstellung wurde die historische Auseinandersetzung mitsamt den Ereignissen, die dazu geführt hatten, dokumentiert. Mit brennenden Augen verfolgte sie die überaus realistische Aufzeichnung, merkte nicht, daß sie die Hände zu Fäusten geballt hatte.

Ein Aufseher gab ihr eine Karte, die den Ablauf der Schlacht von Worcester übersichtlich darstellte, und erklärte: »Die Royalisten hatten in der Schlacht von Naseby eine schwere Niederlage erlitten. An jenem Tag war der Krieg praktisch zu Ende, von Cromwell und seinem Parlamentsheer gewonnen. Doch er zog sich immer noch weiter hin. Die letzte große bewaffnete Auseinandersetzung fand hier statt. Die Royalisten wurden von dem erst einundzwanzigjährigen Karl angeführt, dem die Historiker ›beispiellose Tapferkeit‹ bescheinigen, aber das nützte nichts. Sie hatten bei Naseby fünfhundert Offiziere verloren und sich davon nie mehr erholt.«

Judith verließ die Kommandantur. Es war ein typischer naßkalter Januartag. Sie hatte einen Burberrry an und den Kragen hochgeschlagen. Aus dem zum Nackenknoten aufgesteckten Haar ringelten sich ein paar widerspenstige Strähnen um ihr aschfahles Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen.

Sie folgte der Karte bei ihrem Rundgang durch die Stadt, blieb zwischendurch stehen, um ihre eigenen Notizen zu konsultieren und Eindrücke festzuhalten. Beim Blick vom Turm der Kathedrale erinnerte sie sich, daß Karl II. von derselben Stelle aus Cromwells Vorbereitungen für die Schlacht beobachtet hatte. Und als sich die Niederlage eindeutig abzeichnete, hatten sich die royallstischen Truppen, den sicheren Tod vor Augen, zum letzten verzweifelten Angriff dem Parlamentsheer entgegengeworfen, um ihrem zukünftigen Herrscher bei seiner Flucht Deckung zu geben. Von hier aus hatte Karl den langen, qualvollen Weg durch England angetreten, um in Frankreich Asyl zu suchen.

Ein Jammer, daß er entkommen ist, dachte sie verbittert, als die Narbe an der Hand sich zu verfärben begann. Sie sah die winterliche Landschaft um Worcester nicht mehr, sondern fuhr an einem warmen Juliabend des Jahres 1644 in einer Kutsche nach Marston Moor mit der Hoffnung, Vincent noch am Leben zu finden . . .

Trommelwirbel begleitete ein kleines Kommando der Roundhead-Truppen. Beim Anblick der herannahenden Kutsche traten zwei Wachen heraus, sperrten mit langen Stangen den Weg ab.

Lady Margaret entstieg der Kutsche. Sie trug ein dunkelblaues Tageskleid aus feinem Leinen und von einfachem Schnitt mit weißem Rüschenkragen, dazu ein passendes Schultercape. Außer dem Ehering hatte sie keinerlei Schmuck angelegt. Ihr dichtes kastanienbraunes, jetzt von Silberfäden durchzogenes Haar war im Nacken zusammengebunden. Die blaugrünen Augen, ein Erbe der Adelsfamilie Russell, wurden vom Schmerz verdunkelt.

»Bitte«, flehte sie. »Ich weiß, daß viele Verwundete unversorgt daliegen. Mein Sohn hat hier gekämpft.«

»Auf welcher Seite?« fragte der Soldat höhnisch grinsend.

»Er ist Offizier in Cromwells Heer.«

»Eurem Aussehen nach hätte ich ihn bei den Kavalieren

vermutet. Bedaure, Madam, es suchen schon zu viele Frauen auf diesen Feldern. Wir haben Befehl, keine mehr durchzulassen. Um die Leichen kümmern wir uns.«

»Bitte«, flehte Margaret. »Bitte.«

Ein Offizier kam heran. »Wie ist der Name Eures Sohnes, Madam?«

»Captain Vincent Carew.«

Der Lieutenant, ein Mittdreißiger mit offenem Gesicht, blickte ernst. »Ich kenne Captain Carew. Seit Ende der Schlacht habe ich ihn nicht gesehen. Er hat an der Attacke gegen das Longdale Regiment teilgenommen. Das war in dem feuchten Gelände zur Rechten. Vielleicht solltet Ihr Eure Suche dort beginnen.«

Die Felder waren übersät mit Toten und Sterbenden, dazwischen Frauen jeden Alters, auf der Suche nach ihren Gatten und Brüdern, Vätern und Söhnen. Zertrümmerte Waffen und Pferdekadaver zeugten von der Heftigkeit der Kämpfe. Insektenschwärme umschwirrten die Gefallenen. Da und dort ertönte ein verzweifelter Aufschrei, wurde ein Angehöriger mit lautem Weinen betrauert.

Margaret nahm die Suche auf. Viele Soldaten lagen mit dem Gesicht auf der Erde, doch sie brauchte sie nicht umzudrehen. Sie hielt Ausschau nach kastanienbraunem Haar, das nicht kurzgeschoren war wie bei Cromwells ’Rundköpfen’, sondern sich dicht um ein jungenhaftes Gesicht lockte.

Vor ihr sank eine junge Frau von etwa neunzehn auf die Knie und umschlang einen Gefallenen in Kavaliersuniform. Wehklagend wiegte sie ihn in den Armen. »Edward, mein Gemahl.«

Margaret legte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter. Und dann sah sie es. Der Tote hielt sein Schwert noch umklammert, an dem Tuchfetzen hingen. Unweit davon lag ein junger Offizier der Cromwell-Armee auf der Erde, die Brust aufgeschlitzt. Margaret erbleichte, denn sie wußte instinktiv, daß die Stoffasern seines Waffenrocks mit den am Schwert hängenden übereinstimmten. Der kastanienbraune Haarschopf, die hübschen, aristokratischen Züge, die denen seines Vaters so sehr glichen. Die blaugrünen Augen der Russells, die blicklos zu ihr emporstarrten.

»Vincent, Vincent.« Sie kniete sich neben ihn, wiegte seinen Kopf an ihrer Brust, der Brust, die ihn vor zwanzig Jahren gesäugt hatte. »... Dann werde ich auf der Seite des Parlaments kämpfen.« — »Gott gebe, daß alles abgetan ist, bis du das notwendige Alter erreicht hast. Selbst Karl muß wissen, daß er diesen Gewissenskampf unmöglich gewinnen kann.«

Die junge Frau, deren Mannes Schwert Vincent getötet hatte, begann zu schreien. »Nein . . . nein . . . nein . . .«

Margaret starrte sie an. Sie ist jung, dachte sie. Sie findet wieder einen Gatten. Ich werde nie wieder einen Sohn haben. Mit unendlicher Zärtlichkeit küßte sie Vincent auf den Mund und auf die Stirn und bettete ihn auf den sumpfigen Boden. Der Kutscher würde ihr helfen, den Toten zum Wagen zu tragen. Einen Augenblick verharrte sie bei der schluchzenden jungen Frau. »Ein Jammer, daß sich das Schwert Eures Gatten nicht in des Königs Herz gesenkt hat«, sagte sie. »Wäre es mein gewesen, so hätte es da sein Ziel gefunden.«

Judith erschauerte. Die Sonne war weg, und der Wind blies stärker. Sie bemerkte, daß eine Gruppe Touristen in der Nähe stand. Einer bemühte sich, die Aufmerksamkeit des Fremdenführers auf sich zu lenken. »In welchem Jahr wurde Karl I. hingerichtet?«

»Er wurde am 30. Januar 1649 enthauptet«, sagte Judith. »Viereinhalb Jahre nach der Schlacht von Marston Moor.« Sie lächelte. »Entschuldigung. Ich wollte mich nicht einmischen.« Sie hastete die Treppe hinunter, wollte auf schnellstem Wege von hier weg, dann zu Hause ein Feuer im Kamin anzünden, einen Sherry trinken. Merkwürdig, dachte sie auf der Fahrt durch den immer dichter werdenden Verkehr, als ich mit dem Buch anfing, hatte ich wesentlich mehr Sympathien für die Royalisten. Ich fand die Stuards, bis zurück zu Maria, entweder sehr dumm oder sehr verschlagen und in Karl I. beides vereint, aber trotzdem hätte man ihn nicht hinrichten dürfen. Je intensiver ich recherchierte, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß die Parlamentsmitglieder, die den Hinrichtungsbefehl unterzeichnet haben, im Recht waren und daß ich mich ihnen gegebenenfalls angeschlossen hätte . . .

Tags darauf ging Judith herzklopfend über die flache Stufe zur Drehtür des Zentralen Standesamtes, St. Catherine’s House, Kingsway. Laß dies die richtige Stelle sein, betete sie im stillen; dabei erinnerte sie sich an die Erzählungen ihrer Adoptiveltern, wie die Behörden in Salisbury sämtliche Geburtenregister überprüft und ihr Foto in den umliegenden Gemeinden ausgehängt hatten, um ihre Angehörigen ausfindig zu machen. Aber wenn sie nun in London geboren und zufällig in den Zug geraten war . . . Laß es stimmen, dachte sie. Laß es wahr sein.

Sie hatte den Besuch hier bereits für den Vortag geplant, aber dann festgestellt, daß da in ihrem Terminkalender die Fahrt nach Worcester eingetragen war, worauf sie sofort beschloß, sich an ihre ursprüngliche Planung zu halten. Lag es daran, daß sie befürchtete, in eine Sackgasse zu geraten, daß die Erinnerung an die in Bahnhofsnähe gefallenen Bomben, an die Namen Sarah und Molly Marsh oder Merrish nur ein während der Hypnose entstandes Zufallsprodukt sein könnte?

Am Auskunftsschalter reihte sie sich in eine unvermutet lange Warteschlange ein. Aus Gesprächsfetzen schloß sie, daß die meisten Familienforschung betrieben. Als sie endlich dran war, teilte ihr der Beamte mit, daß die Geburtenregister in der ersten Abteilung archiviert seien, in dicken, entsprechend beschrifteten Jahresbänden.

»Jedes Jahr ist in vier Quartale unterteilt, und die Bände sind März, Juni, September, Dezember markiert«, wurde sie informiert. »Welches Datum brauchen Sie? ... 4. oder 14. Mai? Dann müssen Sie im Juni-Band nachschlagen. Der enthält die Register für April, Mai und Juni.«

In dem Raum herrschte rege Betriebsamkeit. Einen Sitzplatz gab es...


Higgins Clark, Mary
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.



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