Higgins Clark Das fremde Gesicht
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10058-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-10058-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine junge Frau auf der Suche nach ihrem spurlos verschwundenen Vater - ist er ein Mörder?
Ein aufregender, ungemein spannender Psychococktail: «Gruselig, schockierend, glänzend geschrieben.» THE HEROLD STATESMAN
Autoren/Hrsg.
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11
Auf der Rückfahrt nach Newtown benützte Meghan das Autotelefon, um ihre Mutter anzurufen. Ihre Bestürzung, als sich der Anrufbeantworter meldete, wich der Erleichterung, als sie den Gasthof anwählte und erfuhr, Mrs. Collins sei im Speisesaal. »Richten Sie ihr bitte aus, daß ich auf dem Weg bin«, sagte sie zu der Empfangsdame, »und sie dann dort treffe.«
Während der nächsten Viertelstunde fuhr Meghan wie mit automatischer Steuerung. Sie war ganz aufgeregt über die Möglichkeit des Sonderberichts, den sie Weicker vorschlagen wollte.
Und sie konnte sich dabei von Mac ein wenig beraten lassen. Er war ein Experte in Genetik. Er konnte ihr mit seinem Fachwissen zur Seite stehen und ihr Lesestoff geben, mit dem sie sich besser über das ganze Spektrum der Fortpflanzungsmedizin kundig machen konnte, einschließlich der statistischen Daten über Erfolgs- und Mißerfolgsraten. Als der Verkehr zum Stillstand kam, nahm sie ihr Autotelefon und wählte seine Nummer.
Kyle meldete sich. Meghan machte ein erstauntes Gesicht, weil sich sein Tonfall änderte, als er merkte, wer anrief. Was hat der bloß? wunderte sie sich, als er ihre Begrüßung bewußt ignorierte und den Hörer seinem Vater weiterreichte.
»Hallo, Meghan. Was kann ich für dich tun?« Wie immer versetzte ihr das Erklingen von Macs Stimme einen vertrauten stechenden Schmerz. Sie hatte ihn zu ihrem besten Freund erklärt, als sie zehn war, schwärmte für ihn, als sie zwölf war, und hatte sich in ihn verliebt, als sie sechzehn war. Drei Jahre später heiratete er Ginger. Sie war zu der Hochzeit gegangen, und es war einer der schwersten Tage in ihrem Leben. Mac war damals völlig verrückt nach Ginger, und Meg hatte den Verdacht, daß er selbst jetzt, nach sieben Jahren, käme Ginger zur Tür hereinspaziert und stellte ihren Koffer ab, sie immer noch nehmen würde. Meg erlaubte sich nie das Eingeständnis, daß sie es – egal, wie sehr sie sich auch bemühte – nie geschafft hatte, Mac nicht mehr zu lieben.
»Ich könnte die Hilfe eines Profis gebrauchen, Mac.« Während ihr Wagen an der blockierten Spur vorbeifuhr und schneller wurde, erläuterte sie den Besuch in der Klinik und den Bericht, an dem sie arbeitete. »Und ich brauch’ die Information ziemlich eilig, damit ich die ganze Sache meinem Chef verklickern kann.«
»Ich kann’s dir sofort geben. Kyle und ich wollen gerade zum Drumdoe rüber. Ich bring’s mit. Willst du mit uns essen?«
»Das paßt mir gut. Bis dann.« Sie unterbrach die Verbindung.
Es war fast sieben, als sie die Außenbezirke des Orts erreichte. Es wurde merklich kühler, und der laue Nachmittagswind hatte sich in frische Böen verwandelt. Das Scheinwerferlicht erfaßte die Bäume, die noch voller Laub standen und sich jetzt ruhelos hin und her wiegten und Schatten auf die Straße warfen. In diesem Augenblick riefen sie ihr das dunkle, wirbelnde Wasser des Hudson ins Gedächtnis.
Konzentriere dich gefälligst darauf, wie du Weicker die Idee für eine Sondersendung über die Manning Clinic beibringst, fuhr sie sich wütend an.
Phillip Carter saß im Drumdoe Inn, an einem Fenstertisch mit drei Gedecken. Er winkte Meghan zu sich herüber. »Catherine ist in der Küche und macht dem Koch die Hölle heiß«, ließ er sie wissen. »Die Leute da drüben« – er nickte zu einem Tisch in der Nähe – »wollten ihr Steak blutig. Deine Mutter hat gesagt, was sie gekriegt haben, könnte genausogut als Eishockey-Puck durchgehen. In Wirklichkeit war’s halb durch.«
Meghan ließ sich in einen Stuhl fallen und lächelte. »Das Beste, was ihr passieren könnte, wäre, wenn der Koch kündigen würde. Dann müßte sie in die Küche zurück. Es würde sie ablenken.« Sie langte über den Tisch und berührte Carters Hand. »Danke, daß du gekommen bist.«
»Ich hoffe, du hast noch nicht gegessen. Ich hab’ Catherine zu dem Versprechen bewegen können, mir Gesellschaft zu leisten.«
»Das ist großartig, aber wie wär’s, wenn ich zum Kaffee dazukomme? Mac und Kyle müssen jeden Moment kommen, und ich bin mit ihnen verabredet. Ich muß nämlich Macs Hirn anzapfen.«
Beim Essen hielt Kyle weiterhin Abstand zu Meghan. Schließlich hob sie mit einem fragenden Blick zu Mac die Augenbrauen, doch er murmelte nur achselzuckend: »Frag nicht mich!«
Mac riet ihr zur Vorsicht bei dem Bericht, den sie vorhatte. »Du hast recht. Es gibt eine Menge Fehlschläge, und es ist eine sehr kostspielige Prozedur.«
Meg betrachtete Mac und seinen Sohn über den Tisch hinweg. Sie waren sich so ähnlich. Sie mußte daran denken, wie ihr Vater ihr bei Macs Hochzeit die Hand gedrückt hatte. Er hatte verstanden. Er hatte sie immer verstanden.
Als sie zum Aufbruch bereit waren, sagte sie: »Ich setze mich noch ein paar Minuten zu Mutter und Phillip.« Sie legte einen Arm um Kyle. »Man sieht sich, Kumpel.«
Er wich zurück.
»Also, hör mal«, sagte Meghan. »Was soll das eigentlich?«
Zu ihrer Verblüffung sah sie Tränen in seinen Augen aufsteigen. »Ich hab’ gedacht, wir wären Freunde.« Er wandte sich abrupt ab und rannte zur Tür.
»Das krieg’ ich schon aus ihm raus«, versprach Mac, während er davoneilte, um seinen Sohn einzuholen.
Im nahegelegenen Bridgewater hielt Dina Anderson um sieben Uhr Jonathan auf dem Schoß und nippte dabei an ihrem Rest Kaffee, während sie ihrem Mann von der Party in der Manning Clinic erzählte. »Wir werden vielleicht noch berühmt«, erklärte sie. »Meghan Collins, diese Reporterin von Channel 3, will die Erlaubnis von ihrem Boß einholen, im Krankenhaus dabeizusein, wenn das Baby zur Welt kommt, und die ersten Bilder von Jonathan mit seinem funkelnagelneuen Bruder einzufangen. Wenn ihr Boß einverstanden ist, möchte sie von Zeit zu Zeit neue Aufnahmen machen, um zu sehen, wie die beiden miteinander umgehen.«
Donald Anderson sah skeptisch aus. »Schatz, ich weiß nicht, ob wir so eine Publicity brauchen.«
»Ach, komm schon. Es könnte doch Spaß machen. Und ich stimme mit Meghan überein, wenn nur mehr Leute, die ein Kind wollen, über die verschiedenen Möglichkeiten Bescheid wüßten, dann würden sie begreifen, daß Retortenbefruchtung eine echte Alternative ist. Dieser kleine Kerl war wirklich all die Kosten und Mühen wert.«
»Dieser kleine Kerl läßt seinen Kopf in deinen Kaffee hängen.« Anderson stand auf, ging um den Tisch herum und nahm seinen Sohn aus den Armen seiner Frau hoch. »Schlafenszeit fürs Schäfchen«, verkündete er und fügte dann hinzu: »Wenn du’s machen willst, soll’s mir recht sein. Es wär’ wahrscheinlich lustig, Profi-Aufnahmen von den Kindern zu haben.«
Dina schaute liebevoll zu, wie ihr blonder Mann mit seinen blauen Augen ihr ebenso blondes Kind zur Treppe trug. Sie hatte alle Babybilder von Jonathan bereit. Es würde so ein Vergnügen sein, sie mit Ryans Bildern zu vergleichen. Sie hatte noch einen weiteren tiefgekühlten Embryo in der Klinik. In zwei Jahren versuchen wir’s mit einem weiteren Kind, und das sieht dann vielleicht mir ähnlich, dachte sie mit einem Blick durchs Zimmer hinüber zu dem Spiegel über der Anrichte. Sie prüfte ihr Aussehen, ihre olivfarbene Haut, die braunen Augen, das kohlschwarze Haar. »Das wäre auch nicht gerade übel«, murmelte sie vor sich hin.
Im Drumdoe Inn saß Meghan noch bei einer zweiten Tasse Kaffee mit ihrer Mutter und Phillip zusammen und hörte zu, wie er das Verschwinden ihres Vaters sachlich erörterte.
»Daß Edwin sich so einen Batzen auf seine Versicherung ausgeliehen hat, ohne dir etwas davon zu sagen, spielt den Versicherungsleuten direkt in die Hände. Wie sie dir gesagt haben, nehmen sie es als Zeichen, daß er seine Gründe hatte, Bargeld anzuhäufen. Genauso wie sie seine private Versicherung nicht auszahlen, so hat man mir mitgeteilt, werden sie auch die Partnerschaftsversicherung nicht zahlen, die dir als Entschädigung für seinen Anteil als Seniorchef der Firma zustehen würde.«
»Was bedeutet«, sagte Catherine Collins ruhig, »daß ich, weil ich nicht beweisen kann, daß mein Mann tot ist, möglicherweise alles verliere. Phillip, stehen Edwin noch Honorare für frühere Leistungen zu?«
Seine Antwort war schlicht. »Nein.«
»Wie steht’s dieses Jahr mit dem Headhunting-Geschäft?«
»Nicht gut.«
»Du hast uns fünfundvierzigtausend Dollar vorgestreckt, während wir darauf gewartet haben, daß Eds Leiche gefunden wird.«
Er machte plötzlich ein strenges Gesicht. »Catherine, das mach’ ich gerne. Ich wünschte bloß, ich könnte mehr zahlen. Wenn wir Beweise für Eds Tod haben, kannst du’s mir aus der Geschäftsversicherung zurückzahlen.«
Sie legte eine Hand auf seine. »Das kann ich nicht zulassen, Phillip. Der alte Pat würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüßte, daß ich von geliehenem Geld lebe. Falls wir nicht irgendeinen Beweis finden, daß Edwin doch bei dem Unglück umgekommen ist, werde ich, so wie die Lage ist, das Lokal verlieren, das mein Vater in lebenslanger Arbeit aufgebaut hat, und mein Zuhause muß ich dann ebenfalls verkaufen.« Sie schaute Meghan an. »Gott sei Dank hab’ ich dich, Meggie.« In diesem Augenblick beschloß Meg, nicht wie geplant nach New York zurückzufahren, sondern über Nacht dazubleiben.
Als sie und ihre Mutter wieder nach Hause kamen, sprachen sie in stillschweigendem Einvernehmen nicht mehr über den Mann, der ihr Ehemann und Vater gewesen war. Sie schauten sich statt dessen die Zehn-Uhr-Nachrichten an, machten sich anschließend fürs Bett fertig. Meghan klopfte an die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter, um gute Nacht zu sagen. Ihr wurde klar, daß sie es nicht mehr als das Schlafzimmer...




