Higgins Clark Gnadenfrist
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12215-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-641-12215-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Frau wird umgebracht. Ihr kleiner Sohn muss dabei zusehen. Steve, der Vater des Jungen, fordert öffentlich die Todesstrafe für den vermeintlichen Mörder, doch dann stellt eine spektakuläre Entführung die Ermittlungen auf den Kopf. Während der Entführer sein teuflisches Vorhaben in die Tat umsetzt, führt die Polizei einen dramatischen, scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Zeit.
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
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3
Der Gast von 932 verließ das Biltmore um neun Uhr dreißig. Er nahm den Ausgang 44. Straße und ging nach Osten Richtung Second Avenue. Mit hochgestellten Mantelkrägen und ganz in sich zusammengeschrumpft hasteten die Menschen durch das heftige Schneetreiben. Das Wetter war ideal für ihn, denn niemand machte sich bei solchem Wetter die Mühe, auf andere zu achten.
Sein erstes Ziel war ein Trödlerladen in der Second Avenue unterhalb der 34. Straße. Trotz der Busse, die in Abständen von wenigen Minuten vorüberfuhren, ging er die Strecke zu Fuß. Vierzehn Blocks, immerhin, aber Gehen war gesund, und es war wichtig, in Form zu bleiben.
Bis auf eine ältliche Verkäuferin, die teilnahmslos ihre Morgenzeitung las, war das Geschäft leer. »Suchen Sie was Bestimmtes?«, fragte sie.
»Nein. Ich will mich nur umsehen.« Er entdeckte den Ständer mit Damenmänteln und ging darauf zu. Er schob die schäbigen Dinger hin und her und wählte schließlich einen dunkelgrauen, weit geschnittenen Wollmantel, der lang genug war, um Sharon Martin zu passen. Von einem Tisch mit gefalteten Kopftüchern nahm er das größte, ein verblichenes blaues Vierecktuch.
Die Frau packte seine Einkäufe in eine Einkaufstüte.
Der Army-Navy-Store war gleich nebenan. Das war praktisch. In der Campingabteilung kaufte er einen großen Segeltuchbeutel. Er wählte sehr sorgfältig, denn der Sack musste lang genug sein, dass der Junge hineinpasste; er musste dicht genug sein, damit man nicht erkennen konnte, was er darin trug; er musste weit genug sein, damit genug Luft hineinkam, wenn das Zugband locker war.
In einem Woolworthgeschäft in der First Avenue erstand er sechs breite elastische Binden und zwei große Rollen starken Bindfadens. Er brachte seine Einkäufe zurück ins Biltmore-Hotel. Sein Bett war gemacht, und im Bad hingen frische Handtücher.
Er warf einen Blick in den Schrank, um zu sehen, ob das Zimmermädchen an seine Sachen gegangen war. Aber sein zweites Paar Schuhe stand noch genau so, wie er es hingestellt hatte – einer um Haaresbreite hinter dem anderen und fast an den alten schwarzen Koffer mit den zwei Schlössern anstoßend, der in der Ecke stand.
Nachdem er die Zimmertür verriegelt hatte, legte er die Tüten mit seinen Einkäufen aufs Bett. Mit äußerster Sorgfalt hob er den Koffer aus dem Schrank und legte ihn ans Fußende des Bettes. Dann holte er aus einem Fach seiner Brieftasche einen Schlüssel und öffnete den Koffer.
Systematisch prüfte er seinen Inhalt – die Bilder, das Pulver, die Uhr, die Drähte, die Zündschnüre, Jagdmesser und Pistole. Zufrieden schloss er den Koffer wieder ab.
Mit Koffer und Einkaufstüte verließ er sein Zimmer. Diesmal fuhr er bis in die untere Eingangshalle des Biltmore, die auf eine unterirdische Passage hinausführte. Von hier aus konnte man direkt in die obere Etage der Grand Central Station gelangen. Die erste Hauptverkehrszeit, wenn die Pendler mit den Vorortszügen zur Arbeit in die Stadt kamen, war vorbei, aber der Bahnhof war noch immer voller Menschen, die zu den Zügen eilten oder von dorther kamen, von Leuten, die den Bahnhof als Abkürzung zwischen der 42. Straße und der Park Avenue benutzten, und von Leuten, die auf dem Weg zu den unterirdischen Einkaufspassagen waren, zum City-Wettbüro der Rennbahnen, zu den Imbissstuben und Zeitungskiosken.
Mit raschen Schritten ging er die Treppe ins untere Bahnhofsgeschoss hinab und schlenderte in der Menge zum Bahnsteig 112, wo die Mount-Vernon-Züge ankamen und abfuhren. Für die nächsten achtzehn Minuten war hier kein Zug fällig, und der Bahnsteig lag verlassen da. Er blickte sich schnell um, ob ein Wachmann in seine Richtung sah, dann verschwand er über eine nach unten führende Bahnsteigtreppe.
Der Bahnsteig erstreckte sich U-förmig um den Kopf der Gleise. Am anderen Ende führte eine Rampe in die Tiefen des Bahnhofs hinab. Eilig steuerte er um die Gleise herum auf diese Rampe zu. Er bewegte sich jetzt hastiger, fast wie ein Dieb. Die Geräusche änderten sich. Während oben ein ständiges geschäftiges Kommen und Gehen von Tausenden von Reisenden herrschte, schnaufte hier unten eine pneumatische Pumpe, dröhnten Ventilatoren, Wasser rann über den feuchten Boden. Lautlos huschten ausgemergelte streunende Katzen durch den nahegelegenen Tunnel unter der Park Avenue herein und hinaus. Ein anhaltendes dumpfes Dröhnen drang von der Schleife her, wo alle ausfahrenden Züge wendeten und, allmählich Fahrt gewinnend, den Bahnhof hinter sich ließen.
Er drang immer tiefer in den Bauch des Bahnhofs ein, bis er sich am Fuße einer steilen Eisentreppe befand. Er eilte die Treppe hinauf, wobei er sorgfältig und leise einen Fuß nach dem anderen auf die Streben setzte. Gelegentlich durchstreifte doch ein Wachmann dieses Gebiet. Die Beleuchtung war zwar schlecht, aber trotzdem …
Oben auf dem Treppenabsatz befand sich eine schwere Eisentür. Vorsichtig setzte er Koffer und Einkaufstüte ab, fingerte nervös nach dem Schlüssel in seiner Innentasche und steckte ihn rasch ins Schloss. Zögernd gab das Schloss nach, und die Tür öffnete sich.
Dahinter war es stockfinster. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn, legte seine Hand fest darüber und hob mit der anderen Koffer und Einkaufstüte über die Schwelle. Geräuschlos ließ er die Tür ins Schloss gleiten.
Nun stand er völlig im Dunkeln. Die Umrisse des Raumes waren nicht zu erkennen. Der Modergeruch war überwältigend. Er stieß einen langen Seufzer aus und versuchte bewusst, sich zu entspannen. Er lauschte auf die Geräusche des Bahnhofs, aber sie waren weit weg und nur zu unterscheiden, wenn man angestrengt hinhörte.
Alles war bestens.
Er schaltete das Licht an, und das Zimmer wurde matt erleuchtet. Die staubige Neonlampe warf ihr grelles Licht auf Decke und Wände, von denen die Farbe abblätterte, während die Zimmerecken tief im Schatten blieben. Der Raum hatte die Form eines großen L; von den bunkerartigen Zementwänden lösten sich dicke graue Placken alter Ölfarbe. Links neben der Tür waren zwei uralte, riesige Waschbecken. Das ständig aus den Hähnen tropfende Wasser hatte innen breite Roststreifen gebildet, die sich durch eine dicke Schmutzkruste zogen. In der Mitte des Raums befand sich hinter einem groben Bretterverschlag eine Art Kamin – ein Speisenaufzug. In der rechten Ecke des L-förmigen Raums enthüllte eine halboffene schmale Tür eine schmutzige Toilette.
Er wußte, dass das WC funktionierte. Letzte Woche war er zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren wieder in diesen Raum gekommen und hatte die Licht- und Wasserleitungen kontrolliert. Irgendetwas hatte ihn hierhergetrieben, hatte ihn an diesen Raum erinnert, als er dabei war, seine Pläne zu schmieden.
Ein klappriges Armyfeldbett lehnte schief an der gegenüberliegenden Wand, daneben stand eine umgedrehte Apfelsinenkiste. Feldbett und Kiste hatten ihn beunruhigt. Jemand anders hatte irgendwann dieses Zimmer entdeckt und sich darin aufgehalten. Doch der Staub auf dem Feldbett und die abgestandene, modrige Luft konnten nur bedeuten, dass der Raum zumindest seit Monaten, wenn nicht Jahren nicht mehr geöffnet worden war.
Er war nicht mehr hier gewesen, seit er sechzehn war – seit mehr als einem halben Leben. Damals wurde dieses Loch von der Oyster Bar benutzt. Es lag unmittelbar unter der Küche der Oyster Bar, und der alte, mit Brettern vernagelte Aufzug brachte Berge von fettigem Geschirr herunter, das in den tiefen Becken gespült und dann sauber und trocken wieder nach oben geschickt wurde.
Vor Jahren hatte man die Küche der Oyster Bar renoviert und Spülmaschinen installiert. Der Raum hier unten wurde dichtgemacht. Auch gut. Wer wollte schon in diesem stinkenden Loch arbeiten.
Aber er konnte sehr wohl noch einem Zweck dienen.
Als er überlegte, wo er den Sohn von Peterson unterbringen könnte, bis das Lösegeld bezahlt war, war ihm dieser Raum eingefallen. Er hatte ihn untersucht und erkannt, wie gut er in seinen Plan passte. Als er hier gearbeitet hatte, die Hände geschwollen von den scharfen Spülmitteln und dem siedeheißen Wasser und den schweren nassen Tüchern, waren all die gut gekleideten Leute durch den Bahnhof gelaufen, um nach Hause zu ihren teuren Häusern und ihren Autos zu kommen, oder sie hatten im Restaurant gesessen und die Garnelen und Muscheln und Austern und Barsche und Seefische gegessen, deren Reste er von ihren Tellern kratzen musste, und sie hatten sich einen Dreck um ihn gekümmert.
Er würde dafür sorgen, dass jeder im Grand Central, ja in New York, von ihm Kenntnis nehmen würde. Nach dem nächsten Mittwoch würden sie ihn nie wieder vergessen.
Es war nicht schwer gewesen, in diesen Raum zu gelangen. Nach einem Wachsabdruck von dem rostigen Schloss hatte er einen Schlüssel angefertigt. Nun konnte er kommen und gehen, wie es ihm beliebte.
Heute Abend würden Sharon Martin und der Junge mit ihm hier sein. In der Grand Central Station, im verkehrsreichsten Bahnhof der Welt, am besten Ort der Welt, um jemanden zu verstecken.
Er lachte laut. Hier drin nun konnte er endlich anfangen zu lachen. Er fühlte sich unbeschwert, großartig und richtig in Stimmung. Die abblätternden Wände und die rissigen Bretter erregten ihn.
Hier war er der Meister, der große Planer. Er würde sich sein Geld beschaffen. Er würde diese Augen zukriegen, und zwar für immer. Den Traum dieser Augen konnte er nicht länger ertragen. Er konnte das einfach nicht mehr. Und jetzt waren sie zu einer echten Gefahr geworden.
Mittwoch. Bis Mittwochvormittag elf Uhr dreißig waren es noch genau achtundvierzig Stunden. Dann würde er im Flugzeug nach Arizona sitzen, wo ihn kein Mensch kannte. Carley war ein zu unsicheres...




