Higgins Clark | Mondlicht steht dir gut | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Higgins Clark Mondlicht steht dir gut

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10063-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-641-10063-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nachdem ihre Stiefmutter ermordet wurde, beginnt die erfolgreiche Modefotografin Maggie Holloway Nachforschungen in einem Altenstift anzustellen. Sie kommt zu einer erschütternden Erkenntnis: Auch andere ältere Damen sind auf unerklärliche Weise verstorben. Schließlich gerät Maggie selbst in eine tödliche Falle.
«Mary Higgins Clark - die Königin der Hochspannung!» WELT AM SONNTAG

Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
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Freitag, 20. September

1


Ich hasse Cocktailempfänge, dachte Maggie resigniert und fragte sich, weshalb sie sich immer wie ein Mensch von einem anderen Stern vorkam, wenn sie bei so einer Party war. Eigentlich bin ich zu hart, dachte sie. In Wahrheit hasse ich Cocktailempfänge, wo der einzige Mensch, den ich kenne, der ist, mit dem ich dort hingehe und der mich im Stich läßt, sobald wir zur Tür reinkommen.

Sie schaute sich in dem großen Raum um und seufzte. Als Liam Moore Payne sie zu diesem Familientreffen des Moore-Clans eingeladen hatte, hätte sie sich eigentlich denken müssen, daß er eher daran interessiert sein würde, Zeit mit seinen Dutzenden von Verwandten zu verbringen, als sich groß um sie zu kümmern. Mit Liam ging sie manchmal aus, wenn er von Boston zu Besuch kam, und normalerweise war er sehr aufmerksam, doch an diesem Abend setzte er offenbar grenzenloses Vertrauen in ihre Fähigkeit, allein zurechtzukommen. Nun ja, es waren eine Menge Leute da, überlegte sie; da konnte sie doch sicher einen Gesprächspartner finden.

Das, was Liam ihr über die Moores erzählt hatte, war ja der ausschlaggebende Faktor bei ihrer Entscheidung gewesen, ihn zu der Veranstaltung zu begleiten, hielt sie sich vor Augen, während sie einen Schluck Weißwein trank und sich einen Weg durch die Menschenmenge im Grill Room des an der Zweiundfünfzigsten Straße Ost gelegenen Four Seasons Restaurant in Manhattan bahnte. Der Gründervater der Familie – oder doch der Begründer des ursprünglichen Familienvermögens – war der inzwischen verstorbene Squire Desmond Moore gewesen, einst ein fester Bestandteil der besten Kreise von Newport. Der Anlaß zu diesem festlichen Familientreffen war die Feier des hundertfünfzehnten Geburtstages des bedeutenden Mannes. Der Einfachheit halber hatte man sich dazu entschlossen, die Veranstaltung lieber in New York anstatt in Newport abzuhalten.

Liam hatte über viele Familienmitglieder amüsante Details zum besten gegeben, als er ihr klarmachte, mehr als einhundert aus direkter Linie und von Seitenzweigen abstammende Nachkommen würden nebst einigen geschätzten ehemals angeheirateten Verwandten anwesend sein. Er hatte Maggie mit Anekdoten über den damals fünfzehnjährigen Einwanderer aus Dingle ergötzt, der sich nicht etwa als einer der Geknechteten verstand, die es nach Freiheit, sondern als einer der an den Bettelstab Gebrachten, die es nach Reichtum dürstete. Der Legende nach hatte Squire, als sein Schiff die Freiheitsstatue passierte, den anderen Zwischendeckpassagieren verkündet: »In Null Komma nichts werd ich so reich sein, daß ich das alte Mädchen kaufen kann, natürlich nur, falls die Regierung je beschließt, sie zu verkaufen.« Liam hatte die Erklärung seines Ahnherrn mit einem wunderbar breiten, typisch irischen Akzent vorgetragen.

Die Moores traten wirklich in allen Größen und Formen auf, dachte Maggie, während sie sich in dem Raum umsah. Sie beobachtete zwei Gäste in den Achtzigern, wie sie sich angeregt unterhielten, und kniff die Augen bei der Vorstellung zusammen, sie würde die beiden durch das Objektiv ihrer Kamera betrachten, von der sie nun wünschte, sie hätte sie mitgebracht. Das schneeweiße Haar des Mannes, das kokettierende Lächeln der Frau, das Vergnügen, mit dem die beiden ganz offensichtlich ihr Beisammensein genossen – es hätte ein wundervolles Foto ergeben.

»Das Four Seasons wird nie mehr dasselbe sein, wenn die Moores erst einmal fertig damit sind«, sagte Liam, als er plötzlich neben ihr auftauchte. »Amüsierst du dich gut?« fragte er, stellte ihr dann jedoch, ohne eine Antwort abzuwarten, noch einen weiteren seiner Verwandten vor, Earl Bateman, der sie nun, wie Maggie belustigt feststellte, mit unverhülltem Interesse musterte.

Ihrer Schätzung nach war der Neuankömmling genau wie Liam Ende Dreißig. Er war einen halben Kopf kleiner als sein Vetter, war also knapp einen Meter achtzig groß. Sie fand, daß sich in seinem schmalen, nachdenklichen Gesicht eine gewisse Neigung zum Gelehrten widerspiegelte, obwohl seine blaßblauen Augen etwas Beunruhigendes an sich hatten. Mit seinen sandfarbenen Haaren und dem fahlen Teint war er nicht auf so markante Weise attraktiv wie Liam. Liams Augen waren eher grün als blau, seine dunklen Haare von attraktiven grauen Strähnen durchzogen.

Sie wartete ab, während er sie weiterhin ausführlich betrachtete. Nach einer langen Weile schließlich fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen: »Werde ich der Überprüfung standhalten?«

Er sah verlegen aus. »Entschuldigen Sie bitte. Ich kann mir nicht gut Namen merken, und ich habe nur versucht, Sie irgendwie einzuordnen. Sie gehören doch zum Clan, oder nicht?«

»Nein. Ich habe zwar irische Wurzeln, die drei oder vier Generationen zurückliegen, aber mit dem Clan hier bin ich nicht verwandt. Es sieht im übrigen nicht so aus, als bräuchten Sie noch mehr Verwandte.«

»Damit könnten Sie gar nicht richtiger liegen. Wirklich schade allerdings, daß die meisten von ihnen nicht annähernd so attraktiv sind wie Sie. Ihre wunderschönen blauen Augen, Ihre elfenbeinfarbene Haut und Ihr zierlicher Knochenbau weisen darauf hin, daß Sie keltischen Ursprungs sind. Den beinahe schwarzen Haaren nach zu urteilen, gehören Sie dem ›schwarz-irischen‹ Teil der Familie an, deren Mitglieder ihre genetische Ausstattung zum Teil dem kurzen, aber bedeutungsvollen Besuch von Überlebenden des Untergangs der spanischen Armada verdanken.«

»Liam! Earl! Oh, du lieber Himmel, jetzt bin ich wohl doch froh, daß ich hergekommen bin.«

Ohne Maggie weiter zu beachten, wandten sich beide Männer ab, um begeistert einen Mann mit frischer Gesichtsfarbe zu begrüßen, der sich ihnen von hinten näherte.

Maggie zuckte mit den Achseln. Das war’s dann also, dachte sie und zog sich in Gedanken in eine Ecke zurück. Dann fiel ihr ein Artikel ein, den sie vor kurzem gelesen hatte und der Menschen, die sich bei geselligen Anlässen isoliert fühlten, dazu ermutigte, Ausschau nach jemand anders zu halten, der sogar noch verlorener wirkte, und eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Innerlich schmunzelnd beschloß sie, die Taktik zu erproben und sich dann, sollte sie am Ende noch immer auf Selbstgespräche angewiesen sein, still davonzumachen und heimzugehen. In diesem Augenblick erschien ihr die Aussicht auf ihr behagliches Apartment an der Sechsundfünfzigsten Straße in der Nähe des East River sehr anziehend. Ihr war bewußt, daß sie diesen Abend lieber hätte zu Hause verbringen sollen. Sie war erst vor wenigen Tagen von einem Fototermin in Mailand zurückgekehrt und sehnte sich nach einem ruhigen Abend, an dem sie die Füße hochlegen konnte.

Sie blickte sich um. Es schien keinen einzigen Verwandten von Squire Moore zu geben, der nicht darum kämpfte, Gehör zu finden.

Countdown zum Abgang, entschied sie. Da hörte sie in der Nähe eine Stimme – eine melodische, vertraute Stimme, die ganz unvermutet angenehme Erinnerungen zum Vorschein brachte. Maggie wirbelte herum. Die Stimme stammte von einer Frau, die soeben die kurze Treppe zur Galerie des Restaurants hinaufging und stehengeblieben war, um einer Person unterhalb von ihr etwas zuzurufen. Maggie starrte, hielt verblüfft die Luft an. War sie verrückt? Konnte das wirklich und wahrhaftig Nuala sein? Es war nun schon so lange her, und doch klang sie genau wie die Frau, die einst ihre Stiefmutter gewesen war, von Maggies fünftem bis zu ihrem zehnten Lebensjahr. Nach der Scheidung hatte Maggies Vater ihr sogar verboten, Nualas Namen auch nur zu erwähnen.

Maggie bemerkte, daß Liam gerade vorbeiging, um eine weitere Verwandte zu begrüßen, und packte ihn am Arm. »Liam, diese Frau da auf der Treppe. Kennst du sie?«

Er kniff die Augen zusammen. »Oh, das ist Nuala. Sie war mit meinem Onkel verheiratet. Ich nehme an, sie ist meine Tante, aber sie war seine zweite Frau, deshalb hab’ ich sie eigentlich nie als Tante angesehen. Sie ist ein bißchen eigenwillig, aber wirklich erfrischend. Wieso?«

Maggie ließ sich keine Zeit für eine Antwort, sondern begann sich durch die Trauben von Moores hindurchzuwinden. Als sie schließlich bei der Treppe ankam, war die Frau, auf die sie es abgesehen hatte, bereits oben auf der Galerie im Gespräch mit einer Gruppe von Leuten begriffen. Maggie ging die Stufen hinauf, blieb jedoch auf der vorletzten Stufe stehen, um die Frau zu betrachten.

Als Nuala damals so abrupt weggegangen war, hatte Maggie darum gebetet, sie möge schreiben. Doch sie meldete sich nie, und Maggie hatte ihr Schweigen als besonders schmerzlich empfunden. Im Lauf der fünf Jahre, in der die Ehe bestanden hatte, war sie Maggie sehr ans Herz gewachsen. Ihre eigene Mutter war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Maggie noch ein Säugling war. Erst nach dem Tod ihres Vaters dann erfuhr sie von einer Freundin der Familie, daß ihr Vater alle Briefe vernichtet und die Geschenke zurückgesandt hatte, die Nuala ihr geschickt hatte.

Maggie starrte jetzt auf die winzige Gestalt mit den lebhaften blauen Augen und dem weichen, honigblonden Haar. Sie konnte das feine Geflecht der Falten sehen, die ihren schönen Teint nicht im mindesten beeinträchtigten. Und während sie ins Schauen versunken war, strömten ihr die Erinnerungen ins Herz. Kindheitserinnerungen, vielleicht ihre glücklichsten.

Nuala, die bei Auseinandersetzungen stets ihre Partei ergriff und gegen Maggies Vater Position bezog: »Owen, um Himmels willen, sie ist doch noch ein Kind. Hör auf, sie ständig zurechtzuweisen.« Nuala, die immerzu sagte: »Owen, alle Kinder in ihrem Alter tragen Jeans und T-Shirts... Owen, was spielt es für eine Rolle, wenn sie drei Filme verbraucht...


Higgins Clark, Mary
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.



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