Higgins Clark Schrei in der Nacht
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12218-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-641-12218-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
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Prolog
Bei Tagesanbruch begann Jenny die Hütte zu suchen. Wie gelähmt von der Stille des Hauses hatte sie die ganze Nacht wach gelegen, wach und regungslos in dem großen Himmelbett.
Jennys Gehör war immer noch auf das hungrige Schreien des Babys geeicht, ihre Brüste waren immer noch voll, bereit, die winzigen begierigen Lippen zu begrüßen, obwohl sie schon seit Wochen wußte, daß alles Warten vergeblich war.
Schließlich knipste sie die Nachttischlampe an: Es wurde hell, und die Kristallschale auf der Frisierkommode sammelte das Licht und warf es gebündelt zurück. Die kleinen runden Stücke Fichtennadelseife, mit denen die Schale gefüllt war, verliehen der antiken silbernen Toilettengarnitur einen unheimlichen grünen Schimmer.
Jenny stand auf und begann sich anzuziehen, nahm die lange Unterwäsche und den dicken Pullover, den sie gewöhnlich unter ihrem Skianzug trug. Sie hatte das Weckradio auf vier Uhr gestellt. Der Wetterbericht für das Gebiet von Granite Place, Minnesota, war unverändert; die Temperatur war elf Grad unter Null. Die Windgeschwindigkeit lag bei vierzig Kilometern in der Stunde. Der Windkältefaktor betrug einunddreißig Grad minus.
Es war egal. Alles war egal. Sie mußte die Hütte finden, und wenn sie dabei erfror — irgendwo dort im Wald, unter Ahorn und Eichen, Tannen, Kiefern und überwuchertem Gehölz. Jenny hatte sich in jenen schlaflosen Stunden alles genau überlegt: Erich ging viel schneller als sie. Wegen seiner langen Schritte eilte er ihr immer unwillkürlich voraus. Sie machten sich beide darüber lustig. »He, warte bitte auf das Stadtmädchen«, protestierte sie dann gern.
Einmal hatte er auf dem Weg zur Hütte den Schlüssel vergessen und war sofort bei der Ankunft umgekehrt, um ihn zu holen. Vierzig Minuten insgesamt hatte er gebraucht. Also war die Hütte für ihn etwa zwanzig Minuten vom Waldrand entfernt.
Er hatte Jenny nie mitgenommen. »Versteh das bitte, Jenny«, bettelte er. »Jeder Künstler braucht einen Platz, wo er ganz alleine ist.«
Sie hatte noch nie versucht, die Hütte zu finden. Den Farmarbeitern war es streng verboten, in den Wald zu gehen. Selbst Clyde, seit dreißig Jahren Verwalter des Anwesens, wußte angeblich nicht, wo die Hütte war.
Der tiefe, verharschte Schnee machte sicher jeden Pfad unkenntlich, erlaubte es aber Jenny immerhin, die Langlaufskier zu benutzen. Sie mußte aufpassen, daß sie sich nicht verlief. Bei dem dichten Unterholz und ihrem katastrophalen Richtungssinn konnte es leicht passieren, daß sie im Kreis ging.
Jenny hatte darüber nachgedacht und beschlossen, einen Kompaß, einen Hammer, kleine Nägel und Lappen mitzunehmen. Wenn sie die Lappen einfach an Bäume nagelte, konnte sie den Rückweg finden.
Ihr Skianzug war im Wandschrank neben der Küche. Während das Kaffeewasser heiß wurde, streifte sie den Anzug über. Der Kaffee half ihr, sich zu konzentrieren. In der Nacht hatte sie kurz erwogen, zu Sheriff Gunderson zu fahren. Aber er würde sich bestimmt weigern, ihr zu helfen, und sie nur mit jenem halb skeptischen, halb verächtlichen Gesichtsausdruck anstarren.
Sie wollte eine Thermosflasche Kaffee mitnehmen. Sie hatte zwar keinen Schlüssel zu der Hütte, aber mit dem Hammer konnte sie ein Fenster einschlagen.
Obwohl Elsa schon seit über zwei Wochen nicht mehr gekommen war, blitzte das große alte Haus noch vor Sauberkeit, ein sichtbarer Beweis ihrer strengen Maßstäbe. Sie hatte die Gewohnheit, beim Weggehen den jeweiligen Tag vom Kalender über dem Wandtelefon abzureißen. Jenny hatte mit Erich darüber gescherzt. »Sie putzt nicht nur das, was nie schmutzig war, sie löscht auch noch jeden Abend in der Woche aus.«
Jetzt riß Jenny ›Freitag, 14. Februar‹ ab, knüllte die Seite zusammen und starrte auf die leere Fläche unter dem fettgedruckten Datum: ›Sonnabend, 15. Februar‹. Sie zuckte zusammen. Seit jenem Tag in der Galerie, als sie Erich kennengelernt hatte, waren fast vierzehn Monate vergangen. Nein, das konnte nicht sein. Da lag ein ganzes Leben dazwischen. Sie rieb sich die Stirn.
Ihr kastanienbraunes Haar war während der Schwangerschaft beinahe schwarz geworden. Es fühlte sich stumpf und leblos an, als sie es unter die wollene Skimütze stopfte. Der Spiegel mit dem Perlmuttrahmen links von der Tür paßte eigentlich nicht in die altmodisch-gediegene Küche mit den Eichenbalken. Sie starrte hinein. Ihre Augen, normalerweise von einem Farbton irgendwo zwischen Aquamarin und Blau, starrten ihr ausdruckslos und mit geweiteten Pupillen entgegen. Sie hatte Ringe unter den Augen, und ihre Wangen waren eingesunken. Sie war seit der Geburt schrecklich abgemagert. Ihre Halsschlagader pulsierte, als sie den Reißverschluß des Skianzugs ganz zuzog. Siebenundzwanzig Jahre. Doch sie fand, daß sie mindestens zehn Jahre älter aussah, und sie fühlte sich hundert Jahre älter. Wenn nur diese Benommenheit weggehen würde. Wenn das Haus nur nicht so still, so beängstigend, erschreckend still wäre.
Sie schaute zu dem gußeisernen Herd an der Ostwand der Küche. Die Wiege, nun mit Holz gefüllt, stand wieder daneben, war wieder zu etwas nütze.
Sie zwang sich, die Wiege zu betrachten und den Schock zu verarbeiten, den sie immer spürte, sobald sie die Küche betrat. Dann griff sie nach der Thermosflasche und goß Kaffee hinein, holte den Kompaß, Hammer, die Stiftnägel und Scheuerlappen. Sie warf alles in einen Rucksack, schlang sich ihren Schal vors Gesicht, zog die Langlaufschuhe an, schlüpfte in fellgefütterte Fäustlinge und machte die Tür auf.
Der scharfe, peitschende Wind durchdrang den Schal im Nu. Das dumpfe Muhen der Kühe im Stall klang in Jennys Ohren wie das erschöpfte Schluchzen aus tiefstem Kummer. Die Sonne ging auf, wurde in ihrer rotgoldenen Schönheit grell vom Schnee zurückgeworfen, ein ferner Gott, der nichts gegen die bittere Kälte ausrichten konnte.
Inzwischen machte Clyde sicher seinen ersten Gang durch den Kuhstall. Die Knechte gabelten Heu in die Raufen im Freien, um die schwarzen Angusrinder zu füttern, die unter dem harten Schnee nicht grasen konnten und dort gewohnheitsmäßig Schutz und Nahrung suchten. An die sechs Männer arbeiteten gerade auf dieser großen Farm, aber keiner war in der Nähe des Hauses; sie waren alle nur winzige dunkle Gestalten, wie Scherenschnitte vor dem Horizont.
Die Langlaufskier standen neben der Küchentür. Jenny trug sie die sechs Verandastufen hinunter, warf sie hin, trat in die Bindungen und rastete sie ein. Gott sei Dank hatte sie letztes Jahr gut Ski laufen gelernt.
Als sie anfing, die Hütte zu suchen, war es kurz nach sieben. Sie beschränkte sich darauf, in jeder Richtung höchstens dreißig Minuten zu laufen. Sie begann an dem Punkt, wo Erich immer im Wald verschwand. Die Zweige über ihr waren so dicht, daß die Sonne kaum durchdrang. Wenn sie in einer möglichst geraden Linie gelaufen war, bog sie nach rechts ab, legte noch etwa hundert Meter zurück, bog wieder nach rechts und lief zum Waldrand zurück. Der Wind verwehte ihre Spuren schon nach wenigen Metern, aber jedesmal, wenn sie die Richtung änderte, nagelte sie einen Lappen an einen Baum.
Um elf kehrte sie zum Haus zurück, machte Suppe warm, zog trockene Socken an, zwang sich, den kribbelnden Schmerz in Kopf und Händen zu ignorieren, und lief wieder los.
Um fünf, als die tiefen Strahlen der Sonne verblaßten, war sie, halb erfroren, drauf und dran, die Suche fürs erste aufzugeben, beschloß dann aber, noch eine weitere Kuppe zu untersuchen. Und da entdeckte Jenny sie plötzlich — die kleine rindengedeckte Blockhütte, die Erichs Urgroßvater 1869 gebaut hatte. Jenny starrte hin und biß sich auf die Lippen. Grausame Enttäuschung durchfuhr sie schneidend wie ein Stilett.
Die Rouleaus waren geschlossen; die Hütte wirkte abweisend, als wäre sie lange nicht benutzt worden. Der Schornstein war schneebedeckt; kein Licht drang heraus.
Hatte sie wirklich zu hoffen gewagt, dieser Schornstein würde rauchen, Licht durch die Vorhänge schimmern, und sie könnte einfach zur Tür gehen und aufmachen, wenn sie erst einmal vor der Hütte stand?
An der Tür war ein Metallschild. Die Buchstaben waren verblichen, aber noch lesbar: Zutritt verboten. Zuwiderhandelnde werden strafrechtlich verfolgt. Die Unterschrift lautete: Erich Fritz Krueger, das Datum: 1903.
Links von der Hütte stand ein Pumpenhaus, eine Außentoilette, zur Hälfte von barmherzigen, dichten Fichten verborgen. Jenny versuchte, sich vorzustellen, wie der kleine Erich mit seiner Mutter hierhergekommen war. »Caroline liebte die Hütte, so wie sie war«, hatte Erich ihr erzählt. »Mein Vater hätte das alte Ding gern renoviert, aber sie wollte nichts davon wissen.«
Der Kälte nicht mehr bewußt, lief Jenny zum nächsten Fenster. Sie griff in den Rucksack, nahm den Hammer heraus, holte aus und schlug die Scheibe ein. Scherben streiften ihre Wange. Sie spürte das Blut nicht, wie es über ihr Gesicht lief und gefror. Vorsichtig, um sich nicht an den scharfen Zacken zu verletzen, langte sie hinein, löste den Riegel und schob das Fenster hoch.
Sie strampelte ihre Skier los, kletterte über das niedrige Sims, schob das Rouleau zur Seite und betrat die Hütte.
Sie bestand aus einem einzigen Raum, etwa sechs Meter im Quadrat. Neben einem eisernen Kaminofen an der Nordwand war Holz gestapelt. Ein verschossener Orientteppich bedeckte den größten Teil der hellen Fichtendielen. Ein breites, samtbezogenes Sofa mit hoher Lehne und passende Sessel waren vor dem Ofen gruppiert. An den vorderen Fenstern stand ein langer Eichentisch mit zwei Bänken. Ein Spinnrad sah aus, als würde es noch funktionieren. Auf einer Anrichte aus massiver Eiche standen...




