Higgins Clark Sieh dich nicht um
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10065-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-10065-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
Autoren/Hrsg.
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1
Es war Anfang September, die Woche nach dem Labor Day. Das unaufhörliche Klingeln der Telephone im Büro von Parker und Parker sagte Lacey, daß die Sommerflaute endlich vorbei war. Manhattans Immobilienmarkt war im letzten Monat ziemlich träge gewesen, doch jetzt tat sich wieder etwas.
»Wurde auch Zeit«, sagte sie zu Rick Parker, der ihr gerade eine Tasse schwarzen Kaffee auf den Schreibtisch stellte. »Seit Juni habe ich keinen anständigen Abschluß mehr gemacht. Alle Interessenten hatten sich in die Hamptons oder nach Cape Cod abgesetzt, aber zum Glück kommen sie jetzt allmählich zurück. Ein Monat Urlaub ist zwar nicht schlecht, aber jetzt muß der Rubel wieder rollen.«
Sie griff nach der Tasse. »Danke. Es ist nett, vom Juniorchef bedient zu werden.«
»Gern geschehen. Du siehst großartig aus, Lacey.«
Lacey versuchte, nicht auf Ricks Gesichtsausdruck zu achten. Sie hatte immer das Gefühl, daß er sie mit den Augen auszog. Rick war verwöhnt, sah gut aus und verfügte über einen künstlichen Charme, den er nach Gutdünken einschalten konnte. Lacey fühlte sich in seiner Gesellschaft äußerst unwohl. Sie bedauerte es sehr, daß sein Vater ihn aus der Filiale in der West Side hierher versetzt hatte. Sie wollte zwar ihren Job nicht gefährden, aber in letzter Zeit wurde es immer schwieriger, sich Rick vom Leibe zu halten.
Als ihr Telephon klingelte, nahm sie erleichtert den Hörer ab. Gerettet! »Lacey Farrell«, meldete sie sich.
»Miss Farrell, hier spricht Isabelle Waring. Wir haben uns kennengelernt, als Sie letztes Jahr in dem Haus, in dem ich wohne, eine Eigentumswohnung verkauft haben.«
Eine potentielle Kundin, dachte Lacey. Bestimmt wollte Mrs. Waring ihre Wohnung verkaufen.
Lacey überlegte, woher sie Mrs. Waring kannte. Im Mai hatte sie zwei Wohnungen in der 70. Straße Ost verkauft. Doch sie hatte außer mit dem Hausverwalter mit niemandem gesprochen. Das zweite Haus, das in Frage kam, lag in der Nähe der Fifth Avenue. Die Wohnung hatte einer Familie Norstrom gehört, und Lacey erinnerte sich vage an eine attraktive Rothaarige in den Fünfzigern, die sie im Aufzug um ihre Visitenkarte gebeten hatte.
»Die Wohnung von Norstroms?« fragte sie auf gut Glück. »Sind wir uns im Aufzug begegnet?«
Mrs. Waring klang erfreut. »Genau! Ich möchte die Wohnung meiner Tochter verkaufen, und wenn es Ihnen paßt, würde ich mich freuen, wenn Sie die Angelegenheit für mich abwickeln.«
»Es paßt mir sehr gut, Mrs. Waring.«
Lacey vereinbarte einen Termin für den folgenden Vormittag und drehte sich zu Rick um. »Glück gehabt! 70. Straße Ost, Nummer drei. Ein lohnendes Objekt.«
»Nummer drei auf der Siebzigsten Ost? Welche Wohnung?« fragte er rasch.
»Zehn B. Kennst du sie etwa?«
»Woher sollte ich?« antwortete er barsch. »Schließlich hat mein Vater in seiner unendlichen Weisheit mich fünf Jahre lang die West Side bearbeiten lassen.«
Lacey hatte den Eindruck, daß Rick sich bemühte, freundlich zu sein, als er hinzufügte: »Hat sich angehört, als wärst du jemandem begegnet, dem du gefallen hast und der dir jetzt den Verkauf seiner Wohnung überträgt. Wie mein Großvater schon immer sagte, Lacey: Man muß in diesem Geschäft nur das Glück haben, daß die Leute sich an einen erinnern.«
»Mag sein, obwohl ich es nicht unbedingt immer als Glück bezeichnen würde«, entgegnete Lacey in der Hoffnung, durch ihre abweisende Reaktion das Gespräch beenden zu können. Warum schaffte es Rick nicht, sie zu behandeln wie jede andere Angestellte des Familienimperiums?
Achselzuckend trollte er sich in sein Büro, dessen Fenster die Zweiundsechzigste Straße Ost überblickten. Von Laceys Fenstern aus konnte man die Madison Avenue sehen. Ihr machte es Spaß, das Verkehrschaos, die Touristenhorden und die gutbetuchte Schickeria zu beobachten, die die Designerboutiquen frequentierte.
»Einige von uns sind in New York geboren«, pflegte sie den zuweilen verängstigten Ehefrauen der Manager zu erklären, die nach Manhattan versetzt wurden. »Andere ziehen nur ungern hierher, doch ehe sie sich’s versehen, stellen sie fest, daß New York trotz aller Probleme die Stadt mit der höchsten Lebensqualität ist.«
Wenn jemand danach fragte, antwortete sie: »Ich bin in Manhattan aufgewachsen und habe – abgesehen von meiner Zeit am College – immer hier gewohnt. New York ist meine Stadt, mein Zuhause.«
Jack Farrell, ihr Vater, hatte genauso empfunden. Schon von frühester Kindheit an hatte sie mit ihm die Stadt erkundet. »Wir beide sind Kumpel, Lace«, pflegte er zu sagen. »Du bist eine Stadtpflanze wie ich. Deine liebe Mutter würde ja so gern wie alle anderen in eine der Vorstädte flüchten. Es ist ihr hoch anzurechnen, daß sie es hier aushält, denn da draußen würde ich eingehen wie eine Primel.«
Lacey hatte nicht nur Jacks Liebe zu New York geerbt, sondern auch sein irisches Aussehen: helle Haut, blaugrüne Augen und dunkelbraunes Haar. Ihre Schwester Kit wirkte eher englisch wie ihre Mutter: porzellanblaue Augen und Haare so blond wie Winterweizen.
Jack Farrell war Musiker gewesen und hatte meistens in Theaterorchestern gespielt. Manchmal war er auch in Clubs aufgetreten oder hatte Konzerte gegeben. Als Kind hatte Lacey die Lieder jedes Broadway-Musicals mitsingen können. Den plötzlichen Tod ihres Vaters, kurz nach ihrem Abschluß am College, hatte sie noch immer nicht verwunden, und sie fragte sich, ob sie wohl je darüber hinwegkommen würde. Wenn sie durchs Theaterviertel schlenderte, erwartete sie manchmal sogar fast, ihm auf der Straße zu begegnen.
»Dein Vater hatte recht. Ich werde nicht in der Stadt bleiben«, hatte ihre Mutter nach der Beerdigung wehmütig gesagt. Sie war Kinderkrankenschwester und hatte sich eine Eigentumswohnung in New Jersey gekauft, um in der Nähe von Laceys Schwester Kit und deren Familie zu sein. Inzwischen arbeitete sie dort in einem Krankenhaus.
Die frischgebackene College-Absolventin Lacey hatte eine kleine Wohnung in der East End Avenue und eine Stelle bei der Immobilienfirma Parker und Parker gefunden. Heute, acht Jahre später, gehörte sie zu den erfolgreichsten Maklern des Unternehmens.
Vor sich hinsummend, griff sie nach den Unterlagen zu dem Haus 70. Straße Ost, Nr. 3, und fing an zu lesen. Ich habe eine Maisonettewohnung im ersten Stock verkauft, fiel ihr ein. Gutgeschnittene Zimmer, hohe Decken, die Küche mußte modernisiert werden. Jetzt brauche ich nur noch Informationen über Mrs. Warings Wohnung.
Wenn möglich, versuchte Lacey, im voraus etwas über das angebotene Objekt zu erfahren. Dazu war es hilfreich, die Leute zu kennen, die in den verschiedenen von Parker und Parker betreuten Häusern arbeiteten. Glücklicherweise hatte sie sich mit Tim Powers, dem Hausmeister des betreffenden Gebäudes, angefreundet. Also rief sie ihn an und hörte mehr als zwanzig Minuten zu, während er in allen Einzelheiten seinen Sommerurlaub schilderte. Leider hatte sie vergessen, was für ein Schwätzer Tim war. Es dauerte eine Weile, bis sie das Gespräch auf Mrs. Warings Wohnung bringen konnte.
Tim erzählte, daß Isabelle Waring die Mutter von Heather Landi war, einer jungen Sängerin und Schauspielerin, die sich gerade einen Namen in der Theaterszene gemacht hatte. Dann aber war Heather, Tochter des prominenten Restaurantbesitzers Jimmy Landi, Anfang letzten Winters bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Wagen war auf dem Heimweg von einem Skiwochenende in Vermont eine Böschung hinuntergestürzt. Die Wohnung hatte Heather gehört, und nun wollte die Mutter sie offenbar verkaufen.
»Mrs. Waring glaubt nicht, daß Heathers Tod ein Unfall war«, sagte Tim.
Als Lacey ihn endlich losgeworden war, saß sie eine Weile da und überlegte. Sie hatte Heather Landi im vergangenen Jahr in einem erfolgreichen Off-Broadway-Musical gesehen. Sie war ihr sogar besonders aufgefallen.
Heather hatte das Zeug zum Star gehabt, dachte Lacey: Schönheit, Ausstrahlung und einen glockenreinen Sopran. »Eine Traumfrau«, hätte Dad gesagt. Kein Wunder, daß ihre Mutter ihren Tod nicht wahrhaben will.
Lacey erschauderte und stand auf, um die Klimaanlage herunterzuschalten.
Am Dienstag morgen schlenderte Isabelle Waring durch die Wohnung ihrer Tochter und versuchte, sie mit dem kritischen Blick einer Immobilienmaklerin zu sehen. Sie war froh, daß sie Lacey Farrells Visitenkarte behalten hatte. Jimmy, ihr Ex-Mann und Heathers Vater, hatte verlangt, daß sie die Wohnung verkaufte. Und fairerweise mußte man sagen, daß er ihr genug Zeit gelassen hatte.
Als sie Lacey Farrell im Aufzug begegnet war, hatte sie die junge Frau auf Anhieb sympathisch gefunden. Sie erinnerte sie an Heather.
Zugegeben, Lacey sah nicht aus wie Heather, die kurze hellbraune Locken mit goldenen Strähnchen und braune Augen gehabt hatte. Sie war klein gewesen, nur knapp eins zweiundsechzig, mit weiblichen Rundungen. Die Familienzwergin hatte sie sich immer genannt. Lacey hingegen war hochgewachsen, schlank und hatte blaugrüne Augen und dunkles, langes Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte. Doch in ihrem Lächeln und ihrer Art ähnelte sie Heather sehr.
Isabelle sah sich um. Ihr war klar, daß Birkenpaneele und eine Eingangshalle aus glänzendem Marmor nicht jedermanns Geschmack waren. Heather hatte diese Details geliebt, aber man konnte sie leicht ändern. Andererseits waren die Küche und die Bäder, allesamt renoviert, ein gutes Verkaufsargument.
Monatelang war Isabelle zwischen Cleveland und New York hin und her gefahren, hatte die fünf großen Wandschränke und die vielen Schubladen in der Wohnung geleert und sich mit Heathers...




