E-Book, Deutsch, Band 2, 422 Seiten
Reihe: Sonora Blair ermittelt
Hightower Detective Blair - Kampf mit dem Gesetz
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-140-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller | Sonora Blair ermittelt - Band 2 | Toughe Polizistin vs. Serienkiller
E-Book, Deutsch, Band 2, 422 Seiten
Reihe: Sonora Blair ermittelt
ISBN: 978-3-98690-140-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lynn S. Hightower wurde in Tennessee geboren und lebt heute in Kentucky. Sie studierte Journalismus sowie Kreatives Schreiben. Um ihren Romanen authentischen Charakter zu geben, recherchierte sie hautnah: sie begleitete Streifenbeamte, die lokale Mordkommission und war Zeugin von Autopsien. 1994 gewann sie den renommierten Shamus Award. Die Website der Autorin: lynnhightower.com Von Lynn S. Hightower erscheinen bei dotbooks: »Detective Blair - Spiel mit dem Feuer« »Detective Blair - Kampf mit dem Gesetz« »Detective Blair - Wettlauf mit der Zeit« »Detective Blair - Jagd nach der Schuld«
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Peter, dieser kleine Wicht,
hat ’ne Frau, doch weiß er nicht,
wo er mit ihr wohnen soll –
alle Häuschen sind schon voll!
Da höhlt er einen Kürbis aus
und hat jetzt das schönste Haus.
Kinderreim
Es war einer der Momente, in denen Sonora die Polizeiarbeit haßte.
Butch Winchell saß ihr im Vernehmungsraum gegenüber und breitete Familienfotos auf dem Tisch aus. Sie zeigten die braunäugige Tochter Terry, drei Jahre alt, deren Power-Rangers-Sweatshirt nur knapp ihr rundes Bäuchlein bedeckte. Und ihre kleine Schwester Chrissie, ein Baby mit zarten Flaumhärchen auf dem Kopf, das sich in Terrys Schoß rekelte und die Hand ihrer Schwester fest umklammert hielt.
Ihre Mommy wurde vermißt.
Sonora gefiel es, daß die Winchell-Kinder normale Namen hatten. Es waren keine dieser ausgefallenen Namen aus den Seifenopern im Fernsehen wie Jasmine, Ridge, Taylor oder Noelle. Sie strich mit dem Finger über die Tischkante. Draußen war es heiß, fast dreiunddreißig Grad, im Vernehmungsraum aber war es kühl. Alle Leute in der Stadt, die die Zeit dazu hatten, gingen zum Bootfahren, zum Schwimmen oder ins klimatisierte Kino.
Detectives der Mordkommission hatten nie Zeit für irgendwelchen Spaß …
Sonora sah hinüber zu Sam Delarosa, ihrem Partner. Wenn er gemerkt hätte, daß die Babyfotos sie beunruhigten, wäre er ernster gewesen. Weichherziger.
So aber lächelte er sie an und warf ihr seinen ›Na-komm-schon-Mädchen-Blick‹ zu. Er war groß, hatte breite Schultern, und sein dunkelbraunes Haar fiel ihm in die Augen. Er sah jünger aus als er war, jungenhaft – auch wenn Sonora, die ihn gut kannte, die Sorgenfalten um seinen Mund und die Krähenfüße in den Augenwinkeln nicht entgingen. Er hatte den Charme eines Südstaatlers vom Lande, der in Frauen stets den Wunsch weckt, sich ihm anzuvertrauen und Männer automatisch dazu brachte, ihn als Kumpel zu betrachten. Er war ohne Zweifel der Typ Mann, der Frauen die Tür aufhielt, sich Footballspiele ansah und nicht gerne einkaufen ging. Seine Normalität zählte zu den Eigenschaften, die Sonora anziehend an ihm fand. Sie arbeiteten seit fünf Jahren zusammen bei der Mordkommission.
Und es war bereits das zweite Mal in dieser Woche, daß Sonora ihm diesen Blick entlockt hatte. Dabei war sie sich sicher, daß sie diese Spielchen eigentlich längst hinter sich gelassen hatten. Er wollte sie wohl anscheinend nur wieder einmal verwirren.
Sie lächelte zurück, sah ihm ganz fest in die Augen, und er erwiderte ihren Blick, ehe er dann wieder Winchell anschaute.
»Ihr Name ist Julia, Detective Blair.« Winchell legte ein weiteres Foto neben die anderen. Er sah Sonora an.
Wie meine Kinder, dachte Sonora. Er bemerkt sofort jede Unaufmerksamkeit bei mir … Sie strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Zu lang, zu lockig. Sie fragte sich, ob sie ihr Haar schneiden lassen und damit zähmen sollte – oder ob es dann erst recht widerspenstig würde.
Sie nahm das Foto vom Tisch.
Es war ein hastiger Polaroid-Schnappschuß, der vom häufigen Anfassen speckig glänzte. Sie sah sich das Foto lange an und reichte es dann Sam hinüber.
Julia Winchell sah atemberaubend aus.
Ihr Haar war wunderschön – brünett, rötlich glänzend, lockig und kräftig, vom dreieckigen, in die hohe Stirn ragenden Ansatz zurückgekämmt, was ihr herzförmiges Gesicht gut zur Geltung brachte. Um die vollen Lippen lag ein Hauch von Härte. Über den dunkelbraunen Mandelaugen wölbten sich schön geschwungene Augenbrauen. Sie hatte schmale Schultern, lange zierliche Finger und zerbrechlich wirkende Porzellan-Handgelenke.
Sie war vom Typ her eine Frau, von der man erwartet, daß sie in Paris Urlaub macht oder den ländlichen Süden Italiens erkundet. Ihre Kleidung würde sie bei J. Peterman kaufen und zu Abercombie & Fitch zum Shopping gehen.
Kaum zu glauben, daß die Frau auf dem Foto mit diesem unscheinbaren Mann da auf dem Stuhl, der so verdrießlich, unsicher und ängstlich wirkte, verheiratet sein sollte.
Jung geheiratet, dachte Sonora.
Winchell hob den Plastikbecher mit Kaffee hoch, den Sam ihm gebracht hatte, führte ihn zum Mund, trank aber nicht. Mag er den Kaffee nicht? fragte sich Sonora. Oder ist er einfach nur nervös?
»Mr. Winchell, hätten sie lieber ein Mineralwasser oder sowas?« fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. Wenn männliche Attraktivität in T-Shirt-Größen gemessen würde, wäre ›M‹ bereits zu positiv gewesen. Schwarzes, von Gel glänzendes Haar, Brille mit dicker schwarzer Fassung, rundliches Gesicht. Hängende Schultern, Bäuchlein. Die paar Pfunde zuviel, die bei einem Mann kaum auffallen. Die paar Pfunde zuviel, die eine Frau kreischend zur Salatbar treiben.
Ein Bruder, ein Cousin, vielleicht auch ein Mörder von irgend jemandem …
Sonora hielt es für ziemlich wahrscheinlich, daß der Mann, der ihr da gegenüber saß, seine Frau umgebracht hatte – vorausgesetzt natürlich, daß sie überhaupt tot war. Vielleicht war sie auch nur von zu Hause weggelaufen. Als Sonora noch verheiratet war, wäre sie am liebsten auch von zu Hause weggelaufen.
Allerdings hätte sie jedoch niemals ihre Kinder, beide noch Babys, zurückgelassen.
Winchell lehnte sich mit angespannten Schultern vor. Er hatte dunkle Ränder unter den Augen, als ob er seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen hätte. »Es ist auf dem Foto nicht zu sehen, aber sie hat eine Tätowierung oberhalb des Fußknöchels.« Er rückte seine Brille zurecht. »Nur daß Sie’s wissen – das Ding ist keine billige Arbeit. Sie hat es bei der Feier am Abend ihres High School-Abschlusses machen lassen, und ihre Mama war entsetzt und hätte sie deswegen am liebsten umgebracht. Sie waren ja damals alle noch unreife Kids, die ein bißchen angeben wollten. Sie und ihre Freunde waren in einem China-Restaurant und beschlossen, daß sich jeder das chinesische Tierkreiszeichen seines Geburtsjahres irgendwo auf den Körper tätowieren läßt. Sie ist 1964, im Jahr des Drachen, geboren. Keiner der anderen hat die Sache dann aber mit durchgezogen. Ich kann’s ihnen nicht übelnehmen, wenn sie im Jahr der Ratte, des Affen, des Schweins oder so geboren wurden. Ihre Tätowierung sieht aber irgendwie echt gut aus; der Drache ist blau und grün und hat rote Augen und eine lange rote Zunge.«
Sonora lehnte sich vor – eine Erinnerung war wachgerüttelt worden und hatte ihren polizeilichen Instinkt geweckt. »Sagten Sie am linken Knöchel?«
Er hatte nichts darüber gesagt. Sam sah sie an.
»Ich glaube … ja, es war ihr linker Knöchel, doch, ganz bestimmt.«
Beide Männer sahen sie erwartungsvoll an.
Sonora wollte nichts weiter dazu sagen, vor allem nicht, solange Mr. Winchell und diese Babyfotos sie anstarrten. Es war keine Vermutung, die man voreilig äußern sollte, vor allem, wenn es um ein abgetrenntes Bein ging, das man am Interstate-Highway gefunden hatte. Es war sowieso nur eine ganz vage Vermutung. Das Bein war in einem benachbarten Bundesstaat gefunden worden. Julia Winchell war in Cincinnati, Ohio, verschwunden, nicht irgendwo in Kentucky. Die Art und Weise, wie das Bein abgetrennt worden war, hatte Sonora bei dieser Sache am meisten beunruhigt.
Es war schweißtreibende Arbeit, einen menschlichen Körper zu zerlegen. Die meisten Mörder machten es auf die harte Tour und sägten das Bein – mit der für sie typischen Mischung aus brutaler Gewalt und Teilnahmslosigkeit – in gerader Linie am Oberschenkel ab. Einfacher war es hingegen, das Bein am Hüftgelenk abzutrennen, da diese Prozedur wie das Ausbeinen eines Hähnchenschenkels ausgeführt werden konnte. In dem Fall, an den Sonora gerade dachte, war das Bein auf eben diese so praktische Weise am Hüftgelenk abgenommen worden. Der Fuß aber war ein gutes Stück oberhalb des Knöchels abgetrennt worden. Inkonsequent, hatte sie gedacht, als sie davon gehört hatte. Und es hatte sie irgendwie beunruhigt.
Eine Drachen-Tätowierung oberhalb des Knöchels konnte eine Erklärung für diese Inkonsequenz sein. Ein Mörder, der intelligent und kaltblütig genug war, sich Gedanken über eine möglichst praktische Art der Zerstückelung zu machen, würde bestimmt nicht den Fehler begehen, eine Tätowierung zurückzulassen, die eine leichte Identifizierung ermöglichte. Sonora lehnte sich zurück. »Ich bin ein wenig verwirrt, Mr.
Winchell. Leben Sie und Ihre Frau denn hier in Cincinnati?« Seinem Akzent entsprechend mußten die Winchells aus dem Süden stammen. Unzufrieden in Ohio, wie andere Zuwanderer aus dem Süden auch. Es wäre interessant zu wissen, ob sie aus Kentucky kamen, der Heimat des Bourbon, erfolgreicher Rennpferde, ihres Partners Sam – und möglicherweise auch diverser sonnengetrockneter Leichenteile.
»Wir haben ein kleines Restaurant in Clinton.«
»Und wo bitte liegt Clinton?« fragt Sonora.
Sam kratzte sich am Kopf. »In Tennessee, oder?«
»Ja, Sir, ganz in der Nähe von Knoxville. In Knoxville bin ich aufgewachsen. Ich … wir haben das Lokal vor vier Jahren gekauft. Es ist nur ein kleiner Betrieb in der Innenstadt von Clinton. Aber es ist ein Anfang, und für uns – für mich ist damit ein Traum Wirklichkeit geworden.«
Sonora fiel auf, daß Winchell seine Fäuste ballte. Sie schloß daraus, daß das Lokal ein Streitpunkt in ihrer Ehe war. Der Traum war in der Realität des Alltagstrotts verblaßt.
»Vor einiger Zeit beschloß Julia plötzlich, daß sie diese Tagung hier besuchen wollte. In Cincinnati.«
»Eine Gastronomie-Tagung?« fragte Sam.
Winchell sah hinunter auf seine Füße. »Nein. Bei dieser Tagung ging es darum, wie man ganz allgemein einen kleinen Betrieb führt. Beratung...




