Hildt | Alles | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 268 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

Hildt Alles


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-946086-57-4
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 268 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

ISBN: 978-3-946086-57-4
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein kleines Café an der Ostsee. Eine Insel, die zwar genau genommen keine ist, auf der Lukas Seeger aber mehr als zufrieden ist mit seinem ruhigen, gleichförmigen Leben. Als der totgeglaubte erste Ehemann seiner Frau aus heiterem Himmel im Café auftaucht, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die Lukas zwingen, sich auf eine Reise zu begeben, zunächst in die Sümpfe im tiefen Süden der USA und dann in die rote Wüste von Utah. Nach seinem atmosphärischen Debüt 'Nach der Parade' erzählt Hildt eine ebenso fesselnde wie erschütternde Geschichte darüber, wie gut man die Menschen, die einem besonders nahe sind, überhaupt kennen kann - und welches Maß an Wahrheit nötig ist, welches gut, und welches gefährlich.

Moritz Hildt, geboren 1985 in Schorndorf, ist Schriftsteller und promovierter Philosoph. Nach mehreren längeren Aufenthalten in New Orleans und dem US-amerikanischen Süden lebt, schreibt und arbeitet er gegenwärtig in Tübingen. 2018 und 2020 erhielt er Arbeitsstipendien des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sein Debütroman 'Nach der Parade' erschien 2019 bei duotincta und stand auf der Shortlist des Thaddäus-Troll-Preises.
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1


Alles begann, bevor die Kraniche kamen. Wobei das so nicht stimmt. Es hatte schon viel früher begonnen, lange bevor irgendwer was merkte. Früher dachte ich, dass das, was wir tun, zumindest im Großen und Ganzen dem entspricht, was wir tun wollen. Heute weiß ich, dass es ein furchtbarer Fehler ist, das anzunehmen. Und ich weiß, dass die Vorstellung, wir könnten einen anderen Menschen wirklich kennen und wüssten dann, wer er ist, die vielleicht größte Lüge ist, die wir uns erzählen können.

In diesem Jahr kamen die Kraniche ungewöhnlich spät. Normalerweise sah man die ersten bereits um die Septembermitte herum. Sie kamen von Norden her über das Meer, in großen, keilartigen Formationen. Am Tag konnte man sie dann auf den Wiesen links und rechts der Landstraße sehen, wo sie dicht beieinanderstanden. So selbstverständlich, als wären sie schon immer da gewesen und nicht nur auf der Durchreise zu einem fernen, wärmeren Ort. Abends flogen sie in großen Scharen auf eine kleine, unbewohnte Insel in der Bucht, wo sie jedes Jahr aufs Neue ihre Schlafplätze fanden, solange sie hier waren. Ihr Kreischen war laut und durchdringend und hallte zwischen den Buchen und Kiefern des alten Waldes. Kraniche haben ihr Leben lang denselben Partner. Sie erkennen einander an der Stimme, an dem, was für uns nur schriller Lärm ist. Das wusste ich von einem Ornithologen, einem glücklosen Autoverkäufer, der jeden Herbst für eine Woche hierherkam und dann morgens, nach einer ersten Tour über die Wiesen, mit leuchtenden Augen bei uns im Café einen Ingwertee trank.

Doch bislang blieb die Luft still. Inzwischen war es schon Anfang Oktober, und noch immer hatte keiner einen Kranich gesehen. Die Vogelbeobachter waren schon seit Tagen auf der Insel. Jedes Jahr kamen sie in die Leere, die die Sommerbesucher zurückließen, und sorgten noch einmal für volle Tische. Es war einer jener Herbstmorgen, an denen der auffrischende Wind von der Ostsee den würzigen Duft der Kiefern ins Dorf hineintrug und ihn in der Luft mit einem feinen Sprühregen vermengte. Die Regentropfen schienen dann selbst nach Kiefer zu riechen, nach eisigem Menthol und frischen Waldkräutern. Als würde ein übermächtiger Saubermacher mit einem feinen Zerstäuber den gesamten Ort mit dem reinigenden Duft überziehen.

Ich stand vor dem Café und machte eine Zigarettenpause, wie jeden Tag um halb elf. Der Regen war so fein, dass er mich nicht störte. Einzelne Tropfen lagen, ohne ihre Form zu verlieren, auf dem Stoff meines weißen Baumwollhemds, das ich beim Kellnern trug. Lauter kleine Punkte, die sich nicht berührten. Die Luft war kühl und es war Salz von der See darin. Ich bewegte meine Zehen in den Schuhen. Unter der Socke waren ein paar Sandkörner, die man hier oben nie ganz loswurde. Irgendwann störten sie nicht mehr, und wenn ich sie einmal doch spürte, so wie jetzt, dann erinnerten sie mich daran, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der ich noch nicht hier gelebt hatte.

Auf der Straße war wenig Betrieb. Ab und an kamen Radfahrer vorbei, in Zweier- oder Vierergruppen. In den hautengen neonfarbenen Radlermonturen steckten um diese Jahreszeit meist ältere Leute, von denen kaum einer einen Helm trug. Die elektrischen Motoren ihrer Räder surrten leise. Im Garten des gegenüberliegenden Hauses, einer Fünfsternepension, deren Reetdach gerade erneuert wurde, hatten den ganzen Sommer über Hortensien in einem fahlen, regnerischen Blau geblüht. Keine einzige der buschigen Blüten war mehr zu sehen, obwohl ihre Farbe, dachte ich mir, gut zum Wetter gepasst hätte.

Ein junges Paar schob einen Kinderbuggy auf dem Gehweg. Ich sah, wie sich das Kind, das eine gelbe Regenjacke anhatte, zu seinen Eltern umwandte und etwas sagte. Dabei zeigte der Junge wieder und wieder auf mich. Die Eltern beugten sich zu ihm hinunter. Sie folgten mit ihrem Blick seinem ausgestreckten Arm, sahen sich dann fragend an und schüttelten den Kopf. Als die Mutter erneut zu mir hinsah, veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Sie sagte schnell einige Worte zu ihrem Mann und schob den Kinderwagen dann weiter. Nur das Kind drehte sich noch einmal zu mir um. Ich hob die Hand und der Kleine winkte zurück.

Zwischen der Fahrbahn und dem Gehweg wuchsen Heckenrosen und kleine Kiefernsträucher in schmalen Beeten. An einem vorbeifahrenden roten Nissan quietschten die Scheibenwischer. Ich sah, dass der Kofferraum des kleinen Wagens bis unters Dach voll war mit sorgsam geschichteten Taschen und anderem Gepäck, das passgenau in die Zwischenräume geschoben worden war. Man musste nicht lange hier oben leben, bis man mit einem Blick Ankommende von Abreisenden unterscheiden konnte. Die, die gingen, plauderten beim Fahren und lachten, und das Gepäck war weniger ordentlich verstaut. Die, die kamen, musterten, wie das ältere Paar durch die Windschutzscheibe des Nissans, mit aufmerksamem, erwartungsvollem Blick die Häuser und die abgehenden Seitenstraßen.

Die Waldstraße, an der unser Café lag, war so etwas wie die Hauptader des Dorfes. Sie führte von der Landstraße, die die Insel wie ein umgedrehtes U durchzog, in den Ortskern und weiter bis zum großen Parkplatz am Sandweg, direkt hinter den Dünen. Sie war eine der wenigen Straßen, die neu asphaltiert waren. Viele andere waren noch mit alten Panzerplatten ausgelegt, die der sandige Untergrund mit der Zeit gegeneinander verschoben hatte. Bei einigen hatte man nur die beiden Fahrspuren zementiert, während dazwischen der Boden mehr und mehr auswusch.

Von diesen Straßen führten Auffahrten durch weiß und ockerfarben gestrichene Holzzäune auf Grundstücke, deren Häuser in den vier Jahren, die ich nun schon hier lebte, immer neuer und frischer geworden zu sein schienen. Mehr und mehr der alten, reetgedeckten Häuser bekamen ein neues Dach aus heimischem Schilfrohr, eine sauber glänzende Fassade, einen holzverkleideten Anbau oder einen doppelten Carport. Die Autos auf den Parkplätzen davor, die von Kiefern, Magnolien und Buchen gesäumt waren, wechselten im Frühjahr und Sommer alle ein bis zwei Wochen, und es geschah immer seltener, dass eine Auffahrt für einen längeren Zeitraum leer blieb. Ich fragte mich, ob die beiden ankommenden Urlauber, deren rotes Auto gerade in einer der kleinen Seitenstraßen verschwand, nicht den Eindruck bekommen mussten, dass hier auf der Insel die Zeit verkehrt herum lief.

Helen hatte einmal gesagt, dass es das Versprechen des Ortes war, dass hier nichts Unvorhergesehenes passieren würde. Und so war es: Alles besaß eine klare Form, war sauber, überschaubar und verlässlich und die Entscheidungen, die zu treffen waren, beschränkten sich darauf, ob man den Tag am Strand verbrachte, im Wald wandern ging oder eine Radtour über die Insel machte.

Obwohl Helen und ich immer von der »Insel« sprachen, war es eigentlich gar keine Insel, auf der wir lebten und das Café Strandflucht betrieben. Genau genommen war es eine Halbinsel, die sich klobig ins Meer hineinschob. Auf den Luftaufnahmen, die es an den Postkartenständern zu kaufen gab, sah es so aus, als würde das Wasser beharrlich daran arbeiten, dieses ausgefranste Stück Land mehr und mehr vom Festland loszuwaschen. Aus irgendeinem Grund stellte ich mir immer vor, dass, wenn es der See schließlich gelingen würde, den an der schmalsten Stelle nur wenige hundert Meter breiten Streifen, der die Insel, die keine war, mit dem Festland verband, zu kappen, die gesamte Insel dann einfach davontreiben würde.

Ich nahm einen letzten Zug aus meiner Zigarette und blickte in den Himmel, dessen dichte Wolkendecke den ganzen Morgen über bleiern und schwer gewesen war. Inzwischen ließen sich unterschiedliche Grautöne ausmachen. Es war die Zeit des Tages, um die herum das Wetter oft noch einmal umschlagen konnte.

Ich drückte die Zigarette an einem Laternenpfahl aus, warf sie in den daran angebrachten Mülleimer und ging die wenigen Schritte über den kleinen gekiesten Parkplatz zurück ins Café.

Die beiden Urlauber würden ihren vollgepackten Wagen gerade über eine der unebenen, sandigen und löchrigen Straßen lenken, langsamer noch als die Fahrradfahrer, die müden und engen Augen auf die Hausnummern gerichtet, auf den letzten Metern, die noch zwischen ihnen lagen und ihrem glänzenden, sorgenfreien Domizil für die nächsten zwei Wochen. Mir gefielen sie, die schlechten Straßen. Es war, als würden sie den Ort daran erinnern, dass er trotz alledem eine Vergangenheit hatte. Dass es etwas gab, das ihn wissen ließ, woher er kam und wer er war. Auch wenn es sich dabei nur um den ausgewaschenen Untergrund handeln mochte.

Noch ehe die schwere Holztür hinter mir ins Schloss fiel, spürte ich, wie es passierte, wie meine Wahrnehmung, meine Haltung, mein ganzer Körper zu dem eines Kellners wurde. Es war ein wohliges Gefühl, das diese Veränderung in mir auslöste, und es war noch immer dasselbe wie damals, als ich sechzehn gewesen und das erste Mal in einen Gastraum getreten war, mit einem Block für die Bestellungen, und einem stumpfen Bleistift, da ich mir blind einen aus dem Stapel gegriffen hatte.

Mein Blick richtete sich auf das wenige, was jetzt wichtig war. Auf die Strecke, die ich mit dem Tablett zurückzulegen hatte, auf einen Stuhl, der plötzlich zurückgeschoben wurde, auf einen liegengelassenen Rucksack und den Herrn, der direkt am Gang saß und ausholend gestikulierte. Ohne mein bewusstes Zutun war in meinen Augenwinkeln eine stete Wachsamkeit, auf die ich mich verlassen konnte. Meine Schritte waren zielstrebig und in meinem Gesicht lag ein leises, aufmerksames Lächeln,...


Hildt, Moritz
Moritz Hildt, geboren 1985 in Schorndorf, ist Schriftsteller und promovierter Philosoph. Nach mehreren längeren Aufenthalten in New Orleans und dem US-amerikanischen Süden lebt, schreibt und arbeitet er gegenwärtig in Tübingen. 2018 und 2020 erhielt er Arbeitsstipendien des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sein Debütroman „Nach der Parade“ erschien 2019 bei duotincta und stand auf der Shortlist des Thaddäus-Troll-Preises.



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