E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Hildt Nach der Parade
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-946086-41-3
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-946086-41-3
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Moritz Hildt, geboren 1985 in Schorndorf, ist Schriftsteller und promovierter Philosoph. Er arbeitet als Dozent an der Universität Tübingen und forscht zur Philosophie des guten Lebens. Mit New Orleans, wo er für einige Zeit lebte, verbindet ihn eine nicht enden wollende Leidenschaft.Von ihm sind bereits Erzählungen, philosophische Dialoge und Essays erschienen. 2018 erhielt er ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.
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3
Mit dem Daumen der rechten Hand fuhr Baumann gedankenverloren über das Geländer. An einigen Stellen brach der spröde Lack ab und er sah den blauen Flocken dabei zu, wie sie taumelnd in den Innenhof schneiten. Er wollte den letzten Schluck Kaffee nehmen. Erst, als er die Tasse schon an die Lippen gehoben hatte, merkte er, dass sie bereits leer war.
Die Frau mit dem Tattoo würde wohl nicht mehr kommen. Er ließ den Blick über die Wohnungstüren auf der gegenüberliegenden Seite streifen. Er wusste nicht einmal, in welchem Appartement sie wohnte.
Die Hälfte seiner Zeit in New Orleans war zwar inzwischen vorbei. Letzten Sommer hatte er sich noch vorgestellt, bis jetzt, Mitte Februar, den größten Teil, vielleicht sogar schon eine erste Gesamtfassung seines Romans fertig zu haben. Aber auf der anderen Seite hieß das auch, dass noch weitere sechs Monate vor ihm lagen. Fünf, um genau zu sein. Wenn er sich Mühe gab, war es noch zu schaffen, dachte er. Auf jeden Fall war es an der Zeit, dass er sich auf den Weg machte.
»Jetzt wird’s«, murmelte er versonnen und musste lächeln.
Er drehte sich um und ging die zwei Schritte zur Wohnungstüre. Seine Hand fuhr in die Tasche der dunklen Leinenhose, um den Schlüssel herauszuholen. Doch er griff nur den groben Stoff. Und noch bevor er versuchsweise die andere Hosentasche ausprobierte, wusste er, dass er den Schlüssel in der Wohnung liegen gelassen hatte. Auch das Rütteln an der Türe, die natürlich gleich bei seinem Hinaustreten ins Schloss gefallen war, war nur etwas, das man eben tat, wenn man den Schlüssel vergessen hatte.
Baumann sah auf seine Armbanduhr. Kurz nach elf. Das Flugzeug seiner Frau würde um sechs Uhr landen, post meridiem. Wenn es keine Verspätung gab, würde sie ungefähr eine Stunde später zu Hause sein. Er hatte also sieben Stunden vor sich, die er nun im Freien verbringen musste.
In der rechten Hosentasche war zwar kein Schlüssel, aber seine Hand förderte neben etwas Kleingeld auch einige zerknüllte Dollarscheine hervor. Er ließ die Münzen zurückfallen, strich die Scheine glatt, so gut es eben ging, und zählte sie. Da die Dollarscheine alle gleich groß waren, ganz egal welchen Wert sie hatten, musste er sich dabei immer ein bisschen mehr konzentrieren.
Er hatte alles in allem vierundzwanzig Dollar und ein bisschen Kleingeld. Die Kosten für das Straßenbahnticket abgezogen blieben ihm also gut zwanzig Dollar für das Notizbuch. Natürlich nur, wenn er das Mittagessen ausfallen ließ.
»Wieder einmal Glück gehabt.« Baumann sprach diesen Satz gegen die geschlossene Wohnungstüre. Er stellte den Kaffeebecher vor die Türe und ging Richtung Treppe.
Beim Hinabgehen überlegte Baumann, ob Pete wohl einen Zentralschlüssel für alle Wohnungen besaß. Er vermutete, dass dem so war. Aber er konnte Pete nirgends sehen und hatte keine Lust, darauf zu warten, dass er irgendwann um eine Ecke biegen würde.
Der Wohnkomplex war von einem drei Meter hohen Zaun eingefasst, durch dessen Tor Baumann hindurchtrat, um auf die Straße zu gelangen. Als es in seinem Rücken schepperte, wurde ihm klar, dass das nun schon die zweite Türe an diesem Tag war, die hinter ihm ins Schloss fiel.
Der Stadtteil, in dem sie wohnten, hieß schlicht Uptown, was Baumann ein wenig bedauerte. Gerne hätte er in einem der Bezirke mit klingenderem Namen gewohnt – Gentily, Faubourg Marigny, River Bend, French Quarter, Tremé, Bywater, Garden District –, die er aus dem Stadtplan und von seinen Spaziergängen her kannte. Doch sie hatten die Wohnung über die Universität vermittelt bekommen, zu der man von hier bequem zu Fuß gehen konnte.
Jetzt schlug Baumann nicht den Weg zur Universität ein, sondern ging die Straße in die andere Richtung hinab. Abgesehen von ihrer Wohnanlage, die einen halben Straßenblock einnahm, standen hier vor allem kleine, eingeschossige Häuser, die im selben Stil gebaut waren. Vom Bordstein aus führten Stufen hinauf zu einer Vorderveranda. Im Vorübergehen sah er, dass auf manchen der Eingangsstufen noch die örtliche Tageszeitung lag. Baumann konnte den Schriftzug Times-Picayune auf der Oberseite der gefalteten Zeitungen lesen, die in einer dünnen blauen Folie steckten.
Vor den eigentlichen Haustüren, die von der Veranda ins Innere führten, waren Fliegengittertüren angebracht, in deren feinmaschigen Netzen oft große Risse klafften. Eva hatte ihm erzählt, dass Häuser dieser Bauweise, typisch für den amerikanischen Süden, Shotgun Houses genannt wurden. Drei Räume reihten sich ohne einen Flur hintereinander, und wenn man alle Türen offen ließ, konnte man mit einer Schrotflinte durchschießen, ohne dass das Haus Schaden nahm. Der Name, und vor allem die dazugehörige Erklärung, waren ihm gut im Gedächtnis geblieben.
Überhaupt, fand Baumann, besaßen die Dinge hier eine größere Anschaulichkeit als daheim in Deutschland. Selbst hinter so etwas wie der Bezeichnung einer Hausbauweise steckte eine Geschichte. Diese Dinge waren überall um ihn herum, und er wünschte sich, er könnte sie alle sehen, verstehen, und die Geschichten kennen, die dazugehörten.
Um ein Haar wäre er, während er diesen Gedanken nachging, in die langen grünen Blätter einer Pflanze hineingelaufen, die durch die Streben eines schmiedeeisernen Gartenzaunes hindurch weit auf den Gehweg ragten. Die Blätter waren dünn und liefen spitz zu, wie Schilfgras. Die staudenartige Pflanze ragte rund drei Meter in die Höhe. Baumann kannte den Namen der Pflanze nicht, und er blieb für einen Moment stehen, um sie sich genauer zu besehen. Mit dem Finger fuhr er die fein gerillten Blätter entlang und stellte überrascht fest, dass sie auf der Oberseite scharf waren, so scharf, dass man sich daran schneiden konnte, wenn man nicht achtgab. Versuchsweise drückte er den Finger an den Blattrand und sah zu, wie das feste Blatt die Haut langsam eindrückte.
Er wollte schon weitergehen, als er ein Eichhörnchen entdeckte, das von einer Spitze des Gartenzaunes aufgespießt worden war. Die kunstvoll gearbeitete Zaunspitze, in die ein florales Lilienmuster eingestanzt war, hatte den Körper des grauen Tieres in der Mitte durchbohrt und ragte mehrere Zentimeter aus dem Rücken heraus. Blut war keines zu sehen.
Baumann hörte ein seltsames Sirren über sich und blickte auf. Zunächst dachte er, es käme aus der großen Weide, deren dichte Blätter im Wind leise raschelten, als würden menschliche Stimmen dort oben wild durcheinander flüstern. Das Sirren, das irgendwie elektrisch klang, wollte dazu nicht so recht passen. Es kam, verstand er dann, von der Überlandleitung, wie es sie hier überall in der Stadt gab, und die neben der Weide in eine Art Verteilerkasten mündete.
Zwei Querstraßen später war er an der St. Charles Avenue. Die große, vierspurige Straße zog sich über viele Kilometer wie ein Gürtel um den Bauch der Stadt. Es war eine Allee, über der die Eichenbäume ihre ausladenden immergrünen Kronen ineinanderschoben. Wegen der Bäume, deren grau-braune Stämme und dicke Äste über weite Teile mit grünen Flechten überzogen waren, war es hier selbst an den heißesten Tagen angenehm kühl. Die kleinen Blätter der Flechten kamen Baumann wie gedrungener, urzeitlicher Farn vor. Er war die Straße bereits, in mehreren Etappen, in ihrer gesamten Länge abgewandert. Jenseits der massigen Bäume, etwas von der Straße abgerückt, konnte man, wenn man die Augen offen hielt, immer wieder herrschaftliche Südstaatenvillen sehen, die Zuckerbarone und Baumwollhändler früherer Zeiten hatten errichten lassen und deren hohe, säulenverzierte Eingänge einladend und abweisend zugleich wirkten.
Als Baumann nun in die Allee einbog, stieg ihm der Geruch von heißem Fett in die Nase. Irgendwo in der Nähe musste ein Restaurant sein, er würde demnächst einmal danach Ausschau halten. Doch nicht heute. Heute war dafür keine Zeit.
Er hatte sich vorgenommen, mit dem Streetcar bis zur Endhaltestelle zu fahren, zur Canal Street, in die Innenstadt. Dort, im French Quarter, gab es viele kleine Geschäfte und Boutiquen. Er war sich sicher, dass er dort auch einen Schreibwarenladen finden würde. Schließlich war New Orleans auch für die Schriftsteller und Künstler berühmt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts hierhergekommen waren. Das hatte er in einem Buch über Bohemiens des amerikanischen Südens gelesen, das er auf Evas Nachttisch entdeckt hatte. Er hatte sich darüber gewundert, es dort zu finden, denn Eva las üblicherweise nur philosophische Fachliteratur und Magazine. Die Geschichte von einem Schriftsteller war ihm besonders in Erinnerung geblieben.
Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann in Ohio gewesen, bevor er mit sechsunddreißig Jahren eines morgens aufgestanden war, seine Firma und seine Familie ohne ein Wort zurückgelassen hatte und in den Zug nach New Orleans gestiegen war, den Sunset Limited, um hier als Schriftsteller zu leben. Womöglich hatte er sich an einem seiner ersten Tage in der Stadt ebenfalls aufgemacht, um ein Notizbuch zu kaufen.
Die Idee mit dem Notizbuch war Baumann heute Morgen im Kopf gewesen, noch ehe der durch die Jalousien verdunkelte Raum des Schlafzimmers wieder seine feste Form angenommen hatte. Wie ein Beschluss, den irgendein Teil in ihm gefällt hatte, der nachts nicht zu schlafen brauchte. Alles, was er noch tun musste, war, den Plan in die Tat umzusetzen.
Eva war übers Wochenende zu einer Konferenz geflogen, Baumann hatte schon wieder vergessen, wohin, und er hatte die letzten drei Tage alleine zugebracht. Zwar lebten sie auch in Deutschland in unterschiedlichen Städten und sahen sich während Evas Vorlesungszeit nur jedes zweite Wochenende, und doch hatte er sich an...




