Hildt | Wildnis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 180 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

Reihe: Kurzstrecke

Hildt Wildnis


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-946086-72-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 4, 180 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm

Reihe: Kurzstrecke

ISBN: 978-3-946086-72-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Die blaue Funktionskleidung, die er trug, war dreckig und an vielen Stellen eingerissen. An seiner Schläfe war ein dunkler Fleck, der aussah wie verkrustetes Blut. Er schaute sie nicht an. Sein Blick ging dorthin, wo der Wald begann und sich wucherndes Gestrüpp über den Boden zog, weit hinein bis in die Dunkelheit, die von dort zu kommen schien.' Die Wildnis: ein Ort der Gefahr und Sehnsucht. Aber wo beginnt sie? Wie kommen wir ihr nahe? Und was geschieht, wenn nicht nur wir die Wildnis, sondern auch die Wildnis uns in den Blick nimmt? Ein junges Paar aus Deutschland muss sich diesen Fragen stellen, weit draußen in der rauen Natur des Pazifischen Nordwestens. Ein Jugendlicher, der mit seinem Vater in die österreichischen Berge reist, stößt dort auf Verborgenes. Und vor einer Frau und einem Mann, die sich am Rande einer Konferenz in Tübingen in eine Affäre stürzen, tut sich ein Abgrund auf. In seiner atmosphärischen Prosa lotet Moritz Hildt in drei Novellen das Wechselspiel zwischen Vertrautem und Unberechenbarem aus - zwischen dem, was verführt, und dem, was zerstört. 'Hildts Beschreibungen des Landes, der Menschen, sind eindringlich. Gegenwart, Vergangenheit, Landschaft und Menschen, ihre Geschichten, ihre Fehler, ihr Suchen verschmelzen.' (Reutlinger Generalanzeiger)

Moritz Hildt, geboren 1985 in Schorndorf, ist Schriftsteller und promovierter Philosoph. Er arbeitet als Dozent an der Universität Tübingen und forscht zur Philosophie des guten Lebens. Mit New Orleans, wo er für einige Zeit lebte, verbindet ihn eine nicht enden wollende Leidenschaft. Von ihm sind bereits Erzählungen, philosophische Dialoge und Essays erschienen. 2018 und 2020 erhielt er Arbeitsstipendien des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. 2019 erschien sein Debütroman 'Nach der Parade' und 2020 sein zweiter Roman 'Alles'. Beide standen auf der Shortlist des Thaddäus-Troll-Preises.
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2


Von Brüssel aus (wo in unserem Café am Marktplatz von Stockel gewiss auch heute, so wie an jedem anderen Tag, das Klacken der Billardkugeln zu hören ist) nach Berlin zurückgekehrt: in meine Wohnung in Schöneberg. Durch das Fenster, vor dem mein Schreibtisch steht, sehe ich die gegen den herbstlichen Himmel schlotende Barkasse unten auf dem Kanal: der Mann am Heck hängt Wäschestücke auf eine zwischen Reling und Heckflagge diagonal aufgespannte Leine. Ich habe mich wieder an die Arbeit gemacht: schreibe seit dem frühen Morgen, komme gut voran, anders als vor einem Jahr, als ich steckengeblieben war im dichten Packeis endlos weißen Papiers und nicht vor und nicht zurück wusste mit dem Schreiben, und mich erst ein Gespräch mit Cortázar dazu brachte, nicht aufzugeben, sondern mich einer großen Herausforderung zu stellen. Nulla dies sine linea, hatte Cortázar am Telefon gesagt: kein Tag ohne nützliche Arbeit. Und ich halte mich daran: schreibe weiter, setze mein Protokoll konsequent fort.

Eine Weile noch stand ich da, auf dieser Schnellstraßenbrücke bei Quatre-Bras, und blickte in eine von weißen Wolken überfangene herbstblaue Ferne: Antonio-Luiz und ich kommen schließlich bei unseren Freunden an, die Moto Guzzi wird vor dem Haus geparkt, an der Ecke Baron Albert d'Huart Laan und Avenue des Dames Blanches. Wir treten in das lichte Treppenhaus eines, wie man so sagt, schmucken Stadthauses: geschwungene Balkone laufen dort in weiten Halbrunden um die Stockwerke herum, das marmorierte Treppenhaus glänzt im Schein teurer Wandlampen. Hier wohnt Gregor bei seinen Eltern: oberstes Stockwerk, die Wohnung mit der Dachterrasse, die groß ist wie ein halbes Fußballfeld und ausgestattet mit Riesenpalmen, Sitzmöbeln, Tischchen, Liegen und Bar. Das ideale Biotop für einen Jäger wie Antonio-Luiz Kleber, der auch heute wieder so viele Mädchen verdrücken möchte, wie er kriegen kann (Anick hat schließlich keinen Alleinanspruch). Agnès, die mich erst ignoriert (warum nur?), aber dann doch begrüßt (zaghaftes Küsschen auf die Wangen), hält Kleber für einen Kotzbrocken, einen Macho, Angeber, Aufschneider und so weiter. Der schöne Kleber, pflegt Agnès zu sagen, und irgendwie ist es schon bemerkenswert, wirklich remarkable, my dear, sagt Agnès zu mir, dass du mit ihm befreundet bist, wo es doch kaum zwei gegensätzlichere Typen geben kann, n'est-ce pas? Und sie hat recht: während Antonio-Luiz, der schöne Kleber, stets im Mittelpunkt steht, Zentralgestirn jeder Party, mutig genug, ohne Führerschein herumzubrausen, bin ich immer ein wenig abseits, schüchtern, brillentragender Außenseiter. Vielleicht braucht Antonio-Luiz mich als eine Art Gegenpol, wer weiß? Gregor kurbelt am Volume-Regler: die Bässe bringen die Sonnenmarkisen zum Flattern. Gregors Eltern sind auf Geschäftsreise: Hongkong, Shanghai, Macau, irgendwo dort. Also: sturmfreie Bude, wie man so sagt, und schon sehen wir die halbe 11A auf den hübschen weißen Terrassensofas herumknutschen. Kältebeschlagene Schampuspullen (spendiert von Antonio-Luiz) kullern auf den wertvollen dunkelpolierten Holzboden. Bierflaschen werden mit Feuerzeugen geöffnet, der Wein fließt direkt aus der Flasche in die Kehlen, wieder so eine verdammte Orgie, meint Agnès ein wenig abschätzig ihre Klassenkameraden betrachtend, deren Hände nun in Ausschnitte und Hosenschlitze fassen oder den Joint weiterreichen. Am Himmel über mir sehe ich den Großen Wagen, drüben, weiter im Osten, die in der Nacht glitzernden Fassaden Europas. Wenn ich eines Tages Schriftsteller bin, denke ich für mich, werde ich dies alles aufschreiben, werde ich dies alles beschreiben, den Blick über das nächtliche Brüssel, Agnès, wie sie neben mir steht und in dieselbe Richtung blickt wie ich, Gregor, wie er seine Mähne im Rhythmus der Musik hin- und herschleudert, Fredrik, der sich in einen der monströsen Palmenkübel übergibt, Antonio-Luiz Kleber mit den beiden Mädchen aus der 11C nackt in dem großen runden Plantschbecken, Sektgläser in beiden Händen. Noch ahnt niemand, dass dieser Junge, der schöne Kleber, schon bald, in einigen Jahren, einer der reichsten Männer der Welt sein wird – und dass ich, eines Tages, an einem Schreibtisch in einer Berliner Wohnung sitzend, die Biografie dieses Mannes verfassen werde.

Zwei Tage nach dem Abendessen in der Rue des Blancs-Manteaux bin ich wieder in München: les vacances d'été sont terminées. Beim Abschied gab es freundliche Klapse auf meine Schultern. Cortázar ermutigte mich, mein Studium abzuschließen. Melden Sie sich, junger Freund, sagte er, meine Tür, mein Herz, meine Gedanken stehen Ihnen immer offen. Carol Dunlop schenkte mir eine schwarzgezackte Muschel, aufgeklaubt vor Jahren an einem hübschen Strand in der Nähe von Dieppe. Claire will mich in München besuchen: im Englischen Garten möchte sie zum Monopteros hinauf, und an der Kunstakademie den Dozenten freche Blicke zuwerfen. Da schämte ich mich für meine Höhle, in der ich und meine Freunde, die Staubmäuse, hausen, und die ich Claire, sollte sie je nach München kommen, keinesfalls präsentieren kann. Zu eben dieser Höhle öffne ich nun die Tür. Der Kommunarde, der unter dem Dach wohnt und die freie Liebe zelebriert, hat mir drei Briefe hingelegt, eine Rechnung, ein Schreiben der Universität, einen Brief meiner Mutter, die wohl etwas einsam ist in unserem trauten Woluwe-Saint-Pierre, seit ihr Söhnchen sich vor vier Jahren zum Literaturstudium in München entschlossen hat. Immerhin: meine Mutter und ich tauschen noch Briefe aus (über die Karte hat sie sich sehr gefreut) und telefonieren jede Woche, von Agnès höre ich schon seit dem ersten Semester nichts mehr (und inzwischen stehe ich kurz vor dem Abschluss), und auch zu Kleber und den anderen gibt es keinen Kontakt mehr, denn mit dem Abitur waren wir in alle Himmelsrichtungen davongeweht. Ich öffne das Fenster: in meinem Zimmer ist es warm und stickig (fast wie in der Pariser Pension). Draußen: das krummschiefe Bäumchen mit seinen von der Sonne gequälten Blättern. Auf dem an der Wand kauernden Bett breiten sich die Schätze aus, die ich aus Paris mitgebracht habe, allen voran Cortázars Roman Die Gewinner mit seiner motivierenden Widmung für mich: Dies wiederlesen heißt, den Kopf sinken lassen, bei einer neuen Zigarette vor sich hinfluchen, sich fragen, was für einen Sinn es hat, auf dieser Maschine herumzuhacken, für wen, sag mir mal, wer, der das liest, wird nicht die Achseln zucken, die Sache mit einem Etikett versehen, sie kurzerhand abtun und sich etwas anderes vornehmen, eine andere Erzählung. Julio Cortázar, für einen jungen Freund. Dann: die an dem (verschwiegenen? bezaubernden? idyllischen?) Strand bei Dieppe von den Händen Carol Dunlops vor vielen Jahren aufgesammelte schwarzgezackte Schale einer Muschel. Weiter: ein Stück Papier, herausgerissen aus einer Seite des France Soir, mit der Adresse und Telefonnummer Claires. Weiter: den bei den Bouquinsten erworbenen historischen Plan der Stadt Paris und ihrer Umgebung, dazu einen briefbeschwerenden silbrig schimmernden Eiffelturm, Glanz und Elend der Kurtisanen in einer abgegriffenen Ausgabe, ein Büchlein über das Pantheon und diverse Reklamezündholzschachteln. Auf dem karierten Bettbezug machen diese Dinge einen verlorenen Eindruck: herausgerissen aus dem ihnen gebührenden größeren Zusammenhang, so ganz ohne Rive gauche und Montparnasse und Tuilerien. Ich lasse alles wie es ist, dann gehe ich hinunter in das Geschäft in der Schellingstraße: ob das Geld wohl noch für meine Dillhäppchen reichen wird?

Agnès und ich schlendern über den Friedhof von Laeken: Hand in Hand, ein richtiges Paar, allein mit sich und mit der Welt. Wir schweigen. Gelegentlich eine Geste, ein Blick, dann verstärkt sich der Druck der einen Hand in der anderen. Auf den schwarzen Wasserspiegeln der Steinbrunnen treiben rote und gelbe Schiffchen, herbstliches Glitzern kommt durch die Baumwipfel. Zwischen den Gräbern tauchen blecherne Gießkannen auf und verschwinden gleich wieder. Drüben sitzt der Denker berühmt auf seinem Sockel: Auguste Rodins Skulptur ist einer der Fixpunkte in unserem romantischen Brüsseler Kosmos. Agnès stellt sich daneben und macht Grimassen. Die Eichhörnchen tragen heute putzige Papphütchen. Auf meinen Kopf nimmt ein Spätzchen Platz. Die Gärtner fahren sich gegenseitig in ihren wackeligen Schubkarren spazieren. Amseln spielen mit den Regenwürmern Seilziehen. Die Trauerkränze auf dem Holzgestell neben dem noch frischen Grab verwandeln sich in quietschige Schwimmreifen. Ein schwarzlackierter Labrador spitzt die Öhrchen. Die Witwen hocken sich zum Picknick auf die Grabsteine und packen Thermoskannen aus. Warum haben wir nur wieder unsere Fotoapparate vergessen? Die Glocken von Notre Dame de Laeken fangen nun an zu bimmeln. Unsere Schritte knirschig auf dem erdigen Boden. Im Wasser der Steinbrunnen betrachten wir die verwellten Spiegelbilder unserer Gesichter. Endlos lang waren heute die Stunden in der Schule gewesen: zum Schluss sogar noch Seneca. Doch jetzt sind wir frei. Kauern uns vor dem gedankenversunkenen weißgrauen Steinmenschen ins Gras. Schweigen. Reden. Lachen. Umarmungen. Blicke. Ein Kuss auch. Du willst also Schriftsteller werden?, fragt Agnès. Ohne Zweifel ist unser schmusiges Plätzchen unterhalb des Denkers von Rodin der richtige Ort für eine solche Frage. Doch eine Antwort fällt mir nicht ein. Schließlich sage ich: Ja, das ist mein Traum, mein Wunsch, vielleicht wird eines Tages ein Ziel daraus, und dann ein Plan, wer weiß? Ich sehe dich direkt vor mir, sagt Agnès, wie du in den frühen Morgenstunden die Schreibmaschine quälst, irgendwo in einer großen Stadt, in einem Raum voller Bücher und Bilder, da...


Hildt, Moritz
Moritz Hildt, geboren 1985 in Schorndorf, ist Schriftsteller und promovierter Philosoph. Er arbeitet als Dozent an der Universität Tübingen und forscht zur Philosophie des guten Lebens. Mit New Orleans, wo er für einige Zeit lebte, verbindet ihn eine nicht enden wollende Leidenschaft. Von ihm sind bereits Erzählungen, philosophische Dialoge und Essays erschienen. 2018 und 2020 erhielt er Arbeitsstipendien des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. 2019 erschien sein Debütroman „Nach der Parade“ und 2020 sein zweiter Roman „Alles“. Beide standen auf der Shortlist des Thaddäus-Troll-Preises.



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