E-Book, Deutsch, 470 Seiten
Hill Der Himmel über Dublin
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-244-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 470 Seiten
ISBN: 978-3-98952-244-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Melissa Hill ist eine USA-Today-Bestsellerautorin aus dem irischen County Wicklow. Ihre Romane über Familie, Freundschaft und Liebe erschienen bislang in über 26 Sprachen. Ihr Roman »Ich schenk dir was von Tiffany's« wurde von Reese Witherspoons Produktionsfirma »hello sunshine« für Amazon Prime mit dem Titel »Weihnachtsgeschenke von Tiffany« verfilmt. Die Website der Autorin: www.melissahill.info Auf Facebook: www.facebook.com/melissahillbooks Auf Instagram: @melissahillbooks Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre gefühlvollen Romane »Ich schenk dir was von Tiffany's«, »Wiedersehen in Irland«, »Der Himmel über Castlegate«, »Die Schwestern von Killiney«, »Wiedersehen in Dublin«, »Das Glücksarmband«, »Briefe für ein ganzes Leben«, »Die Freundinnen von Glengarrah«, »Der Himmel über Dublin«, und »Das kleine Café von Lakeview«.
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PROLOG
Ende der neunziger Jahre
Donnerstag, 20. Oktober, 8.40 Uhr
Den hier würde sie nicht verpassen, dachte sie bei sich. Komme, was da wolle, sie würde ihn nicht verpassen.
Das Rattern wurde lauter, so dass sie trotz ihrer spitzen Absätze und ihres enganliegenden Bleistiftrocks keine andere Wahl hatte, als loszurennen – eine äußerst peinliche Rennerei, die sie zweifellos aussehen ließ, als ob sie bei einem Dreibeiner-Rennen mitmachte.
Große Klasse.
Doch sie war diese Woche schon zweimal zu spät dran gewesen und die Woche davor auch schon, deshalb wusste sie, dass sie, wenn sie den Zug heute verpasste, in großen Schwierigkeiten stecken würde. Es sah außerdem so aus, als wäre sie an diesem Morgen nicht die Einzige, die zu spät dran war, dachte sie, als sie noch einen zerrupft wirkenden Pendler ins Fahrkartenbüro rennen sah.
Glücklicherweise hatte sie eine Zeitkarte, und sobald sie im Bahnhofsgebäude war, eilte sie durch die Sperre und atmete vor Erleichterung auf, als sie entdeckte, dass der Zug noch am Bahnsteig stand. Gerade noch rechtzeitig.
Außer Atem von ihrem Sprint, huschte sie durch die Doppeltüren hinein, Sekunden nur, bevor sie zugingen – und blieb dabei fast mit dem Saum ihres kostbaren rosafarbenen Trenchcoats von John Rocha hängen. Das wäre wirklich eine Katastrophe gewesen!
Doch der Passagier hinter ihr war nicht schnell genug gewesen, und als der Zug anfuhr, empfand sie Mitleid für den unglücklichen Pendler, der nun sicher einige Zeit auf den nächsten Zug würde warten müssen.
Sie zuckte die Achseln und hängte sich ihre Handtasche auf der Schulter gerade. So war das Leben eben.
Der Morgenzug nach Dublin war immer voll, und wenn er an dieser Station ankam, gab es in den Waggons normalerweise nur noch Stehplätze. Doch zu ihrer großen Erleichterung gab es heute einen freien Sitzplatz etwas weiter hinten, den die anderen Pendler offensichtlich übersehen hatten. Sie lächelte leise und begab sich schnell zu diesem Platz, voller Freude darüber, sich hinsetzen zu können – vor allem nach der ganzen Rennerei. Doch während sie sich durch die stehende Menge schob, rutschte ihr die Handtasche von der Schulter und den Arm hinunter, bevor sie unglücklich zu Boden fiel. Typisch! Da nahm sie einmal ihre kostbare Orla-Kiely-Tasche mit zur Arbeit, und dann musste sie sie ausgerechnet auf den schmutzigen Boden fallen lassen! Wenig elegant bückte sie sich, um sie wieder aufzuheben – die Vorwärtsbewegung des Zuges und das Gewicht des Aktenkoffers in ihrer anderen Hand brachten sie dabei aus dem Gleichgewicht.
»Hier!« Ein anderer Passagier, ein junges blondes Mädchen, das neben dem Gang saß, hatte die Tasche für sie aufgehoben. Sie schenkte der hübschen rosafarben und weiß gemusterten Tasche einen offen anerkennenden Blick, bevor sie sie ihr zurückgab. » Orla Kiely, nicht wahr?«
»Ja – tausend Dank«, antwortete sie atemlos und setzte erleichtert ihren Weg zu dem kostbaren Sitzplatz fort, den sie in diesem Stadium wirklich dringend nötig hatte.
Die Rückseite ihrer Schenkel tat schon weh von den ungewohnten Anstrengungen, und als sie dankbar auf den Sitz niedersank und ihre Aktentasche auf den Boden und ihre teure Handtasche auf ihren Schoß stellte, dachte sie wieder einmal, dass sie wirklich damit anfangen sollte, ins Fitnessstudio zu gehen.
Während sie die Tasche abstaubte, rutschte sie übertrieben auf ihrem Sitz hin und her und versuchte dem Mann neben ihr einen nicht gerade subtilen Hinweis zu geben, er solle seine Sachen wegräumen, damit sie bequem sitzen konnte. Sie hatte in letzter Zeit ein wenig zusätzliche Polsterung an ihrem Hintern entdeckt, doch das hier war lächerlich – der Mann und seine Habseligkeiten waren überall verstreut! Schließlich kapierte der Herr die Botschaft und nahm – widerwillig, dachte sie – seine Jacke und sein Laptop weg, so dass sie mehr Platz hatte.
Sie fing den Blick einer älteren Dame auf, die ihr direkt gegenübersaß, und die Frau schenkte ihr ein leicht verschwörerisches Lächeln, als wollte sie sagen: »Typisch Mann!« Sie las einen jener lockerflockigen Liebesromane und war, wenn man nach ihrem Alter und der entspannten Art ging, mit der sie sich benahm, höchstwahrscheinlich der einzige Mensch heute im Zug, der nicht auf dem Weg zur Arbeit war. Dann wieder, beschloss sie, als sie einen Typen im Jogginganzug entdeckte, der sich durch die stehende Menschenmenge schob, wer wusste schon, was die Leute so taten?
Die Glückliche, dachte sie und beäugte die ältere Frau neidisch, während sie versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie sich das letzte Mal in einer gemütlichen Lektüre hatte verlieren können. Apropos ... sie griff nach ihrem Aktenkoffer und zog innerlich stöhnend die Dokumente heraus, die sie für die Sitzung heute Morgen durchgehen musste. Eine gemütliche Lektüre war das nicht.
Sie blätterte die Dokumente durch und begann zu lesen, merkte aber bald, dass sie sich nicht richtig konzentrieren konnte. Geistesabwesend wanderte sie in Gedanken immer wieder zu dem, was die Liebe ihres Lebens ihr am Vorabend gesagt hatte.
»Wir müssen reden«, hatte er verkündet. Gott, das war so ein Klischee, doch sie kannten einander in- und auswendig und schienen in letzter Zeit so gut miteinander auszukommen, was, um Himmels willen, konnte also nicht stimmen? Ihr Kopf raste, während sie versuchte, sich ein paar mögliche Szenarien auszudenken – langweilte er sich mit ihr, hatte er beschlossen, dass sie doch nicht zusammen sein sollten oder ...
Und dann traf es sie. Natürlich! Er würde ihr einen Antrag machen! Wenn sie nun daran zurückdachte, war es kein ernstes »Wir müssen reden« gewesen – es war eher ein nervöses »Wir müssen reden«! Nach all der Zeit hatte er sich also mit der Tatsache angefreundet, dass er ohne sie nicht leben konnte! Sie schlang aufgeregt die Arme um sich und zerknüllte dabei ihre Arbeitspapiere. Doch wen kümmerte in so einem Augenblick schon die Arbeit?
Natürlich mochte sie sich irren, und sie konnte sehr wohl voreilige Schlüsse ziehen, doch tief drinnen wusste sie, dass sie recht hatte! Sie verstanden sich fantastisch und waren wahnsinnig verliebt, was konnte also der nächste Schritt sein, wenn nicht die Heirat? Während sie an Anträge und Verlobungsringe dachte, kam ihr ein furchtbarer Gedanke. Bitte, bitte mach, dass er bloß den Ring nicht selber ausgesucht hatte! Der Mann war in jeder anderen Hinsicht perfekt, doch Gott möge ihn lieben, er hatte einen schrecklichen Geschmack, was Schmuck anging! Sie erinnerte sich daran, wie er ihr einmal zu Weihnachten diese absolut hässliche, billig aussehende Silberkette geschenkt hatte – sie sah aus, als hätte er sie in ...
Genau in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken unterbrochen von diesem heftigen ... unglaublich überwältigenden ... ohrenbetäubenden ... quietschenden Geräusch, und sie legte sich sofort die Hände auf die Ohren, um zu versuchen, es auszublenden. Was ging hier vor?
Dann, ganz plötzlich, fing der Zug an zu beben, und obwohl sie keine Ahnung hatte, was los war, spannte sich ihr Körper an, und die Nackenhaare stellten sich ihr auf. Sie sah sich voller Panik im Wagen um und fragte sich, ob alle anderen es auch gehört hatten oder ob sie die Einzige war? Nein, die ältere Frau ihr gegenüber sah erschreckt und verwirrt drein ... alle sahen bestürzt aus ... und dann gab es ein unglaubliches Dröhnen, ein Geräusch, das so betäubend war, dass es nichts ähnelte, was sie bisher gehört hatte. Es war so laut, als wäre es in ihren Kopf eingedrungen, ihren Körper, ihr ganzes Sein. Ihr Herz hämmerte, ihr Hirn wurde überflutet von diesem anderen, noch unerträglicheren Lärm ... und dann schoss ihr Sitz nach vorne ... und ein paar seltsame Augenblicke lang schien es, als krieche die Zeit und alles passiere in Zeitlupe. Auf surreale Weise schien der ganze Waggon aus den Gleisen gehoben worden zu sein, und der Zug fuhr nun in der Luft weiter. Doch das konnte nicht sein, oder?, dachte sie geistesabwesend, als eine ungeheure Kraft sie aus ihrem Sitz hebelte.
Züge konnten doch nicht fliegen, oder?
Donnerstag, 20. Oktober, 10.10 Uhr
Die sonst so selbstsichere und makellos beherrschte Clare Rogers sah heute ganz durcheinander aus und hatte ein weißes Gesicht. Sie starrte blicklos in die Kamera, als wäre sie sich nicht ganz sicher, wo sie war und was sie tat.
Als sie sprach, klangen ihre Worte panisch und unsicher – völlig unangemessen für einen Fernsehprofi –, aber andererseits, dachte sie, wann hatte sie schon jemals über so etwas berichten müssen?
In ihrem Kopfhörer hörte sie die Stimme von Richard Heffernan, die live aus dem Nachrichtenstudio von RTE kam.
»Unsere Korrespondentin Clare Rogers ist am Schauplatz der Zugentgleisung heute Morgen an der Ostküste. Clare, können Sie uns im Moment etwas Konkretes sagen?«, fragte er.
Clare begann langsam. »Nun, Richard, die Noteinsatzkräfte sind gerade vor Ort eingetroffen, von daher gibt es im Augenblick nur sehr vage Angaben.« Ihre Stimme zitterte beim Sprechen leicht. »Ich kann nur bestätigen, dass dieser Zug ein stark frequentierter Pendlerzug war, der die Ostküste mit dem Zentrum von Dublin verbindet. Trotzdem ist es sehr wahrscheinlich, dass es an der Strecke eine Signalstörung gab, weshalb der Zug hier, in der Nähe...




