Hill Lebensretter beißen nicht
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7363-0113-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0113-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vampirin Amy Dodge gibt sich gewöhnlich nicht so schnell geschlagen, aber gerade scheint wirklich gar nichts in ihrem "Leben" nach Plan zu laufen: Schlimm genug, dass sie ihren Exfreund mit einer anderen im Bett erwischt hat und dieser für eine horrende Summe aus der gemeinsamen Werbeagentur aussteigen will - ausgerechnet jetzt, wo der Vampirin die Steuerfahndung im Nacken sitzt. Auch die kleine Auszeit in Norwegen, die Amy wirklich bitter nötig hätte, entpuppt sich als reinste Katastrophe: Ihr Auto gibt in strömendem Regen irgendwo zwischen Fjord und Nirgendwo den Geist auf. Als schließlich ein attraktiver Fremder anhält und anbietet, Amy mitzunehmen, bleibt ihr nichts anderes übrig als zuzustimmen. Dabei weiß Amy vom ersten Moment an, dass sie den charmanten Devon Cooper und die Anziehungskraft, die er auf sie ausübt, nicht auch noch gebrauchen kann ... Mit "Lebensretter beißen nicht" gewann Eliza Hill den Wettbewerb von LYX Storyboard.
Autoren/Hrsg.
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Das weiche Leder gibt ein widerspenstiges Quietschen von sich, als ich auf den Beifahrersitz klettere und kritisch das Innere des Wagens beäuge.
Meiner eingehenden Musterung entgeht der Stapel Zeitschriften nicht, der auf der Rückbank herumliegt, genauso wenig wie die zwei Dosen Cola und die Flasche Blut. Doch nichts ist auf den dunkelroten Sitzen zu entdecken, das für eine Karriere als Massenmörder spricht. Die Flasche Blut erinnert mich nur daran, dass ich mal wieder das Worst-Case-Szenario unterschätzt habe.
In meiner Aufregung habe ich seine blutroten Augen gar nicht richtig registriert. Und jetzt, wo ich mich daran erinnere, spüre ich die Anspannung noch ein ganzes Stück wachsen. Natürlich ist der Kerl ein Vampir. Ebenso wie ich. Natürlich wollte mir das Schicksal nicht einen Vorteil in dieser Episode meines Lebens zugestehen. Wieso muss ich aber auch immer so ein Glück haben? Da strandet man schon im Nirgendwo der achtzehnten Abteilung und dann wird man auch noch von einem vampirischen Schrank aufgegabelt!
»Mist!«, entkommt es mir frustriert.
Ich beobachte misstrauisch durch die Heckscheibe, wie er den Kofferraum öffnet und sein Kopf hinter der Klappe verschwindet. Gespannt warte ich darauf, dass er seine wahren Absichten verrät, indem er eine Axt oder sonst eine Waffe aus dem Wagen zieht und sich mit einem wahnsinnigen Lächeln auf mich stürzt.
Der Kofferraum fällt mit einem Rums ins Schloss, und mein Zeigefinger, der auf der Sprühdose liegt, zuckt nervös. In der Dunkelheit kann ich nicht viel erkennen, und so mache ich mich bereit, ihn zu parfümieren.
Er öffnet die Tür, schiebt seine Füße zuerst ins Auto und lässt den Rest folgen.
Die Lederjacke knarzt.
Seine Augen finden die Sprühflasche.
»Ernsthaft?«, fragt er nur, und mir ist nicht ganz klar, ob er damit meine zur Selbstverteidigung gewählte Waffe meint oder meinen gegenwärtigen Zustand, der ihm seinen Wagen versaut. »Im Handschuhfach ist ein anständiges Taschenmesser.«
»Danke, ich bin versorgt«, presse ich hervor.
Er schenkt mir ein schiefes Grinsen und zieht seine Strickmütze ein wenig tiefer, deren Giftgrün von einem türkisfarbenen Streifen unterbrochen ist, wie mir nun auffällt.
»Wenn Sie das sagen.« Er wartet nicht darauf, dass ich mich rege. Stattdessen greift er nach seinem Gurt, lässt ihn einrasten und startet den Wagen. »Schnallen Sie sich an. Ich habe vor anzukommen, bevor Sie mir meine Sitze auf ewig ruiniert haben.«
Ich warte, bis seine linke Hand das Lenkrad umfasst hält. Als die andere schließlich auf dem Schaltknauf zum Liegen kommt, scheint es mir sicher genug, mich ebenfalls anzugurten. Dabei fällt mein Blick auf meine Beine, und ich gebe ein frustriertes Seufzen von mir. Ich sehe noch schlimmer aus als vermutet.
Meine Zehen stehen in Straßendreck. Matsch hängt an meinen Waden, das schöne Blau meiner High Heels hat sich in ein dunkles Grau verwandelt. Wie meine Ballen und die Ferse aussehen, möchte ich gar nicht so genau wissen.
Sollte ich mir diesen Kerl vom Leib halten wollen, reicht es wahrscheinlich, ihm meine Füße entgegenzustrecken. Ansonsten kann ich dieser Situation keinerlei Nutzen abgewinnen.
Wasser sickert aus meinem Kleid auf den Sitz herab und bildet kleine Bäche auf dem Leder. Meine Beine fühlen sich an wie Blei, mir ist kalt, und ich hasse meinen Exfreund noch ein wenig mehr. Im Grunde genommen ist all das seine Schuld! Alles. Von der Idee, in den Urlaub zu fahren, um den Kopf frei zu bekommen, über die Autopanne bis hin zur Verunglimpfung meiner Fünfhundert-Dollar-Schuhe!
Meine Gedankengänge werden vom laut plärrenden Radio unterbrochen. Heiser und recht aggressiv brüllt mir irgendein Sänger ins Ohr, was für eine Schlampe seine Exfreundin war, und obgleich ich diese Art von Musik eigentlich nicht ausstehen kann, bin ich beinahe versucht, mitzusingen und dabei ein paar Personalpronomen auszutauschen.
Der Sänger schreit weiter, und ich rutsche in Richtung Autotür, weil der Kerl neben mir in der schummrigen Finsternis an Muskelmasse zuzulegen scheint.
Und so beginnen wir unsere Reise durch die Nacht. Ich noch immer mit meinem Deo gewappnet und er konzentriert auf die Straße starrend.
Sein Wagen schaukelt wie ein Schiff auf hoher See, als wir ein besonders heruntergekommenes Stück Straße passieren, und er gibt ein Schnauben von sich. Noch immer hat er mich nicht angefallen, und meine Spannung lässt langsam nach. Er scheint keinerlei Interesse an meiner Wenigkeit zu haben. Weder an meinem Körper noch an der Geschichte, die ich ihm zu erzählen hätte.
Draußen klart es langsam auf, während das Gebläse auf Hochtouren arbeitet. Das kalte Mondlicht fällt strähnig durch die aufgerissene Wolkendecke, und im Auto breitet sich langsam eine angenehme Wärme aus, die mich aufzutauen beginnt. Ich sehe dabei zu, wie sich das fahle Grau meiner Haut in das gewohnte helle Weiß verwandelt, durchbrochen nur von ein paar wenigen kleinen Leberflecken und den Dreckspritzern, die im Dunkeln der Nacht wie ein sehr exzentrisches Tattoo wirken.
Wir fahren schon eine geschätzte Ewigkeit, ohne dass er oder ich einen Ton gesagt hätten. Der Radiomoderator schwafelt gerade etwas von einer Unwetterwarnung für morgen, als ich ein gelbes Leuchtschild mit der Aufschrift »Atlantic« ausmache. Hinter der nächsten Kurve entdecke ich die dazugehörige Fassade eines großen Gebäudes, welches sich im Schatten der Nacht an die Küstenfelsen schmiegt.
Ich könnte heulen vor Glück. »Danke, dass Sie mich mitgenommen haben«, bringe ich raus, weil er mich nicht umgebracht hat und meine Rettung in Sicht ist.
Er blickt kurz zu mir herüber. In der Finsternis sieht er noch ein wenig gefährlicher aus, und die Lederjacke knarrt, als er mit den Schultern zuckt.
»Musste ich wohl«, brummt er und schaltet ein paar Gänge herunter, um seinen Wagen die steile Abfahrt zum Hotel hinunterrollen zu lassen.
Wir rumpeln über den großen, mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz, auf dem eine ganze Horde Motorräder und einige Autos herumstehen. Ich fühle mich hintergangen. Wo waren die alle, als ich liegen geblieben bin?
»Eine Meile von hier kommt eine Passstraße runter. Die ist sehr viel stärker befahren«, erklärt mein Fahrer mir da auch schon, als hätte er meine Empörung gerochen. Vielleicht hat er das auch. Wer kann das bei männlichen Vampiren schon so genau sagen? Manche von ihnen scheinen beinahe übermenschliche Kräfte zu haben, auch wenn sie unverwandelt sind. Und dieses Exemplar neben mir scheint sich jedenfalls nicht in ein Würmchen zu transformieren.
Ich erinnere mich an die beeindruckenden Vampir-Rugby-Spiele, zu denen mich Sean geschleppt hat. Die Spieler dort konnten sich in Bären oder Wölfe verwandeln. Sie waren unglaublich schnell und wendig, aber auch blutrünstig. Ich muss zugeben, ich mag diese weitverbreitete Charaktereigenschaft meiner Spezies nicht. Sich zu prügeln ist vollkommen unzivilisiert, und wären wir heute noch darauf angewiesen, Menschen zu beißen, um zu überleben, hätte ich mich niemals wandeln lassen, egal ob meine Mutter oder sonst ein Mitglied meiner Familie oder meines Freundeskreises darauf gepocht hätte.
Ich mag mein Flaschenblut. Ich mag es wohlerzogen und kultiviert. Ist es vom Rest der Welt zu viel verlangt, dies zu akzeptieren?
In Gedanken versunken bemerke ich erst, dass wir angehalten haben, als der Kerl neben mir aussteigt und der kalte Wind ins Innere des Wagens bläst.
Hastig folge ich seinem Beispiel, da ich kein Interesse daran habe, mich länger als nötig in der Nähe dieses Mannes herumzutreiben.
Mit eiligen Schritten komme ich zu ihm, während er meinen Koffer aus den Untiefen seines Wagens zutage fördert.
Er hält mir meine Habe entgegen, und ich glaube, er wartet darauf, dass ich irgendetwas sage.
Mein Hirn fühlt sich an, als bestünde es aus Pappe. Durchgeschüttelt von der schlechten Straße und erstaunt darüber, heil davongekommen zu sein, kann ich nur wortlos mein schweres Gepäck an mich nehmen.
Er wirft sich seinen eigenen Seesack über die Schulter und zückt seine Autoschlüssel, um seinen Wagen abzuschließen.
»Wiedersehen«, brummt er finster. Damit lässt er mich stehen und geht in Richtung des Hoteleingangs davon.
Ich sehe dem Kerl hinterher, dessen lässige Schritte in der Nacht widerhallen, und spüre einen eiskalten Schauer meinen Rücken hinunterrinnen. Er reizt die Skala der körperlichen Überlegenheit mit einer Natürlichkeit aus, die einfach nicht normal ist.
Vampir hin oder her.
Als ich die schwere Glastür aufdrücke und in die Hotellobby stolpere, begegne ich den gesammelten Blicken eines Motorradclubs, der es sich auf den Sitzgelegenheiten bequem gemacht hat. Offenbar stehen die Maschinen vor der Tür nicht nur zu Dekorationszwecken da.
Der Erste winkt mich mit einem wenig Vertrauen erweckenden Lächeln zu sich hinüber, kaum dass ich einen Schritt in den Raum gemacht habe. Die anderen grinsen lüstern in meine Richtung oder geben ein paar blöde Sprüche von sich, die ihren jeweiligen Nebenmann zu einem noch breiteren Lächeln animieren. Einer von ihnen besitzt die Dreistigkeit, mir seine Fänge zu zeigen. Ich hasse es, wenn Männer das tun. Ich weiß nicht, was uns Frauen daran imponieren oder andere Männer abschrecken soll. Es ist etwas zutiefst Ordinäres. Ich lege keinen Wert darauf, in aller Öffentlichkeit gezeigt zu bekommen, dass jemand mich sexuell anziehend findet. Und Beißen ist ohnehin etwas, das ins Bett gehört....




