E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Hillger Ortolan
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95510-234-0
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Blendwerk des Chevalier John Taylor
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-95510-234-0
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Hillger arbeitet nach langer journalistischer Tätigkeit als freier Autor und Dramaturg. Sein Hauptinteresse gilt dabei historischen Themen, die er oft auf dem Theater verhandelt - so u.a. zuletzt im mehrfach ausgezeichneten Fugger-Musical Herz aus Gold für das Staatstheater Augsburg oder im Melanchthon-Oratorium Got.alein/die.Ehr. Seine Faszination für das Barock-Zeitalter führte zur Neufassung der Beggar's Opera/Polly am Anhaltischen Theater Dessau.
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Evviva il coltellino – es lebe das Messerchen! Zug um Zug, Linie für Linie lösche ich das Offensichtliche, kratze und schiebe das Schwarze und Graue in die reine Leere. Am hohen Himmel habe ich begonnen, die Wolken sind schon gewichen, nun nähert sich meine Hand den fernen Hügeln. Ihre verschwimmenden Höhen werden von steil aufragenden, schärfer gezeichneten Türmen der Kirchen und der Kathedrale durchkreuzt. Bald will ich den Fluss aufwühlen, der sich durch die Stadt windet, von Schiffen besegelt und von Brücken überspannt. Dann schließlich wird die Klinge Türen und Fenster der Häuser am Ufer aufreißen, die Straßen und Gassen von den wimmelnden Menschen und ihrem Unrat säubern, bis wieder unschuldiges Weiß vor mir liegt. Äußerst behutsam muss ich bei meiner Arbeit vorgehen, die Schneide darf sich nicht zu fest in das Blatt graben, sondern nur die Oberfläche mit sanfter Bewegung streicheln. Es ist ein seltsamer Gedanke, die Stadt auszuradieren, in der man selber lebt – als könnte mein Messerchen, ins Monströse vergrößert, plötzlich an unseren Scheiben schaben und die Wände wegschneiden, bis das ganze Gebäude samt Inventar und Insassen für immer im Nichts verschwindet. Doch zugleich birgt diese furchtbare Vorstellung auch eine Verheißung, die ich beinahe biblisch nennen möchte. Denn erst durch die Überwindung, durch die vollständige Zerstörung alles Irdischen können wir ja wieder zur göttlichen Schöpfung vordringen – zu allem Anfang im Wort, dem ich entschiedenen Vorrang vor solchen überflüssigen Bildchen einräume. Indem ich also das Alte vernichte, schaffe ich Raum für Neues: für meine und seine Geschichte, die ich als Palimpsest über die schwindende Ansicht der großen Stadt London schreiben werde.
Der Alte sitzt in seinem Winkel, in tiefe Schatten eingehüllt wie in einen schützenden Vorhang. Selbst wenn ich ihn nicht sehe, kann ich ihn hören und riechen. Sein Atem pfeift leise durch verkrustete Nasenlöcher wie ein an- und abschwellender Wind durch ein zerborstenes Gemäuer. Und der strenge Geruch, den diese menschlichen Trümmer verströmen, ließe sich selbst durch Weihrauch nicht übertünchen – ein aus Talg und Schweiß gemischtes Odeur, in das sich Spuren von Portwein und Urin gemengt haben. Der alte Morgenmantel, der seine einstige Eleganz längst an die allmähliche Verwahrlosung verloren hat, ist durchtränkt von dieser Melange – und da der Alte das Öffnen der verdunkelten Fenster streng untersagt, hole ich mir meine Luft meist durch den Mund.
Fast könnte man meinen, er habe sein Dasein auf die elementaren Verrichtungen des Verzehrens und des Ausscheidens beschränkt. Doch urplötzlich kann er aus leichtem Schlummer aufschrecken und hellwach von seiner großen Vergangenheit fabulieren. Dann muss ich meine allmähliche Auslöschung der sichtbaren Welt unterbrechen und lauschen, selbst wenn ich die immer gleichen Geschichten in wechselnder Ausschmückung schon allzu oft gehört habe. Aber dies ist nun einmal die Aufgabe eines Sekretärs, wie er sich angewöhnt hat, mich zu nennen, obwohl ich ihm zugleich Pfleger, Koch und Lakai bin. Meine eigentliche Profession freilich kennt er nicht – und ich werde sie ihm noch nicht verraten. Einstweilen sortiere ich seine sprunghaften Erinnerungen und schreibe eifrig mit, um meine eigene Rolle in diesem Spiel zu finden. Denn der lange Weg, den er gegangen ist, hat auch mich zu einem Ende geführt. Wir sind auf seltsame Art verbunden, obwohl uns Herkunft und Schicksal nicht füreinander vorgesehen hatten.
Im Anfang war der Ort: Das dreistöckige Haus hatte gewiss bessere Zeiten gesehen, nun stand es grau und schmucklos zwischen eleganteren Nachbarn, als wolle es sich beschämt aus der besseren Gesellschaft wegducken. Schwarze Balken und lehmige Backsteine hatten sich längst in schmutziges Rotbraun gemischt, die einladende Fassade war zur abweisenden Front verschwommen. Die Straße war nicht breit genug, um mir einen ungehinderten Überblick bis unter den Giebel zu gestatten, doch hinter allen Fenstern schienen die Vorhänge verschlossen. Im Rinnstein floss eine träge, zähe Brühe, die von der Hitze des vergangenen Sommers auf ihre Essenz eingekocht worden war und deren bloßer Anblick Ekel erregte: alte Kohlstrünke und Kotbrocken, abgenagte Fischgräten und der aufgeschwemmte Balg einer Krähe schwammen als Einlage im stinkenden Bächlein, das den Abfall und Auswurf gemächlich zu seiner Mündung in das weit verzweigte Adernetz der Stadt trieb.
Ich raffte die Schöße meines Mantels und überquerte das Hindernis mit einem beherzten Schritt. Als ich mit meiner Linken an die Pforte klopfte, hielt die Rechte das Messer fest am Schaft umklammert, die Klinge blieb in den Kleidern verborgen und war nach hinten gerichtet. Die Waffe lag gut in der Hand, ich würde den Arm nur zur Schulter anwinkeln und dann schnell nach vorn stoßen müssen, um den Damaszener-Stahl in der Brust zu versenken und mein tödlich getroffenes Opfer mit einem Griff in die Achseln aufzufangen. Den Sterbenden würde ich schnell in das Haus schieben und die Tür mit dem Fuß hinter mir zustoßen. Dann müsste ich den erschlaffenden Körper nur noch auf den Boden sinken lassen und das Messer behutsam aus dem Leib ziehen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Ich bin ein Virtuose der Überraschung, ein Meister des Prestissimo.
Doch als sich nach langem Warten eine heisere Stimme hinter dem schrundigen Holz vernehmen ließ, kam ich aus dem Konzept. Konnte dieses Krächzen und Krähen, dieses hinfällige Organ zum Ziel meines Auftrags passen? Nach allem, was ich zu wissen glaubte, hätte ich einen kräftigen, volltönenden Bass erwartet, vielleicht auch einen charmanten, leuchtenden Tenor – aber nichts derart Ungebändigtes, das hemmungslos durch alle Register sprang und vergeblich nach festem Halt in den Höhen oder Tiefen suchte.
Wer ich denn sei, schnarrte es aus heiserer Kehle. Ich hatte mir vorsorglich eine Legende zurechtgelegt, die von langer Fahrt und gemeinsamen Bekannten handeln sollte. Doch die Stimme gab sich die Antwort selbst. »Der neue Sekretär, nicht wahr? Ich habe Sie schon erwartet. Nur herein, herein!« Und damit wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, durch den ich mich unter Aufbietung meiner ganzen Kraft zwängen musste. Offenbar war der Herr des Hauses nicht so schwach, wie sein Sprechen hatte vermuten lassen – und ich musste meinen ursprünglichen Plan ganz ins Innere des Gemäuers verlegen. Andererseits verschaffte mir seine Vorsicht den Vorteil, nun gänzlich ungesehen zu Werk gehen zu können. Doch auf diese totale Finsternis war ich nicht vorbereitet.
Während hinter mir das Schloss eilig verriegelt wurde, versuchte ich meine Augen an das tiefe Schwarz zu gewöhnen, das mich umfing. Es war nicht die übliche Abwesenheit von Licht in nächtlichen Zimmern, wo die Dunkelheit noch immer einen letzten Schimmer, eine Ahnung der Konturen in sich trägt. Dieses Dunkel war absolut und barg unvorhergesehene Risiken. Zwar konnte ich mich von meinem Gehör leiten lassen und die Klinge in jene Richtung stoßen, in der ich mein Opfer vermutete. Aber so würde ich ihm vermutlich nur eine Wunde schlagen, die nicht auf Anhieb tötete, sondern vielleicht sogar Gegenwehr auslöste. Ich zögerte eine Sekunde zu lange.
»Oh, verzeihen Sie!« Ein Schwefelholz flammte unvermittelt an einer Stelle auf, wo ich den Sprechenden nie vermutet hätte. »Wie unhöflich von mir. Ich vergesse immer, dass meine Gäste an Licht gewöhnt sind.« Als er die Flamme an den Docht der Kerze hielt, konnte ich dem Alten zum ersten Mal ins Gesicht schauen. Die Jahre hatten seine Haut gegerbt und tiefe Falten eingegraben, doch ein Abglanz einstiger Schönheit war noch zu erahnen. Sein schmales Antlitz endete im spitzen, aber wohlproportionierten Kinn, die hohe Stirn wurde von einer altmodischen, schlecht gepuderten Allongeperücke gekrönt. Die Lippen waren bleich und ein wenig rissig, die Nase marmorierten rote Äderchen.
Aber seine Augen unter den wuchernden Brauen – ach, seine Augen! Milchig und blicklos starrten sie ins Ungefähre, die Pupillen schwammen trübe wie die Spiegelbilder eines Vollmonds im Wimpernried. Nun begriff ich die Finsternis: Der Blinde brauchte kein Licht, er hatte sich in Einsamkeit und Schweigen eingerichtet, weshalb ihm wohl auch seine Stimme entglitten war. »Aber so sagen Sie doch etwas! Erschreckt Sie, was Sie da sehen?«
Ich hätte das einseitige Gespräch an dieser Stelle im Handumdrehen beenden können, doch meine Neugier war geweckt. War der berühmte Mann mit dieser Hilflosigkeit nicht gestraft genug? Hatte nicht Gott an ihm bereits gerächt, was er selbst zuvor so vielen Menschen angetan hatte? Sollte ich den Angeklagten nicht zunächst anhören, ehe ich sein endgültiges Urteil fällte? Ich schob das Messer leise in das lederne Futteral, das ich am Gürtel trug. Nun war es an mir, mich zu offenbaren: »Nein! Ich bin nicht erschrocken … Aber ich verstehe, warum Sie so dringend nach einem...




