E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Himmelberger Der Straßenmörder
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-47182-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-47182-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Himmelberger & Saro Marretta Daniel Himmelberger wurde 1957 in Bern geboren. Arbeitet dort als Schriftsteller und Musiker. Präsident des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins (BSV). Mitarbeit beim MAD-Theater als Musiker und Komponist. 1999 Meisterkurs beim amerikanischen Jazz-Pianisten Kenny Barron. Mehrere CD-Veröffentlichungen als Musiker (Pianist). Buchveröffentlichungen: "Der Straßenmörder", Kriminalroman, Erpf Verlag, Pendragon Verlag,2009 (2. Auflage), tredition Verlag, 2022 (3.Auflage) und Hörbuch, Sprecher Thomas Piper, 2011 (audio media verlag, München). "Kaspar - Café des Pyrénées", Künstlerroman, Autorinnen Verlag Bern, 1997 und tredition Verlag, 2022. "SpracheSprachGespräch", Gedichtband, Fischer Verlag. Zusammen mit Saro Marretta: "Der Tod kennt keine Grenzen", Kriminalroman, Pendragon Verlag, Tandem Verlag (2.Auflage), 2017 Digital Publishers (3. Auflage) und Hörbuch, Sprecher Thomas Wingrich (Saga Egmont). "Die letzte Reise nach Palermo", Kriminalroman, Pendragon, Tandem, 2017 Digital Publishers (3. Auflage). "Spurensuche", Kriminalroman, tredition Verlag, 2021. "Das Blut des heiligen Gennaro - 46 Kurzgeschichten", tredition Verlag, 2022. www.daniel-himmelberger.com Saro Marreta wurde in Sizilien geboren und lebt ebenfalls in Bern. Er schrieb den Bestseller "Das Spaghettibuch", Kurzkrimis und Romane. Weitere Veröffentlichungen: "Agli", "Pronto commissario?", "La commissaria", "Piccoli italiani in Svizzera". Zusammen mit Daniel Himmelberger "Der Tod kennt keine Grenzen", "Die letzte Reise nach Palermo", "Spurensuche" und zuletzt "Die Leiche im Schnee - 46 Kurzkrimis". www. saromarretta.com
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
7
Das Krankenhaus lag am anderen Ende der Stadt Richtung Blankenese, und von seinem Bett aus konnte Christiansen durch das Fenster seines Zimmers weit über die an dieser Stelle besonders breit und ruhig dahinfließende Elbe blicken. Vor drei Wochen war er akut hier eingeliefert und sofort operiert worden. Wenn die Ärzte nicht so rasch eingegriffen hätten, wäre er jetzt tot, sinnierte Christiansen und erschrak bei dem Gedanken, wie wenig er sich bisher mit dem Sterben auseinandergesetzt hatte und wie selbstverständlich ihm seine Gesundheit immer erschienen war. Erst jetzt, angeschlossen an beängstigend viele Schläuche und Apparate, spürte er am ganzen Körper, wie leicht und überraschend ein Mensch aus seinem Alltag gerissen werden konnte, ohne Vorwarnung und dem Schicksal völlig ausgeliefert.
Früher hatte Christiansen fast nie über den Tod nachgedacht. Seine jetzige Situation aber konfrontierte ihn auf unsanfte Art damit, und er merkte, dass es ihm guttat, es endlich einmal zu tun. Je länger er über seinen Beruf, die Familie und die Freizeit nachdachte, umso klarer erkannte er, dass er schon lange nicht mehr er selbst gewesen war, sondern sich beinahe willenlos in sein Dasein gefügt hatte. Er hatte immer geglaubt, dass alles so sein müsse, wie es war, und erkannte erst jetzt im Krankenbett, dass es keinen festen Plan für ein gesundes Leben gab. Vor allem die ihm vorgegebenen Verhaltensregeln – die Disziplin, die Moral und die Ethik –, an denen er nie gezweifelt hatte, erschienen ihm jetzt in seinem Zustand in einem ganz anderen Licht, ja beinahe unglaubwürdig und lächerlich …
Was bedeuteten diese Werte schon vor der Gewissheit, dass der Tod ihn jeden Moment einholen konnte, egal, was für ein Leben er geführt hatte? Christiansen war jedenfalls stark verunsichert und zweifelte zum ersten Mal in seinem Leben daran, ob es richtig gewesen war, sich jahrzehntelang für diese Werte und für die Gesellschaftsordnung abzukämpfen.
Vielleicht wäre es gescheiter gewesen, einen ganz anderen Weg einzuschlagen, und zuerst – wie viele vorwiegend jüngere Menschen es immer wieder versuchten – einen eigenen, ganz persönlichen Lebensweg zu suchen. Er hätte dann die Strapazen seines Berufs gar nicht erst auf sich genommen und wäre vielleicht sogar zum Selbstversorger geworden wie die anderen Aussteiger, die versuchten, von dem zu leben, was sie produzierten. Für Christiansen war es nun ganz anders, als er früher noch über sein Leben gedacht hatte, beinahe aufregend, und doch beruhigten ihn diese Gedanken gleichzeitig ungemein. Das Sterben erschien ihm auf einmal viel einfacher und leichter als noch vor wenigen Wochen, als er noch nicht mal die Zeit dazu fand, auch nur eine Minute daran zu verschwenden. Sterben war bislang für ihn ein Begriff gewesen, der keinen Platz in seiner Gedankenwelt einnahm und den er – wann immer er sich einzuschleichen wagte – verdrängte. Nun hatte ihn der Tod berührt und ihm seine Existenz auf einmal wieder ganz vorne ins Bewusstsein gerückt. Schon hatte er den Glauben an eine höhere Macht, die über ihn bestimmte, fast vergessen. Jetzt zeigte sie sich auf einmal unerwartet von ihrer gewaltigsten und glaubhaftesten Seite. Der Tod war unumgehbar, das wusste Christiansen nun wieder genau. Er hatte ihn zwar verdrängt und vergessen, wie er viele wichtige Fragen beiseitegeschoben hatte. Aber der Tod ließ sich nicht einfach beiseiteschieben, er verlangte, dass man ihn ins Leben einbezog wie eine Geburt oder ein anderes Ereignis, auf das die Menschen nur wenig Einfluss nehmen konnten.
Das zurückkehrende Vertrauen in eine höhere Macht entspannte und beruhigte Christiansen ungemein. Seit er aus der Hektik des Alltags raus war, fühlte er sich trotz Müdigkeit und Kraftlosigkeit viel besser und zufriedener.
Er ahnte auch, weshalb es in der Stadt so viele Verbrechen gab. Wie sollten die Menschen friedlich sein, wenn sie dauernd gestresst waren und sich immer weiter von sich selbst entfernten? So gesehen war es logisch, dass es in Hamburg immer mehr Gewaltverbrechen gab.
Christiansens Gedanken schweiften ab, er war müde und wollte schlafen, einen langen, friedlichen und erholsamen Schlaf.
Lerch öffnete die Tür des Krankenzimmers Nr. 113 im fünften Stock des Marienkrankenhauses. Er erschrak.
Christiansen lag hilflos ausgeliefert in dem von Apparaturen umstellten Bett. Er schlief ruhig und bemerkte den Kommissar nicht, der sich vorsichtig dem Bett näherte.
Der Krankenpfleger, der ihm ins Zimmer gefolgt war, kontrollierte die Apparate, schaute sich den Patienten an und nickte dem Kommissar zustimmend zu.
„Vielleicht sollte man ihn schlafen lassen“, meinte dieser unsicher, doch der Krankenpfleger hatte sich bereits auf den Rand des Bettes gesetzt: „Herr Christiansen, aufwachen, es ist Besuch für Sie da!“
Christiansen blinzelte und verzog das Gesicht.
„Ach, du bist es“, sagte er fast unhörbar, und Lerch beugte sich besorgt zu ihm hinunter.
„Hallo Jan, wie geht’s dir?“
„Ganz gut“, antwortete Christiansen matt.
Der Kommissar spürte, dass Christiansen zu erschöpft war, um lange Gespräche zu führen. Mit der Zusammenarbeit war wohl nichts, dachte er enttäuscht.
„Ich wollte mal vorbeischauen und sehen, wie’s dir geht. Du scheinst dich gut zu erholen, wirst bald wieder auf Trab sein!“, versuchte er ihn aufzumuntern.
„Soso“ erklang es müde von Christiansens Lippen. „Ja Hans, ich kann wirklich nicht klagen, hier sind alle nett zu mir, und die Ruhe tut mir sicher gut. Außerdem habe ich viel Zeit, über das Leben nachzudenken.“
Lerch schaute ihn fragend an. Es war ungewöhnlich, wie Christiansen auf einmal redete. Doch er konnte ihn verstehen, schließlich war er schwer krank, und niemand konnte sagen, was da dann alles in einem vorging.
„Die Blumen und die Flasche Wein sind für dich“, sagte er hilflos. „Du kannst sie ja später trinken, wenn du wieder gesund bist.“ Lerch klopfte ihm ermunternd auf die Schultern. „Na dann, erhol dich gut, alter Junge – und bis bald, auf dem Präsidium!“ Der Kommissar richtete sich vom Bett auf und wollte das Zimmer verlassen.
„Sag Hans, wie läuft’s in der Abteilung?“, hörte er Christiansen fragen.
„Geht ganz gut“, log er, „dein Stuhl bleibt vorläufig leer, wir warten alle, bis du wieder zurück bist!“
„Das kann noch eine Weile dauern, wer kommt für mich in Frage?“
Lerch überlegte, ob er es ihm sagen sollte: Hansen oder Stoltenberg. – Nein, dachte er, das konnte er ihm jetzt nicht antun.
„Es ist noch nichts entschieden“, wich er der Frage aus. „Wir hoffen alle, dass du bald wieder einsatzfähig bist.“
Christiansen schwieg. Er schien nachzudenken. Dann sagte er: „Aber deshalb bist du doch nicht hierhergekommen. Was ist? Hans, sag’s ruhig!“
„Nun, ich bearbeite einen Fall, der mir viele Sorgen macht“, sagte er zögernd. Dann fuhr er hastig fort: „Es geht um die beiden Verkehrsunfälle, von denen du vielleicht auch in der Zeitung gelesen hast.“
„Nein, habe ich nicht.“
Lerch schaute seinen Kollegen besorgt an. Er schien zu überlegen, ob er ihm die Geschichte überhaupt erzählen sollte. Oder den Kranken besser einfach in Ruhe ließ.
„Es geht um zwei Unfälle, bei denen Menschen überfahren wurden und die Fahrer anschließend Fahrerflucht begangen haben.“
Christiansen schaute müde auf.
„Von den Fahrern fehlt jede Spur. In diesen Fällen sind wir nicht weitergekommen, wir haben nichts Brauchbares herausgefunden. Außerdem hab’ ich da so einen Verdacht. Ich dachte mir, dass du vielleicht …“ Er unterbrach sich mitten im Satz und schaute Christiansen fragend an.
„Was meinst du damit“, nahm dieser das Gespräch wieder auf, „etwa, dass es sich nicht um Unfälle mit Fahrerflucht handelt?“
„Du sagst es. Genau den Verdacht werde ich nicht los. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass es sich um Mord handelt. Stell dir vor, Jan, da hat jemand irgendeinen Grund, mehrere Leute umzubringen. Mit dem Wagen kann er sie ohne Weiteres aus dem Weg räumen, ohne dass man gleich an Mord denkt. In Hamburg werden schließlich jedes Jahr unzählige Menschen auf der Straße getötet, wie sollte man da herausfinden können, ob es sich bei den beiden Fällen um vorsätzliche Morde handelt oder nicht?“
„Hm“, brummte Christiansen, „vielleicht hast du recht, aber wie stellst du dir vor, dahinterzukommen, wer die Morde begangen hat?“
„Deshalb bin ich zu dir gekommen. Du kannst mir bei der Sache vielleicht weiterhelfen. – Du kennst doch den Juristen Glaus, nicht?“
„Der mit der Kanzlei im Stadtteil Uhlenhorst, mit Sicht auf die...




