E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Hinnen Change it!
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86774-700-4
Verlag: Murmann Publishers
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
21 kreative Anstiftungen, die ganze Welt, jede Organisation und sogar sich selbst zu verändern
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86774-700-4
Verlag: Murmann Publishers
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andri Hinnen hat International Affairs, Strategie und Internationales Management an der Universität St.Gallen studiert. Nach Stationen bei internationalen Werbeagenturen gründete er Zense - Reframing Complexity, eine Agentur, die sich der Versinn(bild)lichung komplexer Inhalte verschrieben hat und für Kunden wie SWISS, Migros, Allianz, Lufthansa oder Credit Suisse arbeitet. Neben seiner Tätigkeit für Zense ist Andri Hinnen Lehrbeauftragter an der Universität St.Gallen (HSG) und Filmschaffender. Mit dem Kinodokumentarfilm Unter Wasser Atmen gewann er 2011 den Publikumspreis des Zurich Film Festivals und war für den Prix de Soleure nominiert. Er ist Autor von 'Rolf', erschienen bei Elster&Salis, sowie verschiedener Kinderbücher. Dr. Gieri Hinnen hat International Affairs und Management an der Universität St. Gallen, der London School of Economics und der Schulich School of Business in Toronto studiert. Er ist Head of Labor Relations & HR Steering bei Swiss International Air Lines. Zuvor war er dort für den Bereich Strategic Communication verantwortlich. Er unterrichtet als Privatdozent an der Universität St. Gallen (HSG) Public Affairs, Complexity Communication und Sustainability Communication. Vor seiner Tätigkeit in der Luftfahrt war er unter anderem Texter in einer Werbeagentur, an einer Filmproduktion beteiligt und in der Managementberatung aktiv.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Gruppen/Soziale Themen Soziale Fragen & Probleme
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Sachbuch, Ratgeber
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C WIE CONSTRUCTION
Die Dramaturgie der Veränderung
Den japanischen Tausendsassa Takeshi Kitano kennen Angehörige unserer Generation vor allem als Endgegner der abgedrehten Fernsehsendung Takeshi’s Castle. Aber darüber hinaus ist er nicht nur ein von Cineastinnen gefeierter und mit Preisen überschütteter Autorenfilmer, sondern auch der Verfasser des kürzesten Epos der Welt: Der Samurai auf der Toilette. Die in ihrer ursprünglichen Form bereits vor fünfzig Jahren, also lange vor dem Emoji-Zeitalter, verfasste Geschichte geht wie folgt:
Wir würden das Werk wie folgt zusammenfassen: 10 Es war einmal ein Samurai. Plötzlich musste er mal. Er ging. Und danach ging es ihm besser.
Takeshi Kitanos Geschichte eignet sich gut, um der Lieblingsfrage aller Storytelling- und Change-Interessierten auf den Grund zu gehen: Gibt es eine universelle Struktur, welcher alle Geschichten folgen oder folgen sollten? Seit jeher bemühen sich Denkerinnen aus allen Ecken der Welt darum, Theaterstücke, Märchen, Sagen, Bücher, Hollywoodfilme, Alltagserzählungen, Träume sowie reale Veränderungsprozesse auf gemeinsame Essenzen herunterzukochen.
Der altgriechische Philosoph Aristoteles war einer der Ersten, die sich daran versuchten. Dabei ließ er den Topf so lange auf dem Feuer, bis nur noch drei Elemente übrig waren. Ein Anfang, eine Mitte und ein Ende. Am Anfang ist da also der Samurai. Dann passiert irgendetwas mit ihm. Und am Ende ist der Samurai glücklich(er).
Wir konnten der Einfachheit von Aristoteles’ Schema lange Zeit nichts abgewinnen. Ein Anfang, eine Mitte und ein Ende? Ist das nicht selbstverständlich? Doch ein kluger Mann hat mal zu uns gesagt: »Common place is the least common of all places.« Gemeinplätze sind die am wenigsten frequentierten Plätze. Für uns lag die große Einsicht schließlich darin, dass sich Anfang und Ende unterscheiden und die Unterscheidung in der Mitte passiert.
In anderen Worten: Jede Geschichte beginnt mit einer alten Stabilität (Anfang), dann findet ein Aufbrechen und Verändern statt (Mitte), und schließlich folgt eine erneute Stabilisierung, die in einer neuen Stabilität mündet (Ende).
Genau dasselbe hat auch der deutschamerikanische Psychologe Kurt Lewin mit seinem berühmten, aus keiner BWL-Einführungsveranstaltung mehr wegzudenkenden Change-Schema beschrieben: Unfreeze, change, freeze. Auftauen, verändern, einfrieren.11
Doch was passiert in besagter Mitte? Was ist die Veränderung?
Eines unserer Lieblingsschemata teilt die Mitte entzwei. Es besteht aus den Elementen Aufhänger (Anfang), Problem und Lösung (Mitte), Konklusion (Ende).
Zuerst wirft man den Angelhaken aus, um das Interesse des Publikums zu wecken und es über den Status quo zu informieren. Ein Samurai als Charakter ist da sicher nicht verkehrt (wir lieben Samurais). Dann wird der Charakter mit einem Problem konfrontiert: Er muss mal. Er sucht eine Lösung – eine Toilette – und findet sie. Und am Ende folgt die Konklusion, die Schluss-Folgerung: Das Problem ist gelöst. Und der Charakter ist erleichtert. Er hat sich verändert.12
Popularisiert wurde das APLK-Schema vom Apple-Gründer Steve Jobs, der fast alle seine verblüffend einfachen Präsentationen danach strukturierte. Doch auch viele auf Veränderung ausgerichtete Modelle aus der Betriebswirtschaft folgen im Grunde besagter Struktur. Beispielsweise erzählt die klassische, von amerikanischen Business-Schools geprägte Unternehmensstrategie nichts anderes als eine (Wunsch-)Geschichte:
– Den Aufhänger bildet die Mission, der Auftrag der Organisation. Was macht die Organisation eigentlich? Zum Beispiel: »Wir bieten Bankdienstleistungen an und stellen die Liquidität des Wirtschaftssystems sicher.«
– Es folgt eine Situationsanalyse: Wo liegen die Probleme? »Google und Apple drängen in den Markt!«
– Zur Lösung werden Maßnahmen beschlossen und »Capabilities«, Fertigkeiten, entwickelt. »Wir brauchen ein E-Banking!«
– Und schließlich sollen Ziele und eine übergeordnete Vision erreicht werden. »Wir werden als neuer Global Player aus der Asche emporsteigen!« 13
Und natürlich lässt sich das Strategie-Schema wiederum auch auf Geschichten anwenden: Die Mission des Samurais ist es, ein guter Krieger zu sein, seine Vision, der flinkste, leichteste, schnellste aller guten Krieger zu sein. Doch sein Problem ist sein Darm (hätte ihm sein Krieger-Konkurrent bloß keine zweite Ramen-Suppe spendiert!). Und die Maßnahme ist das Aufsuchen einer Toilette.
Ein kurzes Zwischenfazit: Es bestehen also nicht nur die meisten Geschichten, sondern auch fast alle organisationalen und psychologischen Change-Modelle aus dem Eintauchen in eine Status-quo-Situation, einem Aufbrechen und Verändern dieser Situation, mit Problemen, Lösungen, Komplikationen etc., und einem Ende in der einen oder anderen – festen – Form.14
Einer ähnlichen Struktur folgt auch der berühmte »Pixar Pitch« 15, der auf die gleichnamige Trickfilm-Firma zurückgeht: Es war einmal … Jeden Tag … Eines Tages … Darum … Darum … Bis endlich …
Zum Beispiel war da einmal ein ängstlicher Witwer, der seinen Sohn übermäßig behütete. Jeden Tag brachte er ihn zur Schule und warnte ihn davor, den Stadtteil zu verlassen. Doch eines Tages hatten die beiden einen Streit, und der Sohn widersetzte sich den Warnungen seines Vaters – und wurde prompt gekidnappt. Darum musste der Vater seinen Sohn suchen gehen. Darum lernte er Freunde kennen. Darum lernte er sich selbst kennen. Darum lernte er, seine Ängste vor der großen Welt zu überwinden. Und schließlich gelang es dem Vater, seinen Sohn zu finden und ihn zu befreien. Und beide sahen ein, dass Liebe nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen basiert. Erkennen Sie die Geschichte? 16
Was in diesem Schema neu dazukommt, ist eben das: das Neue. Der Samurai geht regelmäßig zur Toilette, seine Geschichte wiederholt sich täglich. Wirklich interessant – wirklich verändernd – wird es, wenn er mit etwas Fremdem konfrontiert wird und er sich in der Folge grundlegend verändern muss.
Am Anfang lernen wir die Protagonistin fast immer in einer ihr bekannten Lebenswelt kennen. Nemos Vater in seinem kleinbürgerlichen Riff, Dorothy aus Der Zauberer von Oz auf ihrem Bauernhof in Kansas oder die gelangweilte Bankmitarbeiterin Maria in einer Filiale in der Provinz. Doch eines Tages bricht das Neue über die Protagonistinnen herein: Der dunkle Ozean raubt dem Vater seinen Sohn, Dorothy wird von einem Wirbelsturm ins verwunschene Land von Oz geschleudert, und Maria erreicht das CEO-Memo zur neuen Digitalisierungsstrategie. Der Rest der Geschichte ist eine Verhandlung mit dem Neuen. Was uns zur wohl berühmtesten Story- und Veränderungsstruktur bringt.
Man riet ihm, es seinen Zeitgenossinnen gleichzutun und eine hochspezialisierte Doktorarbeit zu schreiben. Nur so würde er es in der Welt der Universitäten zu etwas bringen, nur so würde er die düstere Zeit der Wirtschaftskrise überstehen. Doch stattdessen beschloss der junge Amerikaner Joseph Campbell Ende der 1920er, sich in eine Blockhütte zurückzuziehen und einfach zu lesen, was ihn wirklich interessierte: Geschichten. Jahrelang vertiefte er sich in Mythen, Sagen, Märchen aus aller Welt. Er traf sich mit Anthropologinnen und Psychologinnen, verglich, verglich, verglich und kam allmählich einer Antwort zur anfangs beschriebenen Lieblingsfrage aller Storytelling- und Change-Interessierten auf die Spur – und zwar einer, die auf den ersten Blick weit über Aristoteles’ Dreiklang hinausgeht.
Anfang der Fünfzigerjahre veröffentliche Campbell das bis heute viel zitierte Werk Der Heros in tausend Gestalten. Er beschreibt darin den Mono- oder Heldinnenmythos, eine archetypische Reise, welcher fast alle Heldinnen in der einen oder anderen Form folgen. Campbell nennt eine Vielzahl von Stationen dieser Reise – etwa den Ruf zum Abenteuer, die erste Schwelle, die Konfrontation mit einer göttlichen Kraft oder die magische Flucht nach Hause.17 Im Kern geht es immer darum, dass eine Heldin in die Fremde zieht und sich auf Neues einlässt, um daran zu wachsen und zu ihrem wahren – oder ausgereiften – Ich zu finden.
Das Buch fand zunächst unter Fachkollegen Campbells großen Anklang. Doch Ende der Sechzigerjahre entdeckten es junge Filmemacher und nutzten es, um ihren Drehbüchern eine universelle Kraft zu verleihen. Unter seinem Einfluss entstanden Rekorde brechende Filme wie Star Wars, Indiana Jones oder Apocalypse Now. Heute gehört der Heldinnenmythos zur Entertainmentindustrie wie Micky Maus zu Disney.
Auch umtriebige Werberinnen, Kommunikationsexpertinnen und Change-Gurus predigen den Heldinnenmythos längst als Hausmittel für alles. Das Team tut sich schwer mit dem Projekt? Framen wir es als Heldinnenreise! Doch die auf den ersten Blick willkürlich aneinandergereihten Etappen und deren Vielzahl (im Original sind es 17 Stationen) verleiten dazu, Campbells Modell wie ein Malen nach Zahlen zu verwenden und es über Inhalte oder Projekte zu stülpen wie eine Pelerine über den bereits tropfnassen Kindergärtner.
Zugang zu einem tieferen, psychologischeren Verständnis des Heldinnenmythos schafft eine vereinfachte...




