E-Book, Deutsch, 588 Seiten
Hinz Manchmal war ich auch brav
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-6362-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Abenteuerliche Erinnerungen an Deutschlands Nachkriegsjahre
E-Book, Deutsch, 588 Seiten
ISBN: 978-3-7543-6362-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diese Lebenserinnerungen beschreiben auf humorvolle Art die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens in der deutschen Nachkriegszeit. Es sind die abenteuerlichen Ereignisse und Erfahrungen in zwei Regionen Deutschlands, die unterschiedlicher kaum sein können. Erst völlig abgeschieden vom Stadtleben und voller Entbehrungen, aber von der wunderbaren Natur einer einsamen Region Norddeutschlands umgeben. Dann in der von vielen Ruinen gezeichneten Stadt Düsseldorf. Auch hier sind es schwere Nachkriegszeiten, die aber für uns Kinder ein einziges Abenteuer waren. Teils lustige, aber auch gefährliche Spiele begleiteten meine ersten Lebensjahre. Oft war ich im Glauben, schon pfiffig und gewitzt handeln zu können. Mit diesen Bewertungen lag ich jedoch zeitweilig völlig falsch und musste lehrreiche Blessuren ertragen. Meine vielen Streiche, die lustigen Ereignisse, aber auch die herben Erfahrungen aus der Nachkriegszeit habe ich aus dem Blickwinkel der damaligen Kindheit wahrheitsgetreu beschrieben.
Michael Hinz, Jahrgang 1946, wurde in einem kleinen Ort an der Ostseeküste in Schleswig-Holstein geboren. Nach einer technischen Ausbildung und anschließenden Führungspositionen in weltweit richtungsweisenden Unternehmen war er über Jahrzehnte in der Erwachsenenbildung mit Management- und Führungsseminaren sowie in der Personalentwicklung tätig. Diese auch internationalen Tätigkeiten führten ihn in viele Länder Europas und in die USA. Seit dem Jahr 2010 befindet er sich im Ruhestand.
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Vorwort
Von meinem Geburtstag im Juli 1946 bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr lebte meine Familie an zwei grundverschiedenen Orten. Anfangs in völliger Abgeschiedenheit, fern ab von städtischem Leben und nach meinem subjektiven Gefühl, in einer heilen und schönen Welt. Umgeben von wenigen Erwachsenen, Geschwistern und einigen Nachbarkindern waren meine ersten fünf Lebensjahre durch eine fast unberührte Natur geprägt. Das Wohnhaus lag eingebettet zwischen dem etwa vierzig Meter entfernten Seeufer und einer Straße, die aber eigentlich nur ein gelblicher Sandweg war. Gleich dahinter ein dichter Wald. Er war in den vergangenen Kriegsjahren wohl nicht bewirtschaftet worden und konnte sich fast zu einem Urwald entwickeln. Ab 1953 wohnten wir dann in einer Großstadt, die zu diesem Zeitpunkt noch die schweren Wunden des Krieges zeigte. Unzählige Ruinen haben natürlich unsere Abenteuerlust angeregt und dieser konnte ich auch nicht widerstehen. Wie ich selbst, waren die meisten Kinder tagsüber unbeaufsichtigt und damit sehr frei in ihren Entscheidungen, denn alle Eltern mussten hart arbeiten, um ihre Familien zu versorgen. Bei uns Kindern waren oft ganze Armeen von Schutzengeln notwendig, um körperliche Schäden zu vermeiden oder wenigstens gering zu halten. Meine Freunde und ich konnten, neben den bleibenden Narben, auch viele Erfahrungen für das Leben sammeln. Wir alle wurden in diesen Jahren sicherlich sehr stark geprägt. Aus heutiger Sicht habe ich eine finanziell arme aber trotzdem wunderbare Kindheit erlebt. Diese Biografie beschränkt sich lediglich auf die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens. Mit den folgenden Zeilen beschreibe ich kurz, wie das Schicksal meine Familie 1945 an einen abgelegenen Ort in Norddeutschland verschlagen hat. Zugleich möchte ich aber auch vermeiden, mein ereignisreiches und letztlich schönes Leben, mit unheilvollen Erzählungen zu Zeiten des Krieges und damit vor meiner Geburt zu beginnen. Unsere Mutter war mit meinen drei Schwestern im Alter von etwa dreieinhalb, sieben und zehn Jahren aus Ostpreußen geflohen. Sie alle hatten unendliches Glück, dass ihnen ein Platz auf dem vermeintlich rettenden Schiff letztendlich verweigert wurde. Gemeinsam mit tausenden Menschen waren sie auf die schon überfüllte »Wilhelm Gustloff« gedrängt und hatten mit jedem Schritt vorwärts die vermeintliche Rettung vor Augen. Während meine Schwestern in dem Gewimmel Mühe hatten nicht selbst verloren zu gehen, mussten sie auch noch auf ihre zugeteilten Gepäckstücke achten. Nach Erreichen eines Decks wurden sie dann aber unter massiven Drohungen gedrängt, das Schiff wegen der schon vielen tausendfachen Überbelegung wieder zu verlassen. Trotz des intensiven Protestes, bitten und betteln unserer Mutter, durfte sie mit ihren Kindern nicht auf dem begehrten Dampfer bleiben. Während von unten die Menschenmassen versuchten über die Gangways auf das Schiff zu gelangen, strömten alle Abgewiesenen in entgegengesetzter Richtung abwärts. Groß war die Verzweiflung, nach Stunden des kräftezehrenden Auf- und Abstiegs wieder am Kai des Hafens zu stehen. Zu ihrem Glück, gepaart mit der entschlossenen Kraft unserer Mutter, durften sie aber bald darauf auf ein anderes Schiff. Auf dem Dampfer »Hansa«, konnten sie ihre Matratzenplätze unter Deck belegen. Einen Tag später als die »Wilhelm Gustloff« lief auch die »Hansa« aus Gotenhafen aus. Die »Wilhelm Gustloff« wurde noch am Tag ihres Auslaufens am 30. Januar 1945 durch ein russisches U- Boot torpediert und versenkt. Meine Familie hatte somit das unsägliche Glück, bei dieser Katastrophe nicht unter den geschätzten 9.000 bis etwa über 10.000 toten Menschen zu sein. Auch die »Hansa« wurde auf dieser Fahrt nach Westen durch eine Mine beschädigt, konnte sich aber mit erheblicher Schräglage in den Kieler Hafen retten. Aus den Erzählungen meiner Schwestern und meiner Mutter weiß ich, dass sie während dieser beängstigenden Fahrt keine Informationen über die Schäden, Fahrtroute oder Dauer dieser Seereise bekamen. Deutlich spürbar wurde jedoch für die gedrängten Menschen unter Deck eine zunehmende Schlagseite des Schiffes. Durch die anwachsende Schräglage mussten sie ihre Matratzen an der Bordwand dauernd höher rücken, um die möglichst waagerechte Liegefläche zu erhalten. So lagen sie schließlich mehr auf der Seitenwand als auf dem Boden. Irgendwie hat es unsere Mutter auch geschafft, meine drei Schwestern mit Trinkwasser und Essen zu versorgen. Leider hatte sich die älteste Schwester Yvonne irgendwann auf Erkundungstour bis zum Oberdeck begeben und wurde erst mit größerem Aufwand unter tausenden Menschen gefunden. Sicherlich haben diese und andere Umstände unsere Mutter gestärkt und ihr Verhalten für das weitere Leben geprägt. Beherzt, durchsetzungsstark, schnell reagierend und für mein Empfinden etwas zu streng. So ist sie ihr Leben lang geblieben. Ich hatte also schon zu diesem Zeitpunkt und damit lange vor meiner Geburt sehr viel Glück, später noch das Licht der Welt erblicken zu dürfen. Wie auch hunderttausende andere Flüchtlinge, wurde unsere Mutter durch die Behörden auf die ländlichen Bezirke in Norddeutschland verteilt. So kam sie mit ihren drei Töchtern in einem kleinen Dorf an und wurde hier einem Bauern zur Aufnahme zugewiesen. Die Verteilung der Flüchtlinge dort hin wurde durch die örtliche Verwaltung vorgenommen. Da die Beteiligten keinen Einfluss auf die Zuordnung hatten, sind die Landwirte wegen der Zwangsgemeinschaften und der Teilung ihres Wohnraumes nicht immer glücklich gewesen. Neben einigem Handgepäck zählte nur noch eine braune Holzkiste mit einer Breite von über einem Meter und etwa fünfzig Zentimeter Tiefe zu den Besitztümern meiner Familie. Welches Glück, gegen Arbeit im Stall und auf dem Feld gab es rationiertes Essen und vor allen Dingen eine Unterkunft. Es war nicht einfach für unsere Mutter, die vorher in gutbürgerlichen Verhältnissen in Ostpreußen lebte und noch nie derartige Tätigkeiten verrichtet hat. Schnell stellten einige Bauern aber fest, dass unter diesen geflohenen Menschen manche bereit waren, für eine Zusatzration Essen in harter, nicht am Geldmarkt orientierter Währung zu bezahlen. Auf diese Art wechselten dann einige Zuckerrüben, wichtiges Fett oder zusätzliches Brot gegen Schmuck den Besitzer. Wie der Volksmund sagt, »eine Hand wäscht die andere«. Bei genauerer Betrachtung dieser Weisheit gibt uns jedoch schon die Natur eine gewisse Ungleichheit vor. Da wir alle Rechts- oder Linkshänder sind, wäscht eine Hand scheinbar immer etwas intensiver. So wohnten meine Angehörigen erstmals in einem mit Kopfsteinen gepflasterten Pferdestall. Bestimmt hatten sie ihre Freude daran, mit geringen Mitteln einen möglichst sauberen und wohnlichen Raum zu schaffen. Selbst die kleinen Fenster wurden mit zu Gardinen umfunktionierten Stoffresten verschönert. Manchmal war es in der unmittelbaren Nachbarschaft zwar etwas laut, denn die dort untergebrachten Pferde traten auch in den Nächten gegen die trennende Wand oder Holzbarriere. Meine Familie war aber trotzdem sehr glücklich ein neues Heim gefunden zu haben. Die langen und harten Arbeitstage auf dem Bauernhof und später auf den Kartoffel- und Rübenfeldern, sind meiner Mutter und meinen jungen Schwestern bestimmt nicht leichtgefallen. Um aber wenigstens das Notwendigste an Nahrung zu erhalten, blieben ihnen keine Alternativen. Da die Arbeiten lediglich in geringen Naturalien entlohnt wurden, konnte unsere Mutter bei dringendem Bedarf an zusätzlichem Essen nur mit ihrem Schmuck und Wertgegenständen aus der braunen Holzkiste handeln. Ein nicht geringer Teil des Schmuckes und anderer Artikel aus dem vormals gut bemittelten Haushalt unserer Mutter, haben sich als Zahlungsmittel für die notwendige Verpflegung bewährt. Alle Wertgegenstände waren aber ausschließlich der »bäuerlichen Bewertung« und damit einer hohen inflationären Wirkung unterworfen. Leider nicht nur das! Nach einigen Monaten verselbstständigte sich »der Handel«, während meine Mutter und Schwestern bei der Feldarbeit waren. Die Restbestände haben sich leider als »flüchtige Stoffe« erwiesen und sind aus der nicht verschließbaren Kiste spurlos »entwichen«. Selbstverständlich wäre ein abgeschlossener Raum oder wenigstens eine abschließbare Truhe von Vorteil gewesen. Leider bestanden diese Möglichkeiten nicht, da ein Vorhängeschloss nicht zum Hausstand meiner Familie zählte. Unsere Mutter war nach getaner Feldarbeit, der Kinderversorgung und der anschließenden »Hausarbeiten« trotzdem in der Lage, den Bauern auf diesen Missstand hinzuweisen. Diese Reklamation hatte jedoch zur Folge, dass meine Familie nur noch den Vieheingang benutzen durfte. Der normale Hauseingang war für die Flüchtlinge ab sofort verboten. So ist es verständlich, dass sich unsere Mutter bei dem Ortsvorsteher nach einer anderen Unterkunft und vielleicht sogar einer abschließbaren Tür erkundigte. Unbedingt notwendig war solch ein Schutz nicht mehr, denn es gab kaum noch Dinge, die...




