E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Hippe Die verlorenen Töchter
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-423-43437-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-423-43437-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannelore Hippe ist Autorin und ehemalige Rundfunkjournalistin. Neben zahlreichen Radio-Features schreibt sie Hörspiele, Romane und Kurzgeschichten. Unter den Pseudonymen Hannah O'Brien und Hanne H. Kvandal veröffentlicht sie bei dtv ihre erfolgreichen Kriminalromane. Hannelore Hippe lebt in Köln und an der Mosel.
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12. Januar 1943
Tromsø
Åse Evensen zündete die zwei kleinen Kerzen an, die sie heute bei ihrer Arbeitsstelle von der alten Frau Hansen geschenkt bekommen hatte. Dankbar hatte ihr Åse die Hand gedrückt. Das war das erste Mal seit ihrer Ankunft vor mehr als zwei Monaten gewesen, dass jemand überhaupt Notiz von ihr genommen und ein persönliches Wort an sie gerichtet hatte. Zumindest was die Erwachsenen betraf, denn mit den anderen jungen Mädchen redete sie natürlich. Sie waren zu fünft hinten an den Bottichen. Die schicke Marit führte fast immer das Wort. Sie kannte sich aus, kam aus Alta in der Finnmark, was ja auch eine richtige Stadt war, und Åse hörte ihr gern zu, auch wenn sie selbst aus Verlegenheit kaum etwas beisteuerte. Dann gab es noch die kleine Wenche, die meist kicherte, wenn sie etwas erzählte, und sie hatten manchmal Schwierigkeiten, sie überhaupt zu verstehen. Die strenge Borghild schickte ihr dann einen kalten Blick zu, in dem eine Spur Verachtung lag. Åse fand das verwunderlich, weil Wenche doch eine alte Schulfreundin von Borghild war und ihr alles Unangenehme abnahm, wie die kochend heiße Wäsche von den Waschbottichen in die Spülbottiche mit kaltem Wasser zu hieven. Das hassten sie alle, weil es so schwer war und man im Nu patschnass wurde.
Das möblierte Zimmer an der Fru Langes gate im Zentrum von Tromsø war für ihre Begriffe fast luxuriös ausgestattet. Mit Bett, Schrank, Tisch und einem Stuhl hatte sie rechnen dürfen. Doch in der Ecke neben dem Fenster stand noch ein bequemer Sessel mit grünem Samtbezug. Wie in einem richtigen Salon, fand Åse. Der Bezug war zwar an einigen Stellen schon abgescheuert und dünn, doch wenn man darauf saß, sah man das nicht. Zusammen mit einem runden Tischchen, das sie im Schuppen draußen erspäht und dem Vermieter abgeschwatzt hatte, ergab es ein gemütliches Ensemble, das Åse liebte und auf das sie stolz war.
Die Kerzen standen auf dem Tischchen, als sie sich mit einer Tasse Kaffee – »Fastkaffee«, wie sie den Kaffeeersatz aus geröstetem Eichelmehl nannte – in den Sessel fallen ließ. Rundum herrschte Dunkelheit. Noch dauerte es etwas über eine Woche, bis sich die Sonne wieder zaghaft zeigen würde. Normalerweise war die Polarnacht nichts Besonderes für Åse. Sie stellte sich jedes Jahr pünktlich Ende November ein und zog sich auf dieser Höhe des Polarkreises bis zum 20. Januar hin. Zwei Monate, in denen es nur zwei Stunden lang, zwischen elf und ein Uhr mittags, vage dämmerte. Der Rest des Tages bestand aus unerschütterlicher Dunkelheit. Tagesdunkel. Tintenblauem Dunkel. Polardunkel. In dem sich tanzende Schneeflocken in Millionen von Glühwürmchen verwandelten, bis sie erschöpft zur Erde stürzten.
Die Polarnacht machte sie nicht müde wie manch anderen hier oben, und glücklicherweise lag schon seit dem letzten November, als die Sonne sich verabschiedet hatte, eine dicke Schneedecke, die dem Dauerdunkel ein wenig die Bedingungslosigkeit nahm. Das Weiß des Schnees beleuchtete Åses Weg zur Arbeit, wenn sie jeden Morgen um Viertel vor sieben aus dem einstöckigen roten Holzhaus trat, um hinauf zur Wäscherei der Besatzungsmacht zu gehen.
Die Wäscherei lag in einem Nebengebäude der Stadtverwaltung von Tromsø am Kongsbakken. Zwei ältere Frauen nahmen dort die Wäsche an. Sie waren die Einzigen, die in direkten Kontakt mit den Deutschen kamen, die ihre Wäsche bei ihnen ablieferten. Åse fragte sich, ob das Absicht war, wagte aber nicht, die anderen Mädchen danach zu fragen.
Die jungen Frauen wie Åse hatte man nach hinten an die hölzernen Zuber und die riesigen Mangeln verbannt. Manchmal jedoch stahl sich eine von ihnen unter Kichern und Vorwänden gerade dann nach vorn, wenn der Feind mal wieder seine schmutzige Wäsche brachte. Borghild tat das nie.
Åse stand auf und schenkte sich aus der Aluminiumkanne nach, die in einer Klappe des Ofens zum Warmhalten stand. Wie sie diesmal die Dunkelheit hasste.
Der Sessel am Fenster wäre ein idealer Beobachtungsposten gewesen, eine Art Aussichtsturm mit freiem Blick auf das Großstadtleben. Bis zur Hauptstraße, der Storgata, hätte man von hier aus blicken können. Ein Logenplatz für das Kommen und Gehen sämtlicher Nachbarn. Auf dem Hof auf Senja war nie jemand am Fenster vorbeigelaufen. Außer den wenigen Nachbarn natürlich, doch die zählten nicht für sie.
Åse hob vorsichtig den Verdunkelungsvorhang hoch und spähte hinaus. Auf der anderen Straßenseite schippte eine Frau im dicken Wollmantel Schnee vor dem Eingang ihres Schuppens. Sie hatte sich einen Schal um das Gesicht gebunden. Es hatte am Nachmittag kurz, aber heftig geschneit.
Åse ließ den Vorhang zurückfallen. Wegen der Tagesdunkelheit war Åses erstklassiger Parkettsitz bis zum 20. Januar nichts als ein gemütlicher Sessel. Nein, sie musste noch bis weit in den März darauf warten, bis sie im Schutz der Helligkeit am frühen Abend am Fenster Platz nehmen konnte. Aber dann! Åse lachte voller Vorfreude und Ungeduld. Das würden Abende werden, auf die sie sich wirklich freute.
Während der ersten paar Wochen war sie nach der Arbeit noch durch die Storgata geschlendert. Bis zum uralten Eisbären, der ausgestopft vor dem Laden mit den Trachten Wache hielt, und dann bis zur Kirche und wieder zurück. In jedes Geschäft hatte sie gestarrt. Viele Auslagen gab es nicht und gewechselt wurde so gut wie nie, sodass Åse, um nicht zu früh in ihrem Zimmer einzutreffen, in der zweiten Woche angefangen hatte, die verschiedenen Gegenstände in den Schaufenstern zu zählen. Vier »Trollmesser«, Messer mit den geschnitzten Griffen aus Rentierhorn, die man für die Jagd und den Fischfang benutzte. Drei Beutel Kaffeemehl, natürlich nicht richtiger Kaffee, sondern »Fastkaffeemehl«.
Am meisten hatte sie immer vor der Leihbücherei zu tun. Da konnte sie die Bücher zählen, die am Tag zurückgebracht worden waren. An jedem zweiten Samstagnachmittag, wenn sie freihatte, lieh sie selbst dort Bücher aus.
Am liebsten las sie Reisebeschreibungen und Liebesromane. Einmal hatte, als sie mit dem Zählen der Bücher fast fertig war, Borghild sie dabei überrascht. Jemand hatte ihr vorwurfsvoll auf die Schulter getippt und gefragt, was es denn da zu sehen gäbe. Åse drehte sich um und sah das verächtliche Gesicht ihrer Arbeitskollegin ganz nah vor sich. Da war Åse rot geworden und hatte nicht zugeben wollen, dass sie jeden Abend aus lauter Einsamkeit hier stand und die zurückgegebenen Bücher zählte.
Borghild war aus Tromsø und wohnte bei ihren Eltern. Bis jetzt war Åse von niemandem zu sich nach Hause eingeladen worden. Nur einmal hatte die laute Marit, die sich das Kopftuch immer wie einen eleganten Turban um die Haare schlang, sie gefragt, ob sie nicht am Sonntagnachmittag in eins der Kaffeehäuser der Stadt mitgehen wolle, zusammen mit drei anderen Mädchen, um zu gucken. Dort verkehrten angeblich deutsche Soldaten. Man bräuchte ja nicht mit ihnen zu reden, nur ab und zu hingucken oder zurückgucken. Das sei sehr lustig, hatte sie gemeint, und völlig harmlos. Dafür würde sie sich verbürgen. Åse hatte das ohne zu zögern abgelehnt. Mit den Mädchen lachen und Kuchen essen zu gehen, hätte ihr schon Spaß gemacht, aber was, wenn sie nun doch mit Deutschen redeten? Bei Marit konnte Åse das nicht ausschließen. Hätte sie dann aufstehen und gehen sollen? Wie hätte das denn ausgesehen?
Nein, lieber wollte sie nicht riskieren, sich lächerlich zu machen. Deshalb bliebe sie am Sonntagnachmittag allein. Sie würde wie jetzt im Sessel sitzen und lesen. Vielleicht einen Brief schreiben an Asbjørn und die Eltern. Sie würde ihnen erzählen, wie wunderbar es in der großen Stadt war, und versichern, dass sie, obwohl sie für die Deutschen arbeitete und von ihnen bezahlt wurde – gut bezahlt wurde –, niemals mit ihnen redete. Auch auf der Straße schaute sie sofort nach unten, wenn Soldaten ihr entgegenkamen. So viele waren es, dass sie die Hauptstraßen von Tromsø, zumindest die vom Schnee befreiten, aufgrund ihrer Asphaltierung und der Anzahl und Lage der Schlaglöcher schon hätte identifizieren können.
Die Bücher auf dem Regal im Fenster der Leihbücherei jeden Abend erwähnte sie nicht in ihren Briefen.
Åse warf einen Blick auf ihre neue Armbanduhr. Die hatte sie sich vom ersten eigenen Lohn gekauft. Selbstverständlich war sie gebraucht. Der Uhrmacher auf der Vestregate gegenüber der Wäscherei hatte ihr eine kleine Auswahl reparierter Armbanduhren gezeigt, die niemand abholen wollte. Eine davon gehörte jetzt ihr. Halb acht Uhr abends zeigte sie an.
Plötzlich hatte Åse eine Idee. Wieso war sie nicht schon vorher darauf gekommen?
Auf Zehenspitzen stand sie auf und löschte das Licht. Dann beugte sie sich über die Kerzen und blies sie vorsichtig aus. Sie zögerte. Der Verdunkelungsvorhang musste zugezogen sein. So lautete die Verordnung der Deutschen. Während der Polarnacht musste er vierundzwanzig Stunden lang geschlossen sein. Doch galt das auch, wenn kein Licht brannte?
Mit einem Schwung zog Åse den Vorhang auf. Dann musste sie sich sofort setzen. Ihre Knie wurden weich und ihr Herz hämmerte bis zum Hals. Ihr Pullover! Sie trug einen hellblauen Pullover. Der musste ja leuchten wie ein Leuchtturm! Der Kloß in ihrem Hals drückte sie. Als sie schon kurz davor war, den Vorhang wieder zu schließen, setzte sie sich schnell und konnte plötzlich wieder frei atmen. Fast zehn Minuten saß Åse regungslos da, den Blick auf den kleinen Tisch vor sich geheftet. Erst dann wagte sie, zaghaft hinauszusehen. Davon hatte sie seit dem Einzug in dieses Zimmer geträumt. Sie hatte die Tage gezählt und sogar...




