E-Book, Deutsch, 313 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Hirschleb Oberpfälzer Blutnächte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-66200-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Oberpfälzer Psychothriller
E-Book, Deutsch, 313 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-66200-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Hirschleb, geboren 1950 in Thüringen, lebt heute in Bayern. Seine Ausbildung als Psychiatrie- und Krankenpfleger absolvierte er Ende der 60er-Jahre an der Psychiatrischen Universitätsklinik Düsseldorf. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er mit kranken und hilfsbedürftigen Menschen in den verschiedensten Einrichtungen. Im Ruhestand widmet er sich nun seiner heimlichen Leidenschaft: dem Schreiben von Büchern. Im tredition-Verlag veröffentlichte er sein Erstlingswerk, den Science-Fiction-Roman »Die Rückkehrer«, sowie vier Kriminalromane über den Sonderermittler Harry Nitzer, der unaufgeklärte Mordfälle neu aufrollt. Sie erreichen den Autor per E-Mail unter: Manfred-Hirschleb@outlook.de
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Das kleine Dorf Recigär, unweit von Aminioas und 330 Kilometer von Bukarest entfernt, war eines der ärmsten im Land; eine Ansammlung heruntergekommener Häuser und Hütten aus Bruchsteinen und Holz, mit Dächern aus Wellblech oder porösen Zementschindeln, die leidlich die Sommerhitze abhielten, aber nicht den Regen. Verwitterte und windschiefe Holzzäune zeugten vom Verfall. Früher waren sie bunt bemalt, in Grün und Blau, wie die Türen und Fenstereinrahmen, von denen jetzt die Farbe abbröckelte. Überall nagte der Zahn der Zeit. Der Dorfbrunnen, der die Bewohner mit dem lebensspendenden Nass versorgen sollte, war versiegt, sodass das Wasser mühsam vom Fluss geholt werden musste. Ohne die Gärten, die mit Fäkalien gedüngt wurden, wären die meisten längst verhungert. Früher versank die Dorfstraße im Frühjahr und Spätherbst regelmäßig im Schlamm, doch seit zwei Jahren blieben die Regenfälle aus. Das Land ächzte unter der Dürre, sodass viele Tiere geschlachtet werden mussten. Das war nicht immer so. In der postkommunistischen Ära gab es Arbeit und genügend zu essen, doch jetzt … Abgehängt von den Segnungen der EU, die in den Taschen korrupter Politiker und dem organisierten Verbrechen versickerten, herrschte bitterste Armut. Diejenigen die ein Stück Land, ein Pferd oder eine Kuh besaßen, galten als privilegiert. Einige erhielten eine minimale Rente, andere wiederum lebten von dem Geld, das ihnen Angehörige aus dem Ausland schickten, während die Großeltern sich um die Kinder kümmerten.
Nicht so bei den Stoicas. Sie bekamen nichts. Seit Nicolaies und Zinas Eltern sie vor fünf Jahren verließen, hatten sie nie wieder etwas von ihnen gehört. Weder ein Brief noch ein anderes Lebenszeichen. Seitdem lebten sie von der Hand in den Mund. Opa bezog ein paar Leu Rente, was hinten und vorne nicht reichte, wären da nicht die Ziegen und Hühner gewesen. Die Ziegen lieferten Milch für den Käse und manchmal, an den Feiertagen, landete ein Zicklein als Festtagsbraten auf dem Tisch. Wenn ein Huhn keine Eier mehr legte, erging es ihm ebenso. Alles andere, wie Mehl, Zucker und Salz, musste gekauft werden. Für sich selbst brauchten Oma und Opa nur das Nötigste und verzichteten zugunsten der Kinder, insbesondere an den Festtagen, um ihnen diese zu verschönern.
Nicolaie war zwölf, erkannte aber sofort, was das schwarze Auto zu bedeuten hatte, das sich in einer Staubwolke dem Dorf näherte. Vor zwei Jahren war es schon einmal hier gewesen und als es wieder wegfuhr, fehlten Iliana und Radu. Sie war erst fünf und er sieben. Jeder wusste Bescheid, sogar der Bürgermeister Bogdan Ionescu, doch niemand verlor ein Wort darüber. Es war Tabu und Fluch zugleich – Tabu der Schande und Fluch der Armut.
Nicolaie erinnerte sich mit Wehmut daran, wie sie sich heimlich zum Haus des Ortsvorstehers geschlichen hatten, der als Einziger einen Fernsehapparat besaß. Und da die beiden zu klein waren, um durchs Fenster zu spähen, hatte Nicolaie aus alten Zaunlatten eine Kiste gezimmert. Fasziniert hatten sie dem Bericht über die Route 66 zugesehen. Amerika … eine Welt voller Wunder und so völlig anders als die ihre. Später trafen sie sich unten am Fluss und gaben sich das Versprechen, eines Tages in das Land ihrer Sehnsüchte zu reisen. Iliana träumte von einer Model-Karriere und sah sich schon auf den Seiten der Illustrierten, in der Mama ständig geblättert hatte und deren Bilder längst verblasst waren. Ihren Papa hatte sie nie kennengelernt. Radus und Nicolaies Traum war es, mit einer Harley Davidson auf der Route 66 in die untergehende Sonne zu brausen, obwohl sie Easy Rider nie gesehen hatten. Sie träumten von Amerika, bis Radu und Iliana mit der Limousine verschwanden.
Seit die Arthritis Razvan plagte, saß er die meiste Zeit auf der Bank vorm Haus, seinem Lieblingsplatz. Obwohl die Sonne unbarmherzig herniederbrannte und die Hitze kaum zu ertragen war, linderte sie die Schmerzen in seinen arthritischen Gelenken. Er war sich der Bedeutung des schwarzen Autos durchaus bewusst, doch es gab Wichtigeres. Wenn es nicht bald regnet, muss ich die Ziegen schlachten. Und ohne Nicolaie, der das Wasser vom Fluss heraufholt, werden wir verdursten. Sie waren zu alt und gebrechlich, um den Hin- und Rückweg zu bewältigen.
Das Leben hatte tiefe Spuren in sein Antlitz gegraben. Voller Runzeln und Falten, das schlohweiße Haar von einem speckigen Hut bedeckt, saß er gebeugt da und stützte sich auf seinen Stock, der verhinderte, dass sein ausgemergelter Körper vornüber kippte. Keine Miene regte sich in seinem Gesicht, doch bei genauerer Betrachtung konnte man sehen, wie ein paar Tränen in seinen struppigen Bart sickerten. Er hatte Elend, Grausamkeit und Tod erlebt, sodass er sich keinen Illusionen mehr hingab. Und dennoch, bei dem Gedanken daran, was er vorhatte, rührte es sein Herz zutiefst. Es schmerzte unendlich, doch was blieb ihm anderes übrig? Verhungern, wie einige im Dorf? Aber dazu war er nicht bereit. Wenigsten für kurze Zeit kann ich die Katastrophe abwenden. Bogdan hat mir versichert, dass es ihr dort, wo sie hinkommt, besser ergeht und ihr nichts passieren wird. Hat er mich deshalb zum Verkauf ermuntert? Er hat doch selbst vier Kinder, warum hatte er keines verkauft? Gilt das nur für die anderen? Und die Einkäufer? Wer sagt ihnen, an welcher Haustür sie klopfen müssen?, ging es ihm durch den Kopf.
Kurz darauf hielt der Wagen vor ihrem Haus. Die Insassen warteten, bis sich die Staubwolke gelegt hatte, und stiegen aus. Beide in Schwarz gekleidet, ging der Mann auf ihn zu, die Frau dagegen stützte sich auf die offene Wagentür und schaute verächtlich zu ihm rüber. Ich muss mich entscheiden, rang er mit seinem Gewissen, während drinnen auf dem Herd die Suppe köchelte. Ein paar verschrumpelte Möhren, Kartoffelstücke und etwas Grünzeug, mehr hatte der Garten nicht hergegeben.
Um die Kinder abzulenken, stellte Oma Stoica den Topf auf den Tisch, füllte die Teller und sprach ein Dankgebet. »Esst, die Suppe wird kalt. Opa kommt gleich«, ermunterte sie die beiden. Es gab nicht einen Tag, an dem sie das kärgliche Mahl nicht gemeinsam einnahmen. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. All ihr Flehen hatte nichts bewirkt, denn als Oberhaupt der Familie duldete ihr Mann keinen Widerspruch. Schließlich hatte sie es aufgegeben, obwohl es ihr das Herz zu zerreißen drohte. Zina oder Nicolaie … wen wird es treffen?, fragte sie sich. Er hatte sich beharrlich geweigert, mit ihr darüber zu sprechen, und nun war es so weit.
Über den Löffel hinweg spähte Nicolaie aus dem Fenster und sah, wie Opa mit zitternden Händen das dünne Geldbündel zählte. Sofort war ihm klar, was das zu bedeuten hatte. Seit die Eltern sie verlassen hatten, war Opa Vaterersatz und Vorbild zugleich, der ihn stets liebevoll behandelt hatte, was gleichermaßen auf Zina zutraf. Die Erkenntnis, dass er sie verraten und an die Menschenhändler verkaufen wollte, traf ihn mit voller Wucht, sodass sein Herz heftig zu pochen anfing. Angst schnürte ihm die Kehle zu und er hatte das Gefühl zu ersticken. Der Gedanke, dass Zina … Damals hatte das Verschwinden seiner Freunde in ihm eine Leere hinterlassen, als hätte man ihm einen Arm oder ein Bein abgetrennt, und seine Träume von der Route 66 mit Gewalt aus dem Kopf gerissen. Seitdem träumte er nie wieder von Amerika. Was ihm blieb, war Zina. Wenn sie unten am Fluss saßen und angelten, um ihr kärgliches Mahl mit ein paar Fischen zu bereichern, versuchte er jedes Mal die Träume zurückzuholen – doch vergebens. Ich werde auf sie aufpassen, hatte er sich damals geschworen und sie nicht mehr aus den Augen gelassen. Er verfolgte sie auf Schritt und Tritt und beschützte sie wie seinen Augapfel. Außer Oma und Opa war sie das Einzige, was seinem Leben einen Sinn gab. In der Schule hatte es sich herumgesprochen, dass man von den verkauften Kindern nie wieder etwas hörte. Was blieb, waren die Erinnerungen an sie. Ständig quälte ihn die Angst, das schwarze Auto würde eines Tages vor ihrer Tür haltmachen. Iliana, Radu … hämmerte es in seinem Kopf, sodass sich alles in ihm auflehnte.
Wütend stieß er den Teller von sich, sprang auf und schrie: »Nein, nein … nicht Zina!« Panisch ergriff er ihren Arm, zerrte sie vom Stuhl und rannte mit ihr durch die Hintertür nach draußen, vorbei am Bretterverschlag, hinter dem die Hühner im staubtrockenen Boden herumpickten, und dem Pferch, in dem die Ziegen vor Hunger schrien. »Schneller, schneller, sie wollen dich mitnehmen.«, keuchte er. »Zur hohlen Weide unten am Fluss …«
Die kleine Zina, acht Jahre alt, mit schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen, in denen sich die Angst widerspiegelte, hielt Nicolaies Hand fest umklammert, um nicht hinzufallen. In ihrem bunten Kleidchen, das vom vielen Tragen fast...




