Hoag | In aller Unschuld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten

Reihe: Sam Kovac und Nikki Liska ermitteln

Hoag In aller Unschuld


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-8412-3701-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten

Reihe: Sam Kovac und Nikki Liska ermitteln

ISBN: 978-3-8412-3701-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die grausamen Morde an der Familie Haas haben die Stadt erschüttert. Für alle steht fest: Karl Dahl ist der Täter. Doch als Richterin Carey Moore seine Vorstrafen für unzulässig erklärt, zieht sie den Zorn der Öffentlichkeit auf sich - und gerät selbst ins Visier.

Nach einem brutalen Angriff auf die Richterin übernehmen die Detectives Sam Kovac und Nikki Liska den Fall. Doch als Dahl aus der Haft flieht und Moore spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. In einem Netz aus Lügen und Intrigen wird schnell klar: Niemand ist, wer er zu sein scheint - und der wahre Feind könnte ihnen näher sein, als sie ahnen ...

Ein weiterer Fall für die Detectives Sam Kovac und Nikki Liska



Tami Hoag (* 20. Januar 1959 in Cresco, Iowa) isteine US-amerikanische Schriftstellerin. 1988 machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf und verfasste ihr erstes Buch. Zunächste verfasste sie Liebesromane und widmete sich später dem Schreiben von Thrillern. Lange Zeit lebte sie mit ihrem Mann auf einer Pferderanch in Virginia, bevor sie nach Los Angeles, Kalifornien umzog. 

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1


Fünfzehn Monate später

»Er hat eine Mutter und ihre zwei Kinder abgeschlachtet.«

Chris Logan von der Staatsanwaltschaft Hennepin County war ein Mann mit strikten Ansichten und starken Empfindungen. Beide Eigenschaften brachten ihm im Gerichtssaal vor Geschworenen viele Pluspunkte ein, im Richterzimmer dagegen weniger. Er war groß, ein athletischer Typ mit breiten Schultern und einem dichten, von silbernen Strähnen durchzogenen schwarzen Lockenkopf. Von seinen fünfundvierzig Jahren hatte Logan zwanzig der Strafverfolgung gewidmet. Es war das reinste Wunder, dass er noch nicht völlig ergraut war.

»Entschuldigung«, sagte der Verteidiger, und sein sarkastischer Tonfall strafte den schockierten Ausdruck in seinem Gesicht Lügen. »Habe ich da etwas verpasst? Seit wann leben wir denn wieder im finstersten Mittelalter? Gilt ein Angeklagter in diesem Land denn nicht mehr so lange als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist?«

Logan drehte die Augen zur Decke. »Scott, bitte, können Sie uns dieses Theater nicht ersparen? Wir sind doch erwachsene Menschen. Wir kennen uns. Wir wissen alle, dass Sie gern Unsinn reden. Das müssen Sie nicht mehr unter Beweis stellen.«

»Mr. Logan ...«

Richterin Carey Moore warf ihm einen strengen Blick zu. Sie kannte Chris Logan, seit sie beide ihre ersten Erfahrungen als Pflichtverteidiger gesammelt hatten – ein Job, für den sich keiner von ihnen besonders begeistert hatte. Sie hatten beide rasch zur Staatsanwaltschaft gewechselt und sich ihre Meriten im Gerichtssaal verdient, egal ob es um eine Anklage wegen Diebstahls, um Vergewaltigung oder um Mord ging.

Ihr gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtischs saß Kenny Scott, eines der vielen Rädchen in der Maschinerie der Pflichtverteidiger. Nachdem er einmal damit angefangen hatte, kam er nie mehr davon weg, was ihn entweder zu einem Heiligen machte, der für die Armen und Benachteiligten in der Gesellschaft um Gerechtigkeit kämpfte, oder zu dem traurigen Abziehbild eines Anwalts, der es nie geschafft hatte, sich einen Namen zu machen und eine eigene Kanzlei zu eröffnen. Carey, die ihn schon zahllose Male in ihrem Gerichtssaal erlebt hatte, vermutete eher Letzteres.

In diesem Moment beobachtete er Carey mit den Augen einer Maus, die in ein Zimmer voller Katzen geraten war. Schwitzend, nervös, zappelig, innerlich vor Angst erstarrt. Er war ein kleiner Mann, dessen Anzüge nie richtig saßen – zu breit in den Schultern, an den Ärmeln zu lang –, was den Eindruck verstärkte, dass er von seiner Arbeit oder dem Leben im Allgemeinen völlig überfordert war.

Und gerade ihm war das Los zuteil geworden, den meistgehassten Mann von Minneapolis, wenn nicht sogar des ganzen Staates Minnesota zu verteidigen: einen Landstreicher namens Karl Dahl, dem die abscheulichsten Morde zur Last gelegt wurden, mit denen Carey in ihrem bisherigen Berufsleben zu tun gehabt hatte.

Der Schauplatz des Verbrechens hatte einen so grauenvollen Anblick geboten, dass einer der Polizisten, die als Erste am Tatort eingetroffen waren, einen Herzanfall erlitten hatte und gezwungen war, aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Dem leitenden Ermittler aus dem Morddezernat ging der Fall so nahe, dass man ihn schließlich von der konkreten Ermittlungsarbeit abzog und bis zum Ende einer psychiatrischen Behandlung an den Schreibtisch verbannte.

»Euer Ehren, Sie dürfen nicht zulassen, dass Mr. Logan die gesetzlichen Bestimmungen umgeht«, sagte Scott. »Es ist unzulässig, vorangegangene Straftaten ...«

»Es sei denn, sie lassen ein bestimmtes Verhaltensmuster erkennen«, unterbrach ihn Logan heftig und streckte kampfeslustig den Kopf vor.

Kenny Scott sah aus, als wäre er am liebsten aufgesprungen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden, aber, das musste man ihm lassen, er blieb auf seinem Stuhl sitzen.

»Mr. Dahls frühere Vergehen haben nichts mit diesem Fall zu tun«, sagte er. »Hausfriedensbruch? Das macht ihn ja wohl kaum zu einem Gewalttäter.«

Logan starrte ihn an. »Und was ist mit dem Besitz von kinderpornographischen Schriften? Was mit Einbruch? Was mit Erregung öffentlichen Ärgernisses?«

»Bislang hat er durch das Herzeigen seines Penis noch niemanden umgebracht«, sagte Scott.

»Daran lässt sich die Eskalation eines Verhaltensmusters feststellen«, wandte Logan ein. »So läuft das doch bei diesen Perversen. Sie fangen klein an und arbeiten sich langsam nach oben. Am Anfang geht ihnen noch einer ab, wenn sie Kleinkinder in Unterwäsche im Versandhauskatalog anschauen. Wenn das nicht mehr reicht, fangen sie an, heimlich in die Schlafzimmer anderer Leute zu schauen, dann entblößen sie sich in der Öffentlichkeit. Als Nächstes brauchen sie Körperkontakt ...«

»Und gehen unmittelbar vom Pimmelherzeigen zum Abschlachten über?«, fragte Scott. »Das ist doch lächerlich!«

Er wandte sich wieder an Carey. »Euer Ehren, in Karl Dahls Akte gibt es keinerlei Hinweise auf Gewalttätigkeit. Wird sein Vorstrafenregister vor Gericht verlesen, käme das einer Vorverurteilung gleich. Dann werden die Geschworenen möglicherweise auf der Grundlage von Mr. Logans Theorie zu einem Schuldspruch kommen und nicht etwa auf der Grundlage von Fakten und Beweisen.«

Logan zählte die Fakten auf. »Wir haben seine Fingerabdrücke am Tatort gefunden. Wir haben die Beschwerde einer Nachbarin, bei der er durchs Fenster geschaut hat. Wir wissen, dass er die Opfer kannte und dass er sich in der Nachbarschaft herumtrieb. Er hatte die Halskette des Opfers in seinem Besitz, als er festgenommen wurde ...«

»Er machte Aushilfsarbeiten«, hielt Scott dagegen. »Er gibt zu, am Tag, an dem die Morde geschahen, im Haus der Familie Haas gewesen zu sein. Mrs. Haas zahlte ihm fünfunddreißig Dollar dafür, dass er Vorhangschienen für sie montierte. Er hat eine billige Kette mitgehen lassen. Das ist ja wohl kein Schwerverbrechen. Und bis auf diese eine Frau hat sich niemand in der Nachbarschaft über ihn beschwert.«

Logan hob die Augenbrauen. »Alle dort sagen, dass der Kerl seltsam war, dass er ihnen Angst machte ...«

»Das verstößt nicht gegen das Gesetz ...«

»Zu Ihrem Glück«, murmelte Logan.

Carey warnte ihn nochmals. »Mr. Logan ...«

Er warf ihr unter seinen breiten schwarzen Augenbrauen einen Blick zu, den sie nur zu gut kannte. »Wir haben einen Augenzeugen dafür, dass er sich am Tatort aufhielt ...«

»Mindestens fünf Stunden nach der Tatzeit«, warf Scott ein.

»Er ist zurückgekommen, um sein Werk noch einmal in Augenschein zu nehmen«, sagte Logan.

»Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Warum sollte er zu einer Zeit an den Schauplatz seines Verbrechens zurückkehren, zu der die Leute von der Arbeit nach Hause kommen ...«

»Dann wollte er eben noch den Vater und das älteste Kind umbringen ...«

»Wo haben Sie eigentlich Ihre Wahrsagekugel her, Logan?«, fragte Scott. »Vielleicht können wir uns ja alle eine besorgen. Oder der Staat kauft sie en gros ein und verteilt sie an alle Strafverfolgungsbehörden ...«

Missbilligend hob Carey eine Braue. »Ihr Sarkasmus hat hier nichts zu suchen, Mr. Scott.«

Logan ergriff wieder das Wort. »Wir müssen hier eine Ausnahme von der Regel machen, Euer Ehren. Der Mann ist ein Serienmörder, der am Anfang seiner Laufbahn steht. Wenn wir ihn jetzt nicht aufhalten ...«

Carey hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ihre Schläfen pochten vor Schmerz. Von Beginn ihres Studiums an war es ihr Ziel gewesen, in diesem Zimmer zu sitzen, die Richterrobe zu tragen, Urteile zu fällen – und dieses Ziel hatte sie auch in den Jahren, in denen sie die verschiedensten Positionen im Strafrechtswesen bekleidet hatte, nicht aus den Augen verloren.

In diesem Moment wünschte sie jedoch, sie hätte auf ihre Großmutter gehört und ihre Schreibmaschinenkenntnisse vervollkommnet, um als Sekretärin arbeiten zu können, falls sie nicht den richtigen Ehemann fand.

Sie nahm die Verantwortung, die mit dem Vorsitz in einem Gerichtsverfahren verbunden war, nicht auf die leichte Schulter. Da sie lange Zeit erfolgreich als Anklagevertreterin gearbeitet hatte, erwarteten die Leute, dass sie eher auf der Seite der Anklage stand – und sie hatte viele Mühen auf sich genommen, diese Erwartung zu enttäuschen.

Als Anklagevertreterin war es ihre Aufgabe gewesen, mit allen rechtlichen Mitteln, die ihr zu Gebote standen, die Verurteilung eines Angeklagten zu erreichen. Als Richterin war es dagegen ihre Aufgabe, unvoreingenommen zu sein, sich auf keine Seite zu schlagen, die Waagschalen Justitias im Gleichgewicht zu halten, so dass jedes Urteil allein aufgrund der vorgelegten relevanten Fakten und Beweise gefällt wurde.

Carey durfte keine Partei ergreifen, egal was sie persönlich von einem Fall hielt. Und das fiel ihr gerade in diesem Fall außerordentlich schwer. Zwei Kinder waren misshandelt, gequält, ermordet und schließlich an einem Seil an der Decke eines Kellers aufgeknüpft worden.

Sie war selbst Mutter. Die Vorstellung, jemand könnte ihrer Tochter etwas antun, rief ein Entsetzen und eine Wut in ihr wach, die sich nicht in Worte fassen ließen. Sie hatte die Fotos und das Videoband vom Tatort gesehen. Die Bilder verfolgten sie.

Die Pflegemutter der Kinder war vergewaltigt und gequält worden, man hatte ihren...



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