E-Book, Deutsch, Band 4, 448 Seiten
Hoag Tödlich ist die Nacht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3698-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 448 Seiten
Reihe: Tami Hoag Bestseller Thriller
ISBN: 978-3-8412-3698-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Fahrradkurier Jace Damon erledigt gerade den letzten Auftrag vor Feierabend, als er plötzlich von einem Auto gejagt wird. Schüsse fallen und Jace kommt nur knapp mit dem Leben davon. Was immer in dem Umschlag steckt, den Jace für den Strafverteidiger Lenny Lowell ausliefern soll - irgendjemand ist bereit, ihn dafür zu töten. Als er Lenny Lowell zur Rede stellen will, findet Jace ihn tot in seinem Büro - ermordet. Für Jace beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Denn der skrupellose Killer hat längst wieder seine Fährte aufgenommen, und es gibt nur einen Menschen, der Jace retten kann: die Polizistin Renee Ruiz. Doch leider hält auch sie Jace für Lenny Lowells Mörder ...
Tami Hoag (* 20. Januar 1959 in Cresco, Iowa) isteine US-amerikanische Schriftstellerin. 1988 machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf und verfasste ihr erstes Buch. Zunächste verfasste sie Liebesromane und widmete sich später dem Schreiben von Thrillern. Lange Zeit lebte sie mit ihrem Mann auf einer Pferderanch in Virginia, bevor sie nach Los Angeles, Kalifornien umzog.
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1
Der Verkehr von L. A.
Rushhour.
Vier Stunden Rushhour und kein Ende. Jeder Angelino beeilte sich, nach Hause zu kommen, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und es zu schütten begann. Den ganzen Tag über hatte eine drückende bleierne Wolkendecke über der Stadt gelegen. Endloses diffuses Dämmerlicht in den Betonschluchten zwischen den Wolkenkratzern von Downtown. Die Luft elektrisch geladen vor Erwartung.
In die Pedale treten. Hände fest um die Lenkergriffe geklammert. Taube Fingerspitzen. Augen auf die Lücke zwischen einem Jaguar und einem FedEx-Transporter gerichtet. Schmerzende Oberschenkel. Steinharte Waden. Der Geschmack von Abgasen. Trockene, brennende Augen hinter der Schwimmbrille. Eine Tasche voller Blaupausen in Pappröhren auf dem Rücken.
Aus dem Funkgerät, das wie ein Revolver an seinen Oberschenkel geschnallt war, kam ein Knistern und dann die heisere Stimme von Eta Fitzgerald, der Disponentin in der Zentrale. Er kannte ihren richtigen Namen nicht. Sie nannten sie Eta, weil es das war, was sie den ganzen Tag, jeden Tag, von ihr hörten: ETA? ETA Sechzehn? Zentrale an Jace. ETA? Wo steckst du, Herzchen?
Ihm blieben drei Minuten, um es bis in das Planungsbüro im siebzehnten Stock eines Gebäudes zu schaffen, das noch mehrere Blocks entfernt lag. Der Wachmann am Empfang war ein Idiot. Er verriegelte Punkt sechs die Türen und scherte sich nicht darum, ob noch jemand draußen auf der Straße stand und hineinwollte. Der Kerl hätte ohne mit der Wimper zu zucken seine eigene Mutter da stehen lassen, falls er eine hatte, was Jace bezweifelte. Er sah aus wie etwas, das aus irgendeinem Erdloch gewachsen war. Ein menschlicher Giftpilz.
Gewicht nach rechts verlagern. Knapp vor dem Jaguar einscheren.
Hinter ihm ertönte die Hupe des Jaguars, während er noch schneller in die Pedale trat, um ein paar Zentimeter Abstand zwischen sein Hinterrad und die Stoßstange des Wagens zu bringen. Die Ampel vor ihm war auf Gelb umgesprungen, aber der FedEx-Transporter gab noch einmal Gas. Jace fuhr rechts neben den Wagen, dann streckte er die Hand aus, hielt sich oberhalb des Radkastens fest und ließ sich von dem Transporter über die Kreuzung und weiter die Straße hinunterziehen.
Er war der Meister des toten Winkels. Wenn der Typ hinter dem Lenkrad einen Fahrradkurier entdeckte und etwas, gegen den blinden Passagier hatte, konnte es passieren, dass der Kurier, ehe er sich’s versah, wie eine Fliege an der Windschutzscheibe klebte. Die Fahrer von FedEx waren für gewöhnlich cool. Simpatico. Von Kurier zu Kurier. Sie stellten beide die Verbindung zwischen Leuten dar, die es einen Dreck interessierte, wer sie waren, solange sie sich nicht mit einer Sendung verspäteten.
Das Gebäude kam in Sicht. Jace warf kurz einen Blick über die Schulter, ließ den Transporter los und schwenkte nach rechts, quer über eine zweite Fahrspur, was erneut wütendes Gehupe nach sich zog. Er setzte zwischen einem Hydranten und einem Cadillac, der im Halteverbot stand, zum Sprung über die Gehsteigkante an. Die Beifahrertür des Wagens wurde genau in dem Augenblick aufgerissen, als das Fahrrad mit beiden Reifen in der Luft war.
Scheiße!
Jace riss den Lenker nach rechts und verlagerte sein Gewicht nach links, als das Fahrrad wieder auf dem Boden landete. Die alte Dame, die gerade aus dem Cadillac steigen wollte, schrie auf und fiel zurück auf den Sitz. Der Vorderreifen des Fahrrads traf hart auf dem Pflaster auf.
Jace hielt sich auf seinem Rad wie eine Zecke auf dem Rücken eines Hundes. Er berührte die Bremsen kaum, aber es reichte, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen.
Bloß keine Panik. Panik ist tödlich. Bleib cool, J. C. Du schaffst es. Konzentrier dich. Ganz ruhig.
Er hielt die Augen auf sein Ziel gerichtet. Er konnte sehen, wie der Idiot von Wachmann mit den Schlüsseln in der Hand auf die Eingangstür zusteuerte.
Scheiße!
Panik. Nicht wegen der Gefahr, verletzt zu werden, sondern wegen der Gefahr, ausgesperrt zu werden. Den Kunden würde es nicht interessieren, dass er die Sendung viel zu spät losgeschickt hatte oder dass der Kurier um ein Haar von der Tür eines Cadillac niedergestreckt worden wäre. Wenn die Sendung nicht rechtzeitig ankam, war der Teufel los.
Drei Meter vor der Tür sprang er ab und ließ das Rad auf den Boden fallen. Er hatte keine Zeit, es abzuschließen, er musste einfach hoffen, dass es noch da war, wenn er wieder herauskam. Er rannte zur Tür, stolperte, verlor das Gleichgewicht und schlug mit wild rudernden Armen und Beinen hart auf dem Pflaster auf. Die Pappröhren mit den Blaupausen flogen in hohem Bogen aus seiner Tasche und rollten über den Gehweg.
Keine Zeit, um nachzusehen, ob er sich verletzt hatte oder sich Gedanken über Schmerzen zu machen.
Er rappelte sich hoch und stolperte und taumelte weiter, während er gleichzeitig versuchte, die Pappröhren einzusammeln. Der Wachmann starrte ihn durch die Glasscheiben an. Ein grobknochiges, graues Gesicht, missmutig verzogen. Er drehte den Schlüssel im Schloss um und ging weg.
»Hey!«, schrie Jace und trommelte gegen die Scheibe. »Hey, machen Sie auf!«
Der Wachmann tat so, als würde er ihn nicht hören. Schwein. Es war eine Minute vor sechs, und der Kerl dachte an nichts anderes als daran, auf den Freeway zu kommen und nach Pomona oder ins Valley zu zuckeln oder in welchem langweiligen, beschissenen Vorort auch immer er sich jeden Abend verkroch. Wie käme er dazu, drei Minuten länger zu bleiben, um eine Sendung entgegenzunehmen? Die Macht wegzugehen war vermutlich die einzige, über die er in seinem armseligen Leben verfügte.
»Arschloch!«, schrie Jace. Am liebsten hätte er gegen die Tür getreten, aber bei seinem Glück würde das bescheuerte Ding sicher zerbrechen, und er würde sich in einer Zelle wiederfinden. Wobei er ein bisschen Ruhe und drei Mahlzeiten am Tag durchaus hätte brauchen können. In Jace Damons Leben war Ruhe nicht vorgesehen.
Die Pappröhren unter den Arm geklemmt, hob er sein Fahrrad auf und schwang sich in den Sattel. Die Einfahrt zur Tiefgarage des Gebäudes befand sich in der Seitenstraße. Vermutlich war das Gitter heruntergelassen, aber sobald ein Wagen herausfuhr, konnte er hineinschlüpfen. Wenn es einen Gott gab – was er außer in Zeiten größter Bedrängnis bezweifelte –, dann war noch jemand in dem Planungsbüro im siebzehnten Stock. Er hoffte auf die blonde Lori am Empfang, die immer gut gelaunt war und ihm ein Snickers aus ihrem Vorrat in der untersten Schreibtischschublade schenken würde. Er hatte seit dem Frühstück – einem Bagel vom Vortag und einem geklauten Powerriegel – nichts mehr gegessen.
Er postierte sich rechts neben der Einfahrt zur Tiefgarage und drückte sich gerade so weit auf die Seite, dass ihn jemand, der aus der Tiefgarage kam, nicht sehen konnte. Er hatte bereits vor langer Zeit gelernt, sich unsichtbar zu machen, sich im Verborgenen zu halten, ständig auf der Hut zu sein. Strategien, um auf der Straße zu überleben.
Aus seinem Funkgerät drang ein Geräusch wie vom Abreißen eines Klebebands. »Sechzehn? Bist du irgendwo da draußen? Zentrale an Jace. Zentrale an Jace. Hey, Lone Ranger, wo steckst du? Ich hab hier Probleme mit Knete.«
Knete war Etas Bezeichnung für Kunde. Der Inhaber des Planungsbüros war auf der anderen Leitung und brüllte herum.
»Ich bin im Aufzug«, sagte Jace. Er schaltete das Funkgerät ein paarmal an und aus. »Zentrale? Ich habe keinen Empfang mehr, Zentrale!«
Das Gitter setzte sich rasselnd in Bewegung. Aus der Tiefgarage kam ein hässlicher, schleimgrüner Chrysler. Hinter dem Lenkrad saß der Wachmann. Jace zeigte ihm den Mittelfinger, während er an ihm vorbei in die Garage bog und sein Fahrrad über die Rampe nach unten rollen ließ.
Der Koreaner an der Kasse warf Jace nur einen flüchtigen Blick zu, als er um die heruntergelassene Schranke schoss, die verhinderte, dass irgendwelche fremden Autos in die Tiefgarage fuhren. Jace steuerte den Aufzug an und sprang von seinem Fahrrad, als im gleichen Augenblick die Türen aufgingen und ein Grüppchen gut gekleideter Angestellter heraustrat, die ihren Bürozellen für diesen Tag entkommen waren. Eine blonde Frau, die einen helmartigen Pagenschnitt und einen Regenmantel mit Leopardenmuster trug, sah ihn an, als sei er ein Hundehaufen und presste ihre Designerhandtasche an die Brust, während sie an ihm vorbeiging.
Jace grinste sie an. »Wie geht’s?«
Sie schnaubte und eilte davon. Leute, die Anzüge und Kostüme trugen und in Büros saßen, begegneten Fahrradkurieren für gewöhnlich mit Misstrauen. Sie waren Rebellen, Krieger der Straße, Außenseiter der Gesellschaft in merkwürdiger Aufmachung, die in die geregelte, ehrenwerte Geschäftswelt eindrangen. Die meisten Kuriere, die Jace kannte, waren von Kopf bis Fuß tätowiert und hatten mehr Piercings als ein Sieb Löcher. Sie liefen Reklame für ein Leben außerhalb geordneter Bahnen, Individualisten, denen das Anderssein auf die Stirn geschrieben war.
Jace verzichtete auf derartige Statements. Er zog das an, was er billig oder umsonst im Selbsthilfeladen bekam – weite Shorts und Sweatshirts mit abgeschnittenen Ärmeln, die er über Radlerhosen und langärmeligen T-Shirts trug. Seine Haare standen wie Stacheln durch die Schlitze in seinem Fahrradhelm....




