E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Hochegger Die Schattenrepublik
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99001-864-4
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Lobbyist packt aus
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-99001-864-4
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Hochegger ist ein österreichischer Unternehmer und PR-Berater. Seit den 1980er-Jahren beeinflusste er als Lobbyist entscheidend die österreichische Wirtschaft und Politik. Zu seinen Kunden zählten u.a. die Telekom, die ÖBB oder der Flughafen Wien. Viele Jahre lang unterhielt er enge Kontakte zu den mächtigsten Politikern des Landes.
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Der Anruf
September 2009
Ein schriller Ton riss mich aus dem Schlaf. Für einen kurzen Moment dachte ich, er hätte sich aus meinem Schlaf in die Wirklichkeit verirrt, ein Überbleibsel der Albträume, die mich in letzter Zeit verfolgten. Doch es war nur das surrende Geräusch meines alten Weckers, der auf meinem mit weißem Klavierlack überzogenen Nachttisch seinen Dienst verrichtete. Er zog mich in die wache Welt, wo es keinen Grund für Sorgen gab. Alles war perfekt. Und es sollte noch besser werden.
Seit zwei Jahren schlief ich nun schon allein in dem großen Bett, mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Mein erster Griff galt dem schwarzen Blackberry. Fünf Uhr früh. Normalerweise würde ich noch neunzig Minuten im Bett bleiben, aber nicht heute. Heute war ein wichtiger Tag. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. D-Day, Deal-Tag.
In der Dusche verdrängte ich erst mit kaltem, dann heißem Wasser die letzten Reste Müdigkeit aus dem Körper. Nach meiner Morgenroutine ging ich im weißen Frotteebademantel in die Wohnküche. Der Geruch von Espresso erfüllte den Raum. Ich öffnete die breite, weißgerahmte Terrassentür und trat hinaus in die kühle Morgenluft. Noch etwas mehr als eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. Die meisten Menschen schliefen. Ich stand hier und blickte über sie, blickte über Wien, eine Stadt als Netz, als System von Menschen, die miteinander verbunden waren, die Dinge benötigten und sich Gefälligkeiten schuldig waren, die einander brauchten, ob sie es wollten oder nicht. Diese Beziehungen waren die Ressource meines Geschäfts. Ich musste diese Verbindungen erspüren können, verfolgen, nutzen. Wie eine Spinne musste ich fühlen, wenn sich einer der Fäden bewegte, wenn sich das Netz veränderte. Mein Platz war stets in seiner Mitte. Von dort aus konnte ich alle Verbindungen sehen, vom Bundeskanzler der Republik bis zum weit verzweigten, unübersichtlichen Verwaltungstrakt in Brüssel. Die größten Unternehmen des Landes waren in diesem Netz verknüpft mit ihren Konkurrenten, mit NGOs, mit Politikern, Medien, Aktivisten. Manchmal reichte ein Zug, ein leichtes Erzittern dieses Netzes, und Dinge gerieten in Bewegung. Manchmal musste ich neue Fäden spannen oder Verwicklungen lösen. Und manchmal musste ich Fäden zerreißen. Dieses Netz war das wertvollste Gut, das ich besaß.
Die aufgehende Sonne tauchte das prunkvolle Haus der Industriellenvereinigung in ihr warmes Licht. Die Dunkelheit wich langsam dem Tag und ich ging vom Dachgarten der Penthouse-Wohnung ins Wohnzimmer zurück. Das Sonnenlicht beschien die Dinge an der Oberfläche, mit denen sich die meisten Menschen zufrieden geben. Die Oberfläche ist es, die Orientierung bietet. Doch das Netz, mit dem ich arbeitete, spannte sich darunter, wie das Wurzelwerk, das einen Wald zusammenhält.
Ein paar Stockwerke tiefer würden bald hundert Menschen an die Arbeit gehen, um dieses Netz zu pflegen, zu vergrößern und zu nutzen. Alle trugen einen Teil dazu bei, aus diesem Netz Geschäfte zu machen. Sie übernahmen die Laufarbeit, so wie ich das vor vielen Jahren getan hatte. Mittlerweile hatte ich das nicht mehr nötig. Ich riss die Deals auf, legte das Fundament, gab eine Richtung vor. Und während der Plan in die Tat umgesetzt wurde, war ich schon beim nächsten Projekt. Es war diese Phase, die mich begeisterte, nach der ich fast süchtig war. Das Gefühl, die richtige Perspektive, die richtige Idee gefunden zu haben. Ein Rausch, der alles hinwegschwemmte. Es ging gar nicht mehr ums Geld oder um Macht oder Einfluss. Es ging um dieses Gefühl.
Keine zwanzig Minuten später fuhr ich mit dem Lift zur Garage. Nur das Nötigste war in meinem Handkoffer verstaut. In der Garage wartete mein Maserati GT. Als ich in das Auto stieg, die weichen Ledersitze in meinem Rücken spürte, das Aufheulen des Motors hörte, fühlte ich nichts. Das Auto war bloß Mittel zum Zweck. Die PS-Zahl war kein technisches Detail, es war ein Symbol. Manche Deals waren bereits in dem Moment entschieden, in dem mich mein potenzieller Kunde aus diesem Auto steigen sah. Andere Male kam ich mit dem Taxi. Bei manchen löste ein Maserati Ehrfurcht aus, bei anderen Neid. Das richtig einzuschätzen, war ein wichtiger Teil des Geschäfts.
Außer dem Blackberry hatte ich keine Technik bei mir. Keine Präsentationen oder Zahlen, die würden später kommen, vorbereitet von meinen Mitarbeitern, wenn das Geschäft schon beschlossen war. Alles, was ich brauchte, war in meinem Kopf. Worte, die eine Zukunft heraufbeschworen, wie mein Gegenüber sie sich wünschte. Ideen, von denen er glaubte, ich hätte sie ihm direkt aus dem Kopf gesaugt, obwohl ich sie dort erst eingepflanzt hatte.
Auf dem Weg zum Flughafen holte ich Anna ab. Sie war jünger als ich, verfügte aber bereits über viel Erfahrung. Ihr graues Kostüm saß perfekt, bändigte ihre Attraktivität und lenkte sie in jene Richtung, die für Erfolg hilfreich war. Sie besaß jene Eigenschaft, die meine engsten Partner alle hatten und die ich mit ihnen teilte: Sie wollten etwas von der Welt. Und sie hatten keine Angst, es sich zu nehmen.
Anna sprach Bulgarisch, Deutsch, Englisch und Russisch. Im Flugzeug, das uns nach Sofia brachte, gingen wir die Details noch einmal durch. Sie würde Geschäftsführerin meiner bulgarischen Firma werden und dort das Bindeglied sein zwischen Interessen aus dem Osten, vor allem aus Russland, und Wien. Wir würden in Sofia den Cousin des bulgarischen Premierministers treffen. Die Familie war der kürzeste Weg zum Ziel. Die Regierung hatte gewechselt, mit der alten hatten wir gute Geschäfte gemacht und die neue hatte Interesse daran, diese fortzuführen. Ehemalige Politiker wie Ernst Strasser und Karl Blecha hatten die Weichen gestellt.
Ein paar Tage zuvor hatte es ein erstes Treffen mit dem Cousin und seiner Frau in Wien gegeben. In den besten Restaurants der Stadt hatte ich ihnen erklärt, welche Möglichkeiten uns offenstanden. Unbegrenzte Möglichkeiten. Über mich bekam er alle Kontakte, die er in Österreich brauchte. Und er hatte für mich Aufträge in Bulgarien.
In der Empfangshalle des Flughafens in Sofia wartete bereits einer unserer zukünftigen Geschäftspartner und brachte uns in die Innenstadt, wo meine Firma ihr Büro hatte. Graue Betonblöcke wuchteten sich aus dem Boden, der Sozialismus hatte seine unverwüstlichen Spuren hinterlassen. Vor einem Jahr waren die Lehman Brothers in die Pleite geschlittert und mit ihnen die ganze Welt. Die große Wirtschaftskrise hatte Milliarden verschlungen, doch dadurch war Raum entstanden. Und Geld bewegte sich ständig, stand nie still, war stets darauf bedacht, die leeren Räume zu füllen.
Am frühen Abend holten der Cousin und seine Frau Anna und mich vor unserem Hotel ab. Im Restaurant schüttelte uns der Küchenchef persönlich die Hand und führte uns an den Tisch. An diesem Abend gehörte das Restaurant exklusiv uns. Als Willkommensgeschenk gab es Wodka und Kaviar. Fünf Kellner warteten in Lauerstellung um den Tisch, stets darauf bedacht, unsichtbar und allgegenwärtig zur gleichen Zeit zu sein. Doch ich schmeckte kaum, was ich zu mir nahm. Das Essen, die netten Worte, die Fahrten durch die Stadt, das alles war nur Beiwerk, ein Abtasten und Umkreisen, ehe wir zum Kern der Sache vorstießen, zum Grund unserer Reise, zum Geschäft.
Keine Unterlagen waren nötig, keine Präsentationen, ein paar Worte umrissen eine Idee, die sich im Geist des Cousins zusammensetzte. Am Ende bestellten wir nochmal Wodka, stießen an und waren Geschäftspartner. Spät kam ich an diesem Abend ins Hotel zurück, ein wenig angetrunken, doch noch mehr berauscht von der Euphorie des Geschäfts als vom Alkohol. Als ich mich ins Bett fallen ließ, war ich zufrieden. Das hier war die Realität, nicht die Albträume, die hinter dem Schleier des Schlafs auf mich warteten. Ich freute mich darauf, mit diesem großen Deal im Gepäck zu meinem Zweitwohnsitz nach Brasilien fliegen zu können, wohin ich mich seit mehreren Jahren vor allem in den Wintermonaten zurückzog. Mit Gedanken an Palmen, frische Früchte und das immer warme Wetter schlief ich ein.
Am nächsten Morgen fuhren Anna und ich zu unserem bulgarischen Anwalt. Das Meeting war langweilig, aber notwendig. Verträge mussten unterzeichnet, Details geklärt werden. Mein Telefon läutete, ein Journalist des Wirtschaftsblatts, aber ich drückte ihn weg. Ständig riefen Medien an, der Austausch mit ihnen war einer der Eckpfeiler meines Geschäfts. Stets hatte ich eine gute Story für sie, die zugleich auch eine gute Story für meine Geschäftspartner war.
Nach einiger Zeit machten wir eine Pause, ich trat aus dem stickigen Büro in den Flur, ging ein paar Schritte, lockerte die steifen Beine. Ich holte mein Blackberry heraus. Mehrere Anrufe in Abwesenheit. Offenbar ein hartnäckiger Journalist. Ich drückte die Tasten...




