E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Hock Moment, ich lebe gerade!
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7751-7638-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sorgen raus, Freude rein
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7638-5
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernd R. Hock (Jg. 1968) lebt im Großraum Hamburg. Neben seiner Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie tourt der Kabarettist und Entertainer gerne durch Deutschland und erzählt auf kreative Weise und mit Leidenschaft von Gottes Liebe.
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1
Besuch vom Meisenmann
»Scheiße!«, rief er aus und dachte im gleichen Moment, dass er noch vor einigen Jahren, als er versuchte besonders fromm zu leben, in einer solchen Schrecksekunde wohl eher »O Gott!« oder »Jesus!« ausgerufen hätte.
Ob Bewahrung die Folge dieses Bekenntnisses gewesen wäre? Vielleicht. Bestimmt sogar! Doch jetzt hüllte sich blitzschnell alles in Dunkelheit und Angst.
Das Treppenhaus drehte sich vor seinen Augen. Polternd stürzte er die sechzehn Stufen hinunter, die das Ober- vom Erdgeschoss trennten, knallte dabei mehrfach mit dem Hinterkopf an die Hauswand und schlug unten hart auf dem Fliesenboden auf.
Für einen Stuntman wäre das Ganze ein Klacks gewesen und wahrscheinlich ohne jeglichen Kratzer abgegangen. Aber mit seinem Übergewicht und seiner Körperbehinderung, seinen kurzen, schmalen Armen und seinen deformierten Händen konnte er sich nicht abfangen oder festhalten, um Verletzungen zu verhindern.
Wie ein nasses Handtuch, das man nach Gebrauch im Hotel achtlos auf den Badezimmerboden wirft, lag er da und atmete schwer.
Immerhin, er atmete. Noch.
Schmerzen? Schmerzen hatte er keine. Eine Tatsache, die ihn jedoch keineswegs zuversichtlich stimmte. Ganz im Gegenteil, denn er spürte überhaupt nichts. Keinerlei Gefühl in seinen Gliedmaßen.
Querschnittlähmung? Querschnittlähmung!
Wie ein monströser, krachender Donner schlug die Angst in meinen Schädel ein.
Moment! Das war doch gerade ein echter Donner?!
Ich war so tief in meinen Katastrophengedanken versunken, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie sich eine wolkenverhangene dunkle Gewitterfront vor die Sonne geschoben hat.
In der Realität sitze ich nämlich in meinem Liegestuhl auf der Terrasse, direkt an meinem kleinen idyllischen Gartenteich.
»Trotzdem, ich brauche dringend neue Hausschuhe! Die alten sind viel zu ausgelatscht und kaputt. In diesen Pantoffeln habe ich einfach keinen richtigen Halt mehr!«
Die ersten hilfreichen Gedanken seit über einer Dreiviertelstunde. Seit ich auf der Treppe seitlich aus dem linken Hausschuh gerutscht bin, das Gleichgewicht verloren habe und mich gerade noch im allerletzten Moment ausbalancieren und einen Sturz verhindern konnte.
Ich bin buchstäblich mit dem Schrecken davongekommen, von dem ich mich jetzt im Liegestuhl auf der Terrasse in der Sonne erholen will.
Anstatt diese Erholung mit dankbaren inneren Betrachtungen über den glimpflichen Ausgang einzuleiten und innerlich zu frohlocken, male ich mir jedoch in den dunkelsten Farben aus, was alles hätte passieren können.
Ein Sturz treppab, mein Anfang vom Ende.
Düstere Fantasien, wie die eben beschriebene, als sehr real verkleidet, beherrschen mein Denken und schieben die Angst etwas tiefer in mein Herz wie eine übel riechende Schlammlawine in ein gerade noch ordentliches und schön dekoriertes Wohnzimmer.
Im Teich versuchen die Fische, Futterreste von den Seerosenblättern zu saugen. Meine beiden Spiegelkarpfen Gustav und Gerlinde schmatzen direkt neben mir Löcher in die Luft, schauen mich mit großen Augen an und betteln um einen Nachschlag. Sie wissen: Wenn der große Schatten geworfen wird, dann gibt es meistens Futter.
Die beiden entlocken mir ein Lächeln. Irgendwie haben sie mit ihrer unbeschwerten Art immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Die haben ja auch gut schwimmen und schmatzen, brauchen vor nichts Angst zu haben. Für den Graureiher sind sie zu dick und darauf, dass sie niemals, weder Weihnachten noch Silvester, vom Gartenteich auf den Festmahlsteller wechseln werden, habe ich Ihnen mein Wort gegeben.
Für einen Moment stoppen die beiden mein Karussell der negativen Gedanken.
»Ihr bekommt jetzt nichts. Ihr hattet heute schon!«, spreche ich meine Fische an und schon dreht sich das Fahrgeschäft von Neuem:
Wäre ich so aufgewachsen wie meine beiden Karpfen, Gustav und Gerlinde – eingesperrt in ein begrenztes Gehege, nur zu bestimmten Zeiten Nahrung, ausschließlich gesunde Sachen in einer vernünftigen Menge und ein Fastentag pro Woche –, ja, hätte ich mich die letzten 55?Jahre so ernährt, wäre ich in dieser Weise kontrolliert gefüttert worden, es könnte sich heute noch jemand zu mir auf die Liege legen und meine Pobacken würden nicht rechts und links über die Kanten der Liegefläche quillen. Ich wäre nicht so stark übergewichtig.
Immer neue brutal negative Gedanken springen auf das Karussell:
Bestimmt werde ich diese Unmengen an zu vielen Kilos nie wieder los, und wenn doch, dann werden Hautfalten zurückbleiben wie bei einem alten Elefantenbullen.
Schon wieder denke ich ausschließlich negativ, schon wieder mache ich mir Sorgen und Sorgen und Sorgen. Doch erneut wird die Karussellfahrt abgebremst, diesmal von einem Kohlmeisen-Männchen am Bachlauf meines Gartenteichs.
Der Meisenmann hat sich unbemerkt auf dem großen Stein am Bachlauf niedergelassen, nimmt mich mit seinen zierlichen Augen ins Visier und beginnt sein Lied zu zwitschern. Und wie dereinst Doktor Dolittle glaube ich, den Text übersetzen zu können:
»Hör zu, großer Hock – zizibäh! Nicht, dass du denkst – zizibäh –, dies sei dein Garten. Nein! Das ist mein Revier! Hier bin ich der Chef – zizibäh! Leg dich bloß nicht mit mir an – zizibäh ziiiziiibäääh!«
Dabei singt der Vogel in einer Lautstärke, die mich ziemlich beeindruckt. Wo nimmt dieses halbe Hähnchen den Resonanzkörper für einen solch fulminanten Gesang her?
Ob das Kohlmeisen-Männchen sich darüber selbst schon einmal sein kleines Köpfchen zerbrochen hat? Er sieht nicht so aus. Der kleine Piepmatz singt, als gäbe es für ihn kein Morgen.
Für dich gibt’s ja auch kein Morgen, denke ich, diesmal keineswegs negativ. Der Vogel macht mit seinem fröhlichen Gesang und seinen lustigen Bewegungen einen Bibelvers in mir lebendig. Genau genommen ist es nicht das Vögelchen, es ist der Heilige Geist, der die Begegnung mit dem gefiederten Freund benutzt, um sie in meinem Herzen mit einem Vers aus dem sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums zu verknüpfen. Er verleiht den Versworten eine Kraft, die Freude in mir wirkt.
In Matthäus 6,26 heißt es, frei nach Hock am Teich:
Sieh den Meisenmann an deinem Gartenteich an, Bernd. Er sät nicht und erntet nicht, sammelt keine Vorräte und macht sich keine Gedanken über das Kräfteverhältnis zwischen dir und ihm, und Gott versorgt und schützt ihn doch.
Ich hole mein Mobiltelefon aus der Brusttasche, öffne die Bibel-App und lese der Kohlmeise, den Fischen und mir selbst laut mein Lieblingsgleichnis vor, zu dem dieser Vers gehört (Matthäus 6,25-34):
Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Direkt nachdem ich den letzten Vers gelesen habe, beginnt Herr Kohlmeiserich wieder mit seinem Zizibäh. Vielleicht hat er aber auch schon während meiner Schriftlesung weitergezwitschert und es ist mir nur nicht aufgefallen.
Wer von euch vermöchte aber mit all seinem Sorgen der Länge seiner Lebenszeit auch nur eine einzige Spanne zuzusetzen?
Bäm! Voll auf die Zwölf! Unzählige Male habe ich diesen Bibelvers bereits gelesen. Predigten darüber gehört. Selbst darüber gepredigt. Wie oft habe ich schon mit meinen Patientinnen und Patienten über die Wirkungslosigkeit vom »sich Sorgen (machen)« gesprochen. Regelmäßig habe ich die theoretische »Glaubensführerscheinprüfung« zum Umgang mit Sorgen bravourös bestanden und gleichzeitig bin ich doch in der Praxis immer wieder mit Pauken und Trompeten an der ersten Abbiegung »Angst oder Zuversicht« durchgefallen. Zuletzt vor wenigen Augenblicken hier auf dem Liegestuhl.
Doch irgendetwas ist im Moment anders, ist besonders. Vielleicht, weil Vers 26 gerade leibhaftig fröhlich vor mir umherhüpft, singt, was das Zeug hält, und sich augenscheinlich überhaupt keine Sorgen macht.
Obwohl der Kohlmeisenmann nicht weiß, ob er gleich auf dem Rückflug zu seinem Nest bei einer Zwischenlandung von einer Katze totgebissen wird, gegen eine Glasscheibe knallt und sich das Genick bricht oder ob er es zwar gesund zu seinem Nest schafft, dieses aber mittlerweile von Elstern ausgeraubt worden ist.
Während ungefähr zehn Schritte von mir entfernt unser Kühlschrank mit Nahrungsmitteln...




