E-Book, Deutsch, Band 1, 528 Seiten
Reihe: Nightmare
Hock Nightmare
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-5713-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Morgengrauen
E-Book, Deutsch, Band 1, 528 Seiten
Reihe: Nightmare
ISBN: 978-3-7494-5713-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julia Hock ist Erschaffer, das blöde Arschloch, die hochnäßige Prinzessin, ein Herzensbrecher oder schlicht und ergreifend einfach nur Autorin. Geboren wurde sie 2002 in Aschaffenburg und hat schon als kleines Kind für ihr Leben gern gelesen. Von Fantasyliteratur war sie immer ein großer Fan und nun ist nach Jahren der Arbeit der erste Band ihrer Trilogie Nightmare erschienen.
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KAPITEL 1
Zahlen fand ich noch nie interessant. Ich saß in der letzten Reihe, während unser Lehrer irgendetwas an die Tafel kritzelte. Mein Name ist Rose, zumindest würde ich so genannt werden, wenn ich Freunde hätte.
»Melrose, schreibst du mit?«, bei meinem ganzen Namen zuckte ich unwillkürlich zusammen. Auf die Frage meines Lehrers nickte ich nur. Es interessierte sich sowieso keiner für mich, ich war sozusagen ein Freak. Damit hatte ich aber recht wenig Probleme, da ich ja auch anders als meine Mitschüler war.
Es klingelte und ich war mal wieder die Erste, die den Raum verließ. Die meisten von hier dachten, ich hätte Berührungsängste oder so etwas Ähnliches. Ich gab zu, ich berührte andere ungern, aber nicht weil ich mich davor ekelte, sondern vielmehr um sie vor mir zu schützen.
Ich war ein Alptraum, aber unsere Spezies bevorzugte den englischen Begriff Nightmare. Warum wusste ich selbst nicht so genau, aber vielleicht lag der Ursprung unserer Spezies ja im englischsprachigen Raum. Einen Alptraum hatte bestimmt jeder schon einmal, keine schöne Sache. Weißt du, vor was du am meisten Angst hast?
Was auch immer es ist, stell dir vor, es gibt jemanden, der alle deine Ängste kennt.
Ich war genau so jemand, ich war ein Nightmare. Mit einer einzigen Berührung lernte ich alle Ängste eines Menschen kennen und nicht nur das, ich konnte mich in die Sache verwandeln, die der Person am meisten Angst machte. Manchmal änderte ich meine Gestalt einfach nur durch eine simple Berührung von Haut und Haut. Es zu kontrollieren war unfassbar schwer.
Ich war keinesfalls stolz darauf so zu sein, ehrlich gesagt hasste ich es. Schon seit ich denken konnte, mieden mich alle, die nicht so waren wie ich. Alle anderen Nightmares, die ich kannte, lebten zurückgezogen und hatten Spaß daran, den Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Sie konnten einen so weit bringen, dass man sich vor Angst umbrachte, psychisch krank wurde oder komplett den Verstand verlor. Ich wollte nicht so sein. Ich wollte kein Monster sein und dennoch war ich es. Eine grausame Bestie, gefährlicher als alles andere, das ich kannte.
Ich ging zur Mädchentoilette, wie jede Pause. Es gab definitiv schönere Orte, aber hier war ich wenigstens allein und musste mich nicht 15 Minuten lang mit irgendwelchen anderen Schülern abgeben. Es erwarteten mich sowieso nur noch zwei Stunden Kunst, dann war endlich Wochenende.
Ich betrachtete mich im Spiegel, schwarze Haare, eiskalte graue Augen, Augenringe und eine Haut, als hätte sie nie die Sonne gesehen. Ich gab mir keine Mühe mit meinem Aussehen, selbst für Schminke, die hier so gut wie jedes Mädchen trug, war ich zu faul.
Als ich hörte, dass die Tür geöffnet wurde, huschte ich schnell zu einer Toilettenkabine und schloss ab.
»Hast du das neuste Gerücht schon gehört?«, fragte eine etwas höhere Stimme. Ich hätte sie auch erkannt, wenn sie vor der Tür geflüstert hätte. Amanda Crog war ein verwöhntes Einzelkind, eine totale Tusse und noch dazu der arroganteste Mensch, den ich je kennengelernt hatte.
»Das von Jan?«, fragte ihre Freundin Jenny.
»Nein, das ist doch sowas von gestern«, sie holte tief Luft. »Ich meine das von unserem Schulfreak.«
Ich riss die Augen auf, sie redeten von mir, ohne Zweifel. Amanda fuhr fort: »Ich habe gehört, sie sei adoptiert.«
Die Stimme ihrer Freundin klang verwundert: »Woher weißt du das denn?«
»Du kennst doch das übliche Gerede. Wahrscheinlich wollten ihre Eltern sie nicht, so hässlich wie sie ist. Mal ehrlich, sie sieht doch wie ein Geist aus, mit ihrer fahlen Haut und ihren Augenringen!« Ihre Freundin begann zu lachen.
Hatte ich gerade richtig gehört? Woher wussten sie von meiner Adoption? Meine Eltern - bei dem Gedanken fing ich fast an zu weinen. Mir wurde als Kind gesagt, sie seien bei einem Unfall gestorben. Ich schluckte den Kloß herunter, der sich zu manifestieren drohte, denn ich hatte oft genug deswegen geweint. Außerdem hatte ich schon früh gelernt, dass man nicht alles glauben durfte, was einem erzählt wurde.
Ich versuchte ruhig zu atmen, aber anscheinend war ich trotzdem zu laut.
»Warte mal«, Amanda trat vor die verschlossene Toilettentür, »Melrose?« Ich schwieg. »Du bist es doch, nicht wahr? Willst du uns nicht ein wenig über deine Familie erzählen? Man sagt auch, du seist depressiv und krank im Kopf.«
Ich spürte, dass sich meine Hände zu Fäusten ballten. Wenn ich die Tür jetzt öffnete, würde es nicht gut für Amanda ausgehen. Doch eigentlich hatte sie es nicht anders verdient.
Ich schloss auf und trat hinter der Tür hervor. Sie grinste mich breit an und in diesem Moment ertönte die Schulklingel. Ich wollte sie ignorieren und an ihr vorbeigehen, doch sie versperrte mir den Weg und hielt mich am Arm fest. Ihre Finger berührten meine Haut und meine Augen weiteten sich sofort. Fremde Gefühle strömten auf mich ein. Ich versuchte mich loszureißen. Doch zu spät, ich hatte keine Kontrolle mehr über mich.
Ich hasste mich für alles, alles was ich tat, alles was ich tue und alles was ich noch tun würde. Doch wenn man einmal mit ihnen in Berührung gekommen war, verfiel man in eine Art Rausch. Diese Gabe machte ein Monster aus mir, oder war ich schon immer eines gewesen?
Ich zog Amanda in ihrem Kopf an einen düsteren Ort, menschenleer. Das Einzige, was ich hörte, waren Beschimpfungen und Gelächter. Sie saß mitten auf dem schwarzen Boden, hielt sich die Ohren zu und weinte. Irgendetwas Unverständliches wimmerte sie vor sich hin.
Ich ging auf sie zu, doch ich war nicht ich. Ich sah wie eine Figur aus einem Horrorfilm aus. Blut klebte an meinen Händen und mein Gesicht war seltsam entstellt. Ich durfte nicht zu ihr laufen, sonst würde ich alles nur noch schlimmer machen, aber meine Füße gehorchten mir einfach nicht. Als ich vor ihr stand, sah Amanda auf. Augenblicklich begann sie zu schreien und versuchte aufzustehen. Doch sie brach gleich wieder zusammen. Ich kniete mich zu ihr herunter, aber das war nicht wirklich ich, oder?
Ich musste das beenden, und zwar sofort. Während Amanda wie am Spieß schrie, rief ich meinem Kopf zu aufzuhören. schrie ich mir selbst immer wieder zu und auf einmal wurde alles hell und ich war zurück in der Schule, zurück in der Realität.
Amanda jedoch, lag zusammengerollt auf dem Boden, kreischte und war tränenüberströmt. Ich sah zu ihrer Freundin hinüber, die nur gesehen hatte, wie ich Amanda mit einer einzigen Berührung zum Weinen gebracht hatte. Sie starrte mich mit Angst erfüllten Augen an. Was hatte ich getan?
Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf:
Dieses Wort wiederholte sich immer wieder in meinen Gedanken. Mein Blick ging zu Amanda, dann wieder zu ihrer Freundin. Verzweifelt suchte ich nach irgendwelchen entlastenden Worten, doch ich konnte das Geschehene nicht erklären. Also hob ich meine Tasche auf und verließ die Toilette.
Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass Lehrer in die Mädchentoilette rannten, aus der immer noch Amandas Geschrei kam. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, dort zu bleiben, aber was sollte ich sagen? Dass es ein Unfall war? So oft wie ich die Schule gewechselt hatte, würde mir das keiner glauben. Diese Vorfälle waren überall in den Akten vermerkt, also würden sie sowieso auf mich zurückkommen. Ich steuerte auf den Ausgang zu, woraufhin mich kühle Luft umgab und ich tief durchatmete.
dachte ich. Amanda hatte ein starkes Selbstbewusstsein.
Ich steckte meine Hände in die Jackentasche und setzte meine Kapuze auf. Nachdem ich den Pausenhof verlassen hatte, lief ich die Straße hinab, aber nach Hause konnte ich nicht, der Unterricht war ja noch nicht offiziell zu Ende. Daheim wartete sowieso nur Ärger, deswegen bog ich in eine dunklere Gasse ab, die ich nur allzu gut kannte.
Für Außenstehende sah sie aus wie eine gewöhnliche Sackgasse, doch für Nightmares verbarg sich hinter den alten Mauern eine Art Wohngemeinschaft. Ich drückte meine Hand an die Wand. Einen Augenblick später verschoben sich die Backsteine und gaben eine Tür frei. Ich hörte einen Riegel, der sich verschob, und sie schlug auf.
»Melrose, was für eine Ehre«, Luna grinste falsch.
Ihren ironischen Unterton ignorierte ich und ging an ihr vorbei: »Ist Nelli da?« Sie nickte und ich lief durch das Gemeinschaftswohnzimmer und den schwarzen Gang, der zu den verschiedenen Zimmern führte. Viel unterschied sich nicht von einer normalen WG, abgesehen von den fehlenden Fenstern und der düsteren Farbwahl. Schwarz, grau und dunkelrot.
Noch bevor ich an der Tür klopfen konnte, wurde sie von der anderen Seite aufgerissen.
»Süße, du lebst ja auch noch!« Nellis Make-up saß wie immer perfekt und ihre blonden Haare fielen glatt über ihre Schultern. Im Gegensatz zu mir hatte meine beste Freundin genau diesen...




