Hodgen | Fünf Menschen, die mir fehlen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Hodgen Fünf Menschen, die mir fehlen

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12421-2
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-641-12421-2
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



“Eine Handgranate in literarischer Form.“ The New York Times

Mary wächst in einer kaputten Industriestadt auf. Ihre Mutter ist schön wie Liz Taylor und versucht mit immer wechselnden Männern einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Mary liebt und hasst ihre wilde Mutter genau so wie ihren großspurigen Onkel. Auch Marys andere Wegbegleiter zu einem selbstbestimmten Leben sind schräge Vögel: der Klassenidiot, die College-Zimmergenossin, die ein unerträgliches Geheimnis hütet, der hochbegabte Pianist, der scheitert. Mit literarischer Wucht setzt Christie Hodgen den Außenseitern, die unser aller Leben prägen, ein erzählerisches Denkmal.

Christie Hodgen, geboren 1974, gilt in den USA als der literarische Geheimtipp. Für ihren Debutroman "Hello, I must be going" und ihre Kurzgeschichtensammlung "A Jeweler's Eye for Flaw" wurde sie unter anderem mit dem AWP Award for Fiction und dem Pushcart Prize ausgezeichnet. Alle ihre Werke wurden in der Presse euphorisch besprochen. Christie Hodgen unterrichtet an der University of Missouri in Kansas City.
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ELEGIE FÜR
MIKE BEAUDRY

(1952–1989)

So jemanden gab es in jeder Familie, und du warst es bei uns: der Trottel, die Niete, der Säufer, der Rumtreiber, der ständige Arbeitsplatzwechsler (Müllmann, Koch, Hilfspfleger, Lieferwagenfahrer) und ständig Arbeitslose (Den Scheiß muss ich mir nicht antun, sagtest du immer), der kettenrauchende Versager mit dem Muscle-Car, einem eichelbraunen 442 Cutlass Supreme namens Michelle, der Liebe deines Lebens (Mal sehen, was mein Baby so draufhat, sagtest du immer, alle sechs Cousinen auf der Rückbank zusammengedrängt, und wie du johltest, wenn du die Scheiben runtergekurbelt und auf der Route 20 richtig Gummi gegeben hast, wie wir an den Striplokalen, den rund um die Uhr geöffneten Diners, den schäbigen Motels und Schrottplätzen vorbeibrausten, hinter denen sich schmollend die kleinen Betonziegelhäuser unseres Viertels in ein tiefes Tal duckten), du warst der ledige Onkel mit den blutunterlaufenen Augen und dem Fünftagebart, der immer in zerknittertem Hemd und Jeans und mit nach Alkohol stinkendem Atem zu spät zum Festessen kam – Michael Timothy Beaudry, eine Zeit lang warst du für uns all das.

Die Siebziger: Nixon und Carter, Kultur und Gegenkultur, ein Weg, der sich irgendwo im Wald teilte. Du warst zwanzig, dann fünfundzwanzig, dann dreißig, und die ganze Zeit sah es so aus, als wärst du gerade erst erwachsen geworden, als würde dein richtiges Leben – als Schullehrer oder Feuerwehrmann, als Ehemann und Vater, als rechtschaffener Steuerzahler – noch bevorstehen. Aber was hätte das für einen Zweck gehabt? Du hattest ein Herzleiden, einen Klappenfehler, der dich jederzeit das Leben kosten konnte, das Gleiche wie bei deiner Mutter, die starb, als du gerade erst drei warst. Es gab unglaublich viel, was du nicht tun durftest (praktischerweise gehörte dazu auch der Militärdienst), und du machtest dir einen Spaß daraus, all dem vor den Augen deiner Schwestern zu frönen. Die Hände in die Hüften gestützt, sahen sie dabei zu, wie du uns hinterm Haus durch den Garten jagtest, uns hoch in die Luft warfst und wieder auffingst, wie du mit ihren Ehemännern und Freunden Football spieltest, wie du trankst und rauchtest, rauchtest und trankst. All deine Fehler schrieben sie deinem Herzen zu. Deine Sauferei, deine Drogen, deine Schulden und dein Glücksspiel, deine ständigen Bettgeschichten (wie du ein Mädchen ungefähr eine Woche lang umgarnt hast, bis du sie auf Michelles Rückbank vögeln konntest und ihr dann das Herz brachst … doch irgendwann würdest du dafür büßen müssen, sagten deine Schwestern, bei irgendeinem Mädchen würde es dich erwischen, und der Schmerz, sie zu verlieren, würde dich umbringen, wart’s nur ab, sagten sie, diese drei langhaarigen, gehässigen Hexen, und wie recht sie behalten sollten), den Umstand, dass du keine deiner Wohnungen lange behalten konntest, dass du ständig zu unchristlicher Zeit angeklopft und – dein ganzes Leben in einen Seesack gestopft – vor der Tür gestanden hast, dass du in einem unendlichen Kreislauf zwischen Lily, Ellen und Margaret von einem Sofa zum anderen zogst: All das schrieben sie deinem Herzklappenfehler zu. »Sein Herz, sein Herz, sein Herz!«, sagten sie und meinten damit doch viel mehr, meinten, du hättest ansonsten in tausend Belangen ein besserer Mensch sein können. Später jedoch, nachdem du für immer gegangen warst, ohne ihnen mitzuteilen, wohin, saßen deine Schwestern an den Feiertagen auf den von dir durchgelegenen Sofas, aßen ihren Kuchen, tranken ihren Kaffee, rauchten ihre Virginia Slims und lasen sich gegenseitig ihre Horoskope aus der Zeitung vor, genau wie sie es schon als Kinder abends bei Tisch getan hatten – Fische, Widder, Krebs und dann nur zum Spaß auch noch den Steinbock für dich (NEHMEN SIE SICH HEUTE TROTZ IHRES VOLLEN TERMINKALENDERS EIN WENIG ZEIT FÜR IHRE FAMILIE!) –, später jedoch reckten sie an all den eintönigen Feiertagsnachmittagen, an denen sie dasaßen und über dich nachgrübelten, jedes Mal, wenn ein Auto vorbeifuhr, die Köpfe zum Fenster und kamen zu dem Schluss, dass es vielleicht doch nicht dein Herz war, das dich zugrunde gerichtet hatte, sondern dass du auch sonst derselbe geworden wärst, und in jener Zeit sagten sie oft: »Wir sind ja auch nicht miteinander verwandt.«

Was war eigentlich Verwandtschaft? Dein Vater, der Witwer Michael Beaudry sen., hatte meine Großmutter Virginia Mayhew, geborene Beauvier, geheiratet, eine Witwe mit drei Töchtern, der Ehemann war an Krebs gestorben, und auf amtlichen Dokumenten und in Restaurants waren sie fortan immer nur »die Beaudrys, sechs Personen« gewesen. Nach einem schwierigen ersten Jahr – Schweigen im Auto, Schweigen beim Abendessen – änderte sich alles, und keiner konnte sich mehr richtig daran erinnern, wie das Leben vorher gewesen war. Ihr wurdet zu einer Familie. Dein Zimmer wurde »Michaels Zimmer« und war nicht mehr »das Zimmer, das er Lily wegnahm, als sein Vater unsere Mutter heiratete, und jetzt müssen wir zu dritt in einem Zimmer schlafen, während der Herr ein Zimmer für sich allein hat«. Schon bald warst du ein ganz normaler Bruder, der mehr Kartoffelbrei aß, als ihm zustand, der nachmittags allein durch die Innenstadt schlendern durfte, der nicht nach Hause kommen musste, um den Abendbrottisch zu decken, dessen gelegentliche häusliche Pflichten (Laub harken, Müll rausbringen) in keinem Verhältnis zu der tagtäglichen Plackerei im Haushalt standen. Wie alle Brüder wurdest auch du von deinen Schwestern nicht als ernstzunehmender Angehöriger des anderen Geschlechts betrachtet. Es war ihnen egal, ob du sie mit Lockenwicklern im Haar sahst, die Pickel mit Zahnpasta betupft. Und es war ihnen auch egal, ob du ihre Gespräche über Dave Duncan, Jess Landry und Mike Murphy mitbekamst, die Jungen, in die sie verliebt waren. Du warst den Beschimpfungen und Bestechungen ausgesetzt, die ausschließlich bei Brüdern angewendet werden. Nachmittags stahlen deine Schwestern deinen Plattenspieler und schlossen ihn in ihrem Zimmer an, nahmen deine Lieblingsmusik (wie gern du gesungen hast! James Brown, Otis Redding, die Rolling Stones) vom Plattenteller und legten stattdessen Elvis, Bobby Darin, Doris Day auf. Wenn du abends dein Schlafzimmerfenster öffnetest, um eine Zigarette zu rauchen, verpetzten sie dich – Mom! Michael raucht schon wieder! – oder stürmten herein und verlangten ebenfalls nach einer Zigarette. Vor allem meine Mutter. Sie war in deinem Alter. Ihr wart die Jüngsten in der Familie, nur zwei Monate auseinander, seid ins selbe Schuljahr gegangen und habt oft in denselben Kursen gesessen. Du schriebst ihre Hausaufgaben ab, hast den Wortlaut ihrer Buchvorstellungen leicht verändert und sie als deine eigenen ausgegeben. Sie lieh sich Geld von dir (samstagvormittags hast du als Packer in einer Metzgerei gearbeitet), versäumte aber, es dir wiederzugeben. Schulter an Schulter habt ihr in deinem Zimmer gestanden und aus dem Fenster Rauch in die kalte Luft von New England geblasen. Von deinem Fenster aus blickte man auf einen hohen Hügel, auf dem die staatliche Psychiatrie stand, ein neugotisches Schloss mit Türmchen und Kriechblumen und einem gespenstischen Uhrenturm in der Mitte, dessen Läuten einen stündlich aus dem Schlaf riss, und ihr, du und meine Mutter, habt auf eure Befreiung gewartet, genau wie die Verrückten, die in eurer Vorstellung zu euch zurückstarrten, ihr habt gewartet und gewartet und immerzu von Flucht gesprochen. Meine Mutter dachte an Kalifornien, du an New York. Sobald du mit der Highschool fertig wärst, würdest du dich aus dem Staub machen. Ein Seesack, ein Bus, ein Highway. Auf und davon. Wie ihr beide dort gestanden und das dunkle Viertel schmaler, dicht zusammenstehender Häuser betrachtet habt, wie ihr dagestanden und von Flucht gesprochen habt, während euer Atem die Scheibe beschlug und sich miteinander vermischte, wie ihr dagestanden und Pläne geschmiedet habt, die immer wieder scheitern sollten – war das nicht Verwandtschaft?

Du warst unser Onkel – jede deiner Schwestern hatte zwei Kinder, alles Mädchen. Du warst gut geschult in den Fertigkeiten, die ein Onkel gemeinhin haben sollte: im Kitzeln, im kunstvollen Rülpsen, im Nase-aus-dem-Gesicht-Pflücken, im scheußlichen Umstülpen der Augenlider. Am Labor Day fuhrst du jedes Jahr mit uns nach Hampton Beach, hast uns in der Brandung herumgeschleudert (das nanntest du Waschmaschine) und uns Eis und T-Shirts gekauft. (Ach, der Geruch jenes Ladens, die Aufbügelfolien, Plastik, das mit Baumwolle verschmolz!) Du hattest mehr T-Shirts als alle anderen, die ich kannte – mit den Gesichtern von John Lennon und Jimi Hendrix darauf, eins mit Mick Jaggers lasziver Zunge. Im Lauf der Jahre wurden all diese T-Shirts leprös, der Aufdruck blätterte ab, bis man nicht mehr erkennen konnte, was er einmal hatte darstellen sollen, wenn man ihn nicht von Anfang an gekannt und miterlebt hatte, wie alles Stück für Stück, Tag für Tag zerbröselte; wenn man nicht zur Familie gehörte.

Einmal hast du dich an Heiligabend als Weihnachtsmann verkleidet, weil irgendwer wahrscheinlich dachte, so etwas sei die Grundlage für eine glückliche Kindheit. Welches Haus war es damals? Ich kann mich nicht mehr an all die Häuser und Wohnungen, an all die Scheidungen, Zwangsvollstreckungen und erneuten Hochzeiten, an all die Exmänner und Stiefväter erinnern. Jedenfalls hast du die Haustür aufgestoßen und kamst herein: Ho, ho!, sagtest du, und dein Bauch wackelte einen Augenblick wie ein Schälchen Marmelade. Tut mir leid, dass ich durch die Tür komme, aber der Schornstein ist kaputt. Du sprachst in dem dröhnenden, höhnischen Ton von W. C. Fields. Das...


Hodgen, Christie
Christie Hodgen, geboren 1974, gilt in den USA als der literarische Geheimtipp. Für ihren Debutroman "Hello, I must be going" und ihre Kurzgeschichtensammlung "A Jeweler's Eye for Flaw" wurde sie unter anderem mit dem AWP Award for Fiction und dem Pushcart Prize ausgezeichnet. Alle ihre Werke wurden in der Presse euphorisch besprochen. Christie Hodgen unterrichtet an der University of Missouri in Kansas City.

Gunkel, Thomas
Thomas Gunkel übersetzt Literatur aus dem Englischen u. a. John Cheever, Stewart O'Nan, William Trevor und Richard Yates.



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