Hoek | Unter freiem Himmel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Hoek Unter freiem Himmel

Wie ich obdachlos wurde und den Weg zurück ins Leben fand. Persönlicher Erfahrungsbericht. Obdachlosigkeit in Berlin. Kritik an Unterkünften und Obdachlosenhilfe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7453-1967-5
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie ich obdachlos wurde und den Weg zurück ins Leben fand. Persönlicher Erfahrungsbericht. Obdachlosigkeit in Berlin. Kritik an Unterkünften und Obdachlosenhilfe

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-7453-1967-5
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



André Hoek hatte ein erfülltes Leben, war glücklich verheiratet und erfolgreich im Beruf. Als er plötzlich alles verliert, findet er sich nach Schicksalsschlägen und einer immer stärker werdenden Alkoholsucht obdach- und mittellos auf der Straße wieder. Sein Leben am Rand der Gesellschaft wird bestimmt von eisigen Temperaturen, permanenter Angst vor Übergriffen und der ständigen Frage, woher man die nächste Mahlzeit bekommt. Ein Schicksal, das er am Ende beinahe mit dem Leben bezahlen muss. Schonungslos ehrlich erzählt André Hoek von seiner Zeit auf den Straßen Berlins und wie er sich aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft gekämpft hat.

Ob als ehrenamtlicher Streetworker, Dozent an der Obdachlosen-Uni in Berlin oder Seminare zur Aufklärung der Thematik 'Obdachlosigkeit' - seit ihm 2017 der Absprung von der Straße gelungen ist, setzt sich André Hoek für all diejenigen ein, die von unserer Gesellschaft allzu oft übersehen werden. Auch in seinem Podcast 'Unter freiem Himmel' berichtet er von seinen Erfahrungen auf der Straße - und wurde dafür mit dem Deutschen Podcast Preis ausgezeichnet. Heute lebt der gebürtige Berliner als selbstständiger Headhunter für IT-Fachkräfte in Varna.
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Ausgrenzung von Obdachlosen


Ich hatte ja etwas weiter vorn geschrieben, wie ich mich das erste Mal in der Magdalenenstraße zum Betteln auf die Straße setzte und plötzlich unsichtbar wurde. Niemand beachtete mich mehr und alle sahen irgendwie zwanghaft an mir vorbei oder über mich hinweg. Dies war praktisch ein leichter Vorgeschmack der massiven Ausgrenzung, der ich mich als Obdachloser in der Zukunft ausgesetzt sehen sollte.

Wenn man auf der Straße lebt, wird man auf extreme Weise vom normalen Leben ausgeschlossen. Bei jeder Gelegenheit wird einem klar gemacht, dass man nicht mehr dazugehört. Man ist kein normaler Teil der Gesellschaft mehr. Diese Ausgrenzung ist wirklich allumfassend und so gut wie jeder beteiligt sich daran. Und viele Menschen tun dies, ohne es richtig zu bemerken. Ganz einfach weil man mit Obdachlosen eben auf eine bestimmte Weise umgeht. Also eher gedankenlos als vorsätzlich. Es beginnt damit, dass obdachlose Menschen oft vollständig ignoriert werden. Und setzt sich dann fort, dass man oft wie ein kleines, dummes Kind behandelt wird und gipfelt in Beschimpfungen und auch tätlichen Angriffen.

Ich möchte an dieser Stelle mal einige eigene Erlebnisse schildern: Man kommt zum Beispiel auf einen Bahnsteig der S-Bahn und wartet auf den nächsten Zug. Und auch wenn man nicht besonders schmutzig ist oder schlecht riecht, rücken alle Leute sofort ein Stück weg von einem. Einfach nur, weil man am Gepäck Isomatte, Schlafsack, Rucksack und am Äußeren als Obdachloser erkennbar ist.

Irgendwann kommt die Bahn, man setzt sich und das Paar von der gegenüberliegenden Bank steht auf und sucht sich einen anderen Platz. Sehr oft begleitet von abwertenden und missbilligenden Blicken. Oder es wird einem schon beim Versuch sich zu setzen sehr unfreundlich mitgeteilt, sich woanders einen Platz zu suchen.

Wenn man durch die Straßen läuft, ist man ebenfalls permanent diesen Blicken ausgesetzt. Ich saß mal am Berliner Hauptbahnhof in meinem Rollstuhl, machte eine Pause vom Verkaufen der Obdachlosenzeitung und rauchte eine Zigarette. Da kamen drei junge Leute auf mich zu. Zwei junge Männer und ein Mädchen. Schon von Weitem konnte ich sehen, dass sie über mich sprachen und an ihren Gesichtern konnte ich sehr deutlich erkennen, dass das nichts Angenehmes war.

Als die drei auf Sprechweite an mich heran waren, begannen sie, mich als Penner und Assi zu beschimpfen. Ich gehöre eingesperrt und sei ein Stück Dreck. Als sie auf meiner Höhe angekommen waren, rotzte einer der jungen Männer mir auf die Hose und dann gingen sie, mich weiter beleidigend weiter. Ich hatte nichts Böses gemacht, sondern war einfach nur da. Und das reichte diesen Menschen offensichtlich, um mich so zu demütigen.

Das waren jetzt nur einige wenige Beispiele, doch diese Ausgrenzung ist äußerst massiv und praktisch allgegenwärtig. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird einem klar gemacht, dass man nicht mehr dazugehört.

Von wirklich fast jedem!

Am Anfang wehrt man sich noch dagegen, doch irgendwann akzeptiert man es einfach. Die Menschen WOLLEN einen nicht mehr als gleichwertigen Menschen wahrnehmen.

Beim Betteln am Berliner Hauptbahnhof ergaben sich gelegentlich auch mal Gespräche mit den Reisenden und wenn ich da mal was von meinem tatsächlichen Intellekt zeigte, wurde auch das nicht anerkannt. Man fand das eher niedlich. Ähnlich wie bei einem Affen im Zoo, dem man beigebracht hatte, mit Messer und Gabel zu essen. »Guck mal, Mutti, fast wie ein richtiger Mensch ...«

Das tat jedes Mal richtig weh. Aber es geht sogar noch schlimmer. Ich muss dazu etwas weiter ausholen, um die Zusammenhänge besser darstellen zu können.

Obdachlosigkeit hat mit Sicherheit extrem viele Nachteile, aber einen wirklich großen Vorteil. Das ist die enorme Freiheit, die man auf der Straße genießt und die ich auch heute noch sehr vermisse. In meinem alten Leben auf Gran Canaria war ich vielen Zwängen unterworfen.

Zum einen musste ich als Freelancer sehr viel arbeiten. Ein Zwölf-Stunden-Tag war eher die Regel als die Ausnahme. Ebenso nahm ich mir zwar regelmäßig vor, die Wochenenden arbeitsfrei zu sein, doch genauso regelmäßig saß ich dann doch am Samstag vor dem Computer. Zusätzlich hatte ich noch meinen täglichen Sport, der jeden Tag auch noch etwa 60 bis 90 Minuten in Anspruch nahm.

Dann gab es einen sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis, der auch noch regelmäßig gepflegt werden wollte. Sehr oft kam es vor, dass wir am Samstag Spontanbesuch erhielten, nur zum Kaffeetrinken, und sich daraus eine Grillparty entwickelte, die oft bis in den Sonntagmorgen ging. Zusätzlich hatte natürlich auch meine Frau noch Rechte an meiner Zeit und gelegentlich wollte ich auch einfach mal auf der Terrasse sitzen und in Ruhe ein Buch lesen. Letzteres geschah äußerst selten.

Egal wo ich war, ich musste danach immer noch irgendwo hin oder hatte noch irgendetwas vor. Ich war also sehr eingespannt.

Auf der Straße stellte ich plötzlich fest, dass ich frei war wie der Wind. Ich konnte praktisch tun und lassen, was ich wollte und musste mich lediglich darum kümmern, wo ich am Abend meinen Schlafsack und meine Isomatte ausrollte und wie ich die paar Euro zum Leben zusammenbekam. Keine Briefe, keine E-Mails und keine Termine. Das war für mich ein völlig neues Gefühl und ich habe dies genutzt und bin gereist.

Damals kam man mit dem FlixBus, wenn man nachts fuhr, für ganz wenige Euro in fast jede deutsche Stadt. Den ganzen tiefen Süden mal ausgenommen. Und immer wenn mir Berlin oder eine andere Stadt auf die Nerven ging, bin ich am Abend zum Zentralen Omnibusbahnhof gegangen, schaute, welche Busse innerhalb der nächsten Stunde abfuhren und wenn mein Geld reichte, stieg ich ein und fuhr dorthin. Von meinen Erlebnissen auf diesen Reisen werde ich später noch mehr erzählen.

Auf einer dieser Reisen gelangte ich mal nach Hannover. Eines Nachts schlief ich mit einem anderen Obdachlosen unter einer Brücke in der Nähe des Hauptbahnhofs und wurde dadurch geweckt, dass mir jemand mit voller Wucht an den Kopf trat. Also eigentlich realisierte ich erst später, was sich ereignet hatte, in dem Moment wusste ich nur, dass gerade etwas Schlimmes passierte. Schmerzen hatte ich in dem Augenblick noch keine, aber ich hatte einen sonderbaren metallischen Geschmack im Mund, den ich immer habe, wenn es richtig gefährlich wird. Keine Ahnung, woher der kommt.

Ich sah, dass ein junger Mann vor mir stand und ich hatte eigentlich mehr aus einem rudimentären Überlebensinstinkt heraus das Gefühl, sofort auf die Beine kommen zu müssen, um mich zu verteidigen. Ich wusste, wenn ich am Boden blieb konnte alles Mögliche passieren. Im schlimmsten Fall wird man gnadenlos zusammengetreten, ohne dass man sich großartig dagegen wehren konnte. Also auf die Füße und noch irgendwie versuchen, sich zu wehren.

Allerdings war ich überhaupt nicht wehrfähig. Bevor ich am Abend schlafen ging, trank ich regelmäßig größere Mengen Alkohol, um überhaupt einschlafen zu können. Ich war also sehr betrunken. Dann hatte ich eben noch tief geschlafen und war entsprechend schlaftrunken und orientierungslos. Und natürlich auch noch geschockt. Man kann sich das so vorstellen, als wenn jemand in der Nacht heimlich ins Schlafzimmer kommt und man an Armen und Beinen aus dem Bett gezogen und dabei noch angebrüllt wird. Und ich hatte natürlich auch noch den Tritt an den Kopf abbekommen und war entsprechend benommen. Aber trotz allem, zwang ich mich aufzustehen und wenigstens noch einen Verteidigungsversuch zu unternehmen.

Der Angreifer bückte sich, nahm meine Bierflasche, die vom Abend noch an meinem Schlafsack stand, zerschlug diese auf dem Gehsteig und begann, mich damit zu attackieren. Alle seine Angriffe gingen in Richtung Gesicht und da erst realisierte ich, wie ernst die Situation war. Der wollte mich wirklich schwer verletzen oder töten!

Da ich nichts weiter hatte als meine nackten Hände, um mich zu verteidigen, nutzte ich diese entsprechend. Einige Attacken konnte ich an meinem Kopf vorbeileiten, indem ich diese von meinem Unterarm abgleiten ließ. Doch dies gelang nicht immer und bei sehr vielen Angriffen konnte ich nur die offene Hand vor die Glasflasche halten und so verhindern, dass ich im Gesicht getroffen wurde.

Der Kampf hat vermutlich weniger als eine Minute gedauert, mir kam das jedoch sehr viel länger vor. Es war irgendwie alles extrem verlangsamt. Gefühlt hatte ich sehr viel Zeit, die Angriffe wahrzunehmen und mich entsprechend zu verteidigen, doch tatsächlich hat sich das sehr viel schneller abgespielt.

Schmerzen hatte ich keine, ich war so voller Adrenalin, dass mir die Verletzungen nicht viel ausmachten. Was ich jedoch wahrnahm war sehr viel Blut. Es war irgendwie überall. Am Angreifer, an mir und auf dem Boden.

Plötzlich hörte ich links und rechts von mir lautes Gebrüll und als ich hinsah, bemerkte ich Polizisten, die mit ihren Waffen auf den Angreifer zielten. Ich vermute, die sind dort vorbeigefahren und haben gesehen, was sich abspielte.

Der Typ war extrem aggressiv und stand vermutlich unter der Einwirkung von irgendwelchen Drogen und unternahm noch einen Angriffsversuch auf die Polizisten, von dem er aber zu seinem Glück abließ. Der war richtig im Blutrausch und hatte extrem viel Glück, dass die Polizisten kühlen Kopf bewahrten und nicht auf ihn schossen.

Der Täter wurde überwältigt und in Handschellen gelegt und noch während er verhaftet wurde, stieß er Morddrohungen gegen mich aus und dass er mich schon finden würde.

Und jetzt tauchte auch der andere Obdachlose wieder auf. Zu Beginn des Kampfes hatte ich ihn hinter mir vermutet und dass er mir den Rücken deckt. Doch als ich während des Kampfes einmal in diese...


Ob als ehrenamtlicher Streetworker, Dozent an der Obdachlosen-Uni in Berlin oder Seminare zur Aufklärung der Thematik "Obdachlosigkeit" – seit ihm 2017 der Absprung von der Straße gelungen ist, setzt sich André Hoek für all diejenigen ein, die von unserer Gesellschaft allzu oft übersehen werden. Auch in seinem Podcast "Unter freiem Himmel" berichtet er von seinen Erfahrungen auf der Straße – und wurde dafür mit dem Deutschen Podcast Preis ausgezeichnet. Heute lebt der gebürtige Berliner als selbstständiger Headhunter für IT-Fachkräfte in Varna.



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