Höner / Minelli | Werkschau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 362 Seiten

Höner / Minelli Werkschau

Diplomlehrgang 2025
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-3311-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Diplomlehrgang 2025

E-Book, Deutsch, 362 Seiten

ISBN: 978-3-7693-3311-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Buch zu öffnen, heisst: eine Tür öffnen. Dahinter warten Räume voller Stimmen, Geschichten, Möglichkeiten. Diese Anthologie lädt dazu ein, einzutreten. Dreizehn Autor:innen führen in Welten, die überraschend und doch auf wunderbare Weise vertraut sind. Denn in dieser Sammlung überschreiten sie mit ihren Texten eine Schwelle. Sie wagen es, innere Bilder nach aussen zu tragen und sie mit uns zu teilen. Jede Seite ist ein Schlüssel, jedes Wort ein Schritt. Für uns Lesende eröffnet sich ein Mosaik an Erfahrungen und Sichtweisen. Wir dürfen verweilen und staunen, eintauchen und die Freude spüren, die entsteht, wenn ein Weg aus innerer Dringlichkeit - aus dem Bedürfnis, etwas zu sagen, zu erkunden, mitzuteilen - in die gemeinsame Erfahrung hineinführt. Denn das ist, was Bücher vermögen. Diese Sammlung lädt dazu ein, das Neue willkommen zu heissen und den eigenen Blick für die Ausdruckskraft aktuellen literarischen Schaffens zu schärfen.

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Weitere Infos & Material


Yasemin M. Aküzüm

HINTER TÜREN

Ein Entwicklungsroman

Yasemin M. Aküzüm, 1976 in Winterthur geboren, administrative Allrounderin und Selfpublishing-Autorin, liebt das Surreale, Weitblicke in die Zukunft und Szenarien, die Menschen fordern und formen. In ihren Geschichten geht es um Emotionen und davon, was sie auslösen, wenn sie gelebt oder nicht gelebt werden.

HINTER TÜREN

(Leseprobe)

Prolog

Schlaflose Nächte und Tage gespickt mit apathischen Kurzaussetzern sind vergangen, bis ich mir sicher war, dass ich das, was ich erlebt habe, aufschreiben will. Schwarz auf weiss. Zeile um Zeile. Nicht in Stein gemeisselt, nicht unvergänglich, jedoch für eine lange Zeit abrufbar und nachlesbar. Es ist zu surreal, als dass ich es für mich behalten könnte. Sie, meine lieben Miterdenbürger, haben das Recht, zu erfahren, was ich erlebt habe. Und glauben Sie mir, Sie werden mir noch dankbar dafür sein, dass ich Ihnen meine Geschichte anvertraue und es auf mich genommen habe, sie niederzuschreiben. Es geht schliesslich um unser aller Zukunft.

Aber ich muss von vorne beginnen. Wenn es überhaupt ein Vorne gibt. Keine Sorge, ich hole jetzt nicht aus und erzähle Ihnen ätzende Ereignisse aus meiner Kindheit, die war nämlich okay. Wirklich. Keine trinkende Mutter, kein durch Abwesenheit glänzender Vater, kein fehlgeleiteter Onkel, auch sonst keine Tragödie. Eine ganz normale Kindheit.

Jetzt fragen Sie sich, wer ich bin. Wenn ich das wüsste, würde ich es Ihnen sagen. Simple Fakten, mit denen kann ich dienen. Stecken Sie mich bitte nicht in eine Schublade. Vielleicht schaffen Sie es, mich vorerst auf ein Regal zu stellen. Egal, wenn der Frühlingsputz – wie bei mir – vergessen oder verdrängt worden ist, es macht mir nichts aus, auf Staub zu sitzen. Alles ist besser als eine dunkle Schublade.

Ich gehöre dem weiblichen Geschlecht an, denn ich verfüge über alle notwendigen Attribute. Klischees erfülle ich nicht, schon gar nicht in meinem Verhalten, aber das passt ja gut in die heutige Zeit. Ich sehe jünger aus, als ich bin – was mir recht ist – und verhalte mich auch so. Und ich bin dünn. Gross und dünn. Hager habe ich auch schon gehört. Schlaksig. Aber die sind nur neidisch, weil ich essen kann, was ich will.

Eines möchte ich von vornherein klarstellen: Sollten Sie sich im Laufe Ihrer Lesezeit fragen, ob Drogen im Spiel sind, dann kann ich das mit einem klaren beantworten. Weder Psychedelika noch sonst irgendwelche Stimulanzien. Ich bin so clean wie das Zahnpflegeset meines Nachbarn. Aber zu Bernd später mehr.

Und sollten Sie Zweifel an meiner psychischen Gesundheit hegen, nun ja, diesbezüglich kann ich weder etwas bestätigen noch dementieren.

Ich höre meine quietschende Wohnungstür. Das Klopfen habe ich nicht mitbekommen. Jetzt ... Achtung ... schlurfende Schritte mit einem Nachhall eines leisen, kaum wahrnehmbaren Schleifgeräusches des rechten Beines ... ein kurzes Nachzittern der dünnen Wände. Die dunkle Flüssigkeit in meiner Lieblingstasse vibriert und lässt Ringe auf der Oberfläche entstehen. Staub rieselt von den Bilderrahmen, flackert kurz im Strahl des späten Morgenlichts auf und verschwindet wieder, im Gegensatz zu meinem Besucher, der jetzt vor mir steht und mich mustert. Er sieht unausgeschlafen aus. Sein haselnussfarbenes Haar hängt in eine mit einem dünnen Schweissfilm bedeckte Stirn. Der Lift ist mal wieder defekt. Aber wegen ihm ziehe ich nicht ins Erdgeschoss. Mir gefällt es zuoberst. Von hier sehe ich an schönen Tagen bis zu den Alpen. Oder bilde es mir zumindest ein.

«Olivia, was tust du da? Schreibst du über mich?»

Die Stimme meines Nachbarn lässt mich hochschrecken. Er steht ja noch immer vor mir.

«Was? Nein, Bernd! Wie kommst du denn auf sowas?»

Bernd, das Brot. Das mag er nicht. Da wird er grantig. Ironie des Schicksals, dass er Brot liebt. Er schimpft zwar immer, dass Brot in der Schweiz nicht so lecker sei wie Brot in Deutschland. Wenn ich daraufhin entgegne, ob er wieder zurückwolle, tut er so, als würde er mich würgen. Er zeigt das höchst theatralisch, denn viele Haare früher, als Bernd ein Brötchen war, wollte er Schauspieler werden. Keine Ahnung, warum er das aufgegeben hat. Ich finde, er hat Talent.

Ich höre jetzt besser auf, er guckt immer noch böse. Ausführlichere Informationen zu unserer seltsamen Freundschaft und wie es dazu kam, entnehmen Sie bitte dem übernächsten Kapitel. Aber nicht überspringen.

Die Schrödinger-Aufwachsequenz

Montag. Nur so übel, weil es das Wochenende gibt.

Kennen Sie diese Sekunden beim Erwachen, wenn man nicht weiss, welcher Tag ist? Man schwebt zwischen der Glückseligkeit eines freien Tages und dem Abgrund eines Werktages. Noch ist alles möglich. Die Schrödinger-Aufwachsequenz.

Oh Gott! Ich muss den Alarmton ändern. Ich will nicht aufstehen. Bin so müde, dass ich mich mit der Matratze verbunden fühle. Ich weiss gar nicht, wo mein Körper aufhört und sie beginnt. Wir sind eins. In der Nacht waren wir es nicht.

Normalerweise nicke ich friedlich auf der Couch ein, beim Schauen einer TV-Serie. Stopp, Rückwärtstaste, Play, nein, weiter zurück, schauen, einschlafen, verflixt, erneut rückwärts, einschlafen, verflixt. Endlich trenne ich mich von Couch und Serie und mache mich bettfertig. Lege mich in freudvoller Erwartung auf Erholung ins kuschlige Nest.

Starre hellwach ins Dunkle. Lange. Heisst es deswegen hellwach, weil man normalerweise nicht schläft, wenn es hell ist? Ich könnte lesen, aber ich bin zu müde. Meistens. Hoffnungsvoll probiere ich Schlafpositionen aus. Rückenlage, Seitenlage, Igel, Flamingo, Frosch … Die nächtliche Realität ist wie eine Ohrfeige, die ich nicht verdient habe. In der Regel liege ich pro Nacht zwei Stunden wach, manchmal mehr, manchmal portioniert, teilweise am Stück. Auch daran gewöhnt man sich. Am schlimmsten ist es von Sonntag auf Montag. Und damit bin ich wieder im Jetzt angekommen.

Ich kämpfe mich hoch. Im Bad erwartet mich der tägliche Wahnsinn. Erkenne mich kaum im Spiegel. Hätte ich ein Waschbär sein wollen, dann wenigstens mit seinen Vorzügen. Stattdessen habe ich seine Augenringe, muss aber zur Arbeit. Er wäscht sein Essen, ich mein Gesicht. Die Ringe bleiben.

Eine halbe Stunde später sitze ich im Bus. Es sind nicht viele Stationen bis zur Arbeitsstelle, aber heute mag ich nicht zu Fuss gehen. Dafür stehe ich im Bus, halte mich an einer Stange fest und werde herumgerüttelt. Es riecht nach Mensch.

Ich beobachte die anderen Insassen. Sie mich nicht. Kühles Licht erhellt ihre Gesichtszüge, wohl kaum ihre Gemüter. Flinke Finger tippen. Schneller als meine es können. Monotonie. Gebeugte Gestalten. Ohne die Handys hätten mich diese Zombies an eine TV-Serie erinnert.

Was ist denn jetzt los? Ich werde angerempelt. Ein Halbwüchsiger mit Schlabberlook murmelt . Er greift an mir vorbei und schnappt sich die Gratiszeitung, die auf dem leeren Sitz liegt. Wann sind die Neunziger wieder in Mode gekommen? Bei der nächsten Station steigt er aus. Ich schaue ihm nach. Die Türen schliessen. Mist! Das war auch meine Haltestelle.

Diesen Spruch hat mir ein Arbeitskollege an meine Trennwand getackert. Sehr witzig. Ich habe den Zettel nur deswegen nicht entfernt, weil er die hässliche Wand verschönert. In meinem kleinen Kabäuschen stehen, abgesehen vom Computer mit zwei Monitoren, ein paar Plüschtiere und ein Kaktus. Letzterer kämpft genau wie ich ums Überleben. Mein Vorteil, dass ich am Wochenende nach Hause kann. Ich habe mir schon überlegt, ob ich ihn am Freitag mitnehmen soll. Er schaut mich immer so erwartungsvoll an, als wüsste er, was los ist. Wenn ich dann am Montag wieder da bin, ertrage ich seine vorwurfsvollen Blicke nicht. Es nützt nichts, wenn ich ihm erzähle, dass mein Wochenende langweilig war. Und dass er sich sowieso mit den anderen Sukkulenten nicht verstehen würde. Sie sind grösser als er und würden ihn mobben. Und sie sind extrem fies – mit gemeineren Stacheln, als er sie hat. Ich spreche aus Erfahrung.

Da sitze ich nun auf meinem Bürostuhl, der Räder hat und mir vorgaukelt, dass ich damit mobil bin. Ja, beweglich, aber trotzdem eine Gefangene. Ich drehe mich um mich selbst, ziehe die Beine hoch und schliesse die Augen. Bin ich schon zwei Mal herum? Ich blinzle vorsichtig.

«Olivia! Was tust du da? Dein Rechner ist noch nicht an.»

Abrupt stoppe ich. Der Abteilungsleiter schaut mich vorwurfsvoll an. Fast wie mein Kaktus. Ich drücke den Power Button und entschuldige mich. Bei ihm, nicht bei der Pflanze. Wer sagt denn heutzutage noch Rechner? Er macht eine Augenbewegung hin zur grossen Uhr über der Eingangstür, schüttelt den Kopf und geht. Hinterlässt eine düstere Wolke Verärgerung.

Chris ist eigentlich in Ordnung, etwas penibel, aber das muss er sein. Insbesondere bei mir. Ich habe die Motivation nicht mit der Muttermilch eingeflösst...



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