Hofbauer | Sagen aus Österreich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Hofbauer Sagen aus Österreich


digitale Auflage
ISBN: 978-3-7074-1738-8
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-7074-1738-8
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Friedel Hofbauer hat die beliebtesten Sagen aus Österreich gesammelt und nun wurden sie in diesem großformatigen, reich illustriertem Band zusammengestellt. Er enthält die bekanntesten und wichtigsten Sagen aus jedem Bundesland Österreichs. Liebevoll ausgestattet, sind die 'Sagen aus Österreich' das ideale Geschenk für Kinder, die gerne die geheimnisvollen Begebenheiten von Drachen und Wassermännern, von Zwergen, Hexen und dem Teufel hören und lesen!

Friedl Hofbauer (1924-2014) wurde in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und gehört heute zu den renommiertesten österreichischen AutorInnen im Bereich der Kinder- und Erwachsenenliteratur. Für Ihre Publikationen erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen - darunter auch den Österreichsichen Staatspreis für Kinderlyrik, das Ehrekreuz für Wissenschaft und Kunst und Professorentitel.
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Autoren/Hrsg.


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Burgenland


Der Neusiedler See und seine Nixen


Da ist einmal ein alter Mann von Ungarn her ins Grenzland gekommen. Er war ganz erschöpft, denn die Sonne brannte herunter, und er war müde und durstig. Endlich sah er einen Baum, der Schatten gab. Dorthin wankte der alte Mann und sank darunter nieder.

Auf einmal sah er zwei junge Burschen daherkommen, die große Krüge voll Wasser trugen. Sie kamen näher und setzten sich neben den Alten hin. Sie tranken aus ihren Krügen und stellten sie dann neben sich ins Gras. Der alte Mann bat die Burschen um Wasser, aber sie gaben ihm keins. Sie stießen die Wasserkrüge um und sagten:

„Lieber soll ein See aus diesem Wasser werden, als dass wir einem unnützen Alten einen Tropfen davon geben!“ Dann gingen sie lachend davon.

Da stand der alte Mann auf. Er sah nicht mehr durstig aus, und er war auch nicht mehr müde, aber seine Augen waren traurig. Und er ging fort.

In der Nacht aber stieg aus dem Wiesengrund ein See, der immer größer wurde. Hohe Wellen überschwemmten Wiesen und Äcker und auch Häuser, in denen Leute wohnten, die einem alten, durstigen Mann gewiss einen Schluck Wasser gegönnt hätten. Aber das Wasser, das da kam, wusste nichts davon ...

Die Seejungfrauen vom Neusiedler See wohnen im Schilf. Man kann sie heute noch manchmal sehen, wenn man vorsichtig und ohne viel zu plätschern ein Ruderboot durch die schmalen Wasserwege im Schilfgürtel steuert. Man darf ihnen aber nicht zu nahe kommen, denn sobald sie einen Menschen bemerken, tauchen sie weg. Und dann kann es sein, dass den Störenfried ein Säbelschnäbler oder ein Silberreiher vorwurfsvoll anschaut.

Die Seejungfrauen oder Nixen, wie sie ja auch heißen, waren nicht immer so menschenscheu. Aber, so berichtet die Sage, einmal vor langer Zeit ist einer Nixe etwas angetan worden, was kein vernünftiger Mensch begreifen kann und ein Wassergeist schon gar nicht.

Also es war so: Die Fischer damals am Neusiedler See wussten genau, dass sie sorglich darauf achten mussten, den See nicht auszufischen, der ihnen Verdienst gab. Sie wären sich ja selber Feind gewesen, hätten sie das getan.

Aber einmal kam ein Fischer an den See, der war gierig. Der konnte nie genug Fische fangen. Er kümmerte sich auch nicht darum, was die andern Fischer taten. Er fischte und fischte und fischte. Als er eines Tages zu einem seiner ausgelegten Netze kam, sah er darin einen großen Fisch zappeln.

„Ein Riesenwels muss das sein“, dachte der Fischer und begann das Netz hochzuziehen. Da merkte er, dass es zerrissen war. In dem Netz aber hatte sich kein Wels gefangen, sondern eine Nixe.

„Du hast mein Netz zerrissen!“, schrie der Fischer die Nixe an. „Das wirst du mir büßen!“

„Lass mich frei!“, bat die Nixe. „Meine Kinder weinen nach mir!“

„Deine Kinder krieg ich auch noch!“, rief der gierige Fischer. „Sie vertreiben mir alle Fische!“

„Sie spielen doch nur!“, rief die Nixe. „Sie spielen Fische retten!“

„Diese Höllenbrut!“, schrie der Fischer und drohte der Nixe mit seiner langen Fischergabel.

Die Sage berichtet weiter, dass der gierige Fischer die Nixe mit seiner Fischergabel getötet hat und dass sie ihn sterbend verflucht hat: Er solle nie mehr ans Ufer gelangen und ewig im Neusiedler See rundum fahren müssen.

Aber das kann nicht stimmen. Denn Nixen kann man nicht töten. Man kann sie nur vertreiben. Und das, was man heute noch an stillen Abenden draußen im Neusiedler See plätschern hört, sind nicht Ruderschläge des verfluchten Fischers, sondern Fischlein, die spielen.

Der Türke von Purbach


Im Jahr 1529 hatten die Türken die Belagerung der Stadt Wien aufgegeben. Sie zogen sich ins weitere Umland zurück. 1532 wollten sie Wien neuerdings belagern. Eine Anzahl türkischer Soldaten befand sich damals in der Gegend des Neusiedler Sees, und eine Reiterschar kam auch durch Purbach. Die Purbacher hatten das Kommen der Türken rechtzeitig bemerkt und flüchteten ins nahe Leithagebirge.

Als die Türken Purbach erreichten, fanden sie die Häuser menschenleer. Sie suchten nach Proviant und ritten weiter gegen Wien zu. Ein Türke aber blieb zurück. Beim Durchsuchen eines Hauses war er in den Weinkeller geraten und hatte durstig Wein getrunken. Schwindlig von dem ungewohnten Getränk, taumelte er die Kellerstiege wieder hinauf und durchs Haus, bis er in die Küche kam. Dort fiel er auf eine Bank und schlief sofort ein.

Plötzlich schreckten ihn fremde Stimmen von draußen auf. Vor dem Haus waren Leute! Sie redeten nicht türkisch wie seine Kameraden, sondern in einer ihm fremden Sprache. Da erkannte er voll Schreck, dass die türkischen Soldaten das Dorf wieder verlassen hatten und er allein zurückgeblieben war. Er suchte nach einem Fluchtweg, aber durch die Tür nach draußen konnte er nicht, dort standen die zurückgekehrten Dorfbewohner mit Prügeln und Sensen.

Da sprang er auf den Herd und von dort in den Kamin, wo ein paar Würste an Stangen hingen. An den Stangen konnte er sich hochziehen. Er wollte durch den Rauchfang klettern, um über das Dach zu flüchten.

Als er aber oben den Kopf aus dem Rauchfang streckte und umherspähte, sah er unten die zornigen Dorfbewohner. Die wiederum sahen den Kopf eines Türken aus dem Rauchfang spähen und schrien und drohten hinauf. Der Türke zog erschrocken den Kopf ein, als könnte ihm das noch helfen, und nun saß er gefangen im Kamin und konnte nicht vor und nicht zurück. Die Bauern drangen ins Haus und stellten sich um den Herd und drohten dem Türken im Rauchfang, er solle herunterkommen. Er konnte zwar nicht verstehen, was sie sagten, begriff aber sehr wohl, dass sie ihm ans Leben wollten, und blieb voll Todesangst im Rauchfang hocken.

Als der fremde Mensch nicht herunterkommen wollte, beschlossen die Bewohner von Purbach, ihn auszuräuchern. Sie zündeten auf dem Herd ein Feuer an, da musste er wohl herunterkommen.

Und er kam. Er wollte ja nicht ersticken. Zitternd kam er heruntergestiegen, geschwärzt wie ein rußiger, hustender bunter Teufel, und wurde mit Hohngeschrei und Gelächter empfangen. Da kniete er vor den Purbachern nieder und flehte um sein Leben. Sie verstanden zwar nicht, was er sagte, aber dass er Angst hatte und nicht sterben wollte, das verstanden sie wohl. Und weil er so armselig und so rußig und ein bisschen komisch dabei aussah, empfanden sie plötzlich eine Art Mitleid mit ihm. Und statt ihn gleich zu erschlagen, wie sie vorgehabt hatten, steckten sie ihn in den Gemeindekotter. Dann berieten sie, was mit ihm geschehen sollte. Sie kamen zu dem Beschluss, ihn zu begnadigen, wenn er seinem Türkengott abschwören wollte und sich taufen ließe.

So geschah es dann auch. Der Türke aus dem Purbacher Rauchfang wurde Christ und diente viele Jahre lang als Knecht dem Besitzer des Hauses, in dem er gefangen worden war. Nach seinem Tod ließ sein Herr einen Türkenkopf aus Stein meißeln und auf dem Rauchfang seines Hauses anbringen. Dort kann man ihn heute noch sehen.

Die Quelle von Bad Tatzmannsdorf


Vor ein paar hundert Jahren stand in der Gegend des heutigen Tatzmannsdorf am Ufer eines kleinen sumpfigen Sees ein alter Erlenbaum. Unter den Wurzeln des Baumes floss die Quelle hervor, die den See speiste.

Einmal kam ein Bergmann dorthin, der im Land nach Erzen suchte. Es war schon Abend und er war müde. Zwar hatten ihn Leute aus der Gegend gewarnt, abends in der Nähe des Sees zu verweilen, weil es dort Irrlichter gäbe, die Wanderer gern in den Sumpf locken. Aber der Bergmann fürchtete sich nicht vor Irrlichtern oder anderen gruseligen Wesen, sondern schlug auf einem trockenen Plätzchen im dichten Ufergebüsch sein Nachtlager auf. Er saß noch eine Weile und hörte dem Gesang der Frösche zu. Da war in der Nähe ein Rascheln und ein Lichtschein, und plötzlich sah der Bergmann einen alten Mann mit weißem Haupthaar und einem langen weißen Bart mit einem Licht in der Hand sich auf den Erlenbaum zubewegen.

„Was will der da?“, dachte der Bergmann und blieb mausestill. Er sah, wie der Alte, sein flackerndes Laternchen in der einen Hand, einen Krug in der anderen, sich zu den Baumwurzeln hinabbeugte und Quellwasser in den Krug füllte. Kaum war der Krug voll, richtete der weißhaarige Alte sich wieder auf und ging fort.

Der Bergmann schüttelte den Kopf und sagte zu sich: „Das war ein alter Mann mit einer Laterne und kein Irrlicht. Er hat sich Wasser von der Quelle geholt. Warum mitten in der Nacht? Aber was geht mich das an?“, und schlief ein.

Am nächsten Morgen ging der Bergmann zu dem Erlenbaum, beugte sich zu der Quelle nieder, die da aus dem Boden floss, schöpfte mit der hohlen Hand Wasser und trank. Der Trunk erfrischte ihn, wie schon lange kein Wasser ihn erfrischt hatte. Er ging wieder fort, seiner Erzsuche nach, und dachte bald nicht mehr an den Vorfall an der Quelle.

Der geheimnisvolle Alte soll übrigens, wie man später erfahren...


Hofbauer, Friedl
Friedl Hofbauer (1924-2014) wurde in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und gehört heute zu den renommiertesten österreichischen AutorInnen im Bereich der Kinder- und Erwachsenenliteratur. Für Ihre Publikationen erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen – darunter auch den Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik, das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und Professorentitel.

Friedl Hofbauer (1924-2014) wurde in Wien geboren.
Sie studierte Germanistik und gehört heute zu den renommiertesten österreichischen AutorInnen im Bereich der Kinder- und Erwachsenenliteratur.
Für Ihre Publikationen erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen – darunter auch den Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik, das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und Professorentitel.



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