Hoff | Schulbegleitung und Autismus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Hoff Schulbegleitung und Autismus

Strategien und Erfahrungen eines autistischen Schulbegleiters
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-17-041831-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Strategien und Erfahrungen eines autistischen Schulbegleiters

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-17-041831-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die sozialen und sensorischen Herausforderungen des Schulbetriebs können autistische Kinder schnell überfordern. Ihr anderes, oft auffälliges Verhalten führt immer wieder zu Missverständnissen bei Mitschülern oder Lehrpersonen. Einschränkungen in der Kommunikation können es zudem schwierig machen, Absprachen mit diesen Kindern zu treffen oder ihre Bedürfnisse herauszufinden. Die Rolle von Schulbegleitern ist es, zwischen den Anforderungen der Schule und den Bedürfnissen der Begleitperson zu vermitteln und diese möglichst in Einklang zu bringen. Der Autor erläutert autistische Eigenschaften, verknüpft diese mit dem schulischen Alltag und leitet daraus konkrete Hilfen für die Praxis ab. So entsteht ein anwendungsorientierter Leitfaden inklusive Szenarien, wie Begleitungen gestaltet werden können.

Fabian Hoff, Studium der Informatik, Philosophie und Praktische Sozialwissenschaften, erhielt 2009 die Diagnose Autismus. Er ist freiberuflich seit mehreren Jahren als Referent in der Fort- und Weiterbildung zum Thema Autismus-Spektrum tätig (u.a. für den Bundesverband Autismus). Er verfügt über eigene Erfahrungen als Schulbegleiter.
Hoff Schulbegleitung und Autismus jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Einführung


1.1       Ziel der Schulbegleitung


Schulbegleitung ist eine Tätigkeit, die sehr vielfältige Formen annehmen kann. Um zu einem guten Ergebnis zu kommen, kann es notwendig sein, sich wie ein Schaf unter eine Herde von Schafen zu mischen. Es kann aber auch notwendig sein, so wie der Schäferhund am Rande der Herde zu wachen, und nur einzugreifen, wenn es notwendig wird. Wichtige Grundsätze sind:

  Schulbegleiterinnen sind keine Lehrerinnen, keine Erzieherinnen und kein Vormund!

  Schulbegleiterinnen sind Erfüllungsgehilfen eines Prozesses (der Schulbesuch), der eigentlich auch ohne sie funktionieren sollte.

  Schulbegleiterinnen arbeiten stets daran, sich selbst überflüssig zu machen.

  Bei allem, was siemachen, gilt: so viel wie nötig, so wenig als möglich.

Das oberste Ziel ist es, der Klientin zu ermöglichen, den Schultag selbstbestimmt und in Würde zu absolvieren und die gleichen Erfahrungen machen zu können, wie die neurotypischen Kinder!

Diese Ziele dürfen niemals außer Acht gelassen werden, auch wenn sie in einer konkreten Situation unerfüllbar erscheinen oder tatsächlich unerfüllbar sind. Auch ein unerfüllbares Ziel ist ein Ziel, an dem man sich in seinem Handeln ausrichten kann. Um noch einen weiteren Widerspruch hinzuzufügen: Alle Regeln in diesem Buch, selbst der Grundsatz im vorigen Absatz, sind Regeln, die in bestimmten Situationen gebrochen werden müssen, um das optimale Ergebnis für Klientinnen herauszuholen. Allein, sie dürfen niemals vergessen werden. Jeder Regelbruch bringt Kosten mit sich, die zumeist auf das Konto der Klientin gehen. Ein solches Vorgehen lässt sich nur rechtfertigen, wenn die Klientin einen Gewinn hat, der den Verlust ausgleicht oder sogar übertrifft.

Beispiel


Toni ist ein aufgewecktes Mädchen, aber auch ziemlich verpeilt. Sie vergisst regelmäßig ihren Turnbeutel in Klassenräumen. An normalen bis guten Tagen lässt ihr Schulbegleiter ihren Turnbeutel liegen. Sobald Toni bemerkt, dass sie ihren Turnbeutel vergessen hat, muss sie ihn aus dem anderen Klassenraum holen gehen. Das ist für Toni ärgerlich, weil es ihren Tagesablauf durcheinander bringt. Und dass sie sich ärgert, ist die Dynamik, die letzten Endes dazu führen kann, dass Toni sich eine Technik überlegt, wie sie ihren Turnbeutel nicht mehr vergisst. Es wäre also nicht sinnvoll, ihr den Beutel immer hinterher zutragen.

Heute allerdings hatte Toni einen sehr schlechten Tag. Sie hat nur noch wenig Energie übrig und befindet sich bereits latent im Overload. Ihr Schulbegleiter beschließt, an diesem Tag ihren Turnbeutel mit in den nächsten Klassenraum zu tragen. Er will auf jeden Fall vermeiden, dass der Overload sich in einen Meltdown entlädt, weil ein ausgiebiger Meltdown bei Toni auch zur Folge haben kann, dass sie danach mehrere Tage in der Schule fehlt, weil sie die Zeit benötigt, um sich zu erholen.

Es gilt also, dass wir die Beständigkeit und die Regelmäßigkeit, die wir für unsere Klientinnen zu erschaffen versuchen, auf gar keinen Fall für uns selbst in Anspruch nehmen können. Als Schulbegleiterinnen müssen wir uns ständig an die Bedürfnisse unserer Schutzbefohlenen anpassen, und die können je nach Situationen und Kontext sehr unterschiedlich oder auf den ersten Blick widersprüchlich sein.

1.2       Wie das Buch funktioniert


Ich gehe davon aus, dass Sie, wenn sie sich dazu entschlossen haben, dieses Buch zu lesen, bereits gewisse Erfahrungen mit dem Thema Autismus gesammelt haben. Ich werde daher Autismus nicht von Grund auf erklären. Stattdessen werde ich das Autismusmodell vorstellen, auf dem meine Arbeit basiert. Es leitet sich aus innerem Erleben, eigenen Erfahrungen mit mir selbst und anderen autistischen Personen sowie wissenschaftlichen Vorstellungen her. Außerdem werde ich ein bisschen gegen das Wort Störung wettern, da ich es aus verschiedensten Gründen für falsch und bei der Schulbegleitung als Störfaktor empfinde, Autismus defizitär zu definieren.

Autismus ist ein multidimensionales und komplexes Phänomen. Es gibt nicht das eine Knie, über das man jeden Aspekt von Autismus brechen kann. Der Ansatz dieses Buches ist, sich in wiederholten Iterationen aus verschiedenen Perspektiven dem Thema Schulbegleitung und Autismus anzunähern. Dabei werde ich versuchen, immer wieder einen Zusammenhang herzustellen zwischen einzelnen autistischen Phänomenen und den dahinter liegenden zentralen Wirkmechanismen von Autismus.

Das Buch ist als Praxisratgeber konzipiert. Es gibt drei wesentliche Abschnitte. Das zweite Kapitel erklärt zwei Modelle, die die Basis für den praktischen Teil darstellen: die Intense World Theory und das Eisbärmodell. Das dritte Kapitel soll Zusammenhänge zwischen autistischem Sein und Herausforderungen, die bei der Schulbegleitung auftreten können, aufzeigen. Im vierten Kapitel werden verschiedene praktische Ansätze für die alltägliche Arbeit vorgestellt und erläutert. Im fünften Kapitel soll an verschiedenen Beispielen dargestellt werden, wie all die zuvor besprochenen Ansätze zu einer gelungenen Begleitung verwebt werden können. Dabei orientiert sich das Buch an der in Deutschland vorherrschenden Konstellation: die Schulbegleitung ist eine externe (Fach-)Kraft, die von einem Träger für Schulhilfe angestellt ist und die Klienten in der Schule begleitet.

Ich versuche, typische autistische Verhaltensweisen aufzuzeigen. Allerdings ist es so, dass Autisten genauso individuell sind wie Neurotypiker. Es ist daher nicht möglich, jede Variante und jede Ausformung darzustellen. Ich versuche deshalb oft ein Spektrum aufzuzeigen. Im Abschnitt über Overloads beschreibe ich, dass Fähigkeitsverlust soweit gehen kann, dass auch die Kontrolle über basale Körperfunktionen verloren gehen kann. Ich beschreibe in dem Beispiel einen Klienten, der sich einnässt. Wenn Ihr Klient sich erbrechen muss, dann kann das natürlich dieselbe Ursache sein, die sich nur in einer anderen Variante darstellt. Die Abstraktionsleistung, diese Dinge entsprechend einzuordnen, die muss natürlich von Ihnen selbst erfolgen.

Das gleiche Prinzip gilt für die umschriebenen Hilfsansätze. Ich versuche diese Dinge so genau zu beschreiben, dass sie übernommen werden können. Zugleich versuche ich diese Dinge so abstrakt zu beschreiben, dass möglichst die Wirkprinzipien, die ihnen zu Grunde liegen, deutlich werden. Jede dieser Hilfestellungen kann und soll an die individuellen Bedürfnisse Ihrer Klienten angepasst werden. Um dies zu erleichtern, habe ich an die Kapitel hinten Rezepte mit spezifischen Anwendungsgebieten angehängt, die als Zusammenfassungen dienen sollen.

Bezüglich des Gendering habe ich mich für folgende Variante entschieden: Ich verwende für jedes Unterkapitel abwechselnd weibliche und männliche generische Formen. Dabei bleiben intersexuelle und nicht-binäre Personen leider unsichtbar, weshalb ich sie an dieser Stelle erwähnen möchte.

1.3       Begriffserklärungen


Coping beziehungsweise Copingskills
Als Coping bezeichnet man Dinge, die eine Person tut, um eine überfordernde Situation auszuhalten oder erträglich zu machen.

Dissoziieren
Als Dissoziation bezeichnet man eine Unterbrechung der normalen Integration psychischer Funktionen. Damit einhergehen kann eine Fragmentierung des Bewusstseins, der Verlust von kognitiven Fähigkeiten und Identität sowie eine Verschiebung der Wahrnehmung der eigenen Person und der Umwelt.

Haptik
Als haptische Wahrnehmung bezeichnet man Wahrnehmung durch aktives Erkunden in Form von Berührung.

Meltdown
Als Meltdown bezeichnet man es, wenn eine Person auf eine Überreizung mit einem Nervenzusammenbruch, einem Wutausbruch oder anderweitigem herausforderndem Verhalten reagiert. Es geht also um nach außen gewandtes Verhalten.

Meme
Der Begriff Meme ist ursprünglich von Richard Dawkins geprägt worden und später von Susan Blackmore ausgearbeitet worden. Es umschreibt analog zur genetischen Vererbung Verhaltensformen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Während dieser Begriff aber nur in entsprechenden Kreisen bekannt ist, steht der Begriff Meme in der Öffentlichkeit heutzutage für Internetmemes und ähnelt dem von Dawkins eingeführten Begriff.

Internetmemes sind Bilder, Videos oder Textstücke, die oft einen gewissen Humor oder Weisheiten enthalten. Sie werden immer wieder in Variationen weiterentwickelt. Sie zeichnen sich oft dadurch aus, dass ein gewisser Umstand sehr pointiert auf den Punkt gebracht wird und bieten sich daher für die...


Fabian Hoff, Studium der Informatik, Philosophie und Praktische Sozialwissenschaften, erhielt 2009 die Diagnose Autismus. Er ist freiberuflich seit mehreren Jahren als Referent in der Fort- und Weiterbildung zum Thema Autismus-Spektrum tätig (u.a. für den Bundesverband Autismus). Er verfügt über eigene Erfahrungen als Schulbegleiter.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.