E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Bloomsbury K&J Taschenbuch
Hoffman Troubadour
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8458-0137-7
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte von Liebe und Krieg
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Bloomsbury K&J Taschenbuch
ISBN: 978-3-8458-0137-7
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Südfrankreich im 13. Jahrhundert. Elinor liebt Bertran, den Troubadour, doch für ihre Eltern kommt eine solche Verbindung nicht infrage. Stattdessen soll die 13-Jährige einen älteren Adligen heiraten. Doch Elinor nimmt ihr Glück selbst in die Hand, flieht und macht sich auf die Suche nach Bertran.
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Kapitel eins
Liebeslied
Der auf einem Berg gelegene Ort Sévignan war nicht von einem großen Landbesitz umgeben. Lanval de Sévignan war nur ein kleinerer Lehnsherr, doch innerhalb der Mauern seiner Stadt war er der absolute Herrscher. Und innerhalb seiner Burg war sein Wort Gesetz.
Es sei denn, befand er bisweilen, wenn es um seine ältere Tochter ging. Seine Frau Clara war eine vorbildliche Ehefrau; sie hatte ihm als Erstes einen Sohn geboren, Aimeric, und darauf zwei Töchter, Elinor und Alys. Und obwohl Seigneur Lanval wohl einen weiteren Sohn vorgezogen hätte, um sicherzugehen, dass seine Linie fortbestehen würde, waren weitere Schwangerschaften nicht erfolgt, und er war mit seinem Los zufrieden. Aimeric war ein gesunder, kräftiger Sechzehnjähriger, der sich auf die Waffen verstand und bereit war, das Anwesen seines Vaters zu verteidigen oder das eines jeglichen Adligen in der Gegend, der um Hilfe bat.
Alys mit ihren elf Jahren war eigentlich die Einzige, die noch ein Kind war. Aber selbst die dreizehnjährige Elinor war noch weit davon entfernt, erwachsen oder gar zur Heirat bereit zu sein, weder ihrer Neigung noch ihren Fähigkeiten nach. Sie war eigensinnig, stur und stets im Konflikt mit ihrer Mutter. Es gab Momente, da hatten beide Eltern das Gefühl, dass sie eigentlich ein Junge hätte werden sollen. Und sie war leidenschaftlich. Lanval war sicher, dass sie einigen seiner Ritter bereits unzüchtige Blicke zugeworfen hatte, einschließlich der drei Knaben, die er für einen anderen örtlichen Lehnsherr in Pflege genommen hatte, der gesegneter mit Söhnen war als der Seigneur von Sévignan.
Vielleicht sollte man Elinor tatsächlich schon verheiraten, überlegte ihr Vater, aber im Augenblick machten ihm ernstere Angelegenheiten Sorgen. Er hatte bereits eine Truppe Spielleute samt ihrem Troubadour über die Winterszeit im Haus, aber vor ein paar Tagen war unerwartet Bertran de Miramont eingetroffen. Dessen Art war es eigentlich nicht, im Januar den Hof zu wechseln. Daher wusste Lanval, kaum, dass Bertran in den Burghof eingeritten war, dass sein Erscheinen nichts Gutes bedeutete.
Aber es war schlimmer, als er befürchtet hatte: Der päpstliche Legat ermordet und der Graf von Toulouse unter Verdacht! Bertran war dem Angreifer hart auf den Fersen gewesen, hatte ihn dann aber in Beaucaire verloren.
»Ihr habt den Mönchen doch nicht Euren Namen gesagt, oder?«, war Lanvals erste Frage gewesen.
»Sie haben mich nicht danach gefragt, Herr.«
»Und der Fährmann?«
»Der kennt mich sehr gut. Ich fahre oft nach Saint-Gilles, wenn ich an Graf Alfonsos Hof in Arles bin.«
»Und wie lange, ehe die Kunde von dem Mord Rom erreicht?«, fragte Lanval.
»Nicht lange«, sagte Bertran. »Und dann müssen wir alle auf der Hut sein.«
+++
Elinor versuchte die estampida, einen lebhaften Tanz, zu erlernen, aber sie verhedderte sich ständig mit den Füßen im Saum ihres Kleides. Was noch ärgerlicher war: Alys beherrschte den Tanz bereits perfekt. Heute war der Tag eines Heiligen – das Fest des heiligen Bertran von Saint-Quentin –, und in der großen Halle ihres Vaters sollte es Tanz und Musik und ein erlesenes Mahl geben. Elinor würde zum ersten Mal als das junge Burgfräulein in Erscheinung treten. Alys war zu jung, um dabei zu sein und mitzutanzen. Aber da sie nicht nur leichtfüßiger, sondern auch größer als ihre ältere Schwester war, wünschte Elinor von ganzem Herzen, dass sie selbst dem Ereignis fernbleiben und stattdessen Alys hinschicken könnte.
Natürlich würde sie dem Abend nicht wirklich fernbleiben – konnte es gar nicht. Sie hätte es einfach nur vorgezogen, von der dunklen Nische aus zuzusehen, von der sie die Feierlichkeiten des Hofes von jeher beobachtet hatte und von wo sie und ihre Schwester seit ihrer Kindheit der Musik und den Gedichten gelauscht hatten: ein Versteck, aus dem sie auch Bertran de Miramont zum ersten Mal gesehen hatte.
Elinor konnte es immer noch nicht glauben, dass Bertran anwesend war, hier in der Burg, und das an seinem Namenstag. Sie hatte sich darauf gefasst gemacht, Monate warten zu müssen, bis er im Frühling wieder erscheinen würde. Aber vor ein oder zwei Tagen war sie in einer Art übersteigerter Vorahnung auf die Mauern gestiegen, die Bergfried und Wohnschloss umgaben.
Sie war in letzter Zeit oft rastlos, hatte das Gefühl, dass ihre Kindheit rasch entschwand, und bangte, welche Zukunft sie als Frau erwartete, noch dazu als Edelfrau. Der Abend war kalt gewesen, und sie hatte ihren langen pelzgefütterten Umhang enger um sich gezogen. Sie musste damit rechnen, spätestens mit vierzehn verheiratet zu werden, auch wenn ihre Eltern noch nicht mit ihr darüber gesprochen hatten. Dass sie in der großen Halle als donzela, als Burgfräulein des Hauses, präsentiert wurde, war nur der Anfang.
Im Gegensatz zu Alys verbrachte Elinor keine Zeit damit, zu spekulieren, wer ihr Ehemann werden würde. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte, sobald sich ihr Vater entschieden hatte. Oder eher, sobald ihre Mutter einen geeigneten Mann für sie ausgesucht hatte. Er würde älter sein, viel älter, so viel stand fest. Die Männer des Languedoc heirateten nicht, ehe sie in den Dreißigern waren, und üblicherweise waren ihre Bräute halb so alt. Und gewöhnlich waren es nur die ältesten Söhne, die heirateten. Ihr Bruder Aimeric würde wohl doppelt so alt sein wie jetzt, ehe er in der großen Kathedrale von Bézier stehen würde, eine junge Frau an seiner Seite.
Elinor seufzte. Nicht zum ersten Mal wünschte sie, als Knabe geboren worden zu sein. Dann hätte sie Ritter werden können und hätte als Zweitgeborener nicht heiraten müssen. Sie hätte sich dem Haus eines anderen Burgherrn anschließen und die Zeit damit verbringen können, mit den hübschesten Dienstmägden zu flirten und Unmengen von Hammelfleisch zu verspeisen.
Aber es nützte ja nichts, sich über unabänderliche Dinge zu grämen. Sie hatte praktisch nur zwei Möglichkeiten: zu heiraten oder in ein Kloster zu gehen. Bei dem Gedanken daran, Nonne zu werden, musste sie lächeln. Ihre Mutter würde diese Vorstellung verächtlich ablehnen. Wenn auch nicht so sehr, wie sie sich über die Erwähnung von Bertran de Miramont lustig machen würde. Troubadoure waren ja auf ihre Art schön und gut und oft auch Edelleute, wenn auch nur die jüngeren Söhne von Adligen. Die edle Clara und die anderen Frauen von Lanvals Haushalt schätzten Bertran sehr, der es auch verstand, sich bei den Rittern und Knappen beliebt zu machen. Die edle Clara zog seine Kompositionen denen anderer Sängerpoeten vor. Als Frau des Burgherrn war sie seine domna, seine Inspiration für Liebeslieder und die Herrin seines Herzens – zumindest offiziell. Und er war ihr absoluter Liebling.
Aber ihre Tochter an ihn zu verheiraten? Kam nicht in Frage. Das war einer von Claras Lieblingssätzen, wenn es um ihre ältere Tochter ging, und Elinor konnte die Stimme ihrer Mutter innerlich hören, während sie die Burgmauern entlangwanderte. »Einen Troubadour heiraten? Kommt nicht in Frage!«
Und in dem Augenblick hatte sie ihn gesehen, wie er in gestrecktem Galopp auf die Burg zugeritten kam. Sie hätte Bertrans Pferd und Farben überall erkannt. Elinor hatte die Mauern eilig verlassen, ihn aber an jenem Abend nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ein- oder zweimal seither hatte sie zwar seine vertraute moosgrüne Samtjacke erblickt, aber heute Abend bei dem Fest würde sie ihn auf jeden Fall sehen.
Und vielleicht ihm gegenüber tanzen. Die Vorstellung reichte, um ihre ungehorsamen Füße wieder stolpern zu lassen, und jetzt war es an dem Tanzlehrer, zu seufzen.
+++
Perrin war ein joglar, ein Barde, einer der Spielleute, die den Winter in Sévignan zubrachten. Er war es gewohnt, die neuen Kompositionen von Bertran vorzutragen, aber wie jedermann war er überrascht, diesen so früh im Jahr auftauchen zu sehen. Schon kurz darauf suchte ihn der Dichter auf und nahm ihn mit in die Stallungen, wo sie reden konnten, ohne belauscht zu werden.
»Ermordet?« Perrin hörte die Nachricht mit Entsetzen. Er war ein junger Mann, fast noch ein Knabe, begriff aber schnell, was das für die Andersgläubigen bedeutete, zu denen sie gehörten. »Die Vergeltung wird nicht auf sich warten lassen!«
»Und sie wird blutig sein«, stimmte ihm Bertran zu. »Ich darf nicht bleiben, sondern reise ab, sobald das Heiligenfest vorüber ist. Jemand muss die Nachricht unseren anderen Brüdern und Schwestern überbringen.«
»Aber was können sie tun?«, fragte Perrin.
»Sie können die Gläubigen warnen«, sagte Bertran und senkte die Stimme noch mehr. Aufmerksam sah er sich im Stall um. Er war nicht sicher, ob das leise Klirren eines Geschirrs, das er gehört hatte, nur vom Januarwind herrührte. »Und alle Sympathisanten«, setzte er hinzu. »Wir müssen lernen, uns nichts anmerken zu lassen.«
»Welchen Grund gibst du an, dass du jetzt schon an den Hof gekommen bist?«, fragte der Barde. »Ich meine, als offiziellen Grund?«
»Aber hör mal«, sagte Bertran wieder mit normaler Stimme und lächelte. »Ich habe ein Lied für meine domna geschrieben, das keinen Aufschub duldete. Und du musst es bis heute Abend lernen.« Dann setzte er flüsternd hinzu: »Ich werde dasselbe Lied an die Höfe im ganzen Süden bringen, und manch ein joglar wird es ebenso schnell lernen müssen.«
+++
Sobald die Tanzstunde vorüber war, schlich sich Elinor nach unten in die Küche, um herauszufinden, was es zu dem großen Schmaus am Heiligenfest gab. Hugo der Koch schwitzte über den Töpfen, brüllte...




