Hoffmann | Fräulein Monas Suche nach dem Sinn | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Hoffmann Fräulein Monas Suche nach dem Sinn


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-942637-77-0
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-942637-77-0
Verlag: Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was tun, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen die Spielregeln ändert? Genau vor diesem Problem steht Mona, als sich an einem ganz normalen Freitagnachmittag ihr Leben aus den Fugen gerät und ihr Plan Ärztin zu werden wie eine Seifenblase zerplatzen lässt. Ein Plan B muss her. In ihrer Verzweiflung wendet sich Mona an ihre Schwester Lena und deren Mitbewohnerin Lucia. Doch anstelle eines offenen Ohrs, bekommt sie Rotwein und deren Beziehungsprobleme serviert. Ehe sie sich versieht, fällt damit auch der Startschuss für eine turbulente Suche nach dem Sinn. Durch exzessive Party-Nächte, auf einen Kurztrip nach Ibiza und zu guter Letzt in eine sehr verwirrende Liebesgeschichte ...

Eva Maria Hoffmann lebt in einem Vorort von Graz. Nach 'Angefangen, Abgebrochen, Neu erfunden - 33 wahre Geschichten von Menschen, die ihr leben verändert haben' (Schwarzkopf & Schwarzkopf, April 2013) erscheint nun ihr erster Roman.
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1. Mona


(Freitag, 12. Oktober 2013;
11Uhr, 3 Minuten und 52 Sekunden)


Schuld an allem war der völlige Horror des Sezierkurses.

Alle Menschen, die das miterlebt haben und dennoch mit einem weißen Mantel eifrig in den Gängen eines Krankenhaus herumwuseln, machen mir Angst. Im Ernst, seien wir mal ehrlich! Welcher Mensch, in dieser Phase des Menschseins gerade erst mal 19 oder 20 Jahre alt, empfindet es als in Ordnung, Teile eines anderen Menschen zu zerstückeln? Mit dem Skalpell Fettgewebe zu entfernen, Subcutis von Epidermis oder wie auch immer zu trennen und nebenher die Studentenparties des Wochenendes zu diskutieren?

Nachdem wir die letzten Wochen damit zugebracht haben einzelne Gelenke bis zum Knochen abzuschaben, um dabei die Bänder und Muskeln genau studieren zu können, geht es heute richtig ans Eingemachte, denn heute ist der Tag, an dem wir ganze Körperteile auf den Tisch bekommen sollen.

Zu Beginn dieses Kurstages schiebt der Sezierkursmensch einen Wagen, voll beladen mit Beinen und Armen, in den Raum. Ich stehe inmitten des weiß verfliesten, mit Neonröhren beschmückten Saals, das Formalin brennt in meiner Nase und ich warte darauf, dass mein Name aufgerufen wird. Ein Gefühl zwischen Hoffen und Bangen macht sich in mir breit. Hoffen, dass ich jede Sekunde bitte umfallen möge – Bangen, dass es nicht passiert.

„Was zum Teufel mache ich hier?“, frage ich mich – keine neue Frage, sondern eine, die mich bereits seit dem Moment verfolgt, als ich mich auf dieses Studium eingelassen habe.

„Mona Hofer!“

Alle Blicke wandern zu mir. Jetzt bin ich also an der Reihe. Jetzt darf ich nach ganz vorne schreiten und mein Bein, oder wenn ich Glück habe meinen Arm abholen, der mir die nächsten Wochen viele schöne Stunden bescheren wird.

Langsam mache ich mich auf den Weg, bin mir meines Schicksals bewusst und fasse den Entschluss, spätestens, wenn ich nach Hause kommen werde, das Studienbuch zur Hand zu nehmen und einen Fluchtplan zu entwerfen. So kann das echt nicht weitergehen.

„Bitte hier eine Unterschrift zur Bestätigung, dass Sie das Präparat entgegengenommen haben!“, schnauzt mich der rotgesichtige Anatom an und hält mir eine Liste vor die Nase. In der Zwischenzeit hat der Mensch, der zuvor den Wagen schieben durfte, in seinem Berg aus Fleisch zu wühlen begonnen, greift nun nach einem fetten weißen Unterschenkel und zieht daran. Durch das entstehende Loch im Fleischberg beginnt dieser auf einer Seite einzubrechen und einige Hände fallen patschend aufeinander, als wollten sie mir zu meinem Präparat applaudieren. Man hält mir ein Bein entgegen.

„Ja ... ähh … danke!“ Ungeschickt will ich das Bein auf meine linke Schulter hieven. Immerhin brauche ich eine freie Hand, um auf der Liste unterschreiben zu können. Doch das klappt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Das Bein ist so nahe an meinem Gesicht, stinkend nach Formalin, die Haut gelblich–weiß verfärbt und eindeutig männlichen Ursprungs, denn keine Frau dieser Welt sollte eine solche Beinbehaarung ertragen müssen.

Plötzlich erscheinen schwarze Punkte vor meinen Augen und der untersetzte Anatom, der aussieht, als wolle er sich zu Lebzeiten bereits durch übermäßigen Alkoholkonsum selbst konservieren, beginnt zu verschwimmen. Die kleinen Flecken breiten sich aus, werden noch größer, verwandeln sich in eine schwarze Wand … Begleitet von einem lauten Surren in meinen Ohren und dem verwirrenden Gefühl, dass der Boden unter meinen drei Beinen sich auflöst, verliere ich schließlich das Bewusstsein.

„Hallo? Hallo, junges Fräulein! Sind Sie in Ordnung?“ Der untersetzte Mann mit dem schütteren Haar fächert mir mit der Unterschriftsliste Luft zu.

„Hallo … Frau Hofer! Können Sie mich hören?“

„Natürlich, mir geht’s blendend – war nur ein langer Tag“, verstört greife ich an meinem Kopf und versuche mich zu orientieren. Das mit dem Wunsch, umzufallen, war so ernst auch wieder nicht gemeint.

Vierzig auf mich gerichtete Augenpaare warten auf irgendeine Reaktion, die plötzlich und ganz heftig einsetzt, als ich beim Absetzen meiner Hand dieses kalte, behaarte weiß–gelbe Bein berühre. Plötzlich beginnt mein Magen ganz unten zu krampfen und das Krampfen wandert weiter nach oben, um sich dort in ein Würgen zu verwandeln. „Ach du Scheiße! Bitte nicht! Nicht vor all diesen fremden Menschen …“, schießt es mir noch durch den Kopf, während mein Frühstück auf den sterilen Boden schießt. Ausgerechnet inmitten des Rudels Weißmäntel.

(13 Uhr, 10 Minuten und 5 Sekunden)


Schwungvoll fällt meine Wohnungstür ins Schloss und ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit durchströmt mich. Endlich ist dieser Tag vorüber! Mit einem tiefen Seufzer lasse ich mich entlang der alten, rissigen Mauer auf den morschen Holzboden sinken und so fest ich meine Augen schließe, ich habe immer das gleiche Bild vor ihnen: Die teure Hose des Professors für Anatomie, geziert von meinen Müsli-Frühstücksflocken …

Wie konnte das nur passieren?

Wie, um alles in der Welt, kann man in Ohnmacht fallen, nur weil man ein Bein halten soll?

Ich lege meine Arme auf die Knie, stütze meinen Kopf darauf und lasse ihn immer wieder dagegen knallen. Dabei konzentriere ich mich auf meinen Atem. Einatmen … Ausatmen … Einatmen … Nicht mehr daran denken, nicht mehr daran denken!

Wie soll ich jemals wieder meine Wohnung verlassen? „Verschwinden Sie, Sie törichtes Huhn!“, das waren die erbosten Worte, die er mir aus dem Seziersaal nachgerufen hat. Ob sie jemals damit aufhören werden, in meinen Ohren zu hallen?

Eine Träne läuft über meine Wange. Sie ist die Mutige. Sie wagt sich als erstes heraus. Sie muss testen, ob sie sofort mit dem nach Formalin stinkenden Ärmel meines türkisen Kapuzensweaters vertrieben oder ihre Anwesenheit toleriert werden wird. Nachdem sie bis zum Kinn rinnen durfte, fühlt sich der Rest der Tränenfamilie sicher und wagt sich auch ans Tageslicht.

Irgendwann starte ich den Versuch, mein tränennasses Gesicht mit meinen Händen trocken zu wischen. Ein säuerlicher Geruch steigt mir in die Nase, der es schafft, das Würgen zum zweiten Mal an diesem Tag zum Leben zu erwecken. Diesmal lässt er sich jedoch wegatmen und ich beschließe angeekelt, mich sauber zu machen, bevor ein erneutes Unglück passiert.

Schwerfällig erhebe ich mich aus meiner Trauerposition und wandere in kleinen Schritten über den knarrenden Boden, ins Badezimmer.

Halleluja, sehe ich scheiße aus!

Nichts in meinen Augen ist weiß geblieben, knallrot bringen sie das Türkis meiner Iris noch mehr zum Strahlen. Meine Nase hat sich farblich angeglichen, strahlt ebenso im schönsten Rot und rinnt noch immer ein bisschen. Die Melodie von Rudi dem Rentier kommt mir in den Sinn und zaubert ein winziges Lächeln in mein Gesicht. Meine blonden Haare, die immer kurz und strubbelig in alle Himmelsrichtungen abstehen, haben alle Aufrichtigkeit verloren und hängen wie welker Schnittlauch in mein Gesicht.

Den Wasserhahn wollte ich mal entkalken, fällt mir ein, als das Wasser in tausend kleinen Strömen aus dem Hahn schießt und damit das ganze Badezimmer bewässert. Auf eine – für meinen Geschmack – zu feuchte Art werde ich erneut daran erinnert, wenn ich nicht jedes Mal aufs Neue das Badezimmer unter Wasser setzen will. Was bei der Quadratmeterzahl des Raumes kein Kunststück ist. Er ist wirklich winzig. Er beherbergt lediglich eine kleine Dusche, deren Glaskabine von langen Sprüngen durchzogen ist, eine Toilette und ein Waschbecken, das, um den Stil nicht zu brechen, ebenso winzig klein ist. Der Spiegel, der in seinem goldenen, verschnörkelten Rahmen über dem Waschbecken hängt, ist das Einzige, was man in diesem Raum nicht als klein bezeichnen kann und aus dem blickt mir gerade mein verheultes Gesicht entgegen. Aus Wut und Schamgefühl und weil ich es einfach nicht anders verdient habe, strecke ich mir selbst die Zunge entgegen und schleppe mich weiter ins Wohnzimmer.

Der Piepston meines Handys erschreckt mich fast zu Tode.

„DEN KURS HAST JA ECHT ZUM KOTZEN GEFUNDEN?. HEUTE WEGGEHEN? BUSSI, LENA“

Na bravo! Jetzt weiß es bereits die ganze Welt!

Genervt werfe ich das pinkfarbene Telefon auf die Couch und mich gleich hinterher.

Wütend schlage ich auf das erstbeste grüne Kissen ein, das zufällig neben mir liegt. Ich nehme es in die Hand und schleudere es durch das ganze Zimmer. Bis es einen Meter weiter am Schreibtisch abrupt landet und dort beinahe den Bildschirm meines PCs vom Tisch fegt.

Werfen und Fangen von Gegenständen hat noch nie zu meinen Stärken gehört.

Vom grünen Kissen am Schreibtisch fällt mein Blick auf den rosaroten Bilderrahmen über meinem Schreibtisch an der Wand. Ein Foto von Lena und mir im Urlaub in Ägypten vor ein paar Monaten. Beide grinsen wir in die Kamera. Braungebrannt, mit glänzenden Gesichtern und einem riesigen Cocktail in der Hand. Lena hat ihr langes, dunkelbraunes Haar am Hinterkopf zu einem Dutt gewickelt und erinnert mit ihrer riesigen Sonnenbrille an die Stubenfliege Puck. Die Farben der...



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