E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Hoffmann Neue Wege für Carina
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7844-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7844-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nachdem die Malerin und Autorin zunächst 4 Bücher illustrierte, schrieb sie in jüngster Zeit mehrere Bücher in verschiedenen Genres: historische Romane, Abenteuerromane, Romance, New Adult, Krimi, Thriller und ein Kinderbuch. Sie lebt und arbeitet in Deutschland und hat 5 erwachsene Kinder.
Autoren/Hrsg.
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7. Veränderung
Carinas Leben hatte sich seit der Trennung vor zwei Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert. Früher hatte sie sich oft über Philipps Abwesenheiten geärgert, über seine späten Geschäftsessen, über die anonymen Hotelnächte, von denen er beiläufig erzählte. Doch jetzt, da die Stille dauerhaft geworden war, empfand sie sie wie ein drückendes Gewicht auf der Brust.
Jeden Abend, wenn sie die schwere Glastür des Modehauses Moser hinter sich schloss, holte die Müdigkeit sie ein wie eine Welle. Ihre Beine schmerzten vom vielen Stehen, ihre Füße pochten in den schlichten Pumps, und in ihrem Rücken saß ein dumpfer Schmerz, der sie bis nach Hause begleitete. Der Verkaufsraum war hell und elegant, doch die Arbeit verlangte Geduld, Freundlichkeit und eine ständige Bereitschaft zu lächeln — selbst dann, wenn ihr nicht danach war.
„Das ist mir zu gewagt“, sagte eine ältere Kundin und verzog missbilligend ihren mit grellem,roten Lippenstift geschminkten Mund, während sie einen modernen Blazer musterte.
Carina lächelte geübt. „Vielleicht etwas Klassischeres? Ich habe hier einen Schnitt, der Ihre Figur wunderbar unterstreicht.“
Die Frau schüttelte den Kopf selbstbewußt und energisch. „Ich weiß schon selbst, was mir steht.“
Solche Sätze hörte Carina oft. Ältere Damen hielten an ihrem Stil fest wie Kletten mit letzter Gewissheit. Manchmal fühlte Carina sich ihnen näher, als ihr lieb war.
Wenn Frau Eder krank war, sprang Carina in der großen Herrnabteilung ein — und dort war alles anders. Die Männer waren unkomplizierter, dankbarer für eine ehrliche Beratung, ließen sich führen.
„Sie haben ein gutes Auge“, sagte ein Kunde einmal anerkennend, während er sich im Spiegel betrachtete. Carina nickte leicht. „Und Sie eine gute Haltung. Der Anzug sitzt perfekt er steht Ihnen hervorragend.“
Ihre warme Stimme, ihre ruhige, charmante Art wirkten. Der Abteilungsleiter hatte sie eines Abends beiseitegenommen.
„Frau Nolte, Ihre Verkaufszahlen sprechen für sich. Ich würde Sie gern dauerhaft in der Herrnabteilung einsetzen.“
Carina spürte zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Stolz. „Das… das würde mich sehr freuen.“
Mit ihrem brünetten, halblangen Haar, den feinen Gesichtszügen und den zarten Grübchen, die erschienen, wenn sie lachte, war sie auffallend attraktiv — doch sie selbst nahm das kaum wahr. Für sie war ihr Spiegelbild nur eine Frau, die gelernt hatte, weiterzumachen und zu funktionieren.
Die Abende allerdings waren still, leer und öde. Zu still und zu einsam.
Sie kochte sich etwas Einfaches, zwei Spiegeleier, setzte sich an den kleinen Küchentisch und hörte dem Ticken der Uhr gedankenlos zu. Diskussionen und intensive Gespräche fehlten ihr zusehens. Nähe, Geborgenheit, Verständnis und Wärme vermisste sie immer mehr: Ein „Wie war dein Tag?“ zum Beispiel oder „Was hast du heute gemacht?“
Die Kinder, Emilia und Robert, kamen jedes zweite Wochenende. Dann war die Wohnung erfüllt von Lachen, Streit, Bewegung. Doch Carina behielt ihre Sorgen für sich. Sie bemühte sich, ihre Kinder aufzuheitern und sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie riß sich gefühlsmäßig zusammen und verbarg ihre innere Leere und Einsamkeit vor ihnen.
Sie brauchen mich stark, dachte sie. Nicht zerbrochen.
Um der Einsamkeit zu entkommen, begann sie zu joggen — zunächst zögerlich nur ab und zu, dann regelmäßig. Der Dresdner Trimm-dich-Pfad in der Friedrichstadt wurde zu ihrem Rückzugsort. Die frische Luft, das Rascheln der Blätter, das rhythmische Atmen gaben ihr das unbeschwerte Gefühl, wieder Kontrolle über ihren eigenen Körper zu gewinnen.
An jeder Station hielt sie kurz an, machte Kniebeugen, Dehnübungen, Liegestütze. Ihr Herz pochte, der Schweiß perlte über ihre Stirn — und sie fühlte sich lebendig.
Eines Nachmittags an einer Station des Trimm-Dich-Pfades bemerkte sie ihn wieder.
Der attraktive Mann mit sonnengebräunter Haut, dunklen Augen und einer ruhigen Präsenz. Er beobachtete sie nicht aufdringlich, eher interessiert.
„Respekt“, sagte er schließlich und lehnte sich locker an die Holzstange der Station. „Nicht viele ziehen das so konsequent durch.“
Carina lachte kurz, überrascht. „Es ist eher Selbstdisziplin als Talent.“ Er lächelte — ein breites, warmes Lächeln mit strahlend weißen Zähnen. „Marko. Marko Batiri. Bis jetzt haben Sie mich noch nicht angerufen.“
„Carina“, antwortete sie und spürte, wie ihr Puls sich nicht nur vom Laufen beschleunigte.
„Hätten Sie Lust, mal zusammen zu trainieren?“ fragte er offen. „Motivation ist zu zweit leichter.“
Er bückte sich, nahm einen Stock wieder in die Hand und schrieb vier Zahlen in den Sand des Parcours.
„Meine Nummer. Festnetz — ich bin altmodisch.“ Er lachte leise und schelmisch.
Carina prägte sich die Zahlen ein. „Ich… ich melde mich“, versprach sie, unsicher, aber neugierig.
Beim Zurückjoggen dachte sie an sein Lächeln, seine Stimme, die unkomplizierte Art.
Ganz schön hartnäckig.Was er wohl für ein Mensch ist? fragte sie sich.
Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie keine Einsamkeit — sondern leise, vorsichtige Hoffnung, ja sogar ein neugieriges Prickeln in ihrer Magengrube.
Carina begegnete Marko nun immer öfter auf dem Trimm-dich-Pfad. Anfangs war es reiner Zufall gewesen, doch bald schon warteten sie bewusst aufeinander, auch wenn keiner von beiden das offen aussprach.
„Du läufst heute schneller als letztes Mal“, sagte Marko eines Morgens lachend und anerkennend, als er neben ihr hertrabte. Seine Stimme klang warm, beinahe samtig, und Carina spürte, wie ihr Herz schneller schlug – nicht nur vom Joggen.
„Vielleicht habe ich einfach mehr Energie“, antwortete sie selbstbewußt und strich sich eine dunkle Strähne aus ihrer schweißnassen Stirn. „Oder gute Gesellschaft.“
Er warf ihr einen kurzen, intensiven Blick zu und schmeichelte: „Dann hoffe ich, ich kann da mithalten.“
Sie liefen nebeneinander her, das Knirschen des Kieses unter ihren Schuhen begleitete ihren gleichmäßigen Atem. Zwischen ihnen lag eine Leichtigkeit, die Carina lange nicht mehr gespürt hatte. Keine Vorwürfe, keine Enttäuschung, kein ständiges Gefühl, nicht genug zu sein. Marko stellte interessiert Fragen, hörte aufmerksam zu, lachte über ihre kleinen Anekdoten aus dem Modehaus, über Kunden, die sich nicht entscheiden konnten oder über Krawattenfarben stritten, als ginge es um ihr Leben.
„Du hast Humor und bist witzig“, sagte er schließlich, als sie an einer Station anhielten und Dehnübungen machten. „Und Ausdauer. Das ist eine seltene Kombination. Ich bewundere dich sehr.“
Carina errötete leicht. Komplimente waren ihr fremd geworden, sie fühlten sich ungewohnt an, fast wie ein Kleid, das man lange nicht getragen hatte. „Du schmeichelst mir.“
„Nein“, widersprach er ruhig und gelassen. „Ich sage nur, was ich sehe und was ich denke.“
Von da an verabredeten sie sich regelmäßig. Mal früh am Morgen, wenn der Tau noch auf den Wiesen lag, mal am späten Abend, wenn die Sonne die blühenden Bäume in warmes Gold tauchte. Nach dem Joggen setzten sie sich oft auf eine Bank, tranken durstig Wasser, ließen die Stille zwischen sich wirken. Diese Stille war nicht unangenehm, sondern vertraut.
Carina begann, sich auf diese Treffen zu freuen. Sie ertappte sich dabei, wie sie schon während der Arbeit an Marko dachte – an sein offenes Lächeln, an seine ruhige Art, an die Selbstverständlichkeit, mit der er sie ansah, als sei sie etwas Besonderes. Ihre Einsamkeit verlor ein wenig von ihrem Gewicht.
Eines Tages rief sie doch seine Festnetznummer an einem freien Tag an und Marko besuchte sie das erste mal in ihrer kleinen Wohnung.
Marko erzählte von seiner Familie in Montenegro, von Reisen, von seiner Leidenschaft für Sport. Er sprach geschickt, charmant, wusste genau, wann er zuhören und wann er mit einer witzigen Bemerkung die Stimmung auflockern musste. Was er verschwieg, bemerkte Carina nicht. Sie sah nur den Mann vor sich: aufmerksam, attraktiv, scheinbar frei.
„Ich fühle mich… leichter, seit wir uns kennen“, gestand sie ihm eines Abends leise.
Er lächelte, legte den Kopf leicht schief. „Dann geht es mir genauso.“
Was Carina nicht wusste: Während sie begann, ihm zu vertrauen, hielt Marko einen Teil seines Lebens sorgfältig verborgen. Für ihn war es ein interessantes Spiel, eines, das er genau kannte und beherrschte. Für Carina jedoch war es der zarte Beginn von Hoffnung – und sie ahnte nicht, wie zerbrechlich diese war, als sie unbedarft Schritt für Schritt näher an ihn...




