Holitscher | Meine besten Essays | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 177 Seiten

Holitscher Meine besten Essays


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8496-4350-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

ISBN: 978-3-8496-4350-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der 1941 in Genf verstorbene Arthur Holitscher gehörte zu den bedeutendsten Essayisten seiner Zeit. Seine Schriften standen auf der 'auszumerzenden Literatur' der Nationalsozialisten ganz oben. In diesem Werk finden sich seine bedeutendsten Essays, so zum Beispiel: Ideale an Wochentagen Es ist leider wieder Herbst Die Generation nach uns Die Macht der Friedfertigen Das Unvernünftige in den Weltgeschicken Wie die Leute von Oneida sich vertrugen Feuertaufe der Religionen Kenntnis fremder Völker Der Weg zur Zukunft Der neue Intellektuelle Das Taylor-System und der Sozialismus Politische Feiertage der Überkonfessionellen Spiegelgasse 14 / Zürich Lenin spricht und viele andere.

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Für Egon Erwin Kisch zum 50. Geburtstag



Lieber Kisch, Du weißt, was ich von Geburtstagen halte. Erinnerst Du Dich noch? Vor etwa sechs Jahren hast Du mir vorgeworfen, daß ich meinen sechzigsten nicht mit Euch Jüngeren in Berlin gefeiert habe, daß ich an diesem Tage irgendwo in Amerika verschollen gewesen bin. Genau gesagt, saß ich an diesem Tag vom Morgen bis Abend im Sterbehaus unseres Großvaters Walt Whitman in Camden vor Philadelphia. Jetzt kommt nun der Brief der »Internationalen Literatur« gerade in dem Augenblick, in dem ich in einer Zeitung lese, daß Du Dir in Australien den Fußknöchel gebrochen hast, als Du vom Schiff an Land gesprungen bist. Beileid! Mir ist einmal Aehnliches passiert (zwar nicht in so schmerzhafter Form, aber immerhin). Als ich nämlich im Sommer 1911 in Hoboken zum erstenmal den Fuß auf den nordamerikanischen Kontinent setzte. Ich war damals, 1911, um acht Jahre jünger, als Du heute bist. Aber als ich mein Buch: »Amerika heute und morgen« geschrieben und veröffentlicht hatte, da sagte mir Frank Wedekind, mit einem Seitenblick auf einen anrüchigen Berliner Journalisten, halblaut: »Siehst Du, der ist jetzt Dein Kollege!!«

Welches Mißverständnis! Es ist heute noch keineswegs behoben! Immerhin war dieses Buch, soviel ich weiß, das erste in deutscher Sprache geschriebene, das eine Reise vom sozialistischen Standpunkt geschildert hat. Ich sage das, nicht, um mich dessen zu rühmen, sondern weil es mir scheint, daß diese Tatsache gegenwärtig ein bißchen in Vergessenheit geraten ist. Meine Vorfahren waren damals unser Freund Upton Sinclair, dann der wunderbare Johannes V. Jensen, der wiederum von Kipling herkam, dieser aber von Swift, der von Marco Polo und so weiter. – Jack London kannte man damals noch nicht. Reed aber war ein Knabe. An alldies erinnert man sich. An alldies erinnert mich Dein Leben, Kisch, das Du prachtvoll gelebt hast ...

Heile Deinen gebrochenen Knöchel aus, Kisch, schone ihn sodann nicht, gebrauche ihn, wie den heil gebliebenen. Es lohnt sich. Und werde recht alt, ohne die bösen Erfahrungen zu machen, die im Menschendschungel einen aufmerksamen Forschungsreisenden erwarten, der sich während seines Daseins unter seinesgleichen in allen verfügbaren Kontinenten Augen und Sinne geschärft und dabei seine Energie auf dem Fleck bewahrt hat, wo sie hingehört!

Alles Beste! Dein
Arthur Holitscher

Ideale an Wochentagen



Man traut sich kaum mehr recht, es so einfach hinzuschreiben: »Ideal«, dieses Wort, an dem herumgedoktert wurde wie an keinem zweiten im Wörterbuch, bis es etwas Vages, Hybrides geworden ist, eine schale Abstraktion, gut genug, das wahrhafte Ding, das es bezeichnen soll, irgendwohin weit weg von uns zu praktizieren, in eine respektvolle Entfernung zu schieben, wo es möglichst harmlos wird und lieblich anzuschauen. Wohin man mit seinen naturgemäß schwachen Menschenkräften gar nicht mehr langen kann. Und von wo aus es einem überdies auch nichts mehr anzuhaben vermag.

Setzt man ein etwas näherliegendes, verständlicheres Wort an Stelle von Ideal, etwa: »Menschlichkeit«, »Würde« oder »Pflicht«, so sieht sich das Ganze gleich vertrauter an. Nicht mehr wie ein uneinlösbares Versprechen, nicht mehr wie ein kindischer Wahn oder ein Kindheitstraum, auch nicht mehr wie eine in der Tasche geballte Faust. Sondern schon eher wie ein solider und ehrenwerter Gebrauchsgegenstand, an den wir uns getrost halten können. Der uns zu unserer Existenz dient. Den wir anziehen können, wenn's uns friert, mit dem wir uns säubern können, wenn wir uns beschmutzt fühlen. Den wir meinetwegen wegschenken können wie ein Stück von unserem Mantel oder wie ein Stück Seife von unserem Waschtisch.

Hat man eine Zeit gelebt und doch noch etwas für die Menschen übrig, so ist da weit und breit kein betrüblicheres Schauspiel als dieses: wie fast jeder irgendwo sicher verborgen etwas Hohes und Reines in seinem Innern herumträgt, diesem Idealen aber, wenn man es so nennen darf, täglich und stündlich zuwider lebt. Frierend und beschmutzt läuft einer einher zwischen Frierenden und Beschmutzten, daweil der Mantel im Schranke hängt und von der Seife die eingeprägte Fabrikmarke noch nicht abgewaschen ist. Die paar über die Stadt verstreuten Springbrunnen und die spärlichen offenen Kohlenbecken, an denen wir Obdachlosen vorbeilaufen, belehren uns nur um so schmerzlicher darüber, wie schmutzig wir sind und wie kalt es um uns herum ist.

Eine Zeitung zu halten, die unsere eigene politische Anschauung vertritt, aus der Leihbibliothek die Bücher jener Autoren zu holen, die annähernd unsere eigene Sprache sprechen – wenn das genügte! Vielen genügt es. Aber Menschen, die einen Diätfehler als strafwürdiges Verbrechen an ihrer Gesundheit erachten, werden schon, nach ihrem Umgang befragt, staunend entgegnen: »Was hat das damit zu tun?« Und andere, mit dem Nimbus des Wohltäters um die erhobene Stirn, stehen unbekümmert bis an die Kniee im Schmutz, woher ihr Geld kommt. Alle aber haben, das ist das Merkwürdige, das ist das Niederdrückende, etwas Hohes, Reines, Unbefleckbares und Unerreichliches, daran sie glauben, ohne daß ihr Lebensgefühl dabei irgendwelchen Schaden erlitte.

Wer von uns, die wir um des Lebens Notdurft zu sorgen und zu kämpfen haben, findet den Mut: die äußeren Formen einer Existenz durch das enge Sieb der inneren Pflicht rinnen zu lassen? Man ist abhängig.

Konfrontiere doch diesen Begriff Abhängigkeit zu Hause, wenn du allein bist, mit deinem Ideal! Abhängigkeit ist das gangbarste Argument gegen die Betätigung des Ideals. Um nicht zu sagen: sein wirksamstes Gegengift.

Man soll von Menschen, die schlecht und recht ihr Leben fristen, Erwerb, Sorge und Demütigung kennen, keinen Heroismus verlangen. Ich will das wiederholen: man soll doch von uns keinen Heroismus verlangen! Heroismus soll das Vorrecht einer kleinen begnadeten Schar bleiben, die exaltiert, selbstbewußt und befriedigt zugrunde gehen mag.

Dem Mann der breiten Masse, dem Mann des großen Demos, auf den alles ankommt, soll man keinen Heroismus zumuten. Ebensowenig, wie man ihm die Waffe zum Selbstmord in die Hand drücken soll, denn auf wirtschaftliche Ausrottung des Helden und seiner Nächsten dürfte es dabei wahrscheinlich ankommen.

Hier erlaube ich mir einzuschalten, daß ich bei diesen Ausführungen ästhetische Ideale nicht im Sinne habe. Stellen Sie sich bitte einen Mann vor, der in der belagerten Stadt Adrianopel ein Schaufenster nach künstlerischen Prinzipien aufbauen wollte. Der Mann müßte standrechtlich erschossen werden. Nicht anders sollte es uns hier oben in den westlichen Ländern der gesicherten Zivilisation ergehen. Mit was für Fragen verzetteln wir unsere Energie und Daseinslust! An was für Läppereien hängen wir unsere Herzen! Während blutiger Hohn von dort unten herauf- und über unser glorreiches Jahrhundert hinweggellt, etwas Ungeheuerliches, Unermeßliches, ein Jammer ohne Namen aus ermordeten Ländern zu uns herüberstöhnt, gedenken wir unserer, leider im Argen liegenden Kultur durch russisches Ballett und futuristische Sudeleien und Spielopern vorwärtszuhelfen.

Gerade um diese Zeit herum würde es sich empfehlen, etwas vorsichtiger mit dem gefährlichen Wort »Ideal« umzugehen. Es womöglich gar nicht auszusprechen, wenn nicht aus anderem Grund, so doch aus Schamgefühl. Anderthalb Tagereisen weit im Südosten unseres Weltteils zeigt es sich, wie Großes und Mächtiges das vielgepriesene europäische Gewissen in den letzten vier Jahrhunderten geleistet hat. Dieses Gewissen, das wir heute in die Ferien zu allerhand Firlefanz schicken dürfen, nicht wahr? Tausend Pioniere an der Front der Menschheit dahinmarschierend, die Erwählten der Generationen, die Fackelträger und besorgten Hüter von allem, was hoch und rein war in der Vergangenheit und hoch und rein bleiben soll in aller Zukunft. Man erkennt wohl heute den Geist dieser Auserwählten in den Geschehnissen der Weltgeschichte, die wir miterleben, oder etwa nicht?

Es würde sich wahrhaft empfehlen, reumütig den Blick von jenen Höhen abzukehren und lieber zuzusehen, was der gar nicht Besondere, der Mann des Durchschnitts in seinem kleinen Werkeltag tun und erreichen kann. Vielleicht liegen die Ideale da verborgen.

Gerade dies: diese Distanz von unserem Alltag, dessen Sklaven wir sind, bis zu unseren Idealen, zu denen wir nicht hinaufreichen, beweist, daß wir an beiden verzweifeln dürfen, so wie sie heute gegeneinander stehen.

Wenn's heute eine Pflicht, ein Göttliches, das heißt Menschenwürdiges gibt, so ist es dies: die abgrundtiefe Ungerechtigkeit in den Ursprüngen und Schichtungen unserer Gesellschaft zu erkennen und sie auszugleichen zu suchen. Sein Leben so einzurichten, daß man nicht in einem Atemzuge bürgerliches Behagen...



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