Holler | Die Diebe von London | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Holler Die Diebe von London


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8458-0896-3
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-8458-0896-3
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Flucht vor ihrem bösen Onkel, kommt Alyss nach London und wird prompt bestohlen. Sie ahnt nicht, dass hinter jeder Ecke noch weit größere Gefahren lauern. Niemand ist sicher! Nur Jack, der Taschendieb, fürchtet sich nicht. Die dunklen Gassen der Stadt sind sein Zuhause. Bis zuerst sein jüngerer Bruder spurlos verschwindet, und dann sogar Alyss. Werden Jack und seine Bande es schaffen, das düstere Geheimnis zu lösen, oder sind die Kinder für immer verloren? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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Alyss


Hatton Hall, Freitag, 6. September 1619

Alyss blieb atemlos stehen. Die Schritte näherten sich, ihre Verfolger würden jeden Augenblick um die Ecke stürzen. Sie musste sich beeilen, denn die Jungen durften sie auf keinen Fall einholen. Sie hatte das Ende des langen Flurs erreicht. Es ging nicht mehr weiter. Rechts führte eine Tür in Vaters Arbeitszimmer, in dem sich Onkel Humphrey eingenistet hatte, links lag die Tür zur Bibliothek. Da die Ratcliffs Bücher verabscheuten, war dies der beste Platz, um sich zu verstecken. Hastig drückte sie die Klinke und schlüpfte in den Raum.

Obwohl es noch Tag war, herrschte hier Dämmerlicht. Die schweren Damastvorhänge waren zugezogen, um die Bücher vor dem Sonnenlicht zu schützen. Nur ein schmaler Lichtstrahl schien durch einen Spalt. Aber Alyss fand sich in der Bibliothek blind zurecht. Vor allem seit ihr Vater in der Neuen Welt verschollen war, hatte sie viele Stunden zwischen den geliebten Büchern verbracht. Sie atmete tief ein. Nichts spendete mehr Trost als der vertraute Geruch nach Leder, Papier und Druckfarbe. Alyss horchte auf. Die Stimmen aus dem Gang klangen bedrohlich nah. Die Zeit war knapp. Sie hastete um den schweren Tisch herum auf das Bücherregal rechts vom offenen Kamin zu. Es reichte vom Boden bis zur Decke. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schob vorsichtig ihre Hand zwischen zwei Lederbände auf dem fünften Regalbrett und tastete die Wand hinter den Büchern ab. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Vor lauter Aufregung konnte sie den Hebel, der dort verborgen war, nicht gleich finden. Im Flur war es plötzlich still geworden. Doch schon einen Augenblick später konnte man die Jungen flüstern hören. Sie waren vor der Tür zur Bibliothek stehen geblieben. Alyss musste sich beeilen.

Endlich! Der Hebel. Es gelang ihr, ihn zu fassen. Sie drückte ihn nach unten und presste ihr Gewicht gegen das Holzregal. Mit einem dumpfen Klicken gab es nach, und die ganze Wand, mitsamt den Büchern, bewegte sich leise quietschend nach hinten. Wie von Zauberhand klaffte zwischen dem Mauerwerk des Kamins und dem Regal ein dunkler Spalt. Alyss raffte ihre Röcke und zwängte sich durch die Öffnung. Dahinter war gerade genug Platz für eine Person. Sie drückte sich dicht an die Mauer und schob mit einem Ruck das Regal zurück. Danach hielt sie einige Herzschläge lang den Atem an und lauschte. In der Bibliothek regte sich nichts. Vermutlich hatten sich die Jungen entschlossen, zunächst im Arbeitszimmer nach ihr zu suchen.

Seit die drei Brüder vor ein paar Monaten hier eingezogen waren, hatten sie nicht aufgehört, sie zu schikanieren. Wenigstens hatte Alyss ihnen gegenüber einen großen Vorteil: Sie war auf Hatton Hall aufgewachsen und kannte jeden Winkel. Schaudernd dachte Alyss an das letzte Mal, als die Ratcliff-Jungen sie erwischt hatten. Sie hatten sie in den hinteren Teil des Gartens gezerrt, um sie an den Stamm einer Eiche zu fesseln. Danach hatten sie neben ihren Füßen ein Feuer angezündet, sie als Hexe beschimpft und ihr ins Gesicht gespuckt. Wenn der Gärtner nicht im letzten Augenblick aufgetaucht wäre, wer weiß, wie das grausame Spiel geendet hätte. Vor einer Woche hatten sie ihr eine tote Ratte ins Bett gelegt und gestern war sie von ihnen den ganzen Tag lang in den Keller gesperrt worden. Es war nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn die Jungen sie dieses Mal erwischten. Trotz des warmen Tages begann Alyss plötzlich zu frösteln. Sie konnte die klamme Mauer hinter ihrem Rücken durch ihr Mieder spüren. Zumindest war sie hier zunächst sicher.

Alyss hatte den Tag, an dem sie den geheimen Raum zum ersten Mal gesehen hatte, nie vergessen. Der Vater hatte ihr in der Bibliothek von seiner Kindheit erzählt, von jener Zeit, als Königin Elisabeth das Land regierte und es unter Todesstrafe verboten war, die katholische Messe zu lesen. Alyss konnte sich noch gut daran erinnern, wie entsetzt sie darüber gewesen war. In Hatton Hall, hatte ihr Vater sie beruhigt, sei kein Priester zu Schaden gekommen. Dann war Ralph Sinclair zum Bücherregal gegangen, sodass Alyss gemeint hatte, er wollte ihr ein Buch zeigen. Stattdessen hatte er das Regal zur Seite geschoben und den Eingang zum Hohlraum enthüllt. Er hatte ihr erklärt, dass dies ein Priesterloch sei, in dem sich die Geistlichen bei Gefahr hatten verstecken können. Damals ging es um Leben und Tod. Heute ... Alyss lauschte. Die Stimmen der Jungen im Gang waren hinter der Bücherwand nur noch gedämpft zu hören.

Auf Augenhöhe befand sich in dem Versteck ein Guckloch, durch das man bequem in die Bibliothek blicken konnte. Nur kleine Staubpartikel tanzten im schmalen Sonnenstrahl, der durch den Spalt in den Vorhängen fiel. Doch dann wurde die Tür aufgerissen und George, Henry und Toby stürmten in den Raum.

George, der älteste der drei Brüder, stapfte siegessicher Richtung Fenster und riss die Vorhänge auf. Doch außer Spinnweben und Staub konnte er hinter den Stoffbahnen nichts entdecken.

»Vielleicht ist sie in die Truhe rein.« Henry, sein jüngerer Bruder, begann in der Holztruhe, in der Alyss’ Vater Landkarten aufbewahrte, zu wühlen. Es war unerträglich, durchs Guckloch zu beobachten, wie der Junge die kostbaren Karten achtlos auf den Boden warf. Schließlich ließ er enttäuscht den Deckel der Truhe zufallen. »Hier sind überall nur olle Bücher. Vielleicht ist die dumme Gans doch in die andere Richtung gelaufen.«

Doch George, sein Gesicht vor Anstrengung rot angelaufen, schüttelte den Kopf. »Überlegt doch mal. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Im Zimmer auf der anderen Seite des Flurs war sie nicht, also muss sie hier sein.«

Alyss’ Herz klopfte inzwischen so laut, dass sie überzeugt war, man würde es auf der anderen Seite hören.

»Vielleicht ist sie aus dem Fenster raus.« Toby, der jüngste der drei, kroch unter dem Schreibtisch hervor. Im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern war er mager und blass.

»Quatsch. Das ist doch viel zu hoch.« George sah sich im Zimmer um, dann begann er zu grinsen »Henry. Guck doch mal in den Kamin hoch. Wetten, sie hat sich dort versteckt.«

Pflichtgetreu befolgte der Bruder die Anordnung und griff nach dem Schürhaken. Obwohl Alyss ihn vom Guckloch aus nicht sehen konnte, hörte sie, wie er damit im Rauchabzug herumstocherte.

»Nichts«, meinte er schließlich. »Entweder, sie hat sich in Luft aufgelöst, oder ...«

»Ich weiß, was passiert ist«, unterbrach Toby eifrig. »Sie hat sich unsichtbar gemacht.«

»Wie kommst du denn da drauf?«

»Na, Mama sagt doch immer, dass Tante Dolores eine spanische Hexe war. Ist doch logisch, dass Alyss auch eine Hexe ist. Genau wie ihre Mutter. Und Hexen können sich unsichtbar machen.«

Alyss verspürte einen Stich, als der Junge den Namen ihrer Mutter erwähnte. Sie war bei ihrer Geburt gestorben, trotzdem war sie ihr immer sehr nah gewesen, denn ihr Vater hatte viel von ihr erzählt. Ralph Sinclair hatte sich auf einer seiner Reisen in die junge Frau verliebt und sie mit sich zurück nach England gebracht. Tatsächlich war sie Spanierin gewesen, doch eine Hexe gewiss nicht.

»Unsinn!«, meinte auch George. Verärgert, dass Alyss ihnen entwischt war, schlug er mit der Faust krachend auf den Tisch. Dann schritt er zwischen Regal und Tisch hin und her, so nah am Guckloch vorbei, dass Alyss meinte, seinen sauren Schweiß riechen zu können. Plötzlich hielt er an und ließ sich auf den gepolsterten Armstuhl neben dem Tisch fallen. Er faltete seine Hände über seinem beträchtlichen Bauch und streckte die kurzen Beine von sich.

»Schade, die blöde Ziege ist vermutlich in die andere Richtung gerannt.« Er seufzte, doch dann zog sich ein breites Grinsen über sein Gesicht. »Das nächste Mal wird sie nicht so leicht davonkommen.« Er leckte sich genussvoll die Lippen. »Ich kann’s kaum erwarten, bis Papas Häscher sie in die Finger kriegt. Gegen den hat sie nicht die geringste Chance.«

»Welcher Häscher?«, fragte Henry. Auch der kleine Toby, der gerade Ralph Sinclairs Globus entdeckt hatte und mit dem Finger um die Achse drehte, hielt interessiert inne.

Eine Weile konnte man nur hören, wie George mit seinem Stiefelabsatz gleichmäßig auf die Dielen klopfte. Das Pochen wurde immer schneller, bis es jäh aufhörte.

Alyss in ihrem Versteck hielt erregt die Luft an.

»Papa hat sich einen genialen Plan ausgedacht, wie er sich Alyss vom Hals schaffen kann«, verkündete George schließlich, während er selbstgefällig grinste. »Sie wird bald für immer von hier verschwinden.«

Was sollte das bedeuten? Alyss lief ein kalter Schauer über den Rücken. Hatton Hall war ihr Zuhause. Auch wenn sich in den vergangenen Monaten viel geändert hatte, war sie stets davon überzeugt gewesen, dass die Ratcliffs sich nur vorübergehend einquartiert hatten. Nachdem ihr Vater von seiner letzten Seereise nicht zurückgekehrt war, hatte der Staat Onkel Humphrey, einen entfernten Vetter ihres Vaters, als ihren Vormund ernannt. Sie war erst zwölf und konnte sich nicht allein um das Landgut kümmern. Kurz darauf war Onkel Humphrey mit seiner ganzen Familie – Cybill, seiner Frau, und George, Henry und Toby, seinen drei Söhnen – angerückt.

Alyss hatte schon bald gemerkt, dass Humphrey nie das Wohl seines Mündels im Auge hatte, sondern nur seine eigenen Interessen, denn vom ersten Tag an verhielten sich die Ratcliffs, als seien sie die Herren von Hatton Hall, und behandelten Alyss wie eine Küchenmagd. Der Vormund entließ den Gutsverwalter Thomas und seine Frau Beth, die sich stets wie eine Mutter um das Mädchen gekümmert hatte. Selbst der alte Gärtner und der Stallknecht wurden ausgewechselt. An den ewigen Haferbrei,...


Holler, Renée
Renée Holler studierte in München Völkerkunde und Geographie. Auf ihren Reisen um die Welt tauchte sie in fremde Kulturen ein und erfüllte sich nach einem China-Aufenthalt ihren Kindheitstraum: Sie veröffentlichte ihre ersten Kinderbücher. Heute lebt sie in England und denkt sich mit großer Leidenschaft Krimis für junge Leser aus.

Lehmann, Bernd
Bernd Lehmann wurde 1982 im karnevalistischen Köln geboren. Seine frühe Begeisterung für das Zeichnen entdeckte er beim Architekturstudium in Aachen wieder, woraufhin er nach Münster zog und Illustration studierte. 2007 verbrachte er zwei Semester in Seoul, Südkorea. Seine dort entstandene Graphic Novel "Unter uns" wurde 2009 für die Ausstellung und den Annual der Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna ausgewählt. Seit seinem Diplom im Sommer 2009 ist Bernd Lehmann als selbstständiger Illustrator am liebsten für Kinderbuchverlage tätig. Nach fünf Jahren in Berlin und Köln lebt Bernd nun glücklich verheiratet wieder in der wunderbaren 23,5 Millionen-Metropole Seoul.

Renée Holler studierte in München Völkerkunde und Geographie. Auf ihren Reisen um die Welt tauchte sie in fremde Kulturen ein und erfüllte sich nach einem China-Aufenthalt ihren Kindheitstraum: Sie veröffentlichte ihre ersten Kinderbücher. Heute lebt sie in England und denkt sich mit großer Leidenschaft Krimis für junge Leser aus.

Bernd Lehmann wurde 1982 im karnevalistischen Köln geboren. Seine frühe Begeisterung für das Zeichnen entdeckte er beim Architekturstudium in Aachen wieder, woraufhin er nach Münster zog und Illustration studierte. 2007 verbrachte er zwei Semester in Seoul, Südkorea. Seine dort entstandene Graphic Novel "Unter uns" wurde 2009 für die Ausstellung und den Annual der Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna ausgewählt. Seit seinem Diplom im Sommer 2009 ist Bernd Lehmann als selbstständiger Illustrator am liebsten für Kinderbuchverlage tätig. Nach fünf Jahren in Berlin und Köln lebt Bernd nun glücklich verheiratet wieder in der wunderbaren 23,5 Millionen-Metropole Seoul.



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