Holt | Das Haus der sieben Elstern | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 590 Seiten

Holt Das Haus der sieben Elstern


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-498-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 590 Seiten

ISBN: 978-3-95530-498-0
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England, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod ihrer Mutter findet die junge Federica Hammond schließlich Aufnahme bei ihrer Tante in einem idyllischen Ort. Jedoch stellt sie schon bald fest, dass böse Überraschungen und bedrohliche Geheimnisse hier auf sie warten. Ein Mord geschieht, und als sich Federica verlobt, entdeckt sie, daß auch ihr Bräutigam in Dinge verwickelt ist, die er vor ihr verheimlicht. Erst Jahre später kommt sie den dunklen Rätseln auf die Spur... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Als ich zu meiner Tante Sophie gezogen war, machte ich schon bald die Bekanntschaft der sonderbaren Schwestern Lucy und Flora Lane. Aufgrund meiner Entdeckung nannte ich ihr Häuschen fortan das Haus der sieben Elstern.

Oft denke ich verwundert, daß ich das Haus nie kennengelernt hätte, wenn der Ärger über den Kirchenschmuck für jenes weit zurückliegende Osterfest nicht gewesen wäre. Aber das mag vielleicht nicht ganz zutreffen: Es lag wohl nicht allein an den Blumen – durch sie ist es nur zum Ausbruch gekommen.

Tante Sophie war bei uns zu Hause ein seltener Gast gewesen; der Zwiespalt zwischen ihr und meiner Mutter wurde allerdings nie erwähnt. Sie wohnte in Wiltshire, eine lange Eisenbahnreise von London entfernt; von der Hauptstadt mußte sie nach Middlemore in Surrey fahren. Ich stellte mir vor, daß Tante Sophie es nicht der Mühe wert fand, uns zu besuchen, und meiner Mutter war die Fahrt nach Wiltshire zu anstrengend, zumal am Ende lediglich eine keineswegs erbauliche Begegnung mit Tante Sophie zu erwarten war.

Tante Sophie war in jenen frühen Tagen fast eine Fremde für mich.

Meine Mutter und Tante Sophie waren Schwestern, aber zwei unähnlichere Menschen konnte man sich kaum vorstellen. Mutter war groß und schlank, und schön war sie obendrein; ihre Gesichtszüge waren wie aus Marmor gemeißelt. Ihre hellblauen Augen konnten manchmal sehr eisig sein; sie hatte lange Wimpern, vollendet geformte Brauen, und das feine Haar trug sie stets adrett um den Kopf geschlungen. Ständig ließ sie jedermann wissen – selbst jene im Haus, denen es durchaus bewußt war –, sie sei für das Leben, das sie jetzt führte, nicht erzogen, sondern es sei ihr durch gewisse »Umstände« aufgezwungen worden.

Tante Sophie war die ältere Schwester meiner Mutter. Ich glaube, der Altersunterschied betrug zwei Jahre. Sie war mittelgroß, dabei korpulent, was sie kleiner wirken ließ; sie hatte ein rundliches, rosiges Gesicht und kleine, durchdringende Augen, die an Korinthen denken ließen. Sie wurden fast unsichtbar, wenn sie ihr lautes Lachen lachte, das meiner Mutter auf die Nerven ging, wie diese stets betonte. Es war kaum verwunderlich, daß sie einander mieden. Die wenigen Male, wenn meine Mutter von Sophie sprach, fügte sie unweigerlich hinzu, es sei erstaunlich, daß sie zusammen aufgewachsen waren. Wir lebten gewissermaßen in »vornehmer Bescheidenheit«, meine Mutter, ich und zwei Hausangestellte: Meg, ein Relikt aus »besseren Tagen«, und Amy, ein junges Mädchen, das hier in Middlemore beheimatet und in einem Cottage auf der anderen Seite des Angers aufgewachsen war.

Meine Mutter legte großen Wert darauf, den Schein zu wahren. Sie war in Cedar Hall aufgewachsen, und ich bedauerte, daß dieses Gutshaus so nahe gelegen und somit ständig im Blickfeld war.

Da stand es in seiner ganzen Pracht, die um so grandioser wirkte, wenn man es mit Lavender House, unserem bescheidenen Heim, verglich. Cedar Hall war das Haus in Middlemore. Kirchliche Wohltätigkeitsveranstaltungen fanden auf seinem Rasen statt, und im Bedarfsfall stand immer ein Raum für kirchliche Versammlungen zur Verfügung; die Weihnachtssänger versammelten sich jedes Jahr am Heiligen Abend im Hof und wurden nach ihrer Darbietung mit Glühwein und Hackfleischpasteten bewirtet. Personal war reichlich vorhanden; kurzum, das Gutshaus beherrschte das Dorf. Meine Mutter hatte zwei tragische Erlebnisse zu verkraften. Sie hatte nicht nur ihr früheres Heim verloren, das verkauft werden mußte, als ihr Vater starb und das Ausmaß seiner Schulden offenbar wurde; es war zudem von den Carters erworben worden, die mit dem Verkauf von Süß- und Tabakwaren in allen Städten Englands ein Vermögen verdient hatten. Sie waren ihr in zweifacher Hinsicht suspekt: Sie waren vulgär, und sie waren reich.

Jedesmal, wenn meine Mutter nach Cedar Hall hinübersah, verhärteten sich ihre Gesichtszüge; sie preßte die Lippen zusammen, und ihr tiefwurzelnder Zorn trat offen zutage. Dieser Anblick bot sich ihr ausgerechnet, wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster sah. Wir waren alle an ihre tägliche Klagelitanei gewöhnt, die unser Leben ebenso beherrschte wie ihr eigenes.

Meg pflegte zu sagen: »Es war’ besser gewesen, wenn wir gleich weggezogen wären. Den ganzen Tag das frühere Heim im Blick, das tut nicht gut.«

Eines Tages sagte ich zu meiner Mutter: »Warum ziehen wir nicht fort? Irgendwohin, wo du es nicht die ganze Zeit sehen mußt?«

Ich sah ihr entsetztes Gesicht, und so jung ich auch war, erkannte ich doch: Sie will hierbleiben. Sie könnte es nicht ertragen, woanders zu sein. Damals verstand ich es noch nicht – ich begriff es erst später –, daß sie sich an ihrem Jammer und Groll weidete. Sie wollte so weiterleben, wie sie einst in Cedar Hall gelebt hatte. Sie befaßte sich liebend gern mit kirchlichen Angelegenheiten, sie spielte eine führende Rolle, wenn es galt, Basare und dergleichen zu organisieren. Es ärgerte sie, daß das Sommerfest nicht auf unserem Rasen veranstaltet werden konnte. Meg lachte darüber und sagte zu Amy: »Was! Auf diesem winzigen Stückchen Gras! Daß ich nicht lache!«

Ich hatte eine Gouvernante. Das sei in unserer gesellschaftlichen Stellung unumgänglich, sagte meine Mutter. Sie konnte es sich nicht leisten, mich auf eine Internatsschule zu schicken, und die Dorfschule kam für mich nicht in Frage. Es gab nur die eine Alternative, und so kamen die Gouvernanten ins Haus. Keine blieb lange. Hinweise auf vergangenen Glanz konnten sein Fehlen in Lavender House nicht ersetzen. Das Haus habe Cottage geheißen, als wir einzogen, erzählte mir Meg. »Ja, jahrelang hieß es Lavender Cottage, und davon, daß ›Cottage‹ mit ›House‹ übertüncht wurde, ist es auch nicht anders geworden.«

Meine Mutter war kein sehr mitteilsamer Mensch; wohl bekam ich eine Menge über vergangene Pracht und Herrlichkeit zu hören, doch über das Thema, das mich am meisten interessierte, sprach sie sehr wenig: meinen Vater.

Wenn ich sie nach ihm fragte, kniff sie die Lippen zusammen, und dann wirkte sie statuenhafter denn je – es war dieselbe Miene, die sie aufsetzte, wenn sie von den Carters in Cedar Hall sprach.

Sie sagte: »Du hast keinen Vater ... mehr.«

Die kleine Pause vor dem »mehr« klang bedeutsam, drum wandte ich ein: »Aber ich hatte einmal einen.«

»Sei nicht albern, Frederica. Jeder Mensch hatte selbstverständlich einmal einen Vater.«

Ich war Frederica getauft worden, weil es in der Familie von Cedar Hall viele Fredericks gegeben hatte. Von meiner Mutter wußte ich, daß in der Bildergalerie dort ihrer sechs vertreten waren. Ich hatte von Sir Frederick gehört, der auf Bonworth Field zum Ritter geschlagen worden war, von einem anderen, der sich bei Waterloo ausgezeichnet, und von einem, der sich im Bürgerkrieg als Königstreuer hervorgetan hatte. Wäre ich ein Junge geworden, so hätte ich Frederick geheißen. So aber hieß ich Frederica, was sich als umständlich erwies und zu Abkürzungen wie Freddie oder Fred führte, die mehr als einmal erhebliche Verwirrung stifteten.

»Ist er tot?« fragte ich.

»Ich sagte dir doch, du hast keinen Vater mehr. Damit ist der Fall erledigt.«

Da wußte ich, daß ein Geheimnis um ihn war.

Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Tatsächlich konnte ich mich nicht erinnern, woanders als in diesem Haus gelebt zu haben.

Der Anger, die kleinen Häuser und Cottages, die Kirche, alles im Schatten von Cedar Hall, waren stets Teil meines Lebens gewesen.

Ich hielt mich oft bei Meg und Amy in der Küche auf. Sie waren netter zu mir als die andern Leute.

Ich durfte mich nicht mit den Dorfbewohnern anfreunden, und den Carters im Gutshaus begegnete meine Mutter mit distanzierter Höflichkeit.

Mir wurde bald klar, daß meine Mutter eine unglückliche Frau war. Nun, da ich älter wurde, erzählte Meg mir eine ganze Menge.

»Das ist doch kein Leben«, sagte sie. »Lavender House, du meine Güte. Alle wissen, daß es früher Lavender Cottage hieß. Man kann ein Haus nicht herrschaftlich machen, indem man seinen Namen ändert. Ich will dir was sagen, Miß Fred ...« In Hörweite meiner Mutter wurde ich Miß Frederica gerufen, aber wenn Meg und ich allein waren, hieß ich schlicht Miß Fred, manchmal auch Miß Freddie. Frederica war einer von diesen »ausländischen« Namen, von denen Meg nicht viel hielt, und darum konnte man ihr nicht zumuten, ihn öfter als nötig zu gebrauchen.

»Ich will dir was sagen, Miß Fred. Ein Spaten ist ein Spaten, egal, was für einen Phantasienamen du ihm gibst, und ich schätze, wir wären besser dran in einem hübschen Häuschen in Clapham, wo wir sein könnten, was wir sind, und nicht, was wir scheinen wollen. Dort wär’ auch ein bißchen mehr los.«

Megs Augen trübten sich vor Sehnsucht. Sie war stolz darauf, im Londoner East End aufgewachsen zu sein. »Da war was los, Samstagabends auf dem Markt mit den erleuchteten Buden. Da gab’s Herzmuscheln und Miesmuscheln, Strandschnecken und Wellhornschnecken und Aal in Aspik. Köstlich, was? Und hier? Was gibt’s hier, frag’ ich dich?«

»Wir haben die Sommerfeste und den Gesangverein.«

»Daß ich nicht lache! Dieses hochnäsige Volk, lauter Leute, die mehr scheinen wollen, als sie sind. Da lob’ ich mir mein London!«

Meg erzählte gern von der großen Stadt. Von den Pferdebahnen, die die Leute bis zum West End beförderten. Sie war dabeigewesen, als das Jubiläum der Königin...



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