E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Holt Das Haus der tausend Laternen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-505-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-95530-505-5
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Roland’s Croft
I
Als ich zum ersten Mal vom Haus der tausend Laternen hörte, spürte ich sofort das Verlangen, mehr von einem Haus mit solch merkwürdigem Namen zu erfahren. Magisch-mystisch mutete er mich an. Warum hieß das Haus so? Waren tatsächlich tausend Laternen darin? Und welche Bedeutung hatten sie? Es klang wie aus einem Märchen aus Tausendundeine Nacht. Wie konnte ich ahnen, daß ich, Jane Lindsay, eines Tages in dieses Geheimnis, in große Gefahr und unglaubliche Intrigen verwickelt sein würde, die mit diesem merkwürdigen Haus zusammenhingen.
Eine Verwicklung, die schon Jahre davor begann und mir bereits damals viel Herzleid und Aufregung brachte.
Als meine Mutter Hausdame bei Sylvester Milner wurde, war ich fünfzehn. Sylvester Milner, jener eigenartige Mann, der solchen Einfluß auf mein Leben gewinnen sollte und ohne den ich nie vom Haus der tausend Laternen gehört, es nie erblickt hätte. Wäre mein Vater nicht gestorben, so hätten wir wohl weiter unser friedliches, normales Leben geführt. Als wohlerzogene, aber fast mittellose junge Dame hätte ich wohl einen passenden, liebevollen Mann gefunden und mit ihm ein glückliches, wenn auch wenig aufregendes Dasein gehabt.
Die Ehe meiner Eltern war zwar unkonventionell, aber durchaus nicht außergewöhnlich. Vater wuchs als Sohn eines reichen Gutsbesitzers im Norden Englands auf. Lindsay Manor war schon drei Jahrhunderte im Besitz der Familie. Der älteste Sohn erbte traditionsgemäß immer das Gut, der mittlere ging zum Militär und der dritte wurde Priester. Meinem Vater war die Militärlaufbahn bestimmt, und als er dagegen rebellierte, geriet er in Ungnade. Durch die Ehe mit meiner Mutter verschlechterte sich das Verhältnis noch mehr.
Die beiden lernten sich in der Heimat meiner Mutter, im Bergland, kennen. Mein Vater war begeisterter Kletterer. Die hübsche, lebhafte Wirtstochter im Hochlanddorf gefiel ihm, und er heiratete sie sozusagen vom Fleck weg – trotz des Einspruchs seiner Familie, die ihm die Tochter eines wohlhabenden Nachbarn zugedacht hatte. Sein Entschluß verärgerte seine Eltern so sehr, daß sie ihn völlig abschrieben und er nur noch eine winzige Jahresrente von zweihundert Pfund bekam.
Mein kunstbegeisterter Vater konnte und wußte viel, nur eine Kunst beherrschte er nicht – die des Geldverdienens. Er malte ganz gut, also nicht wirklich gut genug. Gelegentlich verkaufte er ein Bild, und im übrigen arbeitete er als Bergführer. In meinen frühesten Erinnerungen an ihn sehe ich Vater stets mit irgendeiner Gruppe mit Krampen und Seil losziehen – sein Blick strahlend vor Freude, denn Berge und Klettern waren ihm, nach seiner Familie, das liebste.
Ein Träumer und Idealist war er. Mutter sagte oft: »Gut, daß Jane und ich mit beiden Füßen auf der Erde stehen. Unsere Köpfe stecken zwar oft im Derbyshire-Nebel, aber nie in den Wolken.«
Wir liebten ihn beide sehr und er uns auch. Wir seien ein perfektes Trio, meinte er oft. Als einziges Kind erhielt ich die bestmögliche Erziehung, und das hieß für meinen Vater die Schule, an der alle Mädchen seiner Familie ausgebildet worden waren, das Internat Clunton. Auch meine Mutter war ganz dafür, denn ich war eine Lindsay und sollte als eine solche aufwachsen, auch wenn ich nie meinen Fuß in das großväterliche Haus gesetzt hatte.
Ohne finanzielle Sicherheit, dafür aber um so sicherer in unserer Liebe zueinander, lebten wir recht und schlecht von Vaters kleiner Jahresrente und seinen gelegentlichen Einkünften, kämpften uns fröhlich durch – bis zu jenem tragischen Januartag, an dem sich alles mit einem Schlag ändern sollte.
Ich hatte noch Ferien und war daheim. Das Wetter war die ganze Zeit über nicht gut gewesen – selten hatten unsere Berge so drohend gewirkt. Bleigrauer Himmel, eisiger Wind, und dann plötzlich, etwa fünf Stunden nachdem Vater mit seiner Klettergruppe aufgebrochen war, ein Schneesturm. Wenn es jetzt schneit, muß ich immer an jenen schrecklichen Tag denken. Ich kann das grellweiße Licht, das leise Fallen der Flocken nicht mehr ertragen.
Wir waren bald eingeschlossen vom Schnee. Konnten nichts tun als warten und hoffen, daß mein Vater mit seinen Gästen da draußen irgendwie durchkam.
»Er ist so bergerfahren«, meinte Mutter, »ihm passiert bestimmt nichts.«
Sie buk gerade Brot in dem riesigen Backofen neben dem Herd. Der Geruch frischen Brotes ist dadurch für mich auf immer mit jenen tragischen Wartestunden verbunden. Diesem Warten neben der tickenden Großvateruhr – endlosem Warten ...
Als der Sturm endlich nachließ, lagen die Schneewächten hoch auf Wegen und Felswänden. Eine Suchkolonne machte sich auf den Weg. Erst nach einer Woche fand man die Vermißten.
Wir wußten innerlich schon vorher Bescheid, obwohl Mutter noch bis zuletzt daran festhielt, er würde jeden Augenblick auftauchen und uns auslachen, weil wir solche Angst um ihn gehabt hatten.
»Er hat nie nachgegeben«, sagte sie zu mir, während wir vor dem Kaminfeuer saßen, und erzählte mir dann, wie sie einander kennen – und liebengelernt und er seiner Familie getrotzt hatte.
Seiner Familie konnte er trotzen – gegen das Unwetter war aber auch er machtlos. Wir begruben ihn und vier Leute seiner Gruppe. Zwei waren durchgekommen, sie berichteten von den schrecklichen Entbehrungen, dem entsetzlichen Leiden, das sie alle durchgemacht hatten. Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Geschichte, wie sie in den Bergen immer wieder passiert.
»Warum müssen Männer auf Berge klettern?« fragte ich zornig. »Warum setzen sie sich sinnlos solchen Gefahren aus?«
»Sie müssen es tun«, sagte meine Mutter traurig, »sie können nicht anders.«
Ich fuhr bald darauf ins Internat zurück. Wie lange ich noch dort bleiben konnte, wußten wir nicht. Vaters Rente würde man uns beiden ja entziehen. Optimistisch, wie sie meist war, hoffte Mutter, die Lindsays würden sich ihrer Verantwortung mir gegenüber besinnen. Leider irrte sie. Mein Vater hatte den Familiencodex verletzt, wir waren und blieben ausgestoßen, wie mein Großvater es geschworen hatte.
Mutter lag sehr daran, mich weiter am Internat lassen zu können. Wie, wußte sie selbst noch nicht, aber sie war nicht der Typ, mit den Händen im Schoß zu warten, daß etwas geschah. Als ich zu den Sommerferien heimkehrte, erklärte sie mir ihr Vorhaben.
»Ich muß Geld verdienen«, sagte sie.
»Ich auch. Ich höre mit der Schule auf.«
»Kommt gar nicht in Frage!« sagte sie energisch. »Das würde dein Vater nie erlauben!« Sie sprach immer von ihm, als weile er noch bei uns. »Wenn ich den richtigen Posten finde, könnte es gelingen.«
»Posten als was?«
»Ich habe durchaus Kenntnisse und Fähigkeiten«, sagte sie.
»Als mein Vater noch lebte, half ich ihm in der Gastwirtschaft. Ich kann gut kochen und bin erfahren in der Haushaltführung. Also eigne ich mich bestens als Wirtschafterin oder Hausdame.«
»Werden denn solche Posten angeboten?«
»Mehr als genug. Gute Haushälterinnen wachsen nämlich nicht auf den Bäumen. Ich werde allerdings eine Bedingung stellen müssen.«
»Bedingungen willst du auch noch stellen?«
»Ja, nämlich, daß du die Ferien im Haus bei mir verbringen darfst.«
»Du schätzt dich aber sehr hoch ein.«
»Wenn ich’s nicht tue, tun’s die anderen auch nicht.«
Sie hatte solches Selbstvertrauen! Mußte es haben. Mir kam plötzlich der Gedanke, daß Vater sich nicht so zu helfen gewußt hätte, wäre sie zuerst gestorben. Ja, sie stand fest auf ihren Füßen und konnte für mich sorgen. Trotzdem mißtraute ich ihrem Vorhaben.
Erst im nächsten halben Jahr gingen unsre Mittel endgültig zur Neige. Bis dahin sollte ich auf jeden Fall noch die Schule weiterbesuchen. Das tat ich denn auch, und dann kam eines Tages ein Brief, in dem ich zum ersten Mal den Namen Sylvester Milner las.
Meine liebe Jane,
Morgen fahre ich in die Gegend vom New Forest, habe dort ein Interview mit einem Herrn Sylvester Milner, dem Besitzer von Roland’s Croft. Er sucht eine Haushälterin. Meine Bedingung habe ich zwar bereits genannt, aber noch keine Antwort darauf erhalten. Daß ich trotzdem zur Vorstellung gebeten wurde, ist aber wohl ein gutes Zeichen. Ich schreibe Dir dann gleich. Wenn ich den Posten bekomme, verdiene ich genug, um Dir das Internat weiter ermöglichen zu können, zumal ich ja Wohnung und Verpflegung im Haus bekommen würde wie auch Du während der Ferien. Es wäre eine wunderbare Lösung für uns. Jetzt muß ich die Leute nur noch dazu bringen, mich anzustellen.
Ich konnte sie mir lebhaft vorstellen, wie sie sich resolut auf den Weg machte, bereit, um ihren Platz an der Sonne zu kämpfen – weniger für sie selbst als für mich. So klein sie war – ich überragte sie bereits, da ich im Wuchs nach meinem Vater geriet –, an Energie nahm es nicht so leicht jemand mit ihr auf. Rein äußerlich ähnelten wir einander übrigens kaum, bis auf die blauschwarzen Haare. Meine Haut war blaß, ihre stets rosig. Ich hatte die tiefliegenden grauen Augen meines Vaters, ihre waren klein und braun und blitzten fröhlich in die Welt. Aber in unserer Entschlußkraft, alles beiseite zu schieben, was sich unseren Zielen entgegenstellte, waren wir völlig gleich, und so war ich ziemlich sicher, daß sie ihres auch diesmal erreichen würde. Und ich behielt recht. Schon nach wenigen Tagen erfuhr ich, daß sie bald ihre Arbeit aufnehmen würde. Und zu Semesterschluß reiste auch ich nach Roland’s Croft.
Bis London fuhr ich mit einer Gruppe anderer Mädchen, dann stieg ich in einen Zug nach Hampshire um. Von...




