E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Holt Das Vermächtnis der Landowers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-509-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-95530-509-3
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Das goldene Jubiläum
Während der Feierlichkeiten anläßlich des goldenen Jubiläums der Königin nahmen die Ereignisse eine so dramatische Wendung, daß sie mein ganzes Leben veränderten. Ich war damals erst vierzehn Jahre alt und konnte die Tragweite der Vorgänge, die sich um mich abspielten, erst viel später ermessen. Es war wie der Blick durch ein beschlagenes Glas: Ich sah, was geschah, aber ich verstand nicht, was es bedeutete.
Dem flüchtigen Beobachter mögen wir als eine glückliche Familie erschienen sein. Aber wann sind die Dinge schon so, wie sie scheinen? Wir waren sogenannte wohlhabende Leute. Unser Londoner Wohnsitz befand sich in einem eleganten Viertel unweit vom Hyde Park; für unser leibliches Wohl sorgten Wilkinson, der Butler, und Mrs. Winch, die Haushälterin. Zwischen ihnen herrschte ständig ein mühsam aufrechterhaltener Waffenstillstand, da jeder sehr darauf erpicht war, dem anderen seine Überlegenheit zu zeigen. In den frühen Morgenstunden, bevor sich die Mitglieder der Familie aus den Betten erhoben, rumorten die niederen Dienstboten umher; sie entfernten die Reste der Kaminfeuer vom Vortag, sie polierten, wischten Staub, bereiteten heißes Wasser, und wenn wir aufstanden, war wie durch Zauberei alles bereit, was wir benötigten. Alle wußten, daß mein Vater höchst ungnädig werden konnte, wenn ein dienstbarer Geist sichtbar wurde; der Anblick eines Häubchens und einer Schürze konnte die Entlassung der Trägerin zur Folge haben. Jedermann im Haus fürchtete Papas Mißfallen – sogar meine Mutter.
Papa, das war Robert Ellis Tressidor – er stammte von Tressidor Manor in Lancarron in Cornwall. Die großen Landgüter befanden sich seit dem 16. Jahrhundert im Familienbesitz, der sich nach der Restauration noch vermehrt hatte. Die großen Familien im Westen des Landes waren damals mit wenigen Ausnahmen uneingeschränkt für den König gewesen, und keine war königstreuer als die Tressidors.
Leider war das Anwesen der Familie meinem Vater weggenommen und von Cousine Mary annektiert worden. (Ich hatte erst nachsehen müssen, was dieses Wort bedeutete, denn ich war eine aufmerksame Zuhörerin und erfuhr das meiste über die Familie, indem ich Ohren und Augen offenhielt.) Mein Vater und seine Schwester Imogen, die voll Bewunderung an ihm hing, sprachen den Namen von Cousine Mary stets in einem verächtlichen, haßerfüllten Ton aus – jedoch mit einer Spur von Neid, wie ich herauszuhören glaubte.
Ich hatte erfahren, daß mein Großvater einen älteren Bruder gehabt hatte, den Vater von Mary. Sie war sein einziges Kind, und da er der älteste Sohn war, waren Tressidor Manor und sämtliche Ländereien an Mary gefallen statt an meinen Vater, dem sie offenbar rechtmäßig zustanden; denn war er auch der Sohn eines jüngeren Sohnes, so gehörte er doch dem überlegenen Geschlecht an, mit dem zu rivalisieren eine Frau sich nicht erkühnen sollte. Meine Tante Imogen – Lady Carey – war auf ihre Art ebenso furchteinflößend wie mein Vater. Ich hatte die beiden über das schmähliche Betragen von Cousine Mary sprechen hören, die das Anwesen der Familie mir nichts, dir nichts in Besitz genommen hatte, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß sie damit den rechtmäßigen Erben beraubte. »Diese Harpyie!« wurde sie von Tante Imogen betitelt, und ich stellte mir Cousine Mary mit Kopf und Rumpf einer Frau vor, mit Vogelflügeln und langen Klauen, die nach meinem Vater und Tante Imogen griffen, wie es die Harpyien mit dem bedauernswerten blinden König Phineus machten.
Man konnte sich schwer vorstellen, daß irgend jemand Papa ausspielen konnte, und da dies Cousine Mary gelungen war, nahm ich an, sie müsse wahrhaft furchterregend sein, was mir unwillkürlich eine gewisse Bewunderung für sie einflößte. Als ich das meiner Schwester Olivia erzählte, meinte sie, ich sei ausgesprochen ungerecht. Doch mochte Papa hinsichtlich seines Erbes auch unterlegen sein, in seinem eigenen Haus war er der Herr und Meister. Hier herrschte er unangefochten, und alles hatte so zu geschehen, wie er es verfügte. Wir hatten eine Menge Bedienstete – die notwendig waren, da er im öffentlichen Leben stand und viele gesellschaftliche Verpflichtungen hatte. Er war Vorsitzender verschiedener Komitees und Organisationen, viele darunter im Dienste der Menschlichkeit, wie etwa die Gesellschaft zur Beschäftigung der Armen oder das Komitee zur Rehabilitation gefallener Frauen. Immer trat er für die gute Sache ein. Sein Name stand oft in der Zeitung, und es wurde gemunkelt, daß er es längst verdient hätte, in den Adelsstand erhoben zu werden.
Offensichtlich war er mit vielen wichtigen und einflußreichen Leuten befreundet, darunter auch mit Lord Salisbury, dem Premierminister. Papa hatte einen Sitz im Parlament, gehörte jedoch nicht zum Kabinett – was anscheinend nur eine Frage des freiwilligen Verzichts war –, weil er außerhalb von Westminster zu viele Verpflichtungen hatte. Er fand, er könne seinem Land damit besser dienen, als wenn er sich ausschließlich der Politik widmete. Von Beruf war er Bankier und saß im Aufsichtsrat verschiedener Firmen. Jeden Morgen kam die Kalesche vom Kutschhaus vorgefahren. Sie hatte auf Hochglanz poliert und die Livree des Kutschers hatte absolut korrekt zu sein; auch der kleine Page, der während der Fahrt hinten stand und dessen Aufgabe es war, bei der Ankunft am Bestimmungsort herabzuspringen und den Wagenschlag zu öffnen, war ebenso makellos herausgeputzt.
Papa besaß die zwei wichtigsten Eigenschaften eines Gentleman unserer Zeit: Er war reich, und er war tugendhaft.
Miss Bell, unsere Gouvernante, war sehr stolz auf ihn.
»Ihr müßt immer daran denken, daß euer Vater die Quelle ist, aus der unsere Behaglichkeit entspringt«, sagte sie zu uns.
Ich wies sie sogleich darauf hin, daß vielen Leuten in seiner Gegenwart offenbar nicht sehr behaglich zumute sei, weshalb es vielleicht nicht gerade Behaglichkeit sein mochte, die aus dieser besagten Quelle sprudelte.
Unsere Gouvernante verzweifelte oft an mir. Die gute Miss Bell – sie war so ernsthaft und so erpicht darauf, die Aufgabe, zu der Gott – und der große Mr. Tressidor – sie berufen hatte, gewissenhaft zu erfüllen. Sie war überaus korrekt und förmlich; von den Tugenden ihres Brotherrn überwältigt, übernahm sie fraglos die Einschätzung, die er von sich selbst hatte – und die tatsächlich die allgemein anerkannte war. Miss Bell war sich stets bewußt, daß sie trotz all ihrer Tüchtigkeit, trotz bester Pflichterfüllung nur eine Angehörige des untergeordneten Standes war.
Ich war gewiß kein fügsames Kind, denn ich glaubte nie, was mir erzählt wurde, und brachte es nicht fertig, dazu zu schweigen.
»Warum«, fragte meine Schwester Olivia, »mußt du immer alles so verdrehen, bis es ganz was anderes ist, als was man uns erzählt?«
Vermutlich, erwiderte ich, weil die Leute nicht immer die Wahrheit sagen und uns nur das erzählen, was sie uns glauben machen wollen.
»Es ist einfacher, wenn wir ihnen glauben«, meinte Olivia, und das war typisch für sie. Deshalb galt sie als braves Kind. Ich dagegen war aufsässig. Ich dachte oft: Seltsam, daß wir Geschwister sind. Wir waren so verschieden.
Unsere Mutter stand niemals vor zehn Uhr morgens auf. Everton, ihre Zofe, brachte ihr dann eine Tasse heiße Schokolade. Mama war eine große Schönheit und wurde in den Gesellschaftsspalten der Zeitungen oft erwähnt. Miss Bell zeigte uns die Artikel von Zeit zu Zeit. »Die schöne Mrs. Tressidor« beim Rennen ... bei einem Diner ... auf einem Wohltätigkeitsball. Sie wurde stets als »die schöne Mrs. Tressidor« bezeichnet.
Olivia und ich waren von ihrer Schönheit ebenso überwältigt wie von der überragenden Tugendhaftigkeit unseres Vaters. Beides machte unser Heim ziemlich ungemütlich. Meine Mutter war zuweilen sehr zärtlich zu uns, dann wieder schien sie uns gar nicht wahrzunehmen. Gelegentlich umarmte und küßte sie uns wie toll – besonders mich, wobei ich hoffte, daß Olivia das nicht bemerkte. Mama hatte leuchtende braune Augen und eine Fülle kastanienbrauner Haare; wie unser höchst ungewöhnliches Zimmermädchen Rosie Rundall mir zuflüsterte, gab Everton sich viel Mühe, die Farbe von Mamas Haaren mit geheimnisvollen Wässerchen zu erhalten. Die Schönheit unserer Mutter zu bewahren war offenbar ein aufwendiges Unterfangen. Everton verstand sich bestens darauf, und sie hielt den ganzen Haushalt in Schach und verlangte absolute Stille, wenn unsere Mutter mit eiskalten Wattebäuschen auf den Augenlidern ruhte oder von Evertons kundigen Händen sanft massiert wurde. Dabei führten die zwei unentwegt Gespräche über die neueste Mode.
»Es ist wirklich anstrengend, eine Schönheit zu sein«, bemerkte ich zu Olivia, und Rosie Rundall, die zufällig dabei war, pflichtete mir bei: »Darauf kannst du Gift nehmen!«
Rosie Rundall war das ungewöhnlichste Hausmädchen, das ich je gekannt hatte. Sie war groß und hübsch. Hausmädchen wurden ja immer nach ihrem Aussehen ausgesucht. Sie waren die Dienstboten, die Besucher zu Gesicht bekamen, und häßliche Mädchen konnten einen schlechten Eindruck von dem Hauswesen vermitteln. Meiner Meinung nach hatten wir in Rosie ein unübertreffliches Hausmädchen.
Rosie verstand überaus würdevoll mit Gästen umzugehen. Sie fiel den Leuten auf. Sie bemerkte das und nahm diese unausgesprochene Ehrung mit schweigsamer Würde entgegen. Aber wenn sie mit Olivia und mir zusammen war – was ihr sehr häufig gelang –, war sie ein ganz anderer Mensch.
Olivia und ich liebten Rosie sehr. Es gab nicht viele Menschen, denen wir Zuneigung entgegenbringen konnten. Unser Vater war zu tugendhaft, unsere Mutter war zu schön,...




