E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Holt Das Zimmer des roten Traums
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-495-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-95530-495-9
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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1
In der Nacht vor Esmeraldas erstem Ball störte wieder einmal dieser Traum meinen Schlaf. In meinen neunzehn Lebensjahren hatte ich ihn immer wieder erlitten. Dieser stets wiederkehrende Traum war beunruhigend und schien von einer gewissen Bedeutsamkeit zu sein, die ich enträtseln mußte. Nach dem Erwachen schüttelte ich mich jedesmal vor Angst und Schrecken und wußte eigentlich nie genau, warum. Es lag gar nicht so sehr an dem Traum selbst, sondern eher daran, daß er Fürchterliches vorauszusagen schien.
Ich befand mich stets in einem Zimmer. Einem Zimmer, das ich nun bereits sehr gut kannte, denn es war in jedem Traum das gleiche. Ein ganz gewöhnliches Zimmer. Mit einem gemauerten Kamin, zu dessen beiden Seiten Sitzgelegenheiten, ein roter Teppich und schwere rote Vorhänge. Über dem Kamin hing ein Bild: »Stürmische See«. Ein paar Stühle standen drin und ein altmodischer Klapptisch. Stimmen erklangen und verstummten wieder. Ich hatte stets den Eindruck, daß irgend etwas vor mir verborgen wurde. Und dann kam plötzlich dieses übermächtige Gefühl böser Vorahnung, aus dem ich mit Entsetzen erwachte. Das war alles. Manchmal kam der Traum ein ganzes Jahr lang nicht wieder, und ich vergaß ihn, und dann suchte er mich plötzlich wieder heim. Jedesmal bemerkte ich ein paar Einzelheiten mehr in dem Zimmer, etwa die dicken Schnüre, mit denen die roten Vorhänge gerafft waren, oder den Schaukelstuhl in der Ecke. Und mit jedem neuen Detail schien mir dieses Gefühl der Angst näher zu rücken.
Nach dem Erwachen lag ich in meinem Bett und fragte mich, was der Traum wohl bedeutete. Warum nur suchte mich dieses Zimmer in meinem Schlaf heim? Warum war es jedesmal das gleiche Zimmer? Warum empfand ich immer diese schleichende Angst? Meine Phantasie hatte das Zimmer heraufbeschworen, aber warum träumte ich jahrelang davon? Ich erzählte es niemandem. Tagsüber kam mir die ganze Sache immer so lächerlich vor, denn je lebhafter ein Traum dem Träumer erscheint, um so langweiliger klingt er wohl in der Nacherzählung. Irgendwo tief drinnen war ich jedoch fest davon überzeugt, daß dieser Traum etwas bedeutete. Daß eine merkwürdige, mir noch unverständliche Kraft mich vor einer Gefahr warnte und daß ich wohl eines Tages entdecken würde, was mich da bedrohte.
Wilden Phantasien nachzuhängen lag mir eigentlich gar nicht. Dafür war mein Leben zu bitter und ernst gewesen. Seit ich von Kusine Agathas Wohlwollen abhängig war, hatte man mich ständig daran erinnert, in welcher Lage ich mich befand. Daß ich am gleichen Tisch mit ihrer Tochter Esmeralda sitzen durfte, von ihrer Gouvernante mit unterrichtet wurde und unter der Aufsicht ihres Kindermädchens im Park spazierengehen durfte, waren offensichtlich Gnadenbeweise, für die ich ewig dankbar zu sein hatte. Ich durfte nie vergessen, welch elendeste aller elenden Kreaturen ich war, eine arme Verwandte, die nur deshalb in den Herrschaftsräumen zugelassen war, weil sie zur Familie gehörte. Und selbst diese Zugehörigkeit hing an einem schwachen Fädchen, denn Agatha war nur eine Kusine zweiten Grades von meiner Mutter.
An Agatha war alles überdimensional: ihr Körper, die Stimme, ihr ganzes Wesen. Sie beherrschte ihre Familie, das heißt, ihren kleinen Mann – aber vielleicht war er gar nicht so klein und wirkte nur so neben ihr – und ihre Tochter Esmeralda. Cousin William, wie ich ihn nannte, hatte weitverzweigte Geschäfte und war sehr wohlhabend. Außerhalb seines Hauses sicher ein mächtiger Mann, drinnen jedoch seiner kraftvollen Frau völlig ergeben und unterlegen. Ein ruhiger Mensch, der mich oft geistesabwesend anlächelte, als könne er sich nicht genau besinnen, wer ich war und was ich in seinem Haus tat. Wäre er imstande gewesen, seiner Frau energisch entgegenzutreten, hätte er sicher viel Gutes getan. Sie war bekannt für ihre guten Werke. Bestimmte Tage der Woche waren ihren Komitees gewidmet. Damen, die große Ähnlichkeit mit ihr hatten, kamen dann zu uns ins Haus, und ich mußte immer Tee und Kuchen servieren. Sie sah es gerne, wenn ich bei solchen Gelegenheiten anwesend war. »Das ist Ellen, die Tochter meiner Kusine zweiten Grades«, erklärte sie dann. »Eine schreckliche Tragödie! Man mußte doch dem Kind einfach wieder ein Zuhause geben.« Manchmal half mir Esmeralda beim Servieren. Arme Esmeralda! Niemand hätte sie je für die Tochter des Hauses gehalten. Sie ließ den Tee in den Tassen überschwappen und kippte einmal eine voll in den Schoß einer wohltätigen Dame.
Kusine Agatha nahm es stets sehr übel, wenn die Leute Esmeralda für die arme Verwandte und mich für die Tochter des Hauses hielten. Dabei war Esmeraldas Schicksal nicht viel besser als meines. Ewig hieß es: »Schultern zurück, Esmeralda! Schleich nicht so krumm daher!« Oder: »Sprich doch endlich lauter! Nuschle nicht so!«
Arme Esmeralda! Welch glanzvoller Name, der ihr so gar nicht zu Gesicht stand. Ihre blaßblauen Augen waren oft ganz wäßrig, denn sie neigte zu Tränenausbrüchen, und das feine blonde Haar sah immer unordentlich und zerzaust aus. Ich machte ihre Rechenaufgaben und half ihr bei den Aufsätzen. Sie mochte mich recht gerne.
Kusine Agatha bedauerte sehr, nur eine Tochter zu haben. Sie hatte sich immer Söhne und Töchter gewünscht, die sie wie Schachfiguren dirigieren konnte. Daß diese einzige, ziemlich zart gebaute Tochter den ganzen Nachwuchs darstellte, schob sie einzig und allein ihrem Mann in die Schuhe. War es doch feststehende Regel des Hauses, daß Agathas Taten nur Gutes zeitigten, während alles Schlechte von anderen Leuten kam.
Sie war von der Königin empfangen und von dieser wegen ihrer Wohltaten für die Armen beglückwünscht worden. Sie organisierte Klubs, in denen diese Armen in den Pflichten gegenüber ihren »Wohltätern« unterwiesen werden konnten. Sie kümmerte sich um Hemdennäherei und um die Anfertigung von Kattungewändern. Sie war unermüdlich; immer umgab sie eine wahre Aura der Tugendhaftigkeit.
Kein Wunder also, daß sowohl Mann als auch Tochter sich ihr gegenüber im Nachteil fühlten. Ich selbst merkwürdigerweise nicht. Schon lange war mir klargeworden, daß Kusine Agathas gute Taten ihr mindestens soviel Befriedigung gaben wie irgend jemandem anderen, und so war ich sicher, daß damit Schluß sein würde, sowie sie ihr keine solche Befriedigung mehr brachten. Sie spürte natürlich diesen Mangel an Anerkennung in mir und bestrafte mich dafür. Sie mochte mich nicht. Nicht daß sie von irgend jemandem außer sich selbst übermäßig eingenommen gewesen wäre; im hintersten Winkel ihres Gehirns muß sie sich aber immerhin dessen bewußt geworden sein, daß ihr Mann das Geld brachte, das ihr diesen Lebensstil ermöglichte, und was Esmeralda betraf, so war sie ihr einziges Kind und mußte wohl umsorgt werden.
Ich dagegen war die Außenseiterin, und dazu nicht einmal demütig. Sicher bemerkte sie, daß ich mich nicht halten konnte, wenn sie von ihren neuen Taten sprach. Ohne Zweifel spürte sie in mir eine Abneigung davor, ihr prinzipiell beizustimmen. Natürlich versicherte sie sich dann, daß dies dem »schlechten Blut« zuzuschreiben war, das von meines Vaters Seite durch meine Adern floß, obwohl sie andererseits behauptete, von dieser Linie sonst nichts zu wissen.
Schon in den ersten Jahren meines Aufenthalts in diesem Haus wurde ihre Haltung mir gegenüber deutlich. Einmal, ich war etwa zehn Jahre alt, ließ sie nach mir schicken.
»Ich glaube, es ist an der Zeit, Ellen«, sagte sie, »daß wir beide uns einmal unterhalten.«
Da stand ich stämmige Kleine vor ihr. Mit kaum zu bändigendem schwarzem Haar, dunkelblauen Augen, etwas zu kurzer Nase und einem ziemlich langen, widerspenstigen Kinn.
Ich mußte auf den großen Perserteppich in ihrem sogenannten Arbeitszimmer stehenbleiben; in diesem Raum schrieb ihre Gesellschaftssekretärin die Briefe und bewältigte den Großteil der Komiteearbeit, für die sie soviel Lob einstrich.
»Also, meine Liebe«, sagte sie zu mir, »laß uns einmal klarkommen. Du weißt doch, welche Stellung man dir in diesem Hause eingeräumt hat, oder?«
Ohne auf meine Antwort zu warten, sprach sie weiter. »Zweifelsohne bist du mir und Cousin William Loring (das war ihr Mann) sehr dankbar, daß wir dich hier aufgenommen haben. Wir hätten dich natürlich beim Tod deiner Mutter in ein Waisenhaus bringen lassen können, aber du gehörst schließlich zur Familie – wenn der Verwandtschaftsgrad auch nicht gerade sehr eng ist –, und so haben wir beschlossen, dich unter unseren Schutz zu stellen. Wie du weißt, hat deine Mutter einen gewissen Charles Kellaway geheiratet. Du bist die Frucht dieser Ehe.« Ihre lange Nase zuckte bei diesen Worten, ein Zeichen dafür, wie sehr sie meine Eltern und deren Sprößling verachtete. »Eine höchst unpassende Heirat. Er war nicht der Mann, den man für sie auserwählt hatte.«
»Es muß eine Liebesehe gewesen sein«, sagte ich, denn so hatte ich es von unserem Kindermädchen gehört, dessen Tante Kusine Agathas Kindermädchen gewesen war und sich deshalb in der Vergangenheit der Familie recht gut auskannte.
»Würdest du mich bitte nicht unterbrechen!« setzte Kusine Agatha fort. »Wir reden hier über sehr ernste Dinge. Deine Mutter ist gegen den Willen der Familie auf und davon und heiratete diesen Menschen aus irgendeiner völlig unbekannten Gegend, von der noch niemand je etwas gehört hatte.« Sie sah mich streng an. »Nach knapp einem Jahr warst du da, und kurz danach verließ deine Mutter ihr neues Heim völlig verantwortungslos und kehrte mit dir zu ihrer Familie zurück.«
»Da war ich drei«, sagte ich, wie ich es vom Kindermädchen wußte. Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich bat dich...




