E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Holt Der Fluch der Opale
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-511-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-95530-511-6
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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DER WITWENSITZ
Daß mich ein Geheimnis umgab, merkte ich bereits in meiner Kindheit. Sehr früh stellte sich bei mir schon das Gefühl ein, nicht dazuzugehören, und es sollte mir treu bleiben. Ich unterschied mich von den anderen auf dem Witwensitz. Gern ging ich zu dem Bach hinunter, der zwischen unserem Wohnsitz und Oakland Hall verlief, und starrte in sein glasklares Wasser, als hoffte ich, dort die Antwort zu finden. Daß ich gerade eine bestimmte Stelle dazu aussuchte, war wohl irgendwie bedeutungsvoll. Maddy, unser Mädchen für alles, das teilweise auch mich betreute, entdeckte mich einmal dort, und das Entsetzen in ihren Augen konnte ich lange nicht vergessen.
»Warum kommen Sie denn ausgerechnet an diesen Platz, Miß Jessica?« rief sie. »Wenn Miß Miriam das wüßte, würde sie es Ihnen streng verbieten!« Schon wieder ein Geheimnis! Was hatte sie gegen das Bächlein und die hübsche Brücke, die darüberging? Mir gefiel die Stelle besonders gut, weil man von hier aus gut die grauen Mauern von Oakland Hall betrachten konnte, die sich drüben so majestätisch erhoben.
»Mir gefällt es eben hier«, sagte ich widerspenstig. Und da verbotene Früchte mir wohl noch süßer schmeckten als irgend jemandem sonst, ging ich um so öfter hin, seit ich wußte, daß es einen Grund gab, warum ich nicht dort sitzen sollte.
Immer wieder mahnte mich Maddy, es nicht zu tun. Und ich wollte natürlich wissen, warum. Das war überhaupt ein Charakteristikum an mir, und Maddy nannte mich deshalb auch »kleine Miß Warum-Wo-und-Was«.
»Geradezu krankhaft ist es!« schalt sie. »Das haben Mr. Xavier und Miß Miriam auch gesagt. Krankhaft!«
»Warum?«
»Da hat man’s wieder«, seufzte Maddy. »Es ist eben so. Darum – und gehen Sie nicht dauernd dorthin.«
»Ist die Stelle vielleicht verwünscht?«
»Ja, das mag wohl sein.«
Was konnte es hier für eine Gefahr geben, fragte ich mich. Außer bei schweren Regenfällen war das Wässerchen ganz flach und so klar, daß ich die Kiesel auf dem braunen Boden erkennen konnte. Eine Trauerweide hing über das gegenüberliegende Ufer. Trauerte sie um jemanden? War dies das Krankhafte?
So kam ich also immer wieder zum Bach und träumte dort, vor allem über mich selbst, und das Hauptthema war stets: Irgendwie gehörst du nicht zu denen auf dem Witwensitz. Nicht, daß es mich gestört hätte. Ich war anders und wollte auch anders sein. Schon mein Name war anders. Ich hieß ja in Wirklichkeit Opal – Opal Jessica –, und überlegte oft, wie meine Mutter wohl dazu gekommen war, mir einen so seltsamen Namen zu geben, denn zu Seltsamkeiten dieser Art neigte sie eigentlich nicht. Mein armer trauriger Vater hatte bestimmt nichts damit zu tun; eine Wolke überschattete ihn stets, und manchmal meinte ich, daß sie auch über mir hinge.
»Opal« wurde ich nie gerufen. Daher nannte ich mich in Selbstgesprächen manchmal so, und ich führte oft Selbstgespräche. Wahrscheinlich, weil ich so viel allein war. Und dadurch wurde ich mir auch der geheimnisvollen Aura um mich herum bewußt, die mich wie ein Nebel umgab, den ich nicht sehen konnte. Maddy brachte manchmal ein bißchen Licht in die Düsterkeit, aber es war nur ein schwacher Schimmer, der dann alles noch viel schwerer erkennbar machte.
Da besaß ich also einen Namen, bei dem mich niemand rief. Warum hatten sie ihn mir gegeben, wenn sie ihn gar nicht anwenden wollten? Meine Mutter kam mir sehr alt vor. Sie war offenbar schon über vierzig, als sie mich zur Welt brachte. Meine Schwester Miriam war fünfzehn Jahre älter als ich, und mein Bruder Xavier hatte mir fast zwanzig Jahre voraus. Wie Bruder und Schwester kamen sie mir nie vor. Miriam spielte meine Gouvernante, da wir zu arm waren, um uns eine zu leisten. Überhaupt war Armut das unerbittliche Thema in unserem Haushalt. Unzählige Male hörte ich, was wir in der Vergangenheit besessen hatten und jetzt nicht mehr besaßen, wie wir herabgesunken waren vom äußersten Luxus auf das, was meine Mutter »bitterste Armut« nannte.
Wenn sie anfing, von besseren Tagen zu sprechen – jenen Tagen, da sie von Dienern umgeben waren und glänzende Bälle sich mit eleganten Banketten abgewechselt hatten –, zuckte mein Vater stets zusammen. Zu essen hatten wir allerdings immer genug auf dem Witwensitz; und der Gärtner Jarman bearbeitete den Garten, Mrs. Cobb kochte, und Maddy kümmerte sich um alles andere. Ganz ohne Geld standen wir also nicht da. Da meine Mutter unsere Armut immer so übertrieb, meinte ich, vielleicht übertreibe sie genauso bei den verlorenen Reichtümern, und bezweifelte, daß die Bälle und Bankette wirklich so grandios gewesen waren, wie sie es beschrieb.
Mit etwa zehn Jahren sollte ich eine wichtige Entdeckung machen. Auf Oakland Hall wurde eine Gesellschaft gegeben. Man hörte von drüben die lauten Stimmen der Gäste. Von meinem Fenster aus hatte ich bemerkt, daß sie mit den Hunden zur Jagd ausritten. Wenn sie mich doch nur einmal einladen würden! Ich wollte so gern das große Haus von innen sehen. Gewiß, im Winter, wenn die nackten Äste der Eichen es nicht mehr völlig verbargen, konnte ich von meiner Seite des Baches aus etwas erkennen, aber über die Mauern hinaus ging mein Blick nicht; und die faszinierten mich schon ungemein. Eine lange Auffahrt schlängelte sich zum Haus hinauf. Ich hatte mir fest vorgenommen, eines Tages den Bach zu überqueren und einfach hinzumarschieren.
An jenem Morgen gab mir Miriam gerade Unterricht. Als Lehrerin entwickelte sie keine besondere Befähigung und zeigte oft große Ungeduld mit mir. Sie war eine großgewachsene, blasse junge Frau. Ich war zehn, sie mußte also fünfundzwanzig sein. Die Unzufriedenheit stand ihr ins Gesicht geschrieben – wie allen bei uns, die jene besseren Tage nie vergessen konnten –, und sie sah mich manchmal mit kaltem Widerwillen an. Ich konnte ihr gegenüber auch keine schwesterlichen Gefühle aufbringen.
Als die Jagdgesellschaft vorbeiritt, sprang ich auf und rannte zum Fenster. »Jessica!« schrie Miriam. »Was tust du denn?«
»Ich will doch nur die Reiter betrachten«, erklärte ich.
Sie packte mich unsanft beim Arm und zog mich vom Fenster weg. »Wenn sie dich nun sehen«, zischte sie mich an, als wäre das die tiefste Erniedrigung.
»Na und?« gab ich zurück. »Sie haben mich gestern auch gesehen. Einige winkten, und andere riefen ›guten Morgen‹.«
»Laß dir ja nicht einfallen, noch einmal mit ihnen zu sprechen«, drohte sie.
»Warum nicht?«
»Weil Mama sehr zornig darüber sein würde.«
»Du redest ja, als ob es Wilde wären. Was ist denn schon dabei, wenn man sie unterwegs grüßt?«
»Das verstehst du nicht, Jessica.«
»Und wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand was sagt?«
Sie zögerte kurz, und dann überlegte sie wohl, daß eine kleine Indiskretion durchaus von Nutzen sein konnte, wenn sie mich vor der Todsünde bewahrte, zu den Gästen von Oakland Hall freundlich zu sein. Sie sagte: »Oakland Hall hat einmal uns gehört. Das können wir nie vergessen.«
»Und warum gehört es uns nun nicht mehr?«
»Weil sie es uns genommen haben.«
»Genommen? Wie denn?« Ich sah unwillkürlich eine Belagerung vor meinen Augen: Mama kämpferisch und dominierend, wie sie der Familie befahl, kochendes Öl von den Zinnen auf den bösen Feind hinunterzugießen, der uns das Schloß nehmen wollte.
»Sie haben es gekauft«, drang Miriams Stimme in mein Bewußtsein.
»Und warum haben wir es ihnen verkauft?«
Sie verzog den Mund. »Weil wir uns das Leben dort nicht mehr leisten konnten.«
»Ach so, ja«, sagte ich, »die berühmte Armut. Also dort haben sich unsere besseren Tage abgespielt.«
»Aber nicht für dich. Es war lange vor deiner Geburt. Ich habe meine Kindheit noch auf Oakland Hall verbracht. Ich weiß, was es heißt, in Not zu fallen.«
»Und ich weiß es nicht, weil ich nie bessere Tage gesehen habe. Warum sind wir eigentlich so arm geworden?«
Darauf gab sie keine Antwort und sagte nur: »Und dann mußten wir eben an diese … diese Barbaren verkaufen. Nur den Witwensitz haben wir behalten; das einzige, was uns geblieben ist. Jetzt weißt du, warum wir die Leute, die unser Haus genommen haben, gar nicht beachten.«
»Sind es wirklich Barbaren … richtige Wilde?«
»Viel Besseres jedenfalls nicht.«
»Sie sehen aber wie gewöhnliche Leute aus.«
»Du meine Güte, Jessica, bist du wirklich noch so kindisch? Du verstehst das alles ohnehin nicht und solltest es lieber den Älteren überlassen. Aber jetzt weißt du wenigstens, daß wir einmal dort gewohnt haben, und wirst vielleicht verstehen, daß wir nicht wollen, daß du die Leute von drüben wie ein Bauerntrampel anstarrst, wenn sie ausreiten. Und nun mach dich an deine Algebraaufgaben. Du mußt dich viel mehr mit deinen Büchern befassen, wenn du auch nur halbwegs ein bißchen Bildung mitbekommen willst.«
Wie konnte ich mich nach einer solchen Entdeckung für Algebra interessieren? Jetzt war nur noch interessant, etwas über die Barbaren zu erfahren, die uns unser Haus genommen hatten. Das war der Anfang meiner Entdeckung. Und auf meine energische – und doch, wie ich meinte, diskrete – Art begann ich nachzuforschen.
Mir schien, daß ich bei den Dienstboten wohl mehr Erfolg haben könnte als bei der Familie, und ich versuchte es deshalb zuerst beim Gärtner Jarman, der im Sommer immer so lange hart arbeitete und im Winter nur wenige Stunden am Tag. Unter Mamas Anleitung hielt er den zum Haus gehörenden Grund und Boden gut instand. Ich folgte ihm eine ganze Woche...




