Holt | Der indische Fächer | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Holt Der indische Fächer


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-506-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-95530-506-2
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Der prächtige, mit Edelsteinen besetzte indische Pfauenfederfächer soll, so heißt es, Unglück über seine Besitzerinnen bringen. Dass durchaus etwas Wahres an der Geschichte ist, muss auch die junge Engländerin Lady Lavinia erfahren, die 1857 bei Unruhen in Indien auf grausame Weise ums Leben kommt. Ihre Freundin und Begleiterin, die nicht besonders attraktive, jedoch hoch intelligente Pfarrerstochter Deborah, erbt den blutbefleckten Fächer von Lady Lavinia. Sie will den unheilvollen Bann brechen - und ist entschlossen, das Schicksal herauszufordern ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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ENGLAND UND FRANKREICH


Das große Haus


Das große Haus Framling hatte schon immer eine starke Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht begann es damit, daß ich mit zwei Jahren von Fabian Framling entführt und zwei Wochen dort festgehalten worden war. Daß das Haus voller Schatten und Geheimnisse steckte, erfuhr ich später, als ich den Pfauenfederfächer entdeckte. In den langen Huren, auf der Galerie, in den stillen Räumen schien einen die Vergangenheit aus allen Winkeln anzugrinsen, als wolle sie sich heimtückisch der Gegenwart bemächtigen, um sie auszulöschen, was ihr allerdings niemals vollends gelang.

Solange ich zurückdenken kann, hatte Lady Harriet Framling über unser Dorf geherrscht. Die Landarbeiter, die respektvoll an den Straßenrand traten, wenn die Kutsche mit dem majestätischen Wappen der Familie vorüberrollte, berührten grüßend die Stirn, und die Frauen versanken in einen ehrerbietigen Knicks. Sie sprachen im Flüsterton von ihr, als fürchteten sie, ihren Namen zu beschmutzen. In meinem kindlichen Gemüt kam sie der Königin gleich und hatte nur Gott über sich. Kein Wunder, daß ich, als ihr Sohn Fabian mir befahl, seine Sklavin zu sein – ich war damals erst sechs Jahre alt –, nicht widersprach. Es schien nur natürlich, daß wir Leute von niederem Stande dem großen Haus auf jede Weise dienten.

Das große Haus – allgemein »das Haus« genannt, als seien die Behausungen, die wir übrigen bewohnten, etwas anderes – hieß Framling; nicht Framling Hall oder Framling Manor, sondern schlicht Framling. Es war seit hundert Jahren im Besitz dieser Familie. Lady Harriet hatte sich gnädig herabgelassen, in die Familie einzuheiraten, war sie doch die Tochter eines Grafen. Das durfte man niemals vergessen; sie hatte wahrhaftig unter ihrem Stande geheiratet, als sie die Gemahlin eines bloßen Barons wurde. Er war längst tot, der Ärmste, aber ich hörte erzählen, daß sie ihn stets an ihren höheren Rang erinnert hatte, und obwohl sie erst als Braut ins Dorf gekommen war, hielt sie es seitdem für ihre Pflicht, über uns zu herrschen.

Die Ehe war jahrelang unfruchtbar geblieben – sehr zum Leidwesen Lady Harriets. Ich nehme an, sie beklagte sich unentwegt bei Gott dem Allmächtigen bitterlich über ein solches Versehen; doch selbst der Himmel konnte Lady Harriet nicht ewig übergehen, und mit vierzig Jahren, fünfzehn Jahre nach ihrem Hochzeitstag, schenkte sie Fabian das Leben.

Ihre Freude war grenzenlos. Sie betete den Knaben an. Es war nur logisch, daß ihr Sohn vollkommen war. Allen seinen Launen mußten die Bediensteten stattgeben, und die Dienerschaft der Framlings verbreitete, daß Lady Harriet nachsichtig über jede kindliche Missetat lächelte.

Vier Jahre nach Fabian wurde Lavinia geboren. Obwohl sie als Mädchen ihrem Bruder im Range etwas nachstand, war sie als Lady Harriets Tochter dem Rest der Gemeinde weit überlegen. Es amüsierte mich stets, Lady Harriet die Kirche betreten und durch den Mittelgang schreiten zu sehen, gefolgt von Fabian, hinter dem wiederum Lavinia ging. Ehrfürchtig beobachtet, nahmen sie ihre Plätze ein und knieten auf den rotschwarzen, mit dem Buchstaben bestickten Polstern nieder; und die Leute hinter ihnen durften Zeugen des erstaunlichen Schauspiels sein, wie Lady Harriet vor einer höheren Macht kniete – ein Erlebnis, das alles wettmachte, woran es dem Gottesdienst ansonsten mangeln mochte.

Ich starrte die drei verwundert an und vergaß, daß ich in der Kirche kniete, bis ich mich, durch einen Stups von Polly Green ermahnt, auf die Andacht besann.

Das Haus Framling beherrschte das Dorf. Es war über den Häusern auf einem sanften Hang errichtet, so daß es einem das Gefühl gab, es stehe Wache und achte auf jegliche Sünde, die wir begehen mochten. Schon zu Zeiten Wilhelms des Eroberers hatte dort ein Gebäude gestanden, das allerdings im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut wurde, so daß von dem Bau aus der Vor-Tudor-Zeit fast nichts mehr geblieben war. An einem Pförtnerhaus mit Zinnentürmen vorbei gelangte man in einen Innenhof, wo Pflanzen zwischen dem Mauerwerk wuchsen und Sträucher in künstlerischer Üppigkeit in reifengefaßten Kübeln wucherten. In diesem Hof standen Bänke, auf die bleigefaßte Fenster herabblickten – dunkel und geheimnisvoll. Ich bildete mir immer ein, daß hinter diesen Fenstern jemand lauerte und Lady Harriet alles berichtete.

Durch eine schwer beschlagene Tür trat man in einen Bankettsaal, an dessen Wänden die Porträts etlicher längst verblichener Framlings hingen – einige blickten grimmig drein, andere gütig. Die Decke war hoch und gewölbt; der lange, blankpolierte Tisch roch nach Bienenwachs und Terpentin. Über dem großen Kamin verzweigte sich der Familienstammbaum in alle Richtungen. Am einen Ende des Saales führte eine Treppe zur Kapelle, und am anderen Ende befand sich die Tür zum Altar.

Im zarten Kindesalter schien es mir, daß wir im Dorf wie Planeten um die strahlende Sonne namens Framling kreisten.

Unser Haus gleich neben der Kirche war weitläufig und zugig; ich hatte oft sagen hören, es zu heizen koste ein Vermögen. Verglichen mit Framling war es freilich winzig. Obwohl im Wohnzimmer ein großes Feuer brannte und es in der Küche schön warm war, glich im Winter der Gang zu den oberen Räumlichkeiten in meiner Vorstellung einer Expedition zum nördlichen Polarkreis. Mein Vater merkte nichts davon. Er merkte sehr wenig von praktischen Dingen. Sein Herz weilte im alten Griechenland, und Alexander der Große und Homer waren ihm vertrauter als seine Pfarrkinder.

Von meiner Mutter wußte ich wenig, denn sie war gestorben, als ich zwei Monate alt war. Polly Green war als Ersatz gekommen, aber das war erst, als ich meinen zweiten Geburtstag schon hinter mir und meine erste Bekanntschaft mit dem Gebaren der Framlings gemacht hatte.

Polly mußte ungefähr achtundzwanzig gewesen sein, als sie zu uns kam. Sie war Witwe und hatte sich immer ein Kind gewünscht, und als sie bei mir Mutterstelle vertrat, wurde ich für sie das Kind, das sie nie bekommen hatte. Wir verstanden uns bestens. Ich liebte Polly, und es gab nicht den geringsten Zweifel, daß Polly mich liebte. In die Geborgenheit ihrer Arme flüchtete ich in kritischen Momenten. Wenn der heiße Reispudding in meinen Schoß rann, wenn ich hinfiel und mir die Knie aufschürfte, wenn ich nachts aus Träumen von Kobolden und bösen Riesen erwachte, suchte ich bei Polly Trost. Ein Leben ohne Polly Green konnte ich mir nicht vorstellen.

Sie kam aus London – einer Stadt, die ihrer Meinung nach jeder anderen überlegen war. »Hab’ mich auf dem Land vergraben, alles deinetwegen«, pflegte sie zu sagen. Wenn ich sie darauf hinwies, daß man, um begraben zu sein, unter die Erde auf den Friedhof gehörte, zog sie ein Gesicht und sagte: »Das ist fast dasselbe.« Sie verachtete das Landleben. »Ein Haufen Felder und nichts los. War’ ich bloß in London!« Dann erzählte sie von den Straßen der Großstadt, wo immer »was los« war, von den Märkten, die abends von Petroleumlichtern erhellt waren, von den Ständen, wo sich Obst und Gemüse türmten, alte Kleider und »alles, was man sich denken kann«, und von den vielen Händlern, die auf ihre unnachahmliche Weise ihre Waren feilboten. »Eines schönen Tages nehm’ ich dich mit, dann kannst du’s selbst sehen.«

Polly war die einzige von uns, die wenig Respekt vor Lady Harriet hatte. »Was ist sie denn schon?« fragte sie. »Nichts anderes als wir alle. Bloß daß sie ’nen Titel hat.«

Polly war furchtlos. Sie machte keinen demütigen Knicks. Sie drückte sich nicht an die Hecke, wenn die Kutsche vorüberrollte. Sie faßte meine Hand ganz fest und marschierte entschlossen weiter, ohne nach rechts oder links zu blicken.

Polly hatte eine Schwester, die mit ihrem Mann in London lebte. »Arme Eff«, sagte Polly oft. »Er taugt nichts.« Ich hörte Polly ihn nie anders nennen als »er«, anscheinend war er eines Namens nicht würdig. »Er« war faul und ließ Eff alles machen. »Ich hab’ schon am Tag ihrer Verlobung zu ihr gesagt: ›Du wirst vor Kummer vergehen, wenn du den nimmst, Eff!‹ Aber hat sie auf mich gehört?«

Dann schüttelte ich ernst den Kopf, weil ich das schon öfter vernommen hatte und die Antwort kannte.

Polly war der Mittelpunkt meines jungen Lebens. Durch ihre städtischen Manieren hob sie sich von uns Landbewohnern ab. Pollys Art, die Arme zu verschränken und eine kriegerische Haltung anzunehmen, wenn irgend jemand Anstalten machte, sie anzugreifen, machte sie zu einer furchterregenden Gegnerin. Sie pflegte zu sagen, sie lasse sich »von niemand nichts gefallen«, und wenn ich sie, nachdem meine Gouvernante Miss York mich in die Feinheiten der Grammatik eingeführt hatte, darauf aufmerksam machte, daß eine doppelte Verneinung eine Bejahung ergebe, sagte sie nur: »Willst du vielleicht an mir rumnörgeln?«

Ich liebte Polly innig. Sie war meine Verbündete und gehörte ganz mir. Sie und ich hielten zusammen gegen Lady Harriet und die Welt.

Wir bewohnten die oberen Räume des Pfarrhauses. Mein Zimmer lag neben ihrem; so war es vom Tag ihres Kommens an gewesen, und wir wollten es nie ändern. Es gab mir ein wohliges Gefühl, sie so nahe bei mir zu haben. Das Dachgeschoß hatte noch einen weiteren Raum. Hier fachte Polly ein behagliches Feuer an, und im Winter machten wir Toast und rösteten Kastanien. Ich schaute in die Flammen, während Polly mir Geschichten vom Leben in London erzählte. Ich sah die Marktstände und Eff und »ihn« vor mir und das Häuschen, in dem Polly mit ihrem Mann Tom, einem Matrosen, gewohnt hatte. Ich sah Polly warten, daß er auf Urlaub nach Hause käme mit seiner...



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