E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Holt Der Schlossherr
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-508-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-95530-508-6
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Kapitel 1
Als der Bummelzug in die Bahnstation einfuhr, sagte ich mir: Es ist noch nicht zu spät. Du kannst noch umkehren.
Während der langen Reise durch England und der nächtlichen Fahrt über den Ärmelkanal hatte ich mir Mut gemacht, indem ich mir versicherte, daß ich kein törichtes Mädchen war, sondern eine vernünftige junge Frau, die sich zu einem Schritt entschlossen hatte und diesen nun auch ausführen würde.
Was allerdings mit mir geschehen würde, wenn ich im Schloß ankam, hing von den anderen ab. Ich gelobte mir jedoch, würdevoll aufzutreten, meinen verzweifelten Übereifer nicht zu verraten und die Tatsache zu verbergen, daß mich bei dem Gedanken an meine Zukunft, falls man mich abwies, Angst beschlich. Mein Äußeres sprach – zum erstenmal in meinem Leben – zu meinen Gunsten. Ich war achtundzwanzig und wollte in meinem grauen Reisemantel und mit dem gleichfarbigen Filzhut tüchtig aussehen.
Der Zug hielt. Außer mir stieg nur eine Bäuerin aus, einen Korb mit Eiern unter dem einen Arm, ein lebendes Huhn unter dem anderen. Ich zerrte meine Koffer heraus. Sie enthielten alles, was ich besaß.
Der einzige Bahnbeamte stand an der Sperre.
»Guten Tag, Madame«, sagte er zu der Bäuerin. »Wenn Sie sich nicht beeilen, wird das Baby geboren, bevor Sie ankommen. Wie ich höre, hat eure Marie seit drei Stunden Wehen. Die Hebamme ist schon da.«
»Betet, daß es diesmal ein Junge wird ...«
Der Mann interessierte sich jedoch mehr für mich als für das Geschlecht des erwarteten Babys. Ich merkte, wie er mich betrachtete, während er sich mit der Bäuerin unterhielt. Als er vortrat, um den Zug mit seiner Trillerpfeife weiter auf die Reise zu schicken, kam ein alter Mann auf den Bahnsteig gehastet.
»He, Joseph!« begrüßte der Bahnbeamte ihn und wies mit einem Kopfnicken auf mich.
Joseph blickte zu mir herüber und schüttelte den Kopf.
»Sind Sie vom Château Gaillard?« fragte ich auf französisch, das ich seit meiner Kindheit fließend spreche. Meine Mutter war Französin gewesen, und wir hatten uns immer in ihrer Sprache unterhalten, obgleich in Gegenwart meines Vaters englisch gesprochen wurde.
Joseph kam auf mich zu, den Mund leicht geöffnet, die Augen ungläubig aufgerissen. »Ja, Mademoiselle, aber ...«
»Sie sind also gekommen, um mich abzuholen.«
»Ich sollte einen Monsieur Lawson abholen, Mademoiselle.«
Ich lächelte und wies auf die Schilder auf meinem Gepäck. »Ich bin Mademoiselle Lawson.«
»Aus England?« fragte er.
Ich bestätigte das.
»Mir wurde gesagt, ein Herr.«
»Das war ein Mißverständnis.«
Joseph und der Bahnbeamte trugen meine Koffer zu der wartenden zweirädrigen Kutsche. Ich folgte, und nach wenigen Augenblicken fuhren wir los.
»Ist es weit zum Schloß?« fragte ich.
»Ungefähr zwei Kilometer, Mademoiselle. Sie werden es bald sehen.«
Ich betrachtete die fruchtbare Weingegend um mich herum. Es war Ende Oktober. Die Ernte war vorbei. Vermutlich bereiteten sie jetzt den Anbau fürs nächste Jahr vor. Wir kamen auch an dem kleinen Ort mit dem Marktplatz vorbei, der von der Kirche und dem Rathaus beherrscht wurde und von dem die engen Straßen mit den kleinen Läden und Häusern abzweigten.
Und dann erblickte ich das Schloß, jenes großartige Bauwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das sich inmitten von Weinbergen erhob. Rundtürme flankierten das Hauptgebäude. Die Haupttreppe würde wohl in dem polygonen Turm sein. Die mächtigen Strebepfeiler und Türme schienen zur besseren Verteidigung gebaut. Ich schätzte ab, wie dick die Wände mit den schmalen Fensterschlitzen wohl sein mochten. Die Zugbrücke, der Burggraben – jetzt natürlich ausgetrocknet –, die mit Kragsteinen versehene Brustwehr, die von vielen Pechnasen gestützt wurde, all das erinnerte wahrlich an eine Festung. Durch meinen Vater wußte ich ziemlich gut Bescheid über alte Bauwerke. Der alte Joseph sagte: »Am Schloß ändert sich nichts. Monsieur le Comte sorgt dafür.«
Monsieur le Comte. Er war der Mann, dem ich gegenübertreten mußte. Ich versuchte, ihn mir vorzustellen, den reservierten Aristokraten, der mit hochmütiger Gleichgültigkeit auf dem Leiterwagen durch die Straßen von Paris zur Guillotine gefahren wäre. Genauso würde er mich verbannen.
Lächerlich, würde er sagen, meine Aufforderung war eindeutig an Ihren Vater gerichtet. Sie werden unverzüglich wieder abreisen. Es würde sinnlos sein zu versichern, daß ich genauso kompetent wie mein Vater war. Ich arbeitete mit ihm zusammen. Tatsächlich verstehe ich mehr von alten Gemälden als er; es war das Arbeitsgebiet, das er immer mir überließ.
Joseph musterte mich scharf. Er fand es, wie ich sehen konnte, sehr sonderbar, daß der Graf nach einer Frau geschickt hatte.
In meiner Tasche steckte die Aufforderung des Grafen. Nein, das war nicht die richtige Bezeichnung. Monsieur le Comte würde niemals auffordern; er befahl wie ein König seinem Untertan.
Monsieur le Comte de la Talle beorderte D. Lawson nach Château Gaillard.
Nun, ich war Dallas Lawson. Ich würde eben erklären, daß Daniel Lawson seit zehn Monaten tot war und ich, seine Tochter, die ihm seit vielen Jahren bei seiner Arbeit geholfen hatte, jetzt seine Aufträge übernahm.
Etwa drei Jahre lag die Korrespondenz meines Vaters mit dem Grafen zurück. Vater war ein bekannter Experte für alte Bauwerke und Gemälde gewesen. Daher war es nur natürlich, daß ich mit ehrfürchtiger Bewunderung für diese Dinge aufwuchs. Vater und ich verbrachten viele Wochen in Florenz, Rom und Paris. Und auch in London hielt ich mich jeden freien Augenblick in Kunstgalerien auf.
Ich war von klein auf viel mir selbst überlassen gewesen. Mutter war kränklich, Vater wurde von seiner Arbeit absorbiert. Wir sahen nur wenige Menschen, und ich hatte nie gelernt, schnell Freundschaften zu schließen. Da ich nicht hübsch war, fühlte ich mich im Nachteil. Ich sehnte mich jedoch danach, Erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen, sehnte mich danach, Freunde zu haben. Hingerissen pflegte ich Unterhaltungen zu lauschen, die nicht für meine Ohren bestimmt waren. Still saß ich in der Küche, während unsere beiden Dienstmädchen ihre Leiden und Liebesgeschichten erörterten, und still pflegte ich bei Einkäufen mit Mutter in den Läden dazustehen, um den Gesprächen der anderen Leute zuzuhören. Kam jemand zu uns nach Hause, so wurde ich oft beim Lauschen ertappt, was mein Vater ganz und gar nicht billigte.
Als ich auf die Kunstschule ging, begann ich selbst zu leben, nicht mehr nur durch Erlebnisse anderer. Doch das gefiel meinem Vater ebenfalls nicht, denn ich verliebte mich in einen jungen Studenten. In romantischen Augenblicken dachte ich seitdem immer sehnsüchtig an jene Frühlingstage. Vater war dagegen gewesen, weil Charles kein Geld hatte; außerdem hatte Mutter, die zu dem Zeitpunkt bettlägerig geworden war, mich gebraucht. Es hatte keine große entsagungsvolle Szene gegeben. Die Romanze war einfach dem Frühling entwachsen und mit dem Herbst zu Ende gegangen. Vielleicht hatte Vater es für besser gehalten, mir nicht wieder Gelegenheit zu geben, mich in jemand anderen zu verlieben. Er schlug mir vor, die Kunstschule zu verlassen und enger mit ihm zusammenzuarbeiten. Er sagte, ich könnte bei ihm viel mehr lernen als jemals in irgendeiner Schule.
Meine Zeit teilte sich auf in die Arbeit mit meinem Vater und die Pflege meiner Mutter. Als sie starb, war ich lange Zeit vor Schmerz wie betäubt gewesen, und als ich es ein wenig verwunden hatte, war meine Jugend vorbei. Da ich im übrigen seit langem überzeugt war, für Männer nicht anziehend zu sein, konzentrierte ich mich ganz auf meine Bilder.
Ich erinnere mich noch deutlich an den Tag, als der erste Brief von Château Gaillard ankam. Der Comte de la Talle hatte eine Gemäldegalerie, in der Restaurierungsarbeiten nötig waren. Er wollte außerdem gern meinen Vater wegen gewisser Arbeiten am Schloß konsultieren. Könnte Monsieur Lawson nach Château Gaillard kommen und so lange wie nötig bleiben?
Vater war begeistert gewesen.
»Wenn es irgend geht, lasse ich dich nachkommen«, hatte er gesagt. »Ich werde deine Hilfe bei den Bildern brauchen. Und dir wird das Schloß Spaß machen. Es ist fünfzehntes Jahrhundert, und ich glaube, es sind viele Kunstwerke aus der Epoche vorhanden. Es wird hochinteressant werden.«
Ich war ganz aufgeregt gewesen; erstens, weil ich darauf brannte, einige Monate auf einem französischen Schloß zu verbringen, und zweitens, weil mein Vater meine größere Sachkenntnis zu akzeptieren begann.
Dann jedoch war ein Brief vom Grafen gekommen, in dem der Termin verschoben wurde. Gewisse Umstände würden den Besuch im Augenblick unmöglich machen, schrieb er, ohne eine genauere Erklärung hinzuzufügen. Er wollte wieder von sich hören lassen.
Ungefähr zwei Jahre später war Vater völlig unerwartet an einem Schlaganfall gestorben. Es war ein furchtbarer Schock für mich gewesen, da ich nun ganz allein stand. Ich fühlte mich verwaist, einsam und ratlos – um so mehr, als ich nur sehr wenig Geld besaß. Ich hatte mich daran gewöhnt, Vater bei seiner Arbeit zu helfen, und ich fragte mich, was wohl jetzt geschehen sollte. Wenn die Leute auch akzeptiert hatten, daß ich seine Assistentin war, so ließen sie mich sicher nicht allein ihre Bilder restaurieren.
Ich sprach mit Annie, unserem alten Mädchen, das seit Jahren bei uns gewesen war und nun fortging, um zu einer verheirateten Schwester zu ziehen, über meine Zukunft. Sie meinte, es gäbe nur die Wahl zwischen zwei...




