Holt | Der Teufel zu Pferde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Holt Der Teufel zu Pferde


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-504-8
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-95530-504-8
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Die 18jährige Minella Maddock fristet ihr Dasein als Lehrerin adeliger Töchter im England des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie eines Tages dem französischen Grafen Fontaine Delibes begegnet, der eine geradezu teuflische Faszination auf sie ausübt. Wird Minella dem 'Teufel zu Pferde' verfallen? Virtuos mixt Victoria Holt die Zutaten für diesen großangelegten Spannungsroman im historischen Gewand: Romantik und Spannung, Liebe und Hass, Leben und Tod bilden die Pole dieses aufregenden Romans: die gefährliche Leidenschaft einer jungen Frau für einen Mann, der sie unwiderstehlich anzieht - und dem sie niemals vertrauen darf!

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Zwischenstation in Petit Montlys


1


Petit Montlys war eine bezaubernde kleine Stadt, die etwa hundert Meilen südlich von Paris im Schatten ihrer größeren Schwesterstadt Grand Montlys lag. Wir kamen Ende April dort an. Mit der Hilfe von Sir John hatte ich meine Möbel verkauft. Jenny hatte ich zu den Mansers gegeben, mit der Bitte, für sie zu sorgen. Sir John hatte mir einen guten Preis für Dower bezahlt und versprochen, sie mir für die gleiche Summe, die meine Mutter für sie aufgewendet hatte, wieder zu verkaufen, sobald ich nach England zurückkäme. Der Comte würde mir ein sehr ansehnliches Gehalt zahlen, und erst als diese Last von meinen Schultern genommen war, wurde mir bewußt, wie sehr meine finanzielle Lage mich bedrückt hatte. Mrs. Manser schüttelte mißbilligend den Kopf über meinen Entschluß. Sie wußte natürlich nicht, daß Margot schwanger war, sie dachte vielmehr, ich würde eine Stellung als Gesellschafterin im Hause des Comte antreten. Dies war die Version, welche die Derringhams verbreiteten.

»Sie werden zurückkommen«, prophezeite sie. »Ich gebe Ihnen höchstens ein paar Monate. Bei uns wird immer Platz für Sie sein. Bis dahin werden Sie wissen, auf welcher Seite Ihr Brot mit Butter bestrichen ist.«

Ich küßte sie und bedankte mich bei ihr. »Sie waren mir und meiner Mutter stets eine gute Freundin«, sagte ich.

»Es gefällt mir gar nicht, wenn eine kluge Frau den falschen Weg einschlägt«, meinte sie. »Doch ich weiß, woran das liegt. Das macht die ganze Aufregung wegen Joel Derringham. Ich verstehe, was das für Sie bedeutet hat, und sehe ein, daß Sie für eine Weile von hier fort wollen.«

Ich ließ es dabei bewenden. Sollte sie nur glauben, daß sie recht hatte. Ich wollte ihr nicht zeigen, wie wohl mir zumute war. Wir fuhren mit der Postkutsche bis zur Küste und nahmen von dort ein Schiff nach Frankreich. Glücklicherweise hatten wir eine angenehme Überfahrt. Als wir auf der anderen Seite ankamen, wurden wir von einem Ehepaar mittleren Alters empfangen – offensichtlich treue Diener des Comte –, das uns auf unserer Reise begleiten sollte.

Wir kamen nicht durch Paris. Wir übernachteten in kleinen Gasthöfen, und nach mehreren Tagen erreichten wir schließlich Petit Montlys, wo man uns zum Haus von Madame Grémond brachte, die uns während der kommenden Monate beherbergen sollte.

Sie empfing uns aufs wärmste und bedauerte Margot, die nun Madame le Brun war, weil sie in ihrem Zustand eine solche Reise hatte auf sich nehmen müssen. Ich war froh, meinen eigenen Namen behalten zu dürfen.

Ich muß schon sagen, Margot schien ihre Rolle zu genießen. Sie hatte immer schon Gefallen am Theaterspiel gefunden, und dies war sicherlich der wichtigste Part, den sie je verkörpert hatte. Die Geschichte war folgende: Margots Gatte, Pierre le Brun, der den umfangreichen Besitz eines einflußreichen Edelmannes in Nordfrankreich verwaltet hatte, war bei dem Versuch, den Wolfshund seines Herrn aus den Fluten zu retten, ertrunken. Seine Frau hatte entdeckt, daß sie schwanger war, und da sie über den Tod ihres Gatten untröstlich war, hatte ihre Cousine sie auf Anraten ihres Arztes vom Schauplatz der Tragödie fortgebracht, damit sie die Geburt ihres Babys in Ruhe erwarten konnte.

Margot vertiefte sich aus vollem Herzen in ihre Rolle. Sie sprach liebevoll von Pierre, vergoß Tränen über seinen Tod und schilderte selbst den Wolfshund in aller Lebendigkeit. »Der gute, anhängliche Chon-Chon. Er war meinem Pierre so treu ergeben«, sagte sie. »Wer hätte gedacht, daß Chon-Chon eines Tages den Tod meines Liebsten verursachen würde.« Dann sprach sie davon, wie tragisch es sei, daß Pierre sein Kind niemals sehen würde. Ich hätte gern gewußt, ob sie dabei an James Wedder dachte. Die Reise war wahrlich anstrengend gewesen, und es war gut, daß wir sie zu diesem Zeitpunkt unternommen hatten; denn ein paar Wochen später wäre sie für Margot erst recht beschwerlich geworden.

Madame Grémond entpuppte sich als eine höchst diskrete Frau, und während der folgenden Wochen fragte ich mich oft, ob sie wohl die Wahrheit kannte. Sie war eine hübsche Person und mußte in ihrer Jugend äußerst attraktiv gewesen sein. Jetzt war sie etwa Mitte Vierzig, und mir kam der Gedanke, ob das, was sie tat, nicht wohl einem alten Freund – dem Comte natürlich – zuliebe war. Falls ich recht hatte, so war sie eine Frau, der er vertrauen konnte. Selbstredend kam mir auch der Gedanke, daß sie eine seiner zahlreichen Geliebten gewesen sein mochte, die er, dessen war ich sicher, gehabt hatte.

Das Haus war angenehm. Es war nicht groß, stand mitten in einem Garten und war über eine Auffahrt zu erreichen. Obgleich es in der Stadt lag, verliehen ihm die Bäume, die es umgaben, eine gewisse Abgeschiedenheit. Margot und mir wurden im rückwärtigen Trakt des Hauses nebeneinanderliegende Zimmer zugewiesen, von wo aus man den Garten überblicken konnte. Sie waren nicht luxuriös, aber hinreichend möbliert. Es gab zwei Hausmädchen, Jeanne und Emilie Dupont, deren Aufgabe es war, uns zu bedienen. Jeanne neigte zu Schwatzhaftigkeit, während Emilie eher mürrisch war und kaum ein Wort sagte, wenn sie nicht angesprochen wurde. Jeanne nahm regen Anteil an uns; ihre kleinen dunklen Augen waren wie bei einem Affen, dachte ich – voll lebhafter Neugier. Sie scharwenzelte geschäftig um Margot herum, eifrig auf deren Bequemlichkeit bedacht.

Margot, die es liebte, im Mittelpunkt zu stehen, schloß sie bald in ihr Herz. Ich sah sie oft miteinander schwätzen.

»Sei vorsichtig!« warnte ich. »Du könntest leicht etwas verraten.«

»Ich werde gar nichts verraten«, protestierte sie. »Du mußt nämlich wissen, manchmal wache ich nachts auf und weine fast um Pierre. Da siehst du, wie sehr ich mich in meine Rolle vertieft habe. Es ist fast so, als wäre er mein Ehemann gewesen.«

»Ich vermute, er sah ziemlich genau wie James Wedder aus.«

»Und ob. Ich fand, so ließe es sich am besten spielen ..., indem man der Wahrheit so nahe wie möglich bleibt. Schließlich ist James der Vater des Babys, und ich habe ihn plötzlich verloren – nur auf eine andere Weise.«

»Das war wahrhaftig ein anderer Abgang«, bemerkte ich und schnitt eine Grimasse.

Doch ich nahm mit Freude wahr, wie Margot sich von ihrem ersten Schock erholte. Sie war fröhlich und ergötzte sich an ihrer Situation, was schwerlich für denjenigen zu verstehen gewesen wäre, der Margots Temperament nicht kannte. Besonders ein Charakterzug kam ihr zu Hilfe: Sie konnte völlig in der Gegenwart aufgehen, egal, wie bedrohlich die Zukunft auch aussehen mochte. Ich gebe zu, daß ich mich zeitweise von ihr anstecken ließ. Dann erschienen mir die Vorgänge als fröhliches Abenteuer und nicht als die ernste Angelegenheit, die sie in Wirklichkeit waren.

Das Wetter war vortrefflich. Den ganzen Juni hindurch genossen wir den Sonnenschein. Wir saßen unter dem Ahornbaum und plauderten, während wir nähten. Es bereitete uns viel Freude, Babykleidung anzufertigen, obschon keine von uns, das muß ich gestehen, ein großes Licht im Umgang mit der Nadel war. Margot verlor oft die Geduld, bevor sie mit einem Kleidungsstück fertig war. Emilie dagegen war eine geschickte Näherin, und mehr als einmal erwies sie sich als Retterin und vollendete ein Teil, das sie zudem mit wunderschönen Zierstichen versah, die sie meisterhaft beherrschte. Sie nahm das angefangene Kleidungsstück fort, und wir fanden es später fertig und säuberlich zusammengelegt in einem unserer Zimmer vor. Wenn wir uns bei ihr bedankten, wurde sie ganz verlegen. Ich fand den Umgang mit ihr wirklich schwierig.

»Das kommt daher, weil Jeanne viel hübscher ist«, erklärte mir

Margot.

»Die arme Emilie! Sie ist wahrhaftig keine Schönheit, findest du nicht auch?«

»Aber sie ist fleißig.«

»Das mag wohl sein, aber verhilft ihr das zu einem Mann? Jeanne möchte später Gaston, den Gärtner, heiraten. Sie hat mir alles erzählt. Madame Grémond hat ihnen einen der Schuppen versprochen, den sie sich zu einer Hütte umbauen können. Gaston ist ein sehr geschickter Handwerker.«

Ich wiederholte meine Warnung: »Glaubst du nicht, daß du zuviel mit Jeanne redest?«

»Warum sollte ich nicht mit ihr plaudern? Das hilft, die Zeit zu vertreiben.«

»Madame Grémond könnte sich beklagen, daß Jeanne mit dir schwätzt, anstatt zu arbeiten.«

»Madame liegt doch alles daran, daß wir es behaglich haben, denke ich.«

»Ich möchte wissen, wieso man uns ausgerechnet zu ihr geschickt hat.«

»Das hat mein Vater arrangiert.«

»Glaubst du, daß sie seine Freundin ist – oder war?«

Margot zog die Schultern hoch. »Das ist schon möglich. Er hat viele Freundinnen.«

Wenn ich am Morgen erwachte, schien die Sonne, und ich zog die Jalousien hoch, die sich an sämtlichen Fenstern befanden, weil die Sonne manchmal unangenehm stechen konnte. Dann sah ich in den Garten hinaus auf den weichen Rasen, die Korbsessel unter dem Ahornbaum, den Teich mit den badenden Vögeln darin. Es war ein Bild vollkommenen Friedens. Während der ersten Wochen schlenderten wir häufig durch die Stadt und kauften, wonach es uns gelüstete. Man kannte uns als Madame le Brun, die blutjunge Witwe, die durch ein tragisches Schicksal ihren Gatten verloren hatte, der sein Kind niemals sehen würde, mit ihrer englischen Cousine. Ich wußte, daß die Leute über uns redeten. Manchmal konnten sie es kaum erwarten, bis wir den Laden verlassen hatten. Unsere Ankunft war für das verschlafene Petit Montlys freilich ein Ereignis, und manchmal bezweifelte ich, daß der Comte klug daran...



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