E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Holt Die Ashington-Perlen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-514-7
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-95530-514-7
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Der Skandal
Zwei Wochen später reiste Toby ab. Er kam nicht, um mir Lebewohl zu sagen. Er hatte erklärt, daß Abschiedsszenen unerträglich seien und daß alte Freunde wie wir es nicht nötig hätten, sich ewiger Freundschaft zu versichern.
Ich fühlte mich entsetzlich einsam.
Meg versuchte, mich zu trösten. »Es mußte so kommen. Ein junger Mann wie er kann nicht sein Leben lang nur spielen, weißt du. Es war für ihn wie ein Urlaub ... ein langer Urlaub ... aber es gibt ernsthaftere Dinge im Leben. Er hat ja nur gespielt, daß er Lehrer war. Jetzt fängt der Ernst des Lebens an. Du brauchst einen richtigen Lehrer.«
Janet sagte: »Ich halte nichts von diesen hochnäsigen Gouvernanten, das kann ich dir sagen. Die speisen auf ihrem Zimmer ... sind zu hoch und erhaben, um mit unsereins zu essen. Dieser Haushalt ist für so was nicht geeignet. In so ’nem kleinen Haus ist kein Platz für eine Gouvernante.«
»Das einzig Wahre wäre eine Schule«, meinte Meg, »aber das würde unserer kleinen Sarah nicht gefallen und ihr auch nicht.«
»Ich sage dir, das Haus ist nicht groß genug, und in Null Komma nix wäre ich weg. Ich hab’ heute morgen einen langen Brief von Ethel bekommen ...«
Meg lauschte dem Loblied auf die Freuden des Landlebens, nickte weise – und war nach wie vor fest entschlossen, bei meiner Mutter zu bleiben.
»Ach Meg«, jammerte ich, »ich könnte es nicht ertragen, auch dich noch zu verlieren.« Das freute Meg natürlich, wenn sie auch murrte: »Je nun, du mußt dich eben zusammennehmen, kapiert?«
Janet verdrehte die Augen zur Decke, als stünde sie mit dem Allerhöchsten in Verbindung, und murmelte dann in den Teig, den sie gerade anrührte, daß gewisse Leute – womit, vermute ich, meine Mutter, aber auch ich und Meg gemeint waren – ihr unbegreiflich seien.
Dann brach der Sturm los.
Everards Frau wollte sich scheiden lassen. Ein zu diesem Zweck angestellter Detektiv hatte Everards Kommen und Gehen bei uns beobachtet Infolgedessen sollte meine Mutter vorgeladen werden, und aufgrund der Berühmtheit meiner Mutter und Everards Stellung im Parlament stand ein Skandal bevor.
Everard war mir immer als ein Mann erschienen, der keine Gefühlsregungen zeigte, gleichgültig, in welcher Situation er sich befand. Toby und ich hatten uns darüber lustig gemacht. Ich sagte, wenn Everard erführe, daß sein Haus in Flammen stehe, würde er lediglich ein wenig überrascht dreinblicken und äußern: »Du bliebe Güte, wie unangenehm.« Wir stellten uns Everard in dramatischen Lebenslagen vor und malten uns aus, wie er reagieren werde. Das war sicherlich recht kindisch, aber es bereitete ungeheures Vergnügen. Meg hörte uns zu, und ihre Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. »Ihr zwei!« sagte sie. »Ich sollte euch vielleicht ’n paar Bauklötze zum Spielen besorgen.« Doch ich weiß, daß sie uns gern lachen hörte, und auch sie amüsierte sich über Everards Gleichmut. Eines Tages meinte sie: »Es ist mir unbegreiflich, wie so ein Mann da hineingeraten konnte.« Dann fügte sie düster hinzu: »Männer! Es gibt nicht viel, das ich nicht über sie wüßte. Persönlich hatte ich nicht viel mit ihnen zu schaffen. Aber ich hab’ ’ne Menge zu sehen gekriegt jawohl ... und es heißt doch, der Zuschauer sieht das Beste vom Spiel, oder?«
Everard war also in diese schreckliche Situation geraten. Bloßgestellt! Die Welt der Politik würde von der Liaison mit einer berühmten Schauspielerin erfahren, und solches Treiben (Megs Worte) war nicht das, was die Leute von ihrem zukünftigen Premierminister erwarteten. »Ich wette ein Pfund gegen einen Penny«, prophezeite Janet, »daß dies sein Ende im Unterhaus bedeutet.«
Ich wünschte, Toby wäre hier gewesen, um mit mir darüber zu diskutieren und mir zu erklären, welche Folgen die Sache haben würde.
Ich erfuhr, daß es Beweise gab ... unwiderlegbare Beweise, beigebracht von einem Detektiv, der Everard das Haus um halb eins betreten und um sechs verlassen sah ... nicht einmal, sondern mehrmals.
Meine Mutter reagierte, wie zu erwarten war, dramatisch. Sie schritt in ihrem Schlafzimmer auf und ab – diesmal eine Tragödin. »Und wie wird sich das auf den Theaterbesuch auswirken?« wollte sie wissen. »Ich schätze, es treibt die Massen nur so herein«, meinte Meg. »Die wollen doch alle ’nen Blick auf die anstößige Person werfen.«
Meine Mutter war wütend. Es gehe nicht um ihren Ruf, sagte sie. Oh, wie sie die Frau haßte, die das alles angezettelt hatte. Jemand mußte sie dazu angestiftet haben. Darauf konnte man Gift nehmen. Die war nicht selbst auf die Idee gekommen, dazu war sie nicht schlau genug.
Everard tat mir wirklich leid. Ich konnte mir vorstellen, was ein Skandal für ihn bedeutete. Erst kurz zuvor war Sir Charles Dilke zum Ergötzen seiner Feinde und zum Schrecken seiner Freunde in einen anrüchigen Scheidungsfall verwickelt gewesen, und auch für ihn hatte der Sessel des Premierministers auf dem Spiel gestanden. Der Fall hatte seine Karriere ruiniert.
Everard kam nicht mehr zum Denton Square. Meine Mutter war verdrießlich, reizbar und nervös.
Eines Abends kam sie allein vom Theater nach Hause. Das war, bevor die Geschichte erst richtig losging. Meg war im Theater, und Janet nörgelte die ganze Zeit nicht ohne eine gewisse Befriedigung und deutete an, daß unser Haushalt nun wohl aufgelöst werde. Meine Mutter müsse ein normaleres Leben führen, rieb sie mir hin, ein bißchen zur Ruhe kommen. Vielleicht sollte sie zu ihrem Gatten zurückkehren. Da gehöre sie schließlich hin. Das würde natürlich bedeuten, daß Janet mit Meg an ihrer Seite jenen Hafen erreichte, den man als Mekka, Walhalla oder die elysischen Gefilde bezeichnen konnte, je nachdem, wie man sich den Idealzustand vorstellte.
Meine Mutter begab sich geradewegs in ihr Zimmer im ersten Stock, und bald darauf kam sie zu mir. Noch nie hatte ich sie so erregt gesehen.
Ich lag bereits im Bett. Sie setzte sich in einen Sessel und sah zu mir herüber. Sie musterte mich eine Weile, und schließlich sagte sie: »Wir sind in einen bösen Schlamassel geraten, Siddons.«
Ich nickte.
»Das wird ziemlich ekelhaft. Die Leute können so gemein sein. Gut, daß du nicht zur Schule gehst. Kinder sind manchmal schrecklich grausam untereinander. Aber du hast nichts zu befürchten. Nur diejenigen, die in der Öffentlichkeit stehen, trifft das ganze Ausmaß der Gehässigkeit.«
Ich wartete.
»Es wird sich alles anders anhören, als es in Wirklichkeit ist. Ich liebe Everard, mußt du wissen.«
Ich glaube, sie liebte ihn wirklich. Er war nicht so wie die anderen Verehrer. Er bildete den ruhigen Pol in ihrem Dasein, den sie, wie sie in ernsteren Momenten eingestand, brauchte.
»Natürlich«, fuhr sie fort, »war er immer besorgt wegen dieser Situation. Er legte so großen Wert darauf, ein geregeltes und konventionelles Leben zu führen. Er ist konventionell. Es war ihm zuwider, daß unsere Beziehung so sein mußte. Aber siehst du, wir liebten uns. Ich weiß, wie verschieden wir waren – im Charakter und so –, aber wir paßten zusammen. Versteht du?«
»Ja, natürlich.«
»Man wird scheußliche Sachen sagen. Ich weiß nicht, wie sich das im einzelnen auswirkt. Es ist das Ende seiner Karriere. Was glaubst du wohl, wie mir zumute ist ... Ich bin dafür verantwortlich!«
»Jeder ist für alles, was er tut, selbst verantwortlich, niemand anderes«, sagte ich, Toby zitierend.
Sie blickte mich nachdenklich an. »Little Siddons«, meinte sie versonnen, »so klein bist du gar nicht mehr ... wirst schnell erwachsen. Lernst das Leben kennen. Wer hat dir das gesagt? Toby vermutlich.«
»Ich habe so viel von ihm gelernt«, gab ich zu.
Sie ballte zornig ihre Hand zur Faust. »Er hätte nicht fortgehen sollen. Hätte er nur den Mumm gehabt, sich gegen seinen Vater aufzulehnen. Er besaß eine gewisse Courage, aber die hat nie ganz gereicht.«
»Wie kannst du so etwas sagen!« rief ich empört. »Vielleicht brauchte er mehr Mut zum Weggehen als zum Bleiben. Er konnte schließlich nicht ewig seine Zeit vertrödeln. Außerdem hat er seinen Vater sehr gern. Niemand sollte über die Handlungen anderer urteilen, wenn er nicht alle Beweggründe kennt.«
Sie sah mich erstaunt an, dann lächelte sie schwach. »Du sprichst ein wahres Wort, mein liebes Kind. Du wirst in den kommenden Wochen noch daran denken. Ich möchte dir alles erklären. Wir reden nicht gerade viel miteinander, nicht wahr?« Darin konnte ich ihr widerspruchslos zustimmen.
»Everard war der einzige Mann, aus dem ich mir wirklich etwas machte«, sagte sie.
Ich mußte an meinen Vater denken, und sie spürte es.
»Das«, fuhr sie fort, »war nur eine momentane Verwirrung. Was weiß ein siebzehnjähriges Mädchen schon von Liebe? Ich gebe zu, daß ich Liebhaber hatte, aber Everard war anders. Wir haben uns immer wieder ausgemalt, wie es wäre, wenn sie stirbt. Wir wollten heiraten und uns auf seinem Landsitz niederlassen, und in Westminster hätten wir ein Stadthaus gehabt. Ich hätte eine gute Parlamentariergattin abgeben. Du guckst so skeptisch. Es war jedenfalls schön, darüber zu reden, und Everard glaubte, daß es in Erfüllung gehen würde ... irgendwann. Sie war schließlich da ... Sie war immer da. Er war an sie gefesselt.«
»Er hat sie geheiratet. Er muß sie irgendwann geliebt haben.«
»Es war mehr oder weniger eine abgesprochene Partie. Zwei Familien aus der Politik ... reicher Landadel. Du weißt, wie das vor sich geht. Er war damals sehr jung und wußte nichts von...




