Holt | Die Gefangene des Paschas | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 378 Seiten

Holt Die Gefangene des Paschas


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-501-7
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 378 Seiten

ISBN: 978-3-95530-501-7
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Die junge Rosetta Cranleigh gerät auf einer Schiffsreise vor der Küste Afrikas in einen schweren Sturm. Nur sie und zwei Männer können sich in ein Boot retten. Bald jedoch geraten die drei Überlebenden ins Netz von Menschenhändlern und werden nach Konstantinopel verschleppt. Wo Rosetta schließlich im Serail des Paschas landet ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Das Haus in Bloomsbury


Mit siebzehn Jahren hatte ich das wohl ungewöhnlichste Erlebnis, das einer jungen Frau zustoßen kann. Es verschaffte mir Einblick in eine Welt, die allem widersprach, was ich meiner Erziehung gemäß hätte erwarten können. Von da an hat sich mein Leben grundlegend geändert.

Ich hatte stets den Eindruck, meine Eltern müßten mich in einem Augenblick der Geistesabwesenheit gezeugt haben. Ich konnte mir ihr Erstaunen, ihre Verblüffung, ja Bestürzung vorstellen, als die Anzeichen meiner bevorstehenden Ankunft offenbar wurden. Ich erinnere mich, wie ich einmal, als ich noch ganz klein und der Aufsicht meines Kindermädchens vorübergehend entschlüpft war, meinem Vater auf der Treppe begegnete. Wir sahen uns so selten, daß wir uns bei diesem Anlaß wie Fremde gegenüberstanden. Er hatte seine Brille auf die Stirn geschoben und zog sie nun herunter, um dieses fremde Wesen, das sich da in seine Welt verirrt hatte, näher in Augenschein zu nehmen, so als suche er sich zu entsinnen, was das sei. Dann trat meine Mutter in Erscheinung; sie erkannte mich offenbar sogleich, denn sie sagte: »Ach, das Kind. Wo ist das Kindermädchen?«

Ich wurde schleunigst auf zwei vertraute Arme gehoben und fortgeschafft; und als wir außer Hörweite waren, vernahm ich Gemurmel: »Unnatürliche Bande. Mach dir nichts draus. Du hast deine gute alte Nanny, die hat dich lieb.«

Das wußte ich, und ich war zufrieden; denn neben meiner guten alten Nanny hatte ich den Butler Mr. Dolland, die Köchin Mrs. Harlow, das Stubenmädchen Dot und das Dienstmädchen Meg, dazu Emily, die Hausmagd. Und später Felicity Wills.

In unserem Haus gab es zwei getrennte Bereiche, und ich wußte, zu welchem ich gehörte. Es war ein großes Haus an einem Platz im Londoner Bezirk Bloomsbury. Es war zu unserem Wohnsitz erkoren worden, weil es in der Nähe des Britischen Museums lag, über das man im Erdgeschoß immer mit solcher Ehrfurcht sprach, daß ich, als ich zum erstenmal für alt genug befunden wurde, durch seine geheiligten Pforten zu treten, eine himmlische Stimme zu vernehmen erwartete, die mir befahl, meine Schuhe auszuziehen; denn dort, wo ich stünde, sei heiliger Boden.

Mein Vater, Professor Cranleigh, leitete die ägyptische Abteilung dieses Museums. Er war eine Kapazität auf dem Gebiet Altägypten und besonders der Hieroglyphen. Und meine Mutter lebte durchaus nicht in seinem Schatten. Sie nahm teil an seiner Arbeit, begleitete ihn auf seinen häufigen Vortragsreisen und war Verfasserin eines beachtlichen Buches mit dem Titel Die Bedeutung des Steins von Rosette, das Seite an Seite mit dem halben Dutzend Büchern meines Vaters in einem Raum neben seinem Arbeitszimmer, der Bibliothek, einen Ehrenplatz einnahm.

Sie hatten mich Rosetta genannt, und das war eine große Ehre. Es verknüpfte mich mit ihrer Arbeit, was mir das Gefühl gab, daß sie zu irgendeiner Zeit etwas für mich empfunden haben mußten. Das erste, was ich sehen wollte, als Felicity Wills mich ins Museum mitnahm, war dieser alte Stein. Ich betrachtete ihn staunend und hörte hingerissen zu, als sie mir erzählte, daß die seltsamen Zeichen den Schlüssel zur Entzifferung der Schriften der alten Ägypter darstellten. Ich konnte den Blick nicht von der Basalttafel wenden, die für meine Eltern von solcher Wichtigkeit war, aber was ihr in meinen Augen wirkliche Bedeutung verlieh, war der Umstand, daß sie fast denselben Namen trug wie ich.

Als ich etwa fünf Jahre alt war, befanden meine Eltern, ich müsse eine Schulbildung erhalten. Die Aussicht auf eine Gouvernante rief in unserem Bereich des Hauses eine gewisse Beklommenheit hervor.

»Gouvernanten«, verkündete Mrs. Harlow, als wir alle am Küchentisch saßen, »sind komische Geschöpfe. Weder Fisch noch Fleisch.«

»Nein«, warf ich ein, »das sind richtige Damen.«

»Kann schon sein«, fuhr Mrs. Harlow fort, »zu fein für uns, nicht fein genug für die.« Sie zeigte an die Decke, um anzudeuten, daß sie die oberen Regionen des Hauses meinte. »Hier unten spielen sie sich mächtig auf, und oben tun sie lammfromm. Tja, komische Geschöpfe, diese Gouvernanten.«

»Ich habe gehört«, sagte Mr. Dolland, »sie soll die Nichte von irgendeinem Professor sein.«

Mr. Dolland schnappte sämtliche Neuigkeiten auf. Er war »pfiffig wie ‚ne Wagenladung Affen«, wie Mrs. Harlow sich ausdrückte. Dot hatte ihre eigenen Quellen, die sich ihr auftaten, wenn sie bei Tisch bediente. »Das ist dieser Professor Wills«, sagte sie. »Sie waren zusammen auf der Universität, aber dann hat er was anderes gemacht, Naturwissenschaften oder so was. Der hat ‚ne Nichte, und sie suchen eine Stellung für sie. Sieht ganz so aus, als kriegten wir Professor Wills’ Nichte ins Haus.«

»Ob die schlau ist?« fragte ich bang.

»Oberschlau, wenn du mich fragst«, sagte Mrs. Harlow.

»Daß die mir ja nicht im Kinderzimmer dreinredet, das lass’ ich mir nicht bieten«, verkündete Nanny Pollock.

»Dafür ist sie sich bestimmt zu fein. Die läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen. Das heißt, du mußt immer mit ’nem Tablett die Treppe rauf, Dot. Oder du, Meg. Ich kann euch sagen, wir kriegen ’ne richtige Madam ins Haus.«

»Ich will nicht, daß die herkommt«, erklärte ich. »Lernen kann ich auch bei euch.«

Darauf mußten sie lachen.

»Sag, was du willst, Schätzchen«, meinte Mrs. Harlow, »wir ham nicht das, was man Bildung nennt. Außer vielleicht Mr. Dolland.«

Alle blickten Mr. Dolland liebevoll an. Er wahrte nicht nur die Würde unseres Bereiches, er unterhielt uns auch und ließ sich ab und an überreden, eine kleine »Nummer« zum besten zu geben. Er war ein vielseitiger Mann, was nicht verwunderlich war, war er doch einst Schauspieler gewesen. Ich hatte ihn gesehen, wie er sich anschickte, nach oben zu gehen, der formvollendet gekleidete, würdevolle Butler; ein andermal sah ich ihn, wie er mit seiner grünen Moltonschürze um seine recht füllige Mitte Silber putzte und ein Lied anstimmte. Dann saß ich da und lauschte, und die andern schlichen herbei, um sich an dieser Kostprobe von Mr. Dollands mannigfachen Talenten zu erfreuen. »Ach wißt ihr«, erklärte er bescheiden, »Singen ist nicht mein Fach. Operettenbühnen waren nichts für mich. Ich hab’s immer mehr mit dem richtigen Theater gehabt. Ich hatte es im Blut, vom Augenblick meiner Geburt an.«

An diesem großen Küchentisch sitzen, das gehört zu meinen glücklichsten Erinnerungen an jene Zeit. Ich besinne mich auf die Abende – es muß Winter gewesen sein, denn es war dunkel, und Mrs. Harlow zündete die Paraffinlampe an und stellte sie mitten auf den Tisch. Im Küchenkamin knisterte ein Feuer, und während meine Eltern auswärts auf einer Vortragsreise waren, umfing uns ein wunderbares Gefühl von Frieden und Geborgenheit.

Mr. Dolland erzählte von seiner Jugendzeit, als er auf dem Wege war, ein großer Schauspieler zu werden. Es war nicht so gekommen, wie er geplant hatte – sonst hätten wir ihn ja nicht bei uns gehabt –, worüber wir froh sein mußten, obwohl es für Mr. Dolland bedauerlich war. Er hatte etliche Statistenrollen gespielt, und einmal war er als Geist in Hamlet aufgetreten; er hatte tatsächlich derselben Truppe angehört wie Henry Irving. Er verfolgte den Werdegang des großen Schauspielers, und einige Jahre zuvor hatte er sein Idol als vielbeklatschten Mathias in Die Glocken bewundert.

Ab und zu beglückte er uns mit Szenen aus dem Stück. Wir verfielen in tiefes Schweigen. Ich saß neben Nanny Pollock und griff nach ihrer Hand, um mich zu vergewissern, daß sie bei mir war. Am wirkungsvollsten war es, wenn der Wind heulte und wir den Regen an die Fenster prasseln hörten.

»Es war eine Nacht wie diese, als der polnische Jude ermordet wurde ...«, deklamierte Mr. Dolland mit hohltönender Stimme; er berichtete, wie Mathias den Tod des Juden herbeigeführt hatte und seitdem vom Klang der Glocken verfolgt wurde. Wir saßen schaudernd, und hinterher lag ich im Bett und blickte ängstlich auf die Schatten im Zimmer, gespannt, ob sie sich in den Mörder verwandeln würden.

Mr. Dolland war im Hause sehr geachtet. Das wäre er ohnehin gewesen, doch mit seinem Talent zu unterhalten bewirkte er, daß wir ihn liebten, und wenn ihm auch die Welt des Theaters die Anerkennung verweigert hatte, das Haus in Bloomsbury lag ihm zu Füßen.

Es waren glückliche Erinnerungen. Diese Menschen waren meine Familie, bei ihnen fühlte ich mich geborgen.

Ins Eßzimmer wagte ich mich damals nur unter Dots schützenden Fittichen, wenn sie den Tisch deckte. Ich reichte ihr das Besteck an, das sie auf dem Tisch verteilte. Ich sah ihr bewundernd zu, wie sie die Servietten mit flinker Hand zu phantasievollen Formen faltete und plazierte.

»Sieht es nicht fabelhaft aus?« meinte sie, ihr Werk begutachtend. »Nicht, daß es denen auffiele. Die quatschen nur dauernd, sie reden und reden, und du hast keinen blassen Schimmer, wovon. Manche reden sich richtig in Rage. Man könnte meinen, die schweben in höheren Regionen, es geht bloß um Sachen, die vor langer Zeit passiert sind, um Orte und Menschen, von denen du nie gehört hast. Und sie kommen dabei richtig in Fahrt.«

Ich begleitete Meg durchs Haus. Wir machten gemeinsam die Betten. Wenn sie sie abzog, schlüpfte ich aus meinen Schuhen und sprang auf die Federplumeaus, weil ich es herrlich fand, wie meine Füße darin versanken. Und dann half ich ihr beim Beziehen der Betten.

»Auf links drehn und den Zipfel greifen,

auf rechts dann übers Kissen streifen«,

sangen wir. »Hier«, sagte Meg, »steck’s noch ‚n bißchen fester. Du willst doch...



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