Holt | Geheimnis einer Nachtigall | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Holt Geheimnis einer Nachtigall


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-497-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-95530-497-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
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Jung und unerfahren ist Susanna Pleydell, als sie Aubrey St. Claire heiratet. Während der Flitterwochen verlebt sie glückliche Stunden mit ihm. Doch bald muss Susanna erkennen, dass hinter Aubreys zärtlichem Benehmen dunkle Abgründe lauern und dass er dem dämonischen Dr. Damien erlegen ist. Als ihr einziges Kind unter rätselhaften Umständen ums Leben kommt, schwört sie dem teuflischen Arzt glühende Rache ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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Die Hochzeit


In der Nacht vor meiner Hochzeit hatte ich einen merkwürdigen Traum, aus dem ich mit Schrecken erwachte. Ich war in der Kirche, Aubrey war neben mir. Blumenduft hing schwer in der Luft: Lilien, der lastende, überwältigende Geruch des Todes. Onkel James – Hochwürden James Sandown – stand vor uns. Es war dieselbe Kirche, die mir in meiner Internatszeit so vertraut geworden war, als ich in den Ferien bei Onkel James und Tante Grace im Pfarrhaus lebte, weil ich nicht bei meinem Vater bleiben konnte, der in Indien stationiert war. Ich hörte meine Stimme, körperlos, als hallte sie in einem leeren Raum: »Ich, Susanna, nehme dich, Aubrey, zu meinem Ehemann ...« Aubrey hielt den Ring. Er nahm meine Hand, sein Gesicht kam näher und näher ... und dann ergriff mich Entsetzen. Es war nicht Aubreys Gesicht und doch seins. Es war verzerrt – lauernd, fremd, grauenhaft. Ich hörte eine Stimme schreien: »Nein! Nein!« Es war meine eigene.

Dann saß ich zitternd im Bett, umklammerte mit feuchten Händen das Laken und starrte in die Dunkelheit. Der Traum war so lebhaft gewesen, daß es eine Weile dauerte, bis ich wieder ganz zu mir kam. Alles Unsinn, redete ich mir ein. Ich werde morgen heiraten. Ich wollte heiraten. Ich liebte Aubrey. Was konnte diesen Traum ausgelöst haben? »Am Abend vor der Hochzeit ist man nun mal nervös«, hätte Tante Grace, eine überaus praktische Frau, mit Recht gesagt. Ich versuchte, den Traum zu vergessen, aber es wollte mir nicht gelingen. Ich stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Da stand die Kirche mit ihrem romanischen Turm im Sternenlicht, wie sie es seit 800 Jahren getan hatte: uneinnehmbar, Wind, Regen und den Jahrhunderten trotzend und von vielen Besuchern bewundert, Onkel James’ ganzer Stolz. »Es ist ein Privileg, in so einer Kirche getraut zu werden«, sagte er.

Morgen würde mein Vater mich durch den Mittelgang führen, und dann würde ich vorn neben Aubrey stehen. Aber es würde nicht so sein wie in dem Traum.

Ich trat an meinen Schrank und betrachtete mein Hochzeitskleid. Es war aus weißem, mit Spitze besetztem Satin. Dazu gehörte ein Kranz aus Orangenblüten.

Hinter der Kirche, im Gasthof zum Schwarzen Eber, schlief Aubrey. »Ein Bräutigam darf diese Nacht nicht unter demselben Dach wie seine Braut verbringen«, sagte Tante Grace. Ob auch ihn Träume vom kommenden Tag plagten?

Ich ging wieder ins Bett. Ich wollte nicht schlafen, aus Angst, von dem Augenblick an weiterzuträumen, in dem ich »Nein! Nein!« gerufen hatte, während Aubrey mir mit Gewalt den Ring über den Finger streifte.

Ich lag im Bett und dachte noch einmal über alles nach.

Ich hatte Aubrey in Indien kennengelernt, wo mein Vater Dienst tat. Ich war seit kurzem wieder bei ihm, nachdem ich sechs Jahre in England zur Schule gegangen war und die Ferien bei Onkel James und Tante Grace im Pfarrhaus verbracht hatte. Die beiden waren großzügig in die Bresche gesprungen und hatten sich der Tochter des Schwagers angenommen, die wie alle jungen Damen aus guter Familie natürlich in England erzogen werden mußte.

Ich freute mich auf meinen 17. Geburtstag. Es war Juni, und ich befand mich im letzten Schuljahr. Im August sollte ich nach Indien zurückkehren, wo ich die ersten zehn Lebensjahre verbracht hatte.

Vielleicht war es undankbar von mir, mich so auf die Abreise zu freuen, aber sicher ist es verständlich, daß ich zu meinem Vater zurückwollte. Onkel James, Tante Grace und Cousine Ellen waren sehr lieb zu mir gewesen und hatten alles getan, damit ich mich bei ihnen heimisch fühlte, auch wenn ich ihnen anfangs wohl etwas lästig war. Ich drängte mich in ihr Leben, und sie hatten zur Genüge mit den Angelegenheiten der Pfarrei zu tun. Cousine Ellen war zwölf Jahre älter als ich und in den Vikar verliebt, den sie zu heiraten gedachte, sobald er eine eigene Pfarre fand. Onkel James hatte seine Herde anhänglicher Pfarrkinder, und Tante Grace mußte zahllose Veranstaltungen organisieren: Basare, Gartenfeste, die Auftritte der Weihnachtssänger und vieles mehr. Mein Herz weilte in Indien, und weil ich wohl fühlte, daß ich eine Last war, wurde ich arrogant und stellte kritische Vergleiche an zwischen dem alten, zugigen Pfarrhaus mit einer einzigen Köchin, nur einer Zofe sowie einem Hausmädchen und der Residenz eines Colonels mit zahlreichen einheimischen Dienstboten, die eilends umherhuschten, um unsere Wünsche zu erfüllen.

Ich war nicht gerade ein fügsames Kind, und meine Kinderfrau, die man in Indien Aja nannte, sowie meine Gouvernannte Mrs. Fearnley pflegten zu sagen, man wisse nie, wie ich mich verhalten würde. Mein Naturell hatte zwei Seiten. So war ich durchaus von sonnigem Gemüt, lieb und anhänglich. »Wie der Mond«, sagte Mrs. Fearnley, die für alles einen nützlichen Vergleich hatte. »Der hat auch eine helle und eine dunkle Seite.« Anders als der Mond offenbarte ich meine dunkle Seite jedoch zuweilen. »Nicht oft, gottlob«, sagte Mrs. Fearnley. »Susanna, so ein unberechenbares Kind wie du ist mir noch nie begegnet«

Meine Aja, an der ich sehr hing, sah das anders. »In diesem kleinen Leib sind zwei Seelen. Sie ringen miteinander, und wir werden sehen, welche gesiegt haben wird, wenn du einmal eine richtige erwachsene Dame bist.«

Während der Zeit in England wurden meine Erinnerungen an die Jahre in Indien immer verklärter, je weiter sie zurücklagen. Lebhafte Bilder kamen mir abends vor dem Einschlafen in den Sinn. Nach dem Tod meiner Mutter hatte meine Aja mein Leben beherrscht. Mein Vater ragte erhaben im Hintergrund, über ihm war nur noch Gott. Vater war liebevoll und zärtlich, konnte aber nicht so viel bei mir sein, wie er sich wünschte, und heute weiß ich, daß er sich meinetwegen Sorgen machte. Die Stunden, die wir miteinander verbrachten, waren sehr kostbar. Er erzählte mir von seinem Regiment und wie bedeutend es sei, und ich war sehr stolz auf ihn, weil man ihn ehrfürchtig grüßte, wohin er auch kam.

Meine Aja aber, die nach Moschus roch, meine vertraute ständige Gefährtin, war mir damals wichtiger als alle anderen. Ich liebte die Aufregungen, wenn ich mit ihr durch die Straßen ging. Sie hielt mich an der Hand und ermahnte mich, sie ja nicht loszulassen. Das verlieh unseren Ausflügen eine Art Gefährlichkeit und machte sie doppelt abenteuerlich. Überall ging es laut und lebhaft zu, wenn wir uns zwischen Angehörigen aller möglichen Stämme und Kasten hindurchschlängelten. So lernte ich viele Menschen kennen: Die buddhistischen Priester erkannte ich an ihren kahlgeschorenen Köpfen; ihre purpurroten Gewänder raschelten, wenn sie dahineilten, ohne auf die Menschenmassen zu achten. Ich kannte die Parsen mit ihren komischen Hüten, die immer Schirme bei sich trugen, und all die Frauen, die ihre Gesichter nicht zeigen durften und deren schwarzumrandete Augen durch Schlitze in ihren Schleiern blickten. Ich war gefesselt von dem Schlangenbeschwörer mit dem Turban, der seine unheimliche Weise spielte, während die geschmeidige, gefährliche Kobra sich aus dem Korb erhob und zur Verwunderung der Zuschauer emporringelte. Ich durfte jedesmal eine Rupie in den Krug neben ihm werfen, dafür erntete ich überschwenglichen Dank sowie die Verheißung eines glücklichen Lebens mit reichem Kindersegen; das Erstgeborene sollte ein Knabe sein.

Der Moschusgeruch hing in der Luft, doch gab es auch andere, weniger angenehme Gerüche. An ihnen hätte ich mit geschlossenen Augen erkennen können, daß ich in Indien war. Ich betrachtete begeistert die bunten Saris jener Frauen, die unverschleiert waren, weil sie, wie meine Aja sagte, einer niederen Kaste angehörten. Ich fand sie viel hübscher als die Angehörigen der höheren Kasten mit ihren formlosen Gewändern und verschleierten Gesichtern.

Von Mrs. Fearnley erfuhr ich, daß Bombay das Tor nach Indien genannt wurde und an uns gefallen war, als Karl II. Prinzessin Katharina heiratete.

»So ein schönes Hochzeitsgeschenk!« rief ich aus. »Wenn ich heirate, möchte ich auch so ein Geschenk.«

»Solche Geschenke erhalten nur Könige«, sagte Mrs. Fearnley, »und oft sind sie mehr eine Last als ein Segen.«

Manchmal fuhren wir mit der Pferdekutsche die Anhöhen der Malabarküste hinauf, und ich sah das imposante Gouverneurshaus, umgeben von Gärten und Clubs, in denen die Offiziere und britischen Siedler ein und aus gingen. Mrs. Fearnley begleitete uns fast immer bei diesen Ausflügen und nutzte jede Gelegenheit, meine Bildung zu vervollkommnen. Manchmal aber fuhr ich mit meiner Aja allein, die mir vor allem Sachen erzählte, die ich gern hören wollte. Ich interessierte mich weit mehr für die Friedhöfe, wo die nackten Leichen im Freien lagen, auf daß die Geier ihr Fleisch abnagten und die Sonne ihre Knochen bleichte – was, wie meine Aja sagte, würdiger sei, als sie den Würmern preiszugeben –, als für Vorträge darüber, daß die Mongolen einst das Land beherrscht hatten, bevor die Ostindische Kompanie gegründet wurde, und daß die Inder es jetzt gut hätten, weil unsere große Königin sich ihrer annahm.

Während der Jahre in England saß ich während der Schulferien oft sinnend im Pfarrhaus in meinem Zimmer, das auf den Friedhof hinausging. Die Inschriften der grauen Grabsteine waren mit der Zeit zum großen Teil unleserlich geworden, und ich dachte an die heiße Sonne, das blaue Meer, die melodischen Stimmen, die bunten Saris und die geheimnisvollen Augen, die man durch die Schlitze in den Schleiern sehen konnte. Ich dachte an die Dienstboten, die sich um unsere Wünsche gekümmert hatten, die Boys mit den langen weißen Hemden und Hosen und den verschlagenen Khansamah, der in der...



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