Holt | Tochter der Täuschung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Holt Tochter der Täuschung


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-494-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-95530-494-2
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Ein opulenter, atmosphärischer Roman um eine außergewöhnliche junge Frau im viktorianischen England. Ein fesselndes Meisterwerk der großen Erzählerin Victoria Holt! Als Tochter einer gefeierten Künstlerin erlebt Noelle zwar eine glückliche Kindheit, doch später meint das Leben es nicht immer gut mit ihr. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen fordert Noelle heraus - doch mit Willenskraft und innerer Überzeugung folgt sie unbeirrt ihrem Weg ...

Victoria Holt (eines von mehreren Pseudonymen Eleanor Burfords) wurde in London als Tochter eines literaturbegeisterten Kaufmanns geboren. Da mehr Bücher als Geld im Hause waren, begann sie früh zu lesen und bald auch selbst zu schreiben - anfangs Kurzgeschichten, später zahlreiche Romane, die Bestseller wurden und sie zu einer international berühmten Autorin machten.
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LONDON


Désirée


Oft frage ich mich, wie es mir ergangen sein würde, wenn Lisa Fennell nicht auf so dramatische Weise in mein Leben getreten wäre, und ich stelle verwundert fest, wenn die Beteiligten nicht in demselben Augenblick an einem bestimmten Ort gewesen wären und somit nichts voneinander gewußt hätten, wäre unser aller Dasein ganz anders verlaufen.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es in ganz London – ja in ganz England – einen zweiten Haushalt wie den unseren gab. Ich weiß nur, daß es ein Glück für mich war, dazuzugehören, denn dieses Hauswesen wurde von der leichtlebigen, ganz und gar unkonventionellen, unnachahmlichen und bewunderungswürdigen Désirée beherrscht.

Zu jener Zeit, als der gesellschaftliche Status in allen Schichten eine gewichtige Rolle spielte, wurde das Protokoll in den Dienstbotenquartieren um nichts weniger strikt beachtet als in höheren Kreisen. Nicht so bei Désirée. Dem Hausmädchen Carrie wurde dieselbe Behandlung zuteil wie der Haushälterin Mrs. Crimp. Was nicht immer Mrs. Crimps Beifall fand. Aber das kümmerte Désirée nicht.

»Na, Carrie, wie geht’s uns denn heute, Liebes?« fragte sie wohl, wenn ihr Carrie im Haus über den Weg lief. Bei Désirée hießen alle »Liebes« oder »Schätzchen«. Dann strahlte Carrie vor Freude.

»Mir geht’s prima, Miß Daisy Ray«, antwortete sie. »Und Ihnen?«

»Es läßt sich aushalten«, erwiderte Désirée mit einem Lächeln, und falls sie Mrs. Crimps mißbilligenden Blick bemerkte, sah sie darüber hinweg.

Désirée wurde von allen im Hause geliebt, abgesehen von den zwei Gouvernanten, die gekommen waren, als ich fünf Jahre alt war, um mir die Grundlagen der Bildung beizubringen. Die eine ging nach wenigen Monaten, weil bei uns zu Hause bis spät in die Nacht ein ständiges Kommen und Gehen herrschte und sie ihre Ruhe brauchte; die andere verließ uns, um die Tochter eines Adligen zu unterrichten, was mehr ihren Erwartungen entsprach. Die meisten Menschen aber erlagen Désirées Charme, hatten sie sich erst damit abgefunden, daß dies ein Haushalt wie kein anderer war: Martha Gee war ihr mit aufgebrachter Anhänglichkeit ergeben und pflegte mit zuckenden Lippen zu murmeln: »Wie soll das bloß weitergehen?«; Jenny, das Stubenmädchen, diente ihr mit Feuereifer, da sie davon träumte, eine zweite Désirée zu werden; Thomas, der Kutscher, war Désirée treu ergeben und vertrat den Standpunkt, daß jemand, der so berühmt war wie sie, sich getrost ein wenig seltsam aufführen dürfe, wenn ihr der Sinn danach stünde.

Und für mich war sie der Mittelpunkt meines Lebens.

Ich erinnere mich an einen Vorfall, als ich ungefähr vier Jahre alt war. Des Nachts drang Gelächter von unten herauf, und davon war ich aufgewacht. Ich setzte mich auf und lauschte. Die Verbindungstür zwischen meinem Zimmer und dem des Kindermädchens stand immer offen. Ich schlich hinüber, und als ich sah, daß Nanny fest schlief, zog ich Morgenrock und Pantoffeln an und ging die Treppe hinunter. Das Gelächter kam aus dem Salon. Ich blieb stehen und horchte an der Tür. Dann drehte ich den Türknauf und spähte hinein.

Désirée saß in einem langen, fließenden Gewand aus lavendelblauer Seide auf der Chaiselongue; die goldblonden Haare hatte sie hochgesteckt und mit einem schwarzen Samtband umwunden, das mit glitzernden Steinen besetzt war. Jedesmal, wenn ich sie sah, war ich von ihrer Schönheit überwältigt. Sie glich den Heldinnen in meinen geliebten Märchen; aber ich sah sie vor allem als Aschenputtel, die auf den Ball gegangen war und ihren Prinzen gefunden hatte – nur daß Désirée deren etliche fand.

Sie saß zwischen zwei Herren, ein dritter stand lachend über sie gebeugt. Ihre schwarzen Röcke und weißen Hemdbrüste bildeten einen hübschen Kontrast zu der lavendelblauen Seide. Als ich eintrat, verstummten alle und sahen mich an. Es war wie auf einem Gemälde.

»Feiert ihr ein Fest?« fragte ich und gab damit zu verstehen, wenn dem so sei, wolle ich mitfeiern. Désirée breitete die Arme aus, ich lief zu ihr und ließ mich in einer süßduftenden Liebkosung umfangen.

Sie stellte mich der Gesellschaft vor. Außer ihr und den drei Herren waren nämlich noch andere Leute anwesend.

Sie sagte: »Das ist mein Schatz. Sie heißt Noelle, weil sie Weihnachten geboren wurde – mein schönstes Weihnachtsgeschenk aller Zeiten.«

Das wußte ich schon. Sie hatte es mir erzählt: »Du bist am Weihnachtstag auf die Welt gekommen, deshalb wurdest du Noelle getauft, das heißt Geburtstag ... Weihnachtsgeburtstag.« Und sie fügte hinzu, dies sei eine besondere Ehre für mich, weil ich am selben Tag Geburtstag habe wie Jesus.

Doch im Augenblick interessierte mich nur, daß hier ein Fest gefeiert wurde und ich dabei war.

Ich durfte auf Désirées Schoß sitzen, während sie mich mit gespieltem Ernst den einzelnen Leuten vorstellte.

»Das ist Charlie Claverham, das ist Monsieur Robert Bouchère ... und das ist Dolly.«

Das waren die drei, die sie umringt hatten, als ich ins Zimmer trat. Ich musterte sie – insbesondere Dolly, weil ich den Namen für einen Mann so eigenartig fand. Er war von gedrungener Statur, hatte einen rotblonden Backenbart und verströmte einen eigenartigen Geruch, den ich später, als ich in solchen Dingen mehr Erfahrung hatte, als eine Mischung aus kostspieligen Zigarren und Whisky definierte. Ich erfuhr zudem, daß er der Schauspieleragent Donald Dollington war, in Theaterkreisen despektierlich Dolly genannt.

Alle machten ein großes Getue um mich, stellten mir Fragen und schienen an meinen Antworten Gefallen zu finden, was mir das Fest um so wunderbarer erscheinen ließ. Dann aber schlief ich ein und merkte kaum, daß Désirée mich in mein Bett trug. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich war, als ich am nächsten Morgen aufwachte und feststellte, daß alles vorüber war.

Das Haus lag in der Nähe von Drury Lane. Das Theater war bequem zu erreichen, und das war wichtig. Als ich klein war, empfand ich das Haus als riesig – ein aufregender Ort mit einer Stiege, die in den Keller führte, und einem Treppenhaus vom Erdgeschoß bis in die vierte Etage. Vom Kinderzimmerfenster aus, vor dem Désirée ein Gitter hatte anbringen lassen, damit ich nicht hinausfallen konnte, gab es stets interessante Dinge zu sehen.

Da waren Leute, die auf Schubkarren oder Bauchläden ihre Waren feilboten – heiße Pasteten, Lavendel, Obst, Blumen, Nadeln und Bänder; Kutschen und Mietdroschken brachten die Leute zum Theater und holten sie wieder ab. Ich liebte es, sie zu beobachten.

Als ich sechs Jahre alt war, kam Mathilda Grey ins Haus, um mich zu unterrichten. Miß Grey muß anfangs leicht verwirrt gewesen sein, und sie wäre wohl den Weg der beiden anderen Gouvernanten gegangen, hätte sie nicht Schauspielerin werden wollen. »Nicht so eine wie deine Mutter«, erklärte sie, »die bloß in Lustspielen singt und tanzt, sondern eine richtige Schauspielerin.«

Ich musterte Mathilda Grey. Für eine Tänzerin hatte sie kaum die richtige Figur. Meine Mutter war recht groß und besaß eine Wespentaille. Miß Grey war klein und plump und brachte nichts weiter hervor als ein kleines unmelodisches Trällern. Aber von Lady Macbeth und Portia wurde schließlich nicht verlangt, daß sie singen und tanzen konnten. Miß Greys Bestrebungen, so aussichtslos sie sein mochten, veranlaßten sie nun, in einer Stellung auszuharren, die sie etwas näher an die Welt des Theaters heranführte, als sie es sich sonst hätte erhoffen können.

Nach einer Weile aber fand sie sich mit unserem Hauswesen ab, und ich glaube, sie genoß es sogar, dazuzugehören.

Die wichtigste Person im Haushalt war Martha Gee. Sie war die Garderobiere meiner Mutter – und noch mehr; sie nahm nicht nur meine Mutter, sondern uns alle unter ihre Fittiche. Martha war eine großgewachsene Frau mit scharfen, dunklen Augen, denen fast nichts entging, und braunem, zu einem strengen Knoten geschlungenem Haar; sie ging stets schwarz gekleidet. Sie erinnerte uns gern daran, daß sie, in Hörweite von Bow Beils geboren, eine waschechte Cockney sei. Sie war scharfzüngig, gewitzt, ließ sich, wie sie sich ausdrückte, »von niemand nix« gefallen und vergalt stets »Auge um Auge ... und noch ’n bißchen mehr«.

Miß Gee lernte meine Mutter kennen, als sie noch zur Tanztruppe gehörte, und wenn Martha Gee ein Talent nicht auf Anhieb zu erkennen vermochte, dann konnte es keiner. Sie beschloß, meine Mutter in ihre Obhut zu nehmen und auf den Weg zu führen, für den sie geschaffen war. Martha war um die Vierzig. Sie war mit allen Wassern gewaschen und hatte einiges vom Leben gesehen. Sie gehöre zum Theater, sagte sie oft zu uns, und kenne alle Tricks, deren man sich dort bediene; sie wisse, vor welchen Angeboten man sich hüten und bei welchen man mit beiden Händen zugreifen müsse. Sie drangsalierte meine Mutter ebenso wie uns übrige, gab uns jedoch das Gefühl, es sei zu unserem Nutzen, und Martha wisse es am besten. Sie behandelte meine Mutter wie ein widerspenstiges Kind. Mutter ließ es sich gefallen und sagte immer: »Was würde ich nur ohne Martha anfangen?«

Die zweite Person, ohne die sie nichts anfangen konnte, war Dolly. Er kam häufig zu uns ins Haus.

In meiner überaus ungewöhnlichen Kindheit war nichts normal. Immer tat sich etwas Aufregendes, und ich wurde nie davon ausgeschlossen. Wenn ich andere Kinder mit ihren Kindermädchen brav im Park Spazierengehen sah, dauerten sie mich. Ihr Leben war ganz anders als meins. Sie waren die sprichwörtlichen Kinder, die man nur sehen und nicht hören durfte. Ich dagegen gehörte der aufregendsten Familie an, die es je gab. Meine...



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