Hoogen | Whispering Walls | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Hoogen Whispering Walls


2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-384-12369-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-384-12369-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Callum lächelte geheimnisvoll. »Vielleicht siehst du ja etwas, was den anderen all die Jahre entgangen ist.« Die letzten Sommerferien vor dem Abitur verbringt Noah Baker im schottischen Dunfermline bei seiner Verwandtschaft. Fernab der Heimat soll er seine Insomnie kurieren. In dem dunklen Wald hinter der Siedlung entdeckt Noah ein altes Haus. Die halbverfallenen Mauern ziehen ihn in ihren Bann, flüstern seinen Namen. Als er durch die düsteren Räume streift, trifft er auf einen eigenartigen Jungen. Callum scheint einiges über das Anwesen zu wissen, und noch mehr zu verschweigen. Dabei verfolgen Callums blaue Augen Noah bis in seine Träume. Was ist tatsächlich auf Lockwood Manor passiert? Warum warnen ihn alle davor, es zu betreten? Gemeinsam wollen sie das Geheimnis lüften. Doch jeder Schritt in Richtung der Wahrheit ist einer auf den Abgrund zu.

Bücher und vor allem das Schreiben begleiten Lena Hoogen schon ihr Leben lang, auch wenn man sich in der Schule dafür Ärger eingefangen hat. Denn diese Geschichten müssen erzählt werden. Dabei hat sie zwar eine Vorliebe für das Düstere und Paranormale, doch in einem einzigen Genre lassen sich ihre Werke nicht einfangen. Ganze Welten entspringen ihrem Kopf zu den ungelegensten Zeiten. Es ist unerheblich, ob Cyberpunk, Horror oder High-Fantasy: ihre Bücher leben von den Charakteren, mit all ihren Fehlern und Facetten. Dazu sind alle Welten so bunt und queer wie ihre eigene. Nach der im Selfpublishing veröffentlichten Haunted-Souls Reihe geht es Anfang 2026 mit einer Cyberpunk Dilogie im Weltenbaum Verlag weiter. Sie wurde 1992 geboren und lebt nun mit ihrer Katzenomi und einer kleinen Bibliothek in einer Stadt am Rhein, in der Nähe von Düsseldorf.
Hoogen Whispering Walls jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1

Die Uhr ging fünf Minuten vor.

Er ärgerte sich maßlos über diese Kleinigkeit. Denn jedes Mal, wenn er dachte, er dürfte wieder gehen, musste er noch weitere fünf Minuten durchhalten. Es wunderte ihn, dass es überhaupt eine Uhr in einem Therapieraum gab. War es nicht der Sinn dieser Räume, dass man sie hier vergessen sollte? Sich nicht von der Zeit unter Druck gesetzt fühlte, um seinen gefangenen Gedanken freien Lauf zu lassen. Zudem war das nervenzehrende Ticken schon nach wenigen Minuten kaum erträglich in der vorherrschenden Stille. Während er sich in dem Zimmer umsah, stieß er auf immer mehr Dinge, die ihm missfielen.

Erstens war da dieser Fleck auf der rechten Armlehne seines Sessels, dessen Ursprung er immer noch nicht klären konnte. Er schimmerte in einem grässlichen Rotbraun. Es könnte sowohl tief in den Stoff eingesickerte Schokolade als auch lange getrocknetes Blut sein. Das machte ihn verrückt und zwang ihn dazu, ausschließlich die linke Armlehne zu benutzen – eine weitere Sitzgelegenheit gab es nicht.

Zweitens war es diese Wandfarbe. Andere Menschen, die in diesem Raum saßen, würden es vielleicht als fröhliches Sonnenblumengelb oder als leichtes Kanariengelb bezeichnen, wärmende Sonnenstrahlen in Pigmenten festgehalten. Für den Jungen war die Wand Pissgelb. Von oben bis unten. Es ekelte ihn regelrecht, sie anzusehen.

Dann war da noch der Schreibtisch der Therapeutin. Das reinste, pure Chaos. Akten stapelten sich in einem instabilen Turm, der bei dem kleinsten Windhauch in sich zusammenzufallen drohte. Eine Sammlung von bunten Notizbüchern stapelte sich neben den Akten. Gut gehütete Gedanken, hektisch niedergeschrieben und für immer vergessen. Die Schreibtischunterlage war übersät mit ringförmigen Kaffeeflecken in verschiedenen Größen. Jeder wusste, dass dieser Schreibtisch eine Reflexion ihrer Persönlichkeit war, so wie jeder andere Schreibtisch auf der Welt. Dieser Frau vor ihm war es anscheinend egal, was die Leute über sie dachten. Das brachte den Jungen gleich zu seinem letzten Punkt: Er hatte keine Geduld mehr für ihre Geduld. Der Junge kniff die Augen zusammen und rieb sich mit einer Hand über die Wange.

Sein Knie wippte in einem gleichbleibenden Rhythmus zu einem Lied, das nur er hören konnte. Seit zehn Minuten studierte sie das kleine, zerknitterte Heft, das sie in der Hand hielt. Das Heft, das mit seiner eigenen unsauberen Handschrift gefüllt war. Auch die hatte sich über die letzten Monate hinweg verändert, war von geraden parallelen Druckbuchstaben zu etwas geworden, das ein Grundschüler besser hinbekommen hätte.

»Das sieht sehr besorgniserregend aus, Noah«, sagte sie, als sie endlich fertig damit war, die wenigen Notizen zu lesen, die er dort hinterlassen hatte. Es gab nicht viel, was er notieren konnte. Sie griff nach ihrem Tablet und öffnete darauf eine App, die mit der Uhr verbunden war, die er seit einer Woche ununterbrochen trug.

Noah ärgerte sich darüber, dass er selbst ein Tagebuch führen sollte, wenn seine Smartwatch diese Aufgabe viel besser erledigen konnte. Präziser. Erschreckender. Minutengenau. Doch sie dokumentierte nichts, was er nicht schon wusste.

»Das hätte ich Ihnen auch vorher sagen können.«

Dr Alicia Lane sah von dem Tablet auf und konzentrierte sich wieder auf ihren Patienten. Dabei schob sie ihre Brille zurück in ihre dichten, krausen, braunen Haare. Sie waren immer zu einem unordentlichen Knoten auf ihrem Kopf zusammengefasst, der es unmöglich machte, zu sagen, wie lang sie waren. Sie waren nur ein paar Nuancen dunkler als ihre Haut. Noah konnte nicht einschätzen, wie alt sie war. Das war ihm schon immer schwergefallen. Die Falten, die sich in ihre Augenwinkel gruben, konnten auch vom Lachen stammen. Aber er mochte, dass sie immer farbenfrohe Kleidung trug, statt des klinisch weißen gestärkten Hemdes seines Therapeuten aus Deutschland. Er würde nur niemals zugeben, dass er irgendetwas an dieser Frau mochte, die ihn hier quälte.

»Wann ist es so schlimm geworden?«

Noah dachte lang über diese Frage nach. Die letzten Monate verschwammen zu einer einzigen undefinierbaren Masse. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann es nicht schlimm gewesen war. Wieder rieb er sich mit der Hand über das Gesicht. Er ließ seinen Blick zu der Seite des Zimmers wandern, an der sich drei bodentiefe Fenster befanden. Vorgegaukelte Freiheit. Hinter den durchscheinenden, weißen Gardinen konnte man die Häuser der Vorstadt erkennen, die hier alle gleich aussahen. Wie eine Stadt aus Bauklötzen. Eines der Fenster war gekippt und ließ die warme, stickige Luft von draußen und leises Vogelzwitschern in den kühlen Raum.

»Was weiß ich«, erwiderte er patzig. Der genaue Zeitpunkt fiel ihm nicht mehr ein.

»Was für Medikamente nimmst du im Moment?«, fragte Dr Lane, ohne sich an seinem schroffen Tonfall zu stören. Sie nahm seine Akte von dem Beistelltisch, auf der auch ihre Kaffeetasse stand. Die Tasse wackelte dabei gefährlich, etwas von der hellbraunen Flüssigkeit schwappte auf den Tisch und würde dort für den nächsten Fleck sorgen. In diesem Raum roch es immer nach dem Gesöff. Früher hatte Noah den vollmundigen, einzigartigen Duft von frisch gemahlenem Kaffee geliebt. Jetzt brachte er ihn nur noch zum Würgen.

»Nur noch Trimipramin und Doxepin.«

Und das auch nur, weil sich sein Körper inzwischen daran gewöhnt hatte – nicht etwa, weil sie besonders viel halfen. Er war zu jung für solche Medikamente. Die Dosierung, die sie seinem Körper zutrauten, zu schwach.

Die Therapeutin sah sich mit gerunzelter Stirn die Liste der Tabletten an, die er schon in verschiedenen Kombinationen ausprobiert hatte. Alle hatten ihm nur kurzzeitig Linderung verschafft. Sie kannte sich mit dieser nervenzehrenden Krankheit bestens aus. Doch normalerweise waren die Menschen, die zu ihr kamen, mehr als doppelt so alt wie der Junge, der nun vor ihr auf dem Stuhl saß.

Dr Lane sah von der Akte auf, direkt in Noahs grünlich braune Augen, der völlig verkrampft in dem Sessel lehnte.

»Und die helfen dir?«

Er zuckte mit der Schulter. »Drei Stunden sind nicht viel, aber es könnte auch schlimmer sein.«

Sie sah wieder auf die App, die deutlich zeigte, dass es oft auch weniger waren. Dann legte die Therapeutin Tablet und Akte beiseite und lehnte sich zurück. Sie nahm die Brille wieder aus ihren Haaren und spielte abwesend mit den Bügeln. »Ich werde mit deinen Eltern darüber sprechen, ob wir die Dosierung vielleicht doch erhöhen. Ich habe auch sehr gute Erfahrungen mit dieser Kombination gemacht.«

Noah seufzte genervt und verschränkte die Arme abwehrend vor der Brust. Beinah hätte er auch noch die Augen verdreht, doch das kam ihm zu dramatisch vor. »Ich bin volljährig.«

»Ja, seit ungefähr drei Wochen. Also lass mich das bitte mit deinen Eltern abklären.« Sie lächelte ihn beruhigend an. Ihr Lächeln war wirklich einnehmend. Alles in ihrem leicht rundlichen Gesicht strahlte dabei mit – der Mund, die Augen, ihre Wangen, sogar die Nase. »Nur ein kurzes Telefonat.«

»Was immer Sie wollen.«

Die Therapeutin schlug ihre Beine übereinander und faltete die Hände über dem Knie. »Aufgrund deines Alters werde ich es erst mal etwas anders probieren, als ich normalerweise vorgehe.« Noah versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch sein Blick glitt immer wieder zu anderen Dingen ab. Den Bildern an der gelben Wand, dem Bücherregal, das an der hinteren Wand stand, dem Fleck auf seiner Armlehne.

»Wir werden leichten Druck auf deinen Körper ausüben. Die fremde Umgebung, das ungewohnte Klima, ein neuer Schlafplatz – das alles wird deinen Körper ganz schön durcheinanderbringen.«

In der letzten Woche hatte es zumindest keine fördernde Wirkung auf Noah gehabt – ganz im Gegenteil.

»Ich möchte, dass du dir einen geregelten Tagesablauf schaffst. Schließlich hast du Ferien. Schau, was du machen kannst. Jeden Tag zur selben Zeit aufstehen und frühstücken, im Haushalt helfen, Zeit mit deiner Verwandtschaft verbringen. Ich möchte, dass du Sport machst. Viel davon. Du kannst die Einheiten gerne über den Tag verteilen, aber fang diese Woche mit einer Stunde an und geh nächste Woche auf zwei hoch. Was du machst, ist mir egal, es soll dir ja Spaß machen. Aber ungeachtet dessen, was du sonst tust: Bevor du abends ins Bett gehst, solltest du eine halbe Stunde Yoga oder Meditation einplanen.«

Noahs Augen wurden immer größer, je länger sie redete. Ganz am Anfang seiner Therapie hatten sie es einmal auf diese Art probiert, doch damals war er noch nicht kooperativ gewesen. Hatte das mit dem Sport nicht so ernst genommen, wie er es sollte. Inzwischen hatte Noah keine Wahl mehr. Er konnte sich nur gerade nicht vorstellen, dass sein Körper das noch...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.