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E-Book, Deutsch, 85 Seiten

Hopfen Arge Sitten


1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-7769-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 85 Seiten

ISBN: 978-80-268-7769-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Arge Sitten' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'In einer guten, deutschen Stadt, deren Namen ich Euch nicht zu nennen brauche, in einer Stadt, welche, Gott sei Dank! nachgerade zu groß geworden ist, um noch länger eine Kleinstadt heißen zu wollen, und welche mit Gottes Hülfe niemals groß genug werden wird, um eine Großstadt sein zu können - in eben derselben guten deutschen Stadt stand noch vor unlanger Zeit ein altes graues, hochgegiebeltes Haus, in dessen Erdgeschosse die Fuhrleute, welche die Landstraße gegen Süd-Osten bewanderten, ihre Pferde beschlagen ließen. Vor einem Dutzend von Jahren etwa hat die Bauwuth der Neueren Haus und Schmiede abgebrochen und es würde mir heute schwer werden, auch nur genau die Stelle anzugeben, wo sie gestanden. Denn selbst Grund und Boden der damaligen abschüssigen und gewundenen Straße ist theils abgetragen, theils aufgeschüttet worden und nur um ungefähr die Lage zu bestimmen, sage ich Euch, das Haus war etwa da zu suchen, wo jetzt die 'neue Lessingstraße' den 'kleinen Hegelplatz' durchschneidet, um dann geradewegs zu dem schöngepflasterten Quai 'Ulrich von Hutten' zu führen, welch letzerer in neuester Zeit die Xylographen aller illustrirten Wochen- und Monatsschriften so sehr beschäftigt.' Hans Hopfen (1835-1904) war ein deutscher Schriftsteller. Der Roman 'Verdorben zu Paris' enthält sehr geistreiche Studien über den Pariser Chik. Die Heldin des Romans ist eine Elsässer Gouvernante, die an diesem Chik und in Folge mehrerer resolut erzählter Abenteuer in der Weltstadt zu Grunde geht. Dagegen bewegt sich der Roman 'Arge Sitten' in deutschen kleinbürgerlichen Kreisen, in denen es indeß ebenfalls an pikanten Abenteuern nicht fehlt.

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II


Inhaltsverzeichnis

– – Am anderen Tag nach dem anderen Tage (es war ein Freitag, also böser Vorbedeutung), sah man einen Mann, der den langschößigen Sonntagsrock und die troddelgeschmückten Kniestiefel eines Landpredigers trug, die gewundene steile Straße hinaufsteigen, in welcher wir uns bereits Eingangs dieser Geschichte befunden haben. Er zog einen Knaben an der Hand nach sich, einen kleinen Jungen von großem Kopf und kurzen Beinen, dessen Wachsthum hinter seinen Jahren zurückgeblieben war, da er obwohl schon über vierzehn alt, doch das Ansehen eines eilfjährigen hatte.

Vor der Schmiede Pyrian's angekommen, machte der Pfarrer Halt, um sich bei einem der mit glühendem Hufeisen in der Zange daherschreitenden Knechte endgültige Auskunft zu erholen.

Der Junge fuhr sich derweilen mit der Hand über die Augen und that einen Schluchzer, dann sah er auf das laute Treiben in der rührigen Schmiede und dachte an die stille Sauberkeit des sonntäglichen Pfarrgärtleins; er dachte an den wilden Wein, der über der Pforte des heimathlichen Hauses bis an die Stufen niederrankt, und vertiefte sich, das junge Herz von trüben Ahnungen beklommen, in die drei Mischgestalten von Affe, Hund und Flügelthier, deren graugrün übertünchte Relieffe über der Pforte des Hauses Pyrian auf ihn niedergrinsten.

Da Beide über die erste Treppe waren, trafen sie auf ein Paar gesunder Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren, zwei aufblühende Bürgergrenadiere der Zukunft, die mit wilden Kastanien spielten und über das unverhoffte Erscheinen niegesehener Fremdlinge in lachenden Zorn geriethen.

»Bauernfünfer! Mistgabelglachel!« schrieen sie aus kichernden Hälsen und warfen mit vollen Händen dem Pfarrer ihre Kastanien an den Kopf, daß ihm der struppige Hut dumpfaufknallend die Stiege hinabfiel.

Als er mit diesem wieder heraufkam, fand er seinen Pflegling, der die beiden würdebewußten Stadtkinder am Kragen hielt und ihre Köpfe an die Kanten des Stiegengeländers drückte, daß sie aufschrieen wie die Kälber unter dem Stich.

Während der Pfarrer mit salbungsvollen Verweisen, die er dem unschuldig in Händel Verfallenen gab, eine Treppe nach der andern erklomm, schrieen die Mißhandelten weinend nach dem Vater.

Die Fremdlinge waren schon über den fünften Stock gekommen und drehten sich rathlos zwischen den wurmstichigen Thüren der Mansardenwohnungen um. Da sahen sie ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren neben einer offenen Dachlucke sitzen. Der tanzende breite Sonnenstrahl, der sich quer über das dunkelbraune Gelaß legte, streifte goldbeschimmernd ihr rothblondes Haar, nach dessen niederhängenden Zöpfen eine kleine Katze mit spielenden Pfötchen griff. Das Kind hatte große graue Augen, eine blasse vorgeneigte Stirne, und lange rothe Hände; in diesen hielt es ein mächtiges, altes, in Schweinsleder gebundenes Buch, dessen krausbärtige Holzschnitte sie in der stillen Zurückgezogenheit ihres Dachwinkelchens ungestört bewunderte.

Als die Neuangekommenen sich bei ihr um die Wohnung des Herrn Professors Beißerle erkundigten, stand die Kleine auf, hüstelte ein Bißchen und kletterte den Fragenden voran über etliche, fastgerade aufstehende Treppen, welche allerdings einer Leiter ähnlicher sahen als einer Stiege. Die kleine graue Katze hüpfte hinter ihr drein.

Der Herr Professor Beißerle wohnte in jener Kammer unter dem Blitzableiter, deren vorhergehender Miether durch sein Leiden und seinen Tod der Tuberkelburg ihren volksthümlichen Namen gegeben hatte. Der Professor litt nicht auf der Brust; er gieng langsam und vorsichtig und besprach sich auf jedem Stockwerk ein Weilchen mit einem der Hausgenossen. Neben der seinigen hielt er zwei andere kleinere Stuben, in welchen er ein halbdutzend böser Buben verschiedenen Alters untergebracht hatte. Diesen dreitheiligen Wohnungscomplex zunächst unter den Schindeln nannte man die Pension Beißerle.

Dieselbe stand in großer pädagogischer Renommee; es wurden in sie meist nur solche Zöglinge gesteckt, die in freierer Zucht durchaus nicht hatten gedeihen wollen und, trotz aller gewöhnlichen Anreizungsmethoden zum Studium, hinter ihren Altersgenossen in empfindlicher Weise zurückgeblieben waren. Selten daß es ein Pensionär länger denn anderthalb Jahre unter der Obhut des unerbittlichen Beißerle aushielt; denn alsdann hatte er nicht nur das Versäumte eingeholt, sondern dies Wissen fußte auf einer fleischgewordenen Gründlichkeit, welche für die übrige Dauer der Gymnasialzeit auch bei rückfälligen Sündern nie ganz zu erschüttern war.

Der Landgeistliche hatte nur von Beißerle's griechischem Unterricht Wunder sagen hören, sich aber um die Mährlein, die über dessen Erziehungsmethode umgiengen, wenig oder nichts gekümmert. Das Pensionshonorar war keineswegs geringe, da fast lediglich in den guten und besten Familien die Söhne wider ihren Willen zum Studium genöthigt werden. Und so klopfte Veits Wohlthäter, das hoffnungsstolze Herz mit einer vollen Brieftasche gepanzert, an das unübertünchte, rohgehobelte Brett, welches als Thüre zu dem Heiligthum des greisen Präceptors diente.

»Herein, herein!« sagte eine heisere Stimme wohlwollend zu den Eintretenden und »arbeiten Sie nur ruhig fort!« etwas barscher zu einem hageren Jüngling, der mit den Blicken eines Gemarterten die Neuangekommenen wie unerwartete Erlöser begrüßte.

Der Professor Beißerle, ein dürrer Sechziger hatte in seiner rechten Hand ein breites Lineal, mit dessen Schneide er demonstrirend auf der Tischkante hin und her hämmerte, in der linken einen großen zinnernen Eßlöffel, mit welchem er aus einer colossalen Kaffeeschale saftige Brocken zum Munde führte, so groß als sie eben eingehen wollten.

Vor ihm, zwischen Büchern und Heften, zwischen Federn und Kerzenstümpfchen stand bei sieben Semmeln eine alte Kaffeemaschine über dem Spirituslämpchen, ein großer Milchhafen und ein hölzernes Bureautintenfaß zunächst daran. Der Tisch, auf welchem Beißerle seine Vielseitigkeit bethätigte, hatte nur drei Beine; an Stelle des vierten war ihm ein Stuhl untergeschoben, dessen Höhe soweit mit alten Büchern ergänzt war, bis sie die Leiste der Schieblade erreichte. Das übrige Meublement bestand aus einem noch ungemachten Bette, einem Kanapegestelle ohne Ueberzug und zwei weiteren Stühlen von gleicher Farbe. An der einen geradestehenden Wand der Mansarde lagen etliche fünfzig Bücher dickbestaubt auf ihren Brettern; ein altes werthloses Familienbruststück ohne Rahmen hieng an der andern.

Der stehende Gesichtsausdruck Beißerle's war wohlwollendes Lächeln; die Haltung seines Körpers war die Krümmung dienstfertiger Ergebenheit. Während der halben Stunde, welche er mit dem Pfarrer sprach, hielt er Vitus' zagende Rechte, tätschelnd und streichelnd zwischen seinen runzligen Fingern derweil seine wasserblauen Augen, die er von Zeit zu Zeit wie staunend weit aufriß, unverwandt an den Lippen des Pfarrers hiengen, welche das Lob seines Pfleglings wider Gewohnheit gesprächig gemacht hatte.

Das erste, was der pensionirte Schulmann auf den Antrag des Geistlichen, seinen Veit in Zucht und Kost und Pflege zu nehmen, erwiderte, war:

»Sehen Sie doch, was dieses Zimmer für eine wunderbare Aussicht hat! in der ganzen Stadt finden Sie kein zweites. Die ganze Gebirgskette und die reine Luft!«

Es war eine treffliche Gewohnheit Beißerle's, auf jeden Vorschlag, den man an ihn richtete, mit einer Redensart zu antworten, welche mit jener nur durch einen weitreichenden Faden zusammenhieng. Dadurch verblüffte und ermüdete er seine Antragsteller, gewann Zeit, in seinem Mißtrauen und seiner Gewinnsucht Alles dreimal zu überlegen, bis sich der andere zu nochmaliger Fragestellung aufsammelte, und er hatte außerdem immer die Möglichkeit in der Hand, sobald es ihn gut und förderlich däuchte, die Hauptsache an dem unsichtbaren Verbindungsfaden wieder in's Gespräch zu ziehen.

So erwiderte er dem Pfarrer, als dieser um die Honorarbedingungen fragte mit einer ziemlich weitausholenden Biographie. Er erzählte, wie er als armer Pastorssohn von den Studien gefesselt und von den empfindsamen Schwärmereien jener Zeit getragen worden wäre. Die Erhebung der Freiheitskriege hätte er wegen der Pocken, die ihn damals befallen, nicht werkthätig mitmachen können; aber bei der Leipziger Burschenschaft wäre er vierzehn Tage lang Sprecher gewesen. Nach der Gewohnheit seiner Väter hatte auch er Theologie studirt und selbst, als er die Gymnasialcarriere ergriffen, sich den Eintritt in die gottesdienstliche Aemterfolge bei den Ministerien vorbehalten; dieser Vorbehalt dauerte noch fort bis auf den heutigen Tag, da Niemand wissen könnte, wie ihn noch die Wechselfälle des Erdenwallens sein täglich Brod zu verdienen nöthigen möchten. Also betrachtete er sich gewissermaßen als College des ausübenden Seelsorgers und fand bei der katholischen Geistlichkeit insonderheit die Gewohnheit des Cölibats hoch zu loben, welche einerseits den Mann von irdischen Sorgen loslöste und so in den Stand setzte, einzig und allein seiner Pflicht zu leben, welche anderseits schon den zur Gottseligkeit sich vorbereitenden Jüngling vor den Allotrien zeitraubender Empfindsamlichkeiten zurückhielte, die bei den Studirenden der protestantischen Theologie für fast ebenso unerläßlich gälten, als die Kenntniß der lutherischen Bibelübersetzung.

Was der Pflegevater Veits bei diesen einschmeichelnden Reden empfand, weiß ich nicht; er schwieg in gewohnter Weise und konnte sich denken was er mochte. Unterdessen fuhr Beißerle fort zu berichten, wie er nach viel Jahren der Noth und des Mangels sich endlich zum Gymnasialprofessor emporgeschwungen. Da...



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