E-Book, Deutsch, 291 Seiten
Hopfen Verdorben zu Paris
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-7770-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 291 Seiten
ISBN: 978-80-268-7770-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Verdorben zu Paris' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Mein Gott, wie traurig ist es, in der Fremde zu sein, wenn die Nebel fallen über den Novembertag und sie Einem daheim die liebe Großmutter in die kalte Erde verscharren! Ich wußte nicht, wie schlimm's mit ihr stund, sie hatten mirs nicht geschrieben. Sie wollten mich nicht heimholen aus meinen Arbeiten und Studien, helfen konnte ich ja doch nicht und der Zustand der Leidenden mochte sich noch monatelang so hinfristen. Nun hat sichs plötzlich gewendet und sie ist todt. Friede ihrer Asche! Wenn ich nur daheim wäre bei den Meinen! Vom Thurme St. Sulpice schlägts halb Vier. Die Uhr geht hier in Frankreich um mehr als eine halbe Stunde verschieden. Nun mögen sie sich daheim zum Begräbniß rüsten. Und ich, ihr einziger Enkel, gehe nicht hinter ihrem Sarge! Allein ich will wenigstens auf einen Kirchhof gehen und die Zeit ihrer letzten Ehren dort verbringen im Gedächtniß an sie.' Hans Hopfen (1835-1904) war ein deutscher Schriftsteller. Der Roman 'Verdorben zu Paris' enthält sehr geistreiche Studien über den Pariser Chik. Die Heldin des Romans ist eine Elsässer Gouvernante, die an diesem Chik und in Folge mehrerer resolut erzählter Abenteuer in der Weltstadt zu Grunde geht.
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I
Im Anfange des Jahres 1863 gab Monsieur Samuel Klopffechter einen glänzenden Ball zu Ehren seiner einzigen Tochter Marie, die er sehr lieb hatte.
Monsieur Klopffechter wohnte in der Rue de Rivoli, genüber dem Tuileriengarten in prachtvollen Räumen, an deren Einrichtung und Ausschmückung sich Geschmack und Kunstverständniß seiner Gattin in so merkwürdiger Weise bethätigt hatten, daß diese Wohnung noch jetzt für eine der zierlichsten und heimlichsten in ganz Paris gilt. Leider war diese herzensgute kluge Frau bald nach ihrer Uebersiedlung an einem Nervenschlage gestorben. Da hatte der Witwer sein Herz und seine Wohnung verschlossen. Die Vorhänge blieben herabgelassen, die Bilder und Kostbarkeiten und Möbel kamen unter Staubdecken und Ueberzüge.
Samuel lebte nur seinen Geschäften und der Erziehung seiner beiden Kinder und beeilte sich nicht, einen Schmerz zu überwinden, welchen er einen ewigen nannte.
Also wuchs unter gedämpftem Lichte ein schönheitstrahlendes Mägdelein heran, und als Papa Klopffechter sich dieser Wahrnehmung trotz aller Vorkehrungen nicht mehr entschlagen und der Kalender und die Welt nichts mehr dagegen einwenden konnte, ließ er die Jalousien öffnen, die Ueberzüge abnehmen, schmückte sich mit seinem schönsten Lächeln und führte sein Töchterchen in die Welt und die Welt in sein Haus.
Monsieur Klopffechter war kein schöner Mann und konnte wol auch in jüngeren Jahren nie für einen solchen gegolten haben. Er sah meist recht vergnügt, nie aber harmlos und ebenso mißtrauisch als unerbittlich aus; seine Nase war krumm, sein Mund geradlinig. Dabei pflegte er die Gewohnheit, mit den Nüstern zu zwickern, als wüßte er überall seinen Theil auszuschnobern, und nach jedem fünften Worte sich die linke Hälfte der Oberlippe abzulecken.
Er hatte die Augen eines Bagnoprofoßen und den Wanst eines Eunuchen, Hände wie ein Knecht und Füße wie ein Sklave.
Trotzdem hatte er seine Häßlichkeit niemals zu beklagen, seiner Persönlichkeit Leibesschönheit zu wünschen noch nicht Ursache gefunden. Er war Philosoph, keck und – reich.
Daß Klopffechter ein Deutscher hebräischer Confession war, brauche ich nach Nennung seines Namens kaum ausdrücklich zu versichern. Um aber seinem Porträt den entscheidendsten Zug zu geben, sage ich: er war aus Frankfurt am Main. Dorthin waren seine Eltern aus Oesterreich in der milden Zeit des Dalbergischen Regiments gezogen und dort zu Ansehen und Reichthum gediehen.
Ueber seinen mißrathenen Namen vermochte der Mann sich weit weniger zu beruhigen, als über Gestalt und Gesicht. Die oben genannten drei Haupteigenschaften hatten ihm im Lauf der Zeiten nicht nur nach und nach eine Menge Trostgründe unter der Form von einheimischen Bühnenkünstlerinnen und Ladenjungfern, englischen Gouvernanten und anderen importirten Luxusartikeln weiblichen Geschlechts in die Arme geführt, sie hatten auch dafür gesorgt, daß ihr Besitzer sich im Besitze einer lebenslänglichen Herzensneigung glücklich wissen konnte, als ihn in reiferer Jugend dies Bedürfniß überkam.
Aber auch dies ernste, schönste, stärkste Bedürfniß seines ganzen Lebens konnte nicht befriedigt werden ohne jenes bittere Gefühl, welches Klopffechter mit seinem Namen empfangen hatte, zu bestärken, zu steigern, zu übertreiben.
Er hätte es leicht wie Andere machen und sich mit nachgeäfften adeligen Passionen, welche ihm seine Mittel erlaubten, über Bürgerrechte trösten können, die ihm versagt blieben. Er hätte sich als ein Bruchtheil eines Volks in Völkern betrachten und seine Heimat so weit wie seine Wechselbriefe reichen lassen können.
Er hätte sich glücklich fühlen können als Mitglied jener immer mehr bei lösendem Zwang aus dessen Nachwirkungen sich formenden zweiten Aristokratie des Geldes, welche an allen Hauptstädten Europas der ärmeren und nur scheinbar älteren weiland privilegirten Kaste Concurrenz macht. Er aber meinte, er könnte Besseres und Gescheiteres treiben, und daß er denn doch nicht konnte, wie er wollte, verbitterte ihm das Leben. Verhältnisse, mit denen diese sich versöhnt, die Jenen gar ans Herz gewachsen waren, Klopffechter empfand sie nur in ihrer häßlichen Komik und fügte sich nur widerwillig in ihre scheinbaren oder wirklichen Vorzüge.
Eine practisch tüchtige, weit aussehende Begabung wie die seinige wollte wirken, wo und wie es ihr gefiel, nicht in eng gegebenen Schranken.
Er empfand ein lebhaftes Vaterlandsgefühl und hatte doch kein Vaterland.
Es drängte ihn, sich als Bürger unter Mitbürgern zu bethätigen, und er war und blieb – Klopffechter.
O über diesen Namen; er empfand ihn wie ein Brandmal – aber er trug ihn wie eine Krone.
Als einst an den Ahn die moderne Nothwendigkeit, sich von anderen Mitmenschen durch einen Familiennamen zu unterscheiden, in Gestalt einer staatlichen Verordnung und eines Josephinischen Polizei-Commissärs herangetreten war, da hatte es sich gefügt, daß dieser letztere auf den Ahn, ich weiß nicht, mit wie viel Recht oder Unrecht, einen gar boshaften Eigensinn wirken lassen, und von diesem Eigensinne gegen alle Gewohnheit weder durch Geld noch gute Worte abzubringen gewesen war. Nicht Levy und nicht Hecht, der Ahn, welcher ein berühmter Rabbi und großer Schriftgelehrter war, mußte Klopffechter heißen, und Klopffechter hießen alle seine Nachkommen und vom Ahnherrn auf die Enkel ging mit dem Namen auch dieses Namens Stolz und Groll.
Wenn Samuel gute Freunde riethen, seinen Namen ins Französische oder Ungarische frei zu übersetzen, pflegte er barsch zu antworten, daß er's Gott sei Dank nicht nöthig hätte, seine Kleider, geschweige gar seine Haut und noch weniger seinen Namen färben zu lassen.
Als er aber seinerzeit vor dem Mädchen gestanden, das er sich zum Weib erwählt, hatte er es doch mit zweien von den wenigen Thränen seines Lebens fragen gemußt, ob es so einen abscheulichen Namen durch ihr ganzes Erdenwallen und dereinst auf ihrem Grabsteine tragen wollte.
Das Mädchen war ihm um den Hals gefallen und hatte gesagt, daß es auf der weiten Welt keinen besseren, keinen wünschenswertheren Namen gäbe.
Diese Antwort wäre wol im Stande gewesen, Klopffechter mit seinen gesellschaftlichen Unterscheidungszeichen zu versöhnen, allein dabei war noch ein anderer Umstand, der ihn nur umsomehr verbitterte.
Seine Braut war eine Christin, ein armes, aber gutes Frankfurter Bürgerskind, und sie zu ehelichen war nach den Gesetzen der sogenannten freien Stadt ebensowenig möglich, als es, wenn möglich, den beiderseitigen Anverwandten Freude gemacht hätte. Samuel aber trug auf den festen Schultern einen gar harten Kopf, sein Bräutchen war just auch nicht von den Weichmüthigen, und nach vielem bürgerlichen und familiären Aerger und Gram saßen Herr und Frau Klopffechter junior in wohlversorgter Häuslichkeit zu Lyon, wo der Gatte sich mit viel Geschick und Glück am Seidengeschäfte betheiligte.
Nach wenigen Jahren genoß er alle Freuden des Vaters, alle Rechte des Menschen, alle Pflichten des französischen Bürgers. Er lobte Gott und das Jahr 1789 und schimpfte auf seine Heimat, daß es ein Graus war. Die Leute, welche ihn umwohnten, zerdrückten mit ihren weichlichen wälschen Zungen den ihnen ewig unaussprechlichen Namen in einen sonderbaren, nichtssagenden, unkenntlichen Lautklumpen zusammen, und wenn der Träger desselben ihn unter ein Schriftstück setzte, oder wenn er ihm auf einem früher unterfertigten wieder vor Augen kam, sah er ihn immer ein Weilchen mit malitiösem Lächeln an, als wollte er sagen:
– Gelt, Alter, ich habe dirs eben doch abgewonnen und bin der Stärkere von uns Beiden.
Im Jahre Achtundvierzig kaufte sich Samuel die Grundrechte deutscher Nation und hing sie in einem goldenen Rahmen über seinem Betet auf. Der Gedanke, welcher ihn damals anwandelte, nach Frankfurt zurückzusiedeln, ward ihm aber bald wieder verleidet.
So blieb er in Lyon und ward immer wohlhabender und fühlte sich immer zufriedener. Der rothe Knopf der Ehrenlegion ließ nicht lange auf sich warten.
Als der große Bürgerkrieg in Amerika losbrach, verdiente Klopffechter gelegentlich der Lieferungen für die Südstaaten große Summen. Er zog sich von den Geschäften zurück, ließ sich in Paris nieder, machte ein angenehmes Haus und verdaute sein Frühstück auf der Börse.
Da, auf der Sonnenhöhe seines Daseins, traf ihn das Unglück. Seine blühende Gattin riß der Tod jählings von seiner Seite, und nun verschloß sich der Witwer in seine glänzenden Gemächer und seinen finsteren Schmerz, nur mehr der Erinnerung an die Geschiedene und der Pflege seiner heranwachsenden Tochter lebend.
Als Marie achtzehn Jahre alt geworden, legte Klopffechter seine Trauerkleider ab, knüpfte die früheren Verbindungen mit der Gesellschaft wieder an und öffnete seinen Salon.
Er war ein guter Wirth und es fehlte nicht an den verschiedenartigsten Gästen, die er alle mit gleicher Liebenswürdigkeit empfing und mit dem gleichen zufriedenen Selbstbewußtsein. Er war überall. Er schüttelte hier Einem die Hand, ließ sich dort in ein nichtssagendes Gespräch ein, fragte einen Diener, ob Mademoiselle Marie ihre Toilette noch immer nicht beendet hätte, gab einem anderen den Auftrag, Fräulein Marguerite möchte sich doch beeilen; dann mischte er sich leutseligst in einen Schwarm junger Mädchen, an deren Scherzen und Schäkern er sich gütlich that oder wies einem Kunstkenner die Schätze seiner Wohnung.
Gold, Marmor, Glas, Malerei und Getäfel, Holz und Gewebe mancher Art fügten sich hier zu einem Ganzen von fürstlicher Pracht,...




