E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Reihe: Krimis bei Null Papier
Hornung / Schulze Der Schatten des Stricks
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-371-0
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminaldrama in zwei Bänden
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Reihe: Krimis bei Null Papier
ISBN: 978-3-96281-371-0
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ernest William Hornung (07.06.1866-22.03.1921) war ein englischer Schriftsteller. Er war der Schwager von Arthur Conan Doyle. Inspiriert von Doyles Erfolg, begann er selbst mit dem Schreiben von Krimi-Geschichten. Hornung schuf ein Gegenstück zu Doyles Meisterdetektiv Sherlock Holmes: den smarten A. J. Raffles, der heimlich als Einbrecher und Dieb unterwegs ist.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel. Das Ende vom Lied
»Es ist vorbei«, sagte die junge Frau mit unnatürlicher Ruhe zu sich selbst. »Nicht einen Tag, nicht eine Nacht mehr bleibe ich hier, wenn ich bis zum Morgen fertig werden kann.«
Sie war allein in ihrem Zimmer, und niemand sah die tödliche Blässe des ovalen Gesichts, das verächtliche Beben der feinen Nasenflügel und den tränenlosen Glanz der funkelnden Augen. Während sie noch dastand, polterten schwere Schritte zwei Treppenabsätze hinunter, worauf im Erdgeschoss eine Doppeltür zugeschlagen wurde.
Es war ein hohes, schmales Haus mit fünf je zwei Zimmer enthaltenden Stockwerken – Erdgeschoss und Mansarde mit eingerechnet – ein Haus, wie man sie in London so häufig findet. In diesem hier aber hatte sich vor kurzem ein ebenfalls nicht allzu ungewöhnliches Drama abgespielt, auf das sich jetzt der Vorhang herniedersenkte. Die Mitwirkenden in diesem Trauerspiel bestanden indes nur aus zwei Personen, obwohl die böse Welt von einer dritten munkelte.
Rachel Minchin war, ehe sie den unglücklichen Schritt unternahm, der ihr diesen Familiennamen eintrug, eine ebenso reizende als blutarme junge Australierin gewesen; das heißt, sie hatte in Heidelberg bei Melbourne das Licht der Welt erblickt, stammte aber von englischen Eltern ab, die, mehr vornehm gesinnt als praktisch veranlagt, bei ihrem frühen Tode der Tochter als einzige Ausrüstung für den Kampf des Lebens ein hübsches Gesicht, einen vortrefflichen Charakter und den Stolz einer reichen Erbin hinterließen. Außerdem hatte Rachel eine recht hübsche Singstimme, die indes nicht groß genug war, um ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen. So war sie denn schon mit zwanzig Jahren als Erzieherin in den Wildnissen Australiens tätig, wo Frauen ebenso rar sind als Wasser, wo sich aber auch kein Mann fand, der Rachels Herz hätte höher schlagen machen. Wenige Jahre später verdiente sie sich die Überfahrt nach England als Gesellschafterin einer Dame, und an Bord dieses Schiffes sollte ihr Schicksal sie ereilen.
Mr. Minchin, der ebenfalls bei den Antipoden geboren und fast vierzig Jahre alt geworden war, bis er es endlich zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, war trotzdem ein weltgewandter, vielgereister Mann und kein wilder Buschklepper. Als tüchtiger Minenbauingenieur hatte er viel vom Leben sowohl in Südafrika als auch in Westaustralien gesehen, und nun wollte er in Europa als wohlhabender und durch keinen Beruf gebundener Mann so recht sein Dasein genießen. Sich eine Frau zu nehmen, lag durchaus nicht in seiner Absicht, und auch Rachel wünschte sich alles eher als einen Gatten. Aber die lange Seereise, ihre unbefriedigende Stellung und die fortgesetzten Aufmerksamkeiten eines hübschen, unterhaltenden, selbstbewussten Weltmannes bildeten für sie in ihrer Unerfahrenheit eine ebenso verhängnisvolle Versuchung als für Alexander Minchin ihre Schönheit und ihre mit so viel Stolz und Würde getragene Armut. In aller Stille ließen sie sich noch am Tage ihrer Landung in England trauen, wo sie beide weder eine einzige befreundete Seele, noch persönlich mit ihnen bekannte Verwandte hatten. Anfangs empfanden sie diesen Mangel jedoch nicht, da sie sich zunächst einmal Europa ansehen und ihr Leben genießen wollten. Die junge Frau besonders gab sich umso eifriger diesen Genüssen hin, als sie mehr und mehr einsah, dass die Vorteile ihrer Heirat doch vorwiegend materieller Art waren. Alexander Minchin erwies sich nämlich im Laufe des abwechslungsreichen Lebens in den großen Städten durchaus nicht mehr als der aufmerksame, stets gutgelaunte Kavalier, an dessen rücksichtsvolles Wesen sie sich an Bord gewöhnt hatte. Einzelner Vorfälle zu näherer Erläuterung bedarf es nicht; nur so viel sei erwähnt, dass sich Mr. Minchin mehr und mehr dem Spiel und Trunk ergab, bis schließlich alle seine guten Eigenschaften von diesen Lastern verschlungen wurden. Rachels rasch aufbrausende, stolze Natur machte die Sache nicht besser. Da sie sich indes wohl bewusst war, dass auch sie bei den immer häufiger werdenden heftigen Auftritten manchen Fehler machte, so neigte sie umso leichter zum Vergeben, wodurch manch bitterer Streit beschwichtigt und eine Katastrophe hinausgeschoben wurde.
Inzwischen langte das reisemüde und durch die Laster des Gatten in seinen Vermögensverhältnissen zurückgekommene Ehepaar wieder in London an, wo Minchin infolge eines zufälligen Dusels in Minenaktien zu einer höheren Art des Spiels, als das bisher betriebene, überging. Er hatte Blut geleckt. Mit Sachkenntnis und ein wenig barem Gelde konnte bei diesen Spekulationen unter Umständen ein Vermögen verdient werden, und Alexander Minchin ging daran, diese Aufgabe zu lösen. Er ließ sich in London nieder, mietete in einer billigen Gegend ein möbliertes Haus, und dort war es, wo die ehelichen Zwistigkeiten ihren Gipfelpunkt erreicht hatten.
»Nicht einen Tag«, sagte Rachel, »nicht eine Nacht mehr bleibe ich hier, wenn ich bis zum Morgen fertig werden kann.«
Da Mrs. Minchin eine ziemlich energische Frau war, so ließ sie es auch jetzt nicht bei leeren Worten bewenden. Die Pause zwischen dem Zuschlagen von Türen im Erdgeschoss und einem Geräusch auf dem Boden dauerte nur wenige Minuten lang. Und dieses Geräusch wurde von Rachel hervorgerufen, die einen leeren Koffer die oberste schmale Treppe hinunterschleppte, was eines der Dienstmädchen bewog, die Kammertür ein wenig zu öffnen.
»Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe«, sagte ihre Herrin. »Die Treppe ist hier so eng. Nein, danke, lassen Sie nur, ich werde ganz gut allein fertig.« – Kurze Zeit darauf lagen die Mädchen wieder in tiefem Schlaf.
Es war keine kleine Aufgabe, die Rachel sich vorgesteckt hatte. Mit dem nächsten Schiff wollte sie nach Australien zurückkehren, und so musste sie sich noch diese Nacht reisefertig machen. Mit der sich allmählich legenden Aufregung befestigte sich ihr Entschluss nur noch mehr. Je früher sie ihren Gatten verließ, desto geringer würde sein Widerstand; zögerte sie, so machte seine augenblickliche Abgestumpftheit wahrscheinlich bald wieder der Tyrannei des normalen Gatten Platz. Gehen aber wollte sie so oder so. Nicht einmal den nächsten Tag wollte sie mehr hier verleben, wenn sie sich auch sagen musste, dass die...




