E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Historischer Roman
Hortenbach Als im Hotel Messmer der Tee ausging
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-238-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Historischer Roman
ISBN: 978-3-98707-238-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kristina Hortenbach, Jahrgang 1969, stammt aus Bonn, wo sie Politik, Geschichte und Germanistik studierte. Seit einem Volontariat beim SDR arbeitet sie für den SWR in Radio und Fernsehen als Promireporterin, ist jeden Freitag in der Fernsehsendung »Kaffee oder Tee« mit dem Promiklatsch der Woche zu sehen. Seit einigen Jahren schreibt sie Bücher, nach zwei fröhlichen Frauenromanen, die zwischen Berlin und dem Schwarzwald spielen, geschrieben unter dem Pseudonym Nina Bach, veröffentlichte sie eine Gartenkrimi-Reihe. In ihrer Freizeit reist und liest Kristina Hortenbach gerne und spielt seit Kurzem Golf.
Autoren/Hrsg.
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1
»Ich fürchte nichts – nichts – als die Grenzen deiner Liebe.« Klara rannte so schnell die Wiese hinunter, dass ihr der lange Zopf bei jedem Schritt auf den Rücken schlug und sich der Rock um ihre Beine bauschte. Sie spürte weder den kalten Boden unter den nackten Füßen noch den Wind im Gesicht, der zu dieser frühen Abendstunde mehr vom Winter als vom beginnenden Frühling erzählte. Auch für die Knospen an den Apfelbäumen hatte Klara heute keinen Blick, so sehr war sie darauf bedacht, das Buch nicht zu verlieren, das sie unter ihrer Schürze versteckt hielt. »Kabale und Liebe«, ein Buch voll mit Sätzen, die tief in ihr Herz drangen.
Klara wusste nicht, was schlimmer wäre – wenn der Vater sie damit erwischte, diesem »unnützen Zeug«, wie er ihre Bücher nannte. Oder wenn sie Suppe und Brot nicht pünktlich auf den Tisch stellte. In seinen Augen, seiner Welt, waren Bücher nur dazu da, Klara von der Arbeit abzuhalten. Und kein Sturm, der durch den Schwarzwald fegte, keine wochenlange Trockenheit, die die Ernte verdorren ließ, kein todbringender Frost waren schlimmer als ein schlecht gelaunter Bauer. Das wusste Klara, seit sie ein kleines Mädchen war. Mürrisch und wortkarg war ihr Vater eigentlich schon immer gewesen. Aber so richtig aufbrausend wurde er, wenn er Hunger hatte. Und ihre beiden ältesten Brüder standen ihm in nichts nach.
Sie schlüpfte durch die schwere Holztür und eilte in die kleine Küche, wo ihre Füße auf den glatt gelaufenen Steinen Abdrücke hinterließen.
Die Suppe auf der Feuerstelle dampfte schon. Die Kartoffeln waren jetzt weich, aber Klara wollte noch Zwiebeln in Fett anschwitzen und mit Mehl rösten, um damit die Suppe zu binden. So mochte Vater sie am liebsten. Sie wollte ihn milde stimmen, wenn er gleich müde von der Arbeit auf dem Feld nach Hause kam. Denn nur wenn er guter Stimmung war, konnte sie ihn um etwas bitten.
Klara schnitt das Brot vom Laib, so wie sie es von ihrer Großmutter gelernt hatte. Großmama Bertha. Ein warmes Gefühl durchströmte sie, wärmer als die Suppe vor ihr auf dem Feuer. Diese kleine und doch gewaltige Frau mit den schwieligen Händen. Hände, die zeit ihres Lebens hart gearbeitet hatten. Die sie als Säugling gehalten hatten, sie als kleines Mädchen hochgehoben, auf die lange Eckbank gesetzt und ihr jeden Tag über die Wange gestreichelt hatten. Bis Bertha sich eines Tages hinlegte und nicht mehr aufstand.
Klara betrachtete die herumwirbelnden Kartoffelstücke in dem großen Kupfertopf, während sie die Zwiebel-Mehlschwitze einrührte. Als Großmama zur Sommersonnenwende vor einem Jahr gestorben war, hatte es sich für Klara angefühlt, als habe sie ihre Mutter verloren. Die Mutter, die sie nie gehabt hatte.
Sie hörte die Holztür schlagen, schwere Schritte näherten sich der Bauernstube. Klara erkannte die laute Stimme ihres ältesten Bruders Ludwig, der mit dem ein Jahr jüngeren Paul über das Vieh sprach, das sie heute zum ersten Mal wieder auf die Weide gelassen hatten. Beide wirkten unzufrieden, ein Ochse hatte den Winter nicht überlebt, und viele Zäune mussten ausgebessert werden. Ihr Vater schwieg wie so oft, nur ihr jüngster Bruder Friedrich rief laut: »Wir sind wieder da, und wir haben Hunger!«
Friedrich – ihr Lieblingsbruder und seit dem Tod der Großmutter ihr Verbündeter in diesem Männerhaushalt. Er steckte den Kopf zur Küche herein und kam ihr zu Hilfe. Gemeinsam trugen sie den schweren Topf in die Stube, wo sich nun mitten auf dem Tisch der würzige Duft der Kartoffelsuppe verbreitete. Mit der abgenutzten Kelle schöpfte Klara die Suppe in den ersten Teller und stellte ihn vor den Vater. Der hatte, wie es Sitte war, am Kopfende Platz genommen. Mit dem Rücken lehnte er am warmen Ofen, an dem nicht mehr alle Kacheln so grün glänzten wie früher. Heute sah Klara nur die abgestoßenen Ecken, die von den vielen Generationen erzählten, die in diesem Haus gelebt hatten. Gut, dass sie rechtzeitig eingeheizt hatte. Wenn es auch schon Anzeichen für den nahenden Frühling gab, so wurde es im Schwarzwald abends doch bitterkalt, wenn nicht sogar noch Schnee fiel. Klara machte sich daran, alle Teller zu füllen, bevor die Suppe kalt wurde. Mit den Mägden und Burschen auf der langen Holzbank waren sie am Esstisch wie immer eine große Gesellschaft.
Ihr Vater faltete die Hände, warf einen Blick zum Kruzifix in der Wandnische und sprach das Tischgebet: »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.« Erst als er fertig war und, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, seinen Löffel in die Suppe senkte, fingen alle an zu essen. Klara atmete auf, die Kartoffeln waren schön sämig und nicht versalzen wie beim letzten Mal, ein Wutausbruch des Vaters blieb ihr erspart.
Sie aß schweigend, schaute nur hin und wieder über den Tisch hinweg zu ihrem Vater. Dem Mann, der ihr so vertraut sein sollte und doch so fremd war. Der von den Burschen und Mägden nur Bauer Heinrich genannt wurde. Der bei allen als streng, aber gerecht galt, wie sie es abends öfter gehört hatte, wenn die Frauen in der Mägdekammer noch leise miteinander sprachen, in der Annahme, die Tochter des Hofherrn schlafe schon längst. So wie Klara das Gehörte nie weitertrug, so schwärzten die Mägde sie nicht beim Vater an, wenn sie noch ein Buch unter dem Kopfkissen hervorzog, um im Kerzenschein ein paar Seiten zu lesen. Dann drehte sich lediglich ihre Lieblingsmagd Martha mit einem Grunzen um und murmelte: »Der Schlaf ist die größte Wohltat Gottes, also verärgere ihn mal nicht, Mädle.«
Bücher! Ihr größter Schatz in einem Leben ohne Besitz, in dem sie die Kleider ihrer Mutter auftrug. Was Klara nicht störte, sie fühlte sich ihr dadurch ein wenig näher. Genau wie durch die vielen Geschichten ihrer Großmutter. Bei der gemeinsamen Hausarbeit hatte Klara sie häufig gebeten, von ihrer Mutter zu erzählen. Solange es ging, hatte die Großmama versucht, ihrer einzigen Enkeltochter Arbeit abzunehmen, aber jetzt musste Klara den ganzen Haushalt allein bewältigen.
Klara spürte einen Fußtritt unter dem Tisch, Friedrichs Art, sie darauf aufmerksam zu machen, dass Vaters Teller leer war und dringend aufgefüllt werden musste. Frauenarbeit, für die sie zuständig war. Klara schöpfte dem Vater neue Suppe in den Teller und wartete, bis er ein paar Löffel genommen hatte und sich mit einem Seufzen an den Ofen lehnte. Dann erst setzte sie an.
»Vater, darf ich etwas fragen?«
Heinrich hob müde den Kopf. In seinem Blick erkannte sie Erschöpfung und eine tief liegende Trauer. Statt einer Antwort sah er seine Tochter nur an und wartete.
»Wäre es wohl möglich, dass ich einmal die Woche zu Fräulein Stern ginge? Sie würde mir weiter Schulstunden geben, ohne ein Entgelt zu verlangen. Ich lerne dabei auch viel über die Landarbeit. Die Wäsche werde ich natürlich trotzdem nicht vernachlässigen und –«
Weiter kam sie nicht, denn Heinrichs Fäuste ließen den Tisch erzittern, dass die Suppe aus den Tellern schwappte. Er richtete sich auf, starrte sie an und brüllte: »I?hab g’sagt, Schluss mit der Schul, und dabei bleibt’s. Koi Mensch muss sei Zeit mit Bücher verplempere, wenn des Vieh nix zu fresse hat und de Stub net geputzt is. Koi Mann will so a Frau.«
»Aber Vater!« Klara sprang auf, obwohl sie genau wusste, sie sollte lieber still in ihre Suppe weinen, als gegen das Familienoberhaupt aufzubegehren. Es polterte, etwas fiel zu Boden, während alle am Tisch Klara anschauten. Paul bückte sich und hob das Buch auf, das ihr aus der Schürze gefallen war.
»›Kabale und Liebe‹. Klingt aber nicht nach Landarbeit.« Der mittlere Bruder grinste, spöttisch, so empfand es Klara, und schob das Buch seinem Vater hin, quer über den langen Tisch.
Klara versuchte noch, danach zu greifen, aber vergeblich. Ihr Vater, der wohl niemals auch nur eine Seite davon lesen würde, griff sich ihren Schiller, zog die Ofentür auf und warf das Buch in die Flammen. Klara schrie auf. Doch Friedrich drückte sie zurück in die Bank und raunte ihr zu: »Mach’s nicht noch schlimmer.«
Klara fühlte Tränen aufsteigen. Aber dies war nicht der Ort, um zu weinen, nicht am Tisch vor den Mägden und Burschen.
Was hatte Großmama Bertha immer zu ihr gesagt, wenn sie gemeinsam auf dem Feld die Kartoffeln aufgesammelt, die Äpfel vom Baum oder die Wäsche von der Leine geholt hatten? »Klärle, mir Frauen san stärker als all die Mannsbilder z’samme. Hier obe.« Und dabei hatte sie mit ihrem Finger an die Stirn getippt. Wäre ihre Großmutter nicht gewesen, dann hätte sie überhaupt keine Schule besuchen dürfen, dachte Klara und biss sich auf die Lippe.
»Das Zeug brauchst du eh nicht mehr«, meldete sich jetzt Ludwig zu Wort. »Der Vater hat andere Pläne für dich.« Aufmunternd sah er Heinrich an, der sich mit dem Handrücken über den Mund fuhr und seinen leeren Suppenteller von sich schob.
»Was? Was meint er, Vater?« Klara konnte ihr Temperament nicht zügeln, Angst umklammerte ihr Herz.
Heinrich blickte seine Tochter ruhig an, um dann mit nur einem einzigen Satz Klaras Leben auf den Kopf zu stellen: »Heirate wirscht.«
Und bevor sie etwas erwidern konnte, ergänzte Ludwig: »Den Ketterer Karl. Der sei Frau verlore hätt.«
»Sie ist jetzt da, wo Mama ist«, bemerkte Friedrich beschwichtigend, ehe Ludwig weitersprach.
»Der braucht ein Weib für seine drei Blagen. Und wir haben dann einen Esser weniger.«
»Aber …« Klara schnappte nach Luft, auch wenn es unklug war zu widersprechen. Als Frau, als Jüngste am Tisch. »Aber wer macht dann die ganze Arbeit hier im Haus?«
»Der Vater wird auch wieder heiraten, die Schwester vom Ketterer Karl«, verkündete...




